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no future! Ein Gefühlsausbruch

29 Dez 2016

Streifzüge 68/2016
Homestory von Theresia Pfister

Mit dem, was ich bisher an Erfahrungen, Einsichten, an Gehörtem, Gelesenem und Beobachtetem gesammelt habe, bin ich eigentlich (und täglich mehr) davon überzeugt, dass wir schnurstracks auf einen tödlichen Abgrund zumarschieren. Ich muss „wir“ sagen, weil auch ich dieser Spezies Mensch angehöre. Gerne distanziere ich mich davon und fühle mich fremd, je älter je öfter, aber ich gehöre doch dazu.

Marx und Engels haben die Entwicklung der Menschheit beschrieben bis hin zu dem heutigen kapitalistischen System und dessen ruinösen Gesetzmäßigkeiten wie Wachstums- und Profitzwang. Das hat sich über mehrere Jahrtausende hingezogen, und nur selten wurde „Stopp!“ gerufen. Auch die französische und russische Revolution und die wenn auch nur kurzlebige Pariser Kommune, die sich für die Aufhebung des Privateigentums und damit für eine friedlich(er)e, solidarische Welt einsetzten, scheiterten grandios, aber die Revolutionäre hatten den Mut, gegen den Strom zu schwimmen und unter Einsatz ihres Lebens auf die Möglichkeit eines anderen Zusammenlebens hinzuweisen.

Herr und Knecht haben sich schließlich arrangiert, als ganze Spezies fühlen sie sich der Schöpfung überlegen, praktizieren deren Unterwerfung, obwohl (oder weil?) ihnen täglich, stündlich ihre Ohnmacht vor Augen geführt wird: der Tod kommt für jede/n früher oder später, der Körper und all seine Organe arbeiten ohne menschliches Zutun, das Herz schlägt, der Atem kommt und geht ohne zu fragen, wir haben keine Kontrolle darüber. Trotz diesem „Geworfensein“, trotz diesem offensichtlichen Ausgeliefertsein entblöden wir uns nicht zu behaupten, dass die Erde unser Eigentum sei, wir maßen uns an zu bestimmen, wem was gehört und wem nicht, ziehen Grenzen, bauen Zäune und Mauern und morden, wenn diese willkürlichen Trennlinien überschritten werden.
Es gibt die Geschichte von Buddha, der einen Mörder bat: „Bevor du mich umbringst, erfülle mir noch einen Wunsch: Schneide den Ast dieses Baumes ab.“ Der überraschte Übeltäter tat, worum gebeten. Dann bat Buddha ihn, den Ast wieder anwachsen zu lassen. – So leicht ist Zerstörung, und so schwer bis unmöglich der schöferische Akt.

Inzwischen können wir jedes Leben auf unserem Planeten mehrfach vernichten, es gibt weltweit über 400 Akws, 10.000 atomare Waffen, die Lagerung der abgebrannten Brennstäbe der Akws ist ungeklärt und keine Lösung in Sicht. Auch nach Tschernobyl und Fukushima verharren wir in unserer Ignoranz, lachen über die Einfalt von Schafen, nennen uns gegenseitig dumme Kuh, blöde Gans und Rindvieh, ohne zu merken, dass unsere Blödheit als Menschheit im Ganzen von keinem Tier überboten werden kann.

Hat nicht der Club of Rome schon um 1970 gewarnt, dass es „5 vor 12“ sei? Seither erscheint fast jährlich ein Appell in Buch- oder anderer Form, der auf die Gefahren der jetzigen Entwicklung hinweist – die Klimaerwärmung, das Schmelzen der Gletscher und Pole, die Abholzung der letzten Urwälder, das rapide Artensterben, die ausgelaugten Böden, die Schäden durch Pestizide, Genmanipulation u.v.m. – alle Kassandra-Rufe verhall(t)en unbeachtet. Die zwei Weltkriege mit ihren Gräueln? Der Holocaust mit seinem unfassbaren Horror – warum hat das nicht gereicht? Keine Steigerung des Schreckens mehr vorstellbar? O nein – es ging und geht weiter.

Dabei wären die Menschen mit so viel Talent gesegnet. Es braucht nicht viel Phantasie sich auszumalen, wohin das Freisetzen der schöpferischen Kräfte all der vom Systemwahnsinn unterdrückten, geknechteten, niedergehaltenen Menschen die Gesellschaft zum Besseren hätte voranbringen können, ganz zu schweigen vom Freisetzen der schöpferischen Kräfte der weiblichen Hälfte der Gesellschaft. Aber haben wir überhaupt noch Phantasie? Der Kapitalismus ist alternativlos. Punkt. These – Antithese – Synthese, das gilt nicht mehr. Das Jin und Jang der asiatischen Philosophen, das Spiel der Gegensätze und ihrer Transzendenz – das alles wird geleugnet, alles wird grau und versinkt in einem lähmenden oberflächlichen Irgendwas, betäubt und bewusstlos ertrinkt die große Masse in ihrer Ohnmacht, die Drahtzieher und Puppenspieler ersaufen in ihren Allmachtsphantasien.

Gott ist tot – jetzt ist der Mensch ein Gott, der glaubt, er kann mit allem spielen. Aber: „Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiedenen Zuständen ändern kann, ist die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen.“ (Marx) Und die Form, wie die Naturgesetze sich nunmehr durchsetzen, wird zur Katastrophe für die menschliche, blinde Überheblichkeit. So stehen wir also da, das Wasser bis zum Hals, dem blinden Diktat des Kapitals unterworfen, die Naturgesetze missachtend und die Folgen verdrängend. Wir sind alle, jede/r einzelne von uns für die heutige, hiesige Situation mitverantwortlich. Die Entscheidung für das Privateigentum, für das Patriarchat, die Atomspaltung, die Eingriffe in das Erbgut usw. haben wir nicht widerrufen, kein Gott, kein Teufel hat uns dazu gezwungen. Es gibt auch keine Sündenböcke, weder die da oben noch die da unten. Eine Umkehr erscheint unwahrscheinlich, wir stecken alle tief im Dreck, und es ist schon lang nach 12 – aber mit Selbstkritik, Selbsterkenntnis und mit dem Eingeständnis der Eigenverantwortung an die Wand fahren ist allemal besser und menschenwürdiger als im dumpfen Gleichschritt wie Lämmer zur Schlachtbank. Aber vielleicht sind wir bis jetzt doch nur zu dumm gewesen, um zu sehen, dass darin doch noch eine Chance liegen könnte.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Gute Nachrichten meinte am 31. Dezember 2016, 18:20 Uhr

    Genossen! Lesen wir doch bitte mal den TAZ-Artikel über „gute Nachrichten im Jahr 2016“. Nicht, dass uns nichts einfallen würde, diese gute Nachrichten mit allerhand Argumenten zu relativieren; zwingen wir uns einfach, sie stehen zu lassen und als Antidepressiva dankbar anzunehmen. Noch ernster: Die Krisentheorie auf der Höhe wertkritischer Erwägungen treibt uns zuweilen zur Überzeugung der Allmacht politökonomiekritischer Abstraktionen- womit wir eine Freude über positive Entwicklungen nur mit schlechten Gewissen zulassen können. Ändern wir das: Das Gute im Alten zu suchen, wie es die Keimform-Strategie befreiend zu formulieren wusste, erlaubt uns die Freude. Die politische Spähre hängt nicht lediglich am Blühen oder Niedergang des Werts; sie trägt sich auch aus sich heraus… – die strukturelle (nicht persönliche) Geringschätzung der politischen Spähre war eine Fehleinschätzung der Wertkritik, jedenfalls in der von ihr formulierten Ausschließlichkeit. Guten Rutsch! Vorwärts zu guten Nachrichten 2017!

    Nun aber der Taz-Artikel:

    BERLIN taz | Ein Blick, erst recht der Rückblick auf ein ganzes Jahr, setzt immer einen Standpunkt voraus. Keine Frage, dass 2016 für Homosexuelle in Orlando, Sioux in Dakota, Flaneure in Nizza oder Journalisten in Istanbul tatsächlich ein entsetzliches Jahr gewesen ist. So hat es sich auch hinter einem Schreibtisch oder auf einem Fernsehsessel irgendwo in Mitteleuropa dargestellt, wo alle Informationen – medial abgefedert – zusammenlaufen. Und Blasen werfen.
    Aleppo, Brexit, Erdoğan, Trump, Duterte, Horrorclowns überhaupt, Faschisten ganz generell, Terror ganz generell, der übliche Amok, ach ja, und Bowie, Prince, Cohen. Fäulnis und Verderben allenthalben. Schönes verging, während das Hässliche seine Köpfe reckte. Ein ganzes Jahr als schwarze Tür in die Zukunft. 2016, das erste echte „annus horribilis“ einer ganzen Generation?
    Nun, das täuscht. Eigentlich war 2016 vielleicht nicht „mirabilis“, aber doch ganz okay. Jedenfalls besser als sein Ruf. Jedes Ding hat mindestens zwei Seiten. Und es gibt keinen Grund, nur auf die dunkle Seite zu starren. Anstatt also das Grauen und immer neue Grauen wie auf einem grell ausgeleuchteten Karussell vor unserem inneren Auge kreisen zu lassen, sollten wir das Helle und Gute in den Blick fassen.
    Man einigt sich
    Zu diesem Zweck können wir wahllos in die weitgehend unbeachtete Kiste greifen, auf der „Gute Nachrichten 2016“ steht. Ohne Gewähr. Irgendwas. So hat sich die Zahl der Plastiktüten an englischen Stränden halbiert, seit dafür im Supermarkt Geld verlangt wird. Warum nicht bei Gewässern bleiben? In den Colorado River ist nach einem Abkommen zwischen den USA und Mexiko das Leben zurückgekehrt. In der Antarktis ist das mit rund 500.000 Quadratkilometern weltgrößte Meeresschutzgebiet vereinbart worden. Ein ähnliches gibt es seit 2016 vor der malayischen Küste.
    Insgesamt haben sich 20 Staaten auf solche Schutzgebiete und 5 Milliarden Euro für ihren Erhalt geeinigt. Ist das nicht schön? Man einigt sich, beispielsweise auf der Klimakonferenz in Marrakesch auf weitere Details der Pariser Beschlüsse. Was noch? Ach ja, die Säure im Regen ist auf dem weltweit niedrigsten Stand seit 1930. Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist der globale Ausstoß von Kohlendioxid nicht gewachsen. China und Indien lehnen neue Kohlekraftwerke ab. Saubere Energien sind überall auf dem Vormarsch, allein Costa Rica meldete, 2016 volle 100 Tage nur mit erneuerbaren Energien ausgekommen zu sein. Sogar das Ozonloch ist dabei, sich zu schließen. So was alles. Das sind nur Beispiele, aber Beispiele nevertheless für positive Entwicklungen und eben kein Grund, Trübsal zu blasen.
    Aber der Krieg, der Krieg? Kriegerische Auseinandersetzungen sind heute, nach dem historischen Ende der Gemetzel in Kolumbien, so selten wie niemals zuvor. Uniformierte Armeen treten überhaupt nicht mehr gegeneinander an, in absoluten Zahlen und auch in geografischer Ausdehnung ist es so unwahrscheinlich wie nie, Opfer der Bomben eines feindlichen Staats zu werden. Das mag angesichts des islamistischen Terrors in einem Bogen von Nigeria bis Afghanistan nur ein Hoffnungsfunken sein. Immerhin ist es keine Flamme an der Lunte.
    Ist das nicht schön? Man einigt sich, beispielsweise auf der Klimakonferenz in Marrakesch auf weitere Details der Pariser Beschlüsse.
    Noch besser sieht es bei sozialen oder gesundheitlichen Entwicklungen aus. In Ostasien ist die Zahl der Menschen in extremer Armut von 60 Prozent im Jahr 1990 auf wenig mehr als 3 Prozent in diesem Jahr gefallen. Auf Hungersnöte wird weltweit inzwischen so schnell und professionell reagiert, dass die New York Times im Mai bereits ein Ende dieser Plage vermutete.
    Weniger Plagen
    Und wo wir bei Plagen sind: Die WHO meldete in diesem Jahr, dass die Zahl der Opfer von Malaria seit 2000 um 60 Prozent gesunken ist. Im gleichen Zeitraum hat sich in ganz Afrika dank hygienischer Standards die Lebenserwartung um mehr als neun Jahre erhöht – auch weil sowohl Ebola als auch HIV-Übertragungen so weit wie möglich eingedämmt wurden.
    Seit 1990, meldete der Guardian, hat sich die Zahl der Frauen halbiert, die weltweit an den Folgen einer Schwangerschaft gestorben sind. Und erinnert sich noch jemand an die bekloppte „Ice Bucket Challenge“ 2015? So bekloppt war die gar nicht, wie sich 2016 herausgestellt hat. Mit dem durch die Social-Media-Kampagne erwirtschafteten Geld konnte ein Durchbruch in der ALS-Forschung erzielt werden.
    Wer will, mag sich auch über die Weltumrundung eines Solarflugzeugs oder die Sonde freuen, die den Jupiter erreicht hat. Vielleicht genügt es aber, sich auf die Flotte aus niedlichen Zusteller-Elektroautos zu freuen, an denen die Post arbeitet.
    Und Tiger! Tigern geht es wieder viel besser. Nicht einmal Pandas stehen mehr auf der Liste der gefährdeten Tierarten!
    Und Tiger! Tigern geht es wieder viel besser. Nicht einmal Pandas stehen mehr auf der Liste der gefährdeten Tierarten! Wir wissen jetzt, warum die Bienen sterben. Und Kaninchen, auch ganz wichtig.
    Im Grunde geht es doch darum, eben als Kaninchen nicht dauernd auf die Schlange zu starren. Schlechte Nachrichten haben naturgemäß immer mehr Konjunktur als gute. Was nicht heißt, dass es keine guten Nachrichten gibt. Als mehr als homöopathisches Mittel gegen depressive Verstimmungen sei empfohlen, sich ihnen zuzuwenden.
    Pessimisten sehen ein halb leeres Glas, Optimisten wähnen es halb voll. 2016 zwingt uns dazu, es als zu einem Viertel gefüllt zu betrachten – und eben nicht als zu drei Vierteln geleert. Außerdem, und das ist eines seiner wenigen unabweisbaren Vorteile, ist 2016 in wenigen Tagen schon Geschichte und kann uns nichts mehr tun. Dann werden wir es nehmen und vorsichtig in das Regal all der anderen Jahre einsortieren, die schon hinter uns liegen, und im Vergleich mit 1914 oder 1933 wird es gar nicht mal eine sooo schlechte Figur machen.
    Mehr Musik
    Ebenfalls helfen könnte es, sozusagen den Untersuchungszeitraum zu erweitern. Schließlich gibt es keinen Grund, willkürlich ein bestimmtes Jahr aus dem steten Fluss der Zeit zu reißen und es, noch triefend, skeptisch unter die Lupe zu nehmen. Niemand würde sagen: „Das war ein fürchterlicher Frühling!“ oder: „Na, diese Kalenderwoche hatte es aber in sich!“
    Bildergalerie

    Vollpfosten des Jahres 2016

    13 Bilder
    Oder doch? Verdammt. Je ernsthafter man versucht, dieses verschissene 2016 schönzuschreiben, umso tiefer verirrt man sich in den Wald, umso schneller gehen einem die Melodien aus, die man darin pfeifen könnte. Danke, 2016. Da heißt es nun: Tapfer bleiben. Durchbeißen. Zu einem versöhnlichen Ende kommen. Musik hilft.
    Gut, David Bowie und Leonard Cohen werden weiter vermisst werden. Aber erstens schenkten sie uns im Angesicht ihrer Vergänglichkeit noch die größte Kunst, derer sie fähig waren. Zweitens sollten wir, anstatt auf Gräber zu starren, lieber den Lebendigen zuwenden. Paul Simon und Van Morrison haben 2016 jeweils neue Alben veröffentlicht. Sogar die Rolling Stones sind noch da, die wussten, was man mit einer schwarzen Tür machen muss. Rot anstreichen.

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