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Testing Theories of American Politics. REZENS

09 Feb 2015

Streifzüge 62/2014
von Martin Scheuringer

Martin Gilens, Benjamin I. Page:
Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens

In den USA besteht kein Zusammenhang zwischen dem Willen der Mehrheit und den beschlossenen Gesetzen, wenn man den Einfluss der ökonomischen Elite und der Interessensvertretungen kontrolliert. Das haben Martin Gilens und Benjamin I. Page herausgefunden. Stimmen die Ansichten der Mehrheit mit den erlassenen Gesetzen überein, so ist das purer Zufall.
Dieses Ergebnis aus empirischer Forschung löst heftige emotionale Reaktionen beim wertkritischen Rezensenten aus. Lange aufgestauter Frust über die Menschen, die nicht einsehen, dass Demokratie nichts mit der Entfaltung der Menschheit am Hut hat, verwandelt sich in euphorische Hoffnung, nun endlich einen Beweis an der Hand zu haben, den die meisten wohl akzeptieren müssen. Dazu mischt sich tiefe Genugtuung, wenn mit Empirie wertkritische Positionen untermauert werden.
Martin Gilens und Benjamin I. Page haben eine empirische Studie zu 1.779 policy issues in der US-Politik durchgeführt. Sie wollten wissen, mit welchem Macht-Modell die Entscheidungen der Politik am besten vorhersagt werden können. Ist es der Mehrheits-Wählerwille, die ökonomische Elite, die Massen-Interessensvetretungen oder die Business-Interessensvertretungen?
Die ökonomischen Eliten haben den größten unabhängigen Einfluss auf Entscheidungen.
Der Wählerwille bekommt zwar auch oft, was er will, nur stimmen der Wählerwille und die Ansichten der Eliten dann eben überein. Hier wirkt eine Scheinkorrelation zwischen Politik und Wählerwille, deren vermittelndes Prinzip die ökonomischen Eliten sind.
Die Theorien rund um die Demokratie als Wille der Mehrheit sind somit mit empirisch belastbaren Daten falsifiziert.
M.S.

Quelle: https://www.princeton.edu/~mgilens/Gilens%20homepage%20materials/Gilens%20and%20Page/Gilens%20and%20Page%202014-Testing%20Theories%203-7-14.pdf

2 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Andreas Exner meinte am 10. Februar 2015, 06:36 Uhr

    Danke für die spannende Notiz. Das ist natürlich sehr eindrucksvoll. Allerdings muss das nicht notwendig als empirische unterfüttertes Argument gegen die Demokratie als politische Form ins Treffen geführt werden. Denn wenn die Macht von Kapitalinteressen durch diese oder jene Maßnahmen reduziert würde, würde sich in diesem Modell die Korrelation zwischen WählerInnen-Willen und politischen Entscheidungen erhöhen. Davon abgesehen berücksichtigen Theorien der Demokratie in der Regel ja den Faktor sozialer Bewegungen und Kämpfe. Auch wenn Piven/ Cloward eine solche nicht vorgelegt haben, bewegen sie sich doch in deren Rahmen. Sie argumentieren, dass zumindest in den USA alle größeren emanzipatorischen Maßnahmen auf militanten Protest zurückzuführen sind. Dieser sprengt zwar rational choice models und legalistische Arten der Demokratietheorie, nicht aber die politische Form der Demokratie als solcher.

  2. 2 Andreas Exner meinte am 18. Juni 2017, 15:06 Uhr

    Dein Eintrag ist schon recht lange her, fällt mir aber mitunter ein. Grad eben ist eine sehr große vergleichende Studie zur Frage erschienen, ob Parteien ihre Wahlversprechen halten bzw. in welchem Ausmaß. Das Ergebnis: Versprechen werden in hohem Ausmaß umgesetzt, und, wenig verwunderlich, v.a. in Einparteienregierungen, sowie, schon wieder eher überraschend, v.a. wenn sie Teil der Exekutive sind: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ajps.12313/abstract – zu beachten ist freilich, dass hier testbare Versprechen geprüft wurden. Des weiteren – auch nicht sehr verwunderlich – werden Versprechen v.a. bei hohem BIP-Wachstum umgesetzt. – Die oben zitierte Studie (Gilens/Page) vergleicht übrigens nur Daten zwischen 1981 und 2002 und nur in den USA. Die Studie von Thomson et al. geht z.T. etwas weiter zurück, außerdem wird eine große Bandbreite an Ländern analysiert. Der wesentlichen Unterschied zwischen den Studien aber ist, dass bei Gilens/Page Maßnahmen mit public opinion polls verglichen werden, bei Thomson et al. aber Verprechen mit Umsetzungen. Was opinion polls angeht, ist die Frage, inwiefern die einen „Wählendenwillen“ abbilden. In der politischen Psychologie wird seit langem davon ausgegangen, dass die in opinion polls ausgedrückten Präferenzen zu einem hohen Anteil kontingent sind (also von temporären Stimmungen/Eindrücken etc. beeinflusst und auch nicht stabil). – Dass die Versprechen selbst in hohem Maße von ökonomischen Eliten direkt oder indirekt bestimmt werden, und natürlich von den strukturellen Bedingungen im Kapitalismus, ist freilich sehr wahrscheinlich bzw., was die strukturellen Bedingungen angeht, klar (das kommt ja auch bei Gilens/Page raus, implizit). Für die USA gibt es z.B. eine Netzwerkanalyse von Eliten, auch für Deutschland und Australien, die zeigt, dass es in der Tat in diesen Ländern eine zwar plurale, aber hochintegrierte, verschiedene Sektoren übergreifende Elite gibt. Da spielen aber v.a. Staatspersonal und Politiker_innen die Hauptrolle.

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