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Was geht und was nicht geht – Erkenntnistheoretische Grundsätze

12 Feb 2014

Koreferat zu aber ohne Gerhard Scheit, gehalten am 1.12.2013 auf der Konferenz „Kritische Theorie. Eine Erinnerung an die Zukunft“ in der HU Berlin.“ Zehn Jahre nach dem Offenen Brief „Auschwitz und Wahnwitz

von Ilse Bindseil

Es gibt eine Stelle, wo die Theorie in die Erzählung kippt, in die ich meine Kritik eigentlich fassen müßte. Zwar will ich erkenntnistheoretische Grundsätze vortragen, aber diese Grundsätze sind so selbstverständlich und trivial, daß das eigentliche Problem ist: Man kann gar nicht gegen sie verstoßen, und wenn man es trotzdem tut, dann macht man es, weil man auf etwas anderes als Erkenntnis aus ist, nicht weil man schlecht denkt; hier von Erkenntnis zu reden hieße dann erst die Schieflage erzeugen, um sie sodann zu kritisieren. Ich wäre mit meiner Kritik also ganz fehl am Platz, wenn der fragliche Gegenstand sich nicht selbst ganz und gar als Erkenntnis verstünde.

In meiner persönlichen Trauma-Version wurde ich Zeugin oder Opfer einer Wendung, die ich gar nicht mal für falsch, sondern für unmöglich gehalten hätte, für unmöglich nicht im moralischen, sondern im ‚denk-technischen’ Sinn. Prompt kann ich das Geschehen, jene Spaltung der späten Kritischen Theorie, die mit dem Begriff des Antideutschen umrissen wird, nicht datieren. Anstatt zu sagen: Da fing es an, müßte ich stattdessen sagen: Da war etwas, was ich bis dahin für unmöglich gehalten hätte, und ich erinnere mich, daß ich es einfach nicht geglaubt habe. Ich weiß also gar nicht, wann es angefangen hat, ob es nicht vielleicht immer schon war und die Kooperation unbändig freier Kritischer Theoretiker (so wie ich es verstand), nicht auf einem, solange es sich nicht herausstellte, höchst angenehmen, erfreulichen und produktiven Mißverständnis beruhte, also ein Fake war. Die Verwunderung darüber kommt also ohne den Selbstvorwurf nicht aus, daß ich mich, allein um der hochgehaltenen Wahrheit willen, nicht zeitgleich mit der, wie mal will, praktischen, metaphysischen oder fundamentalistischen Wende innerhalb der Kritischen Theorie beschäftigt, sie vielmehr als zufällig, nicht ernst gemeint, abgetan habe. (Mit Gerhard Scheit, einem vergleichsweise späten und für mich vielversprechenden theoretischen Kontakt aus den späten 90er Jahren, den ich hier gern ergänzt und kritisiert hätte und den ich jetzt notgedrungen vertrete, habe ich dann das gleiche noch einmal durchexerziert und weiß von ihm, daß dieser Prozeß von ihm genauso erlebt worden ist. Nie habe er sich bei einer positiven Rezension so unglücklich gefühlt wie bei meiner Rezension von „Verborgener Staat, lebendiges Geld“, 1999; kein Wunder, verfuhr ich doch nach dem Motto: Kann doch nicht wahr sein. Was konnte nicht wahr sein? Daß jemand, der unter den gleichen Prämissen dachte wie ich, die entscheidende Prämisse immer schon ausgewechselt hatte: daß man denkt, um etwas herauszukriegen, nicht um etwas zu beweisen; daß man denkt, um etwas Neues zu erfahren, nicht um etwas Bekanntes zu rechtfertigen. Wenn es um etwas Bekanntes geht, hatte ich immer verkündet und es für ausgeschlossen gehalten, damit nicht auf unanimité zu stoßen, fange ich gar nicht erst an zu denken. Wo war denn hier die Relation?)

Jetzt zur Kritik.

Der erste der trivialen Grundsätze lautet: Man kann nicht sagen, ich denke über alles nach, aber darüber und darüber nicht. Man muß ja nicht über alles nachdenken, aber wenn man die Totalität des Denkens für sich in Anspruch nimmt, dann darf man nichts ausschließen müssen; sonst denkt man nicht mehr, sondern verteidigt bloß noch den Ausschluß. Ebensowenig kann man sagen, ich stelle alles in Frage, bloß das eine nicht. Hier hilft bereits die Semantik: Etwas nicht in Frage stellen, macht dieses Etwas nicht nur zu einem schützenswerten, kostbaren, sondern auch zu einem prekären Gut. War es nicht vorher schon, so ist es ab jetzt: in Frage gestellt, dauerhaft und konstitutionell gefährdet.

Der zweite der trivialen Grundsätze ist: Man kann einen außergedanklichen Sachverhalt nicht zum Grund oder Ausgangspunkt des Denkens machen. Das ist ja das Schicksal des Denkens, nicht seine freie Wahl, das es, unbewußt und für es unerreichbar, die Realität zum Grund oder Ausgangspunkt hat. Wenn es sich selbst einen Ausgangspunkt wählt, ist es dagegen immer ein innergedanklicher Punkt, oder es ist Größenwahn; denn die Realität setzt sich dem Denken vor und nicht das Denken der Realität. Und wenn das in der Empirie anders aussieht, der Hunger in der Welt, das kannibalische Verhalten der Menschen, der universale Hang zur Wiederholung vom Denkenden als Ausgangspunkt frei gewählt wird, dann führt doch die erste Überlegung bereits in die Abstraktionen hinein, und der Ausgangspunkt wird als akzidentell zurückgelassen. Ja, man kann sagen, je empirischer der Ausgangspunkt, desto exponentieller die Ausweitung der erkenntnistheoretischen Problematik; kurz, der Weg führt vom Hunger weg, nicht zu ihm hin (und müßte, sage ich einmal übergangslos, auch von Israel immer wegführen, denn das ist die Bewegung des Denkens, anstatt, wo immer man sich befindet, zu Israel hinzuführen). Der einzige originale Gegenstand des Denkens ist es selbst; hier hat auch der vielbeanspruchte Grundsatz, daß Denken Kritik ist, seinen Sinn; es ist nämlich und – nicht zu vergessen mit Erfolg –, Selbstkritik. Ist der Ausgangspunkt des Denkens ein außergedanklicher Gegenstand, kann das Denken nicht mehr Kritik üben. Entweder es fällt in die haltloseste Affirmation dessen, was es aus dem Denken ausdrücklich herausgenommen hat, oder es ergeht sich in der schonungslosesten Kritik, ausgeführt freilich mit den höchst unangemessenen Mitteln des Denkens. Es kritisiert, was nicht es selbst ist und was zu der außergedanklichen Welt aus Politik und Religion gehört, aus der es seinen kostbaren, aus einem akzidentellen in einen existentiellen, um nicht zu sagen philosophischen verwandelten Gegenstand herausgelöst hat. In dieser Überkreuzstellung liegt ein Moment von Setzung, der Realität durch das Denken, das früher, vielleicht als ein metaphysisches Element gegolten hätte, heute würde ich sagen mit den einfachsten moralischen Maßstäben des Denkens nicht zu vereinbaren ist. Wie Yoav Sapir, 1979 in Haifa geboren und in Berlin zu Hause, es in einem Interview mit Rudolf Novotny, soweit ich erkennen konnte ganz neutral, auch nicht geängstigt, über „die Macht der Sprache im Deutschen“ ausdrückt: „Das Wort ist hier Realität. Und wenn die nicht passt, wird sie passend gemacht“; ein Satz, der über meinen gesamten hier vorgetragenen Überlegungen stehen könnte. (BERLINER ZEITUNG vom 9./10. November 2013)

Der dritte der trivialen Grundsätze ist: Man darf mit dem Denken nicht handeln, oder aber man vernichtet die einzige Kontrollebene, die wir haben, jenen Mini-Abstand zwischen Denken und Handeln, man kann auch sagen Denken und Denken, der uns erlaubt, einen Moment innezuhalten, eine Pause zu machen, eventuell aufzuhören oder den Weg zurückzugehen oder etwas anderes zu machen, einen neuen Anfang zu machen. Wer diese Kontrollebene opfert, indem er mit dem Denken handelt, instrumentalisiert das Denken, d.h. setzt es für einen bestimmten Zweck ein und ist fortan in einer geradezu metaphysischen Weise darauf angewiesen, alles richtig zu machen; sonst hat man nämlich alles falsch gemacht. Eine höchst deprimierende Aussicht, nicht mehr sagen zu können, ich muß mal drüber nachdenken, denn man hat ja schon gedacht (kann übrigens auch nicht sagen, ich muß mal handeln, denn man hat ja schon gehandelt, wenn auch in einer Weise, die einen vom Standpunkt des Handelns durchaus bloßstellt, gar als Feigling ausweist; denn man hat ja nur ‚gequatscht’). Die Folge ist ein zugleich extravagantes und außerordentlich verschachteltes Denken, das den methodischen Fehler auf der Ausführungsebene zugleich auszuführen und wiedergutzumachen sucht. Dabei wird, wie bereits angedeutet, der klare und deutliche Sachverhalt – ich beziehe Descartes hier einmal statt auf das Denken auf die Realität –, zu einem prekären Gegenstand, der von der Verschachtelung abhängt, vom Tiefsinn des Denkens, auch vom Verbalradikalismus – übrigens auch von der Wiederholung, von den richtigen Wörtern – und zu seinem Überleben eines stets erneuerten gedanklichen Raffinements und einer erneuerten Schärfe bedarf, eines wahrhaftigen Cocktails künstlicher Ernährung. So unklug das Instrumentalisieren des Denkens ist, so kindisch ist die gedachte Abhängigkeit der platten Realität vom raffinierten Denken. Man muß kein kritischer Theoretiker sein, um den Holocaust beurteilen zu können – traurig wäre es sonst um seine Nicht-Wiederholung bestellt –, und man muß auch kein Denker sein, um die Existenzberechtigung Israels – ein lächerlicher, ambivalenter, gefährlicher Begriff, der seine Herkunft aus dem Denken und gleichzeitige Zugehörigkeit zur Realpolitik nicht verleugnen kann –, nicht in Frage zu stellen; erst die Existenzberechtigung stellt sie in Frage.

Der vierte der trivialen Grundsätze ist daher: Man muß die Realität vor den Finessen des Denkens bewahren, und man muß das Denken vor dem unerfüllbaren Anspruch der Realitätsbewältigung bewahren; hier richtet es eine Suppe an, die keiner auslöffeln möchte, und macht sich noch lächerlich dazu. Womit es sich stellvertretend beschäftigen kann – und dazu ist es moralisch verpflichtet –, ist die natürlich völlig hypothetische Grenze zwischen Denken und Realität auszuloten und als Konstruktion erkennbar zu machen. Hier kann es sich nützlich machen, indem es das Gedankliche der Realität herausarbeitet, Zeit, Raum und Zahl, und wenn es sich wie die Kritische Theorie dem Begreifen von NS und Antisemitismus in besonderer Weise verpflichtet fühlt, wird es, wie wir es von ihr gelernt haben und worin ich mich mit dem ISF Freiburg ich hätte am liebsten gesagt jahrzehntelang einig sah, sich der Ambivalenz und immanenten Drohung noch der fortschrittlichsten Denkbestimmungen zu widmen: Freiheit, Gleichheit, Rechtlichkeit. In einer Zeit, in der Denkbestimmungen sich erneut zu Handlungsanweisungen verselbständigen – ich sage nur Menschenrechte oder Scharia –, andererseits eine bis dahin ungekannte Volatilität beweisen – ich nenne nur Souveränität und Gewaltenteilung und das Stichwort Timoschenko, aber auch die Sprache der Aufklärung, wie sie in China und Rußland mit geradezu treuhänderischem Verantwortungsbewußtsein gehandhabt wird –, mag man sich einerseits zum Mitmischen gedrängt fühlen und hat andererseits doch ein reiches Betätigungsfeld, um an ihrer eigenen überdeutlichen Existenz das Unwesen, das die Theorie in der Praxis treibt, deutlich zu machen. Es liegt übrigens auch in der radikalen Konsequenz des Denkens, daß man als Denkender gerade dann den Mund halten muß, wenn alles dazu treibt, ihn aufzumachen; in der Sprache meiner Großmutter: daß man „nichts unterschreibt“. „Die Leute“, der andere Bezugspunkt meiner Oma, könnten meine Zustimmung sonst als Konsequenz meines Denkens, als durch mein Denken geadelt auslegen, und schon wäre ich nicht mehr als Handelnder, vielmehr als Denker gefragt; siehe die Verwicklungen im Fall Judith Butler.

Der fünfte der trivialen Grundsätze gilt daher der Geschichtsphilosophie: Wenn sie angefangen hat – und von jeher wird sie dem Aufbruch der Neuzeit zugeordnet, von der nicht wenige glauben, sie sei der Beginn einer eigentlichen Zeit, siehe Religion –, dann wird sie auch zu Ende gehen. Dieser Tatsache wird der Geschichtsphilosoph durch eine Erweiterung der Geschichtsphilosophie um ihre Negation nicht entgehen können: soviel Wahrheit in der Negation steckt, soviel Lüge steckt in der Selbsterhebung des Geistes, der nicht nur über das Seiende, sondern auch über das Nichtseiende gebieten möchte, dessen Herrschaftsgebiet also doppelt so weit reicht wie das der normalen Sterblichen, die samt und sonders dümmer sind als er. Vielmehr wird man, wie ich das vor Jahr und Tag und ich weiß gar nicht mehr mit welchem Erfolg ein erstes Mal mit meinen „Zehn Thesen gegen Geschichtsphilosophie“ versucht habe, die Geschichtsphilosophie entweder als einen Bestandteil der Philosophiegeschichte erzählen und/oder die Grenzüberschreitungen der Philosophie Stück für Stück nachzeichnen müssen; um Rückbau bemüht und um die Philosophie von der Religion, auch den Menschen von Gott zu unterscheiden. Die Zeitläufte sind nicht dafür, wenn man nur die Nietzsche-Renaissance des letzten Jahrzehnts oder den, wie man es nennt, Hype um Walter Benjamin nimmt, nicht um den Denker, sondern den Charismatiker, der das Auratische in unser trübes Leben gebracht hat, um nicht zu sagen das Prophetische, und damit den Sinn. Das lasse ich mir nicht nehmen, sagen Leute im vollen Bewußtsein, daß gar nicht heraus ist, ob das, was sie sich nicht nehmen lassen, überhaupt existiert.

Natürlich sind diese Grundsätze, mögen sie auch „clare et distincte“ daherkommen, alles andere als systematisch und konsistent. Was sie vor allem beeinträchtigt, das ist der grundlegende Zweifel, ob das als Denken Klassifizierte seiner eigenen Zuordnung nach Denken ist. Natürlich kann man sich auf die hochgehaltene Tradition der Kritischen Theorie berufen und sagen, es ist Denken; wenn die Kritische Theorie nicht Denken ist, was dann. Die Zweideutigkeit aber bleibt, und ich erinnere mich an die schwierigen Zeiten, in denen die RAF dem ISF den Schneid abkaufte, indem sie einen anderen Zugang zum Handeln demonstrierte, einen durch Überzeugungen und Entscheidungen auf seine Weise theoretisierten, aber zugleich geradezu schreckenerregend direkten Zugang, und das ISF, könnte ich eine durch nichts gestützte Behauptung hinzufügen, sich auf Israel als auf eine eigene Praxis besann. Wenn ich also gar nicht entscheiden kann, ob ich den von mir kritisierten Gegenstand als Denken oder als Handeln ins Visier nehmen soll, dann kann ich wenigstens versuchen, ihn durch eine doppelte Beweisführung in die Zange zu nehmen, indem ich ihn, nachdem ich ihn als Denken behandelt habe, in komplementären Überlegungen nun ausdrücklich als Handeln bezeichne und den beiläufigen Gestus, nicht richtiges Denken, sondern wahres Tun zu sein, ernst nehme. (Das klappt nicht so gut, Handeln ist das antideutsche Denken doch wohl nicht auf der gleichen Ebene wie Denken, sondern wenn, dann auf einer qualitativ verschobenen Ebene, wie sie die Psa als unbewußte Ebene oder als Agieren ins Auge faßt. Prompt kommt sie mir als die eigentlichere Wahrheit vor.)

Ich will für den Hintergrund nur deutlich machen, daß es hier im Ganzen um das fatale Kapitel der Nachkriegszeit geht, das man mit „Lernen aus Auschwitz“ bezeichnen könnte. Der Hauptfehler dieses anerkennungswerten Unternehmens besteht in der Verkennung der Grundlagen: Man lernt nicht, man wird belehrt und rekonstruiert im nachhinein die Belehrung. Alles andere läuft auf Wiederholung hinaus.

Der erste der trivialen Grundsätze lautet: Wer sich für sein Tun auf sein Denken beruft, aus ihm Legitimationskriterien und Motivation bezieht, der hat den schlechtesten Ausgangspunkt gewählt, ja, er ist regelrecht benachteiligt. So klar und einleuchtend ihm in dem Moment, wo es zur Tat drängt, sein Denken vorkommen mag – hat es ohne die Anbindung an das Tun doch den denktypisch fatalen Hang zu Wirrnis und Blockade –, so ist es in der allgemeinen Konkurrenz des Tuns doch geradezu auffällig unerheblich; Konsequenz eines schiefen Ausgangspunkts, der es in eine groteske Logik treibt, die es, am Leitfaden offenbar einer anderen Wirklichkeit, haarscharf an der Wirklichkeit vorbeiführt. Wer aus der Mitte einer unbegriffenen Praxis heraus agiert, ist von Anfang an näher dran; er kann alles falsch machen, aber er wird die Wirklichkeit nicht verfehlen. Für ihn geht es bloß darum, den normalen Horizont der Handlungs-/Reflexionsverwicklung nicht zu überschreiten; soll heißen, andere können es auch nicht besser.

Der zweite der trivialen Grundsätze lautet: Wer, um das Richtige zu tun – Auschwitz nie sich wiederholen zu lassen –, das Denken forciert, der wird, wenn er Glück hat, bloß eine lächerliche Figur abgeben. Wenn ‚es’ aber zum Tun kommt – und das liegt bei der neuerlichen Konjunktur von Sollbestimmungen innerhalb des Ist durchaus im Bereich des Möglichen –, dann handelt es sich um ein angeschärftes, ein bösartiges Tun, das gar nicht mal so sehr aufhetzt, vielmehr mit Aplomb zum Falschen auffordert als dem eigentlichen Repräsentanten einer existentiellen Wahrheit und übrigens unwillkürlichen Konkurrenten des von ihm bekämpften Bösen. Dieses Böse verdankt sich ja ebenfalls einem Seitenwechsel des Denkens und kann nur durch eine Kritik des Seitenwechsels, nicht nur ein schlaueres, soll heißen ein noch böseres Denken kritisiert werden; übrigens auch nicht durch einen Sprung des Denkens auf die Seite der Praxis, z.B. von der Holocaust-Kritik in die Verteidigung Israels; so als wäre man nicht Adorno-Schüler, sondern NATO-Offizier, und könnte sich das beliebig erlauben.

Der dritte der trivialen Grundsätze lautet: Wer sein Denken als ‚richtigeres’ Handeln begreift oder – denn immerhin sieht er sich zu Bekenntnissen genötigt, die man als das Tun des Denkenden begreifen kann und die ihm in unserer meinungsstarken Zeit auch als solches angekreidet werden –, oder, also, sein Bekenntnis als eine entschlossene Form des Denkens, dessen Perspektiven werden schrumpfen, fixe Ideen sich an die Stelle der Perspektiven setzen. Die fixe Idee ist nicht nur eine folgerichtige Ausformung des ‚Richtigen’, auch eine suggestive Nachbildung des Tuns, sozusagen auf der Denk-Ebene. Fix, obsessiv, monoman, heißt: noch richtiger. Weder dem Denken noch dem Tun zugehörig, heißt: beides. Punktförmiger heißt: total. Und so wird dem, der die fixe Idee hegt, der Stoff für emsiges Tun auch nicht ausgehen, da das Geschrumpfte aufgebläht, das Gekappte sekundär angeknüpft, das Ausgeschlossene wieder hineingeholt werden muß; denn es ist ja da. Die Aufgabe ist unendlich, weil der entscheidende Schritt, die Aufhebung der Abspaltung, verweigert wird, vielmehr alles, in einem Quasi-Prozeß der Neuschaffung, über die qualitative, durch Denkbestimmungen geschaffene Grenze hinübergehievt werden muß.

Der vierte der trivialen Grundsätze lautet: Wer sich auf Grund einer unzureichenden Verfassung der Realität und des Gedankens genötigt sieht, sein Handeln im Negativen zu verorten und zu denken, wo er handeln, und zu handeln, wo er denken sollte, dem wird sich der ‚Denkansatz’ abbilden in einem Festhalten an Unrealistischem, an Unerfüllbarem. Er wird, gerade herausgesagt, nicht wollen, daß geschieht, wofür er sich engagiert; die besondere Natur seines Handelns, der besondere Weg, den er eingeschlagen hat, wird sonst obsolet. Nicht dieser Weg, wohlgemerkt, sondern das Besondere daran; ohne diese Besonderheit ist er nicht mehr nachvollziehbar, nicht wiederzuerkennen: überlebt als Müllhaufen, sinnloser Wust einer forcierten Anstrengung. Ich frage mich, ob bei der bereits angesprochenen Verlagerung des antideutschen Schwerpunkts von der metaphysischen Auffassung des Holocaust zu einer metaphysischen Verteidigung Israels nicht auch dies Moment der notwendigen Besonderheit eine Rolle spielt: daß das Nichthaltbare hier (noch eine Weile) aufrechtzuhalten ist, während der Holocaust allen Abgrenzungsbemühungen zum Trotz im Konsens versinkt.

Der fünfte triviale Gesichtspunkt, schließlich: Wer Kritik und Praxis verwechselt, Kritik für die praktische Form des Denkens hält, wird nicht nur nie zur Praxis gelangen, er wird auf die Praxis auch die blutrünstigsten Wünsche häufen; das Nicht-praktisch-werden-Können hat nun einmal in der spektakulären Vernichtung seinen Repräsentanten, sein Äquivalent. Wenn vor Jahrzehnten Eike Geisel, der berühmte Intellektuelle, es den Amerikanern verübelte, daß sie auf Nazi-Deutschland keine Atombombe geworfen hatten, so sprach er hier vor allem die zur Fast-Tat aufgestaute Hemmung des Intellektuellen aus. Normalerweise sind Intellektuelle ja nicht gefährlich. Aber in einer Zeit, in der noch die offiziellsten Auseinandersetzungen sich einerseits intellektualisiert und ‚moralisiert’ und andererseits ihre Glaubwürdigkeit dadurch vollkommen eingebüßt haben, sind sowohl der Gedanke als auch die Tat als Erlösung vom Glaubwürdigkeitsproblem gefragt. Der Gedanke findet sich in der abstrusen Situation, zu Mauern, Interventionen, Schießbefehlen seine Zustimmung zu geben, obwohl nichts an seiner formalen Verfassung ihn dazu nötigt oder berechtigt. Die harmlose Tat – Stichwort „Ick hau dir in die Fresse“ findet sich in der nicht weniger abstrusen Situation, die Konsequenz eines hochkomplizierten und von Anfang an korrumpierten Gedankens darzustellen. Was man lieber sein möchte, ein Vertreter des Gedankens oder der Tat, das läßt sich unter diesen Bedingungen gar nicht entscheiden.

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