Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!

Repariert nicht, was euch kaputt macht!

02 Okt 2013

Gegen das bürgerliche Dasein – für das gute Leben!

Streifzüge-Redaktion

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1.

Durch die Politik können keine Alternativen geschaffen werden. Sie dient nicht der Entfaltung unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten, sondern in ihr nehmen wir bloß die Interessen unserer Rollen in der bestehenden Ordnung wahr. Politik ist ein bürgerliches Programm. Sie ist stets eine auf Staat und Markt bezogene Haltung und Handlung. Sie moderiert die Gesellschaft, ihr Medium ist das Geld. Sie folgt ähnlichen Regeln wie der Markt. Hier wie dort steht Werbung im Mittelpunkt, hier wie dort geht es um Verwertung und ihre Bedingungen.

Das moderne bürgerliche Exemplar hat die Zwänge von Wert und Geld völlig aufgesogen, kann sich selbst ohne diese gar nicht mehr vorstellen. Es beherrscht sich wahrlich selbst, Herr und Knecht treffen sich im selben Körper. Demokratie meint nicht mehr als die Selbstbeherrschung der sozialen Rollenträger. Da wir sowohl gegen die Herrschaft als auch gegen das Volk sind, warum sollen wir ausgerechnet für die Volksherrschaft sein?

Für die Demokratie zu sein, das ist der totalitäre Konsens, das kollektive Bekenntnis unserer Zeit. Sie ist Berufungsinstanz und Lösungsmittel in einem. Demokratie wird als ultimatives Resultat der Geschichte verstanden, das nur noch verbessert werden kann, hinter dem aber nichts mehr kommen soll. Die Demokratie ist Teil des Regimes von Geld und Wert, Staat und Nation, Kapital und Arbeit. Das Wort ist leer, alles kann in diesen Fetisch hineingegeistert werden.

Das politische System gerät selbst mehr und mehr aus den Fugen. Dabei handelt es sich nicht bloß um eine Krise von Parteien und Politikern, sondern um eine Erosion des Politischen in all seinen Aspekten. Muss Politik sein? Aber woher denn und vor allem wohin denn? Keine Politik ist möglich! Antipolitik heißt, dass Menschen sich gegen ihre sozialen Zwangsrollen aktivieren.

2.

Kapital und Arbeit bilden keinen antagonistischen Gegensatz, sie sind vielmehr der Verwertungsblock der Kapitalakkumulation. Wer gegen das Kapital ist, muss gegen die Arbeit sein. Die praktizierte Arbeitsreligion ist ein autoaggressives und autodestruktives Szenario, in dem wir gefangen und befangen sind. Abrichtung zur Arbeit war und ist eines der erklärten Ziele der abendländischen Modernisierung.

Während das Gefängnis der Arbeit zusammenstürzt, steigert sich die Befangenheit in den Fanatismus. Es ist die Arbeit, die uns dumm macht und krank noch dazu. Die Fabriken, die Büros, die Verkaufshallen, die Baustellen, die Schulen, sie sind legale Institutionen der Zerstörung. Die Spuren der Arbeit, wir sehen sie täglich an den Gesichtern und Körpern.

Arbeit ist das zentrale Gerücht der Konvention. Sie gilt als Naturnotwendigkeit und ist doch nichts als kapitalistische Zurichtung menschlicher Tätigkeit. Tätig sein ist etwas anderes, wenn es nicht für Geld und Markt geschieht, sondern als Geschenk, Gabe, Beitrag, Schöpfung für uns, für das individuelle und kollektive Leben frei verbundener Menschen.

Ein beträchtlicher Teil aller Produkte und Leistungen dient ausschließlich der Geldvermehrung, zwingt zu unnötiger Plage, vergeudet unsere Zeit und gefährdet die natürlichen Grundlagen des Lebens. Manche Technologien sind nur noch als apokalyptisch zu begreifen.

3.

Geld ist unser aller Fetisch. Niemand, der es nicht haben will. Wir haben das zwar nie beschlossen, aber es ist so. Geld ist ein gesellschaftlicher Imperativ und kein modellierbares Werkzeug. Als eine Kraft, die uns ständig zum Berechnen, zum Ausgeben, zum Eintreiben, zum Sparen, zum Verschulden, zum Kreditieren zwingt, demütigt und beherrscht sie uns Stunde für Stunde. Geld ist ein Schadstoff sondergleichen. Der Zwang zum Kaufen und Verkaufen steht jeder Befreiung und Selbstbestimmung im Weg. Geld macht uns zu Konkurrenten, ja Feinden. Geld frisst Leben. Tauschen ist eine barbarische Form des Teilens.

Nicht nur, dass eine Unzahl von Berufen sich ausschließlich damit beschäftigt, ist absurd, auch alle anderen Kopf- und Handarbeiter sind permanent am Kalkulieren und Spekulieren. Wir sind abgerichtete Rechenautomaten. Geld schneidet uns von unseren Möglichkeiten ab, erlaubt nur, was sich marktwirtschaftlich rechnet. Wir wollen das Geld nicht flott-, sondern wegkriegen.

Ware und Geld sind nicht zu enteignen, sondern zu überwinden. Menschen, Wohnungen, Produktionsmittel, Natur und Umwelt, kurzum: nichts soll eine Ware sein! Wir müssen aufhören, Verhältnisse zu reproduzieren, die uns unglücklich machen.

Befreiung heißt, dass die Menschen sich ihre Produkte und Dienste zukommen lassen. Dass sie sich direkt aufeinander beziehen und nicht wie jetzt sich in ihren gesellschaftlichen Rollen und Interessen (als Kapitalisten, Arbeiter, Käufer, Staatsbürger, Rechtssubjekte, Mieter, Eigentümer etc.) konfrontieren. Bereits heute erleben wir geldfreie Sequenzen in der Liebe, in der Freundschaft, in der Sympathie, in der Hilfe. Da schenken wir uns etwas, schöpfen gemeinsam aus unseren existenziellen und kulturellen Energien, ohne dass Rechnungen präsentiert werden. Da spüren wir in einigen Momenten, dass es ohne Matrix ginge.

4.

Kritik ist mehr als radikale Analyse, sie verlangt die Umwälzung der Verhältnisse. Perspektive versucht zu benennen, wie menschliche Verhältnisse zu gestalten sind, die dieser Kritik nicht mehr bedürfen; die Vorstellung einer Gesellschaft, in der das individuelle und kollektive Leben neu erfunden werden kann und muss. Perspektive ohne Kritik ist blind, Kritik ohne Perspektive ist hilflos. Transformation ist Experiment auf dem Fundament der Kritik mit dem Horizont der Perspektive. „Repariert, was euch kaputt macht!“, ist unsere Formel nicht.

Es geht um nichts weniger als um die Abschaffung der Herrschaft, egal ob diese sich in persönlicher Abhängigkeit oder in Sachzwängen äußert. Es geht nicht an, dass Menschen anderen Menschen unterworfen bzw. ihren Geschicken und Strukturen hilflos ausgeliefert sind. Selbstherrschaft wie Selbstbeherrschung sind unsere Sache nicht. Herrschaft ist mehr als Kapitalismus, aber der Kapitalismus ist das bisher entwickelteste, komplexeste und destruktivste System von Herrschaft. Unser Alltag ist so konditioniert, dass wir den Kapitalismus täglich reproduzieren, uns verhalten, als gäbe es keine Alternativen.

Wir sind blockiert, Geld und Wert verkleben unsere Gehirne und verstopfen unsere Gefühle. Die Marktwirtschaft funktioniert wie eine große Matrix. Sie zu negieren und zu überwinden ist unser Ziel. Ein gutes und erfülltes Leben setzt den Bruch mit Kapital und Herrschaft voraus. Es gibt keine Transformation der gesellschaftlichen Strukturen ohne Änderung unserer mentalen Basis und keine Änderung der mentalen Basis ohne die Überwindung der Strukturen.

5.

Wir protestieren nicht, darüber sind wir hinaus. Wir möchten nicht Demokratie und Politik neu erfinden. Wir kämpfen nicht für Gleichheit und Gerechtigkeit und wir berufen uns auf keinen freien Willen. Auch auf den Sozialstaat und den Rechtsstaat wollen wir nicht setzen. Und schon gar nicht möchten wir mit irgendwelchen Werten hausieren gehen. Die Frage, welche Werte wir brauchen, ist einfach zu beantworten: Keine!

Wir stehen für die restlose Entwertung der Werte, für den Bruch mit dem Repertoire der Hörigen, die gemeinhin Bürger genannt werden. Dieser Status ist zu verwerfen. Ideell haben wir das Herrschaftsverhältnis schon gekündigt. Der Aufstand, der uns da vorschwebt, gleicht einem paradigmatischen Sprung.

Wir müssen raus aus dem Käfig der bürgerlichen Form. Politik und Staat, Demokratie und Recht, Nation und Volk sind immanente Gestalten der Herrschaft. Für die Transformation steht keine Partei und keine Klasse, kein Subjekt und keine Bewegung zur Verfügung.

6.

Es geht um die Befreiung unserer Lebenszeit. Nur sie ermöglicht mehr Muße, mehr Lust, mehr Zufriedenheit. Gutes Leben heißt Zeit haben. Was wir brauchen, ist mehr Zeit für Liebe und Freundschaften, für die Kinder, Zeit zu reflektieren oder um faul zu sein, aber auch, um sich intensiv und exzessiv mit dem zu beschäftigen, was einem gefällt. Wir stehen für die allseitige Entfaltung der Genüsse.

Befreites Leben heißt länger und besser schlafen und vor allem auch öfter und intensiver miteinander schlafen. Im einzigen Leben geht es um das gute Leben, das Dasein ist den Lüsten anzunähern, die Notwendigkeiten sind zurückzudrängen und die Annehmlichkeiten zu erweitern. Das Spiel in all seinen Varianten verlangt Raum und Zeit. Das Leben muss aufhören das große Versäumnis zu sein.

Wir wollen nicht die sein, die zu sein wir gezwungen werden.

 

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31 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Martin meinte am 3. Oktober 2013, 12:37 Uhr

    Euer Text ist ein kleines Manifest.

    In diesem kleinen Manifest ist die Komplexität aufgelöst in eine fast voraussetzungslose Sprachlichkeit; so können Leute erreicht werden. Der Text spricht gerade deswegen auch emotional an, weil er zu stolz ist, um dafür auf das gängige Mittel der Moralisierung zurückzugreifen, es gibt keinerlei versteckte Anlehnungen an Mythen – was bei einem Grundlagentext angesichts der allseitigen Verstrickungen eine Kunst ist; der Text hat das nicht nötig – er ist sich zu sicher, dass er in Ausschließlichkeit auf Grundlage des rationalen Denkens die menschlichen Sehnsüchte anspricht. Alles drin: Hippy samt Epikur, Matrix als erster Bezugspunkt der Beobachtung, open mind. Und der Text vermittelt keine allgemeine Trostlosigkeit – obwohl er die Ausweglosigkeit anspricht, immanent zum Besseren ändern zu können; aber zugleich wirkt er nicht besserwisserisch – schreibt nicht vor -, sondern gibt dem Leser zu verstehen, dass das sowieso in Ordnung ist, wenn er immanent lebt, weil er es ja muss – der Text gibt dem Leser bloß zu verstehen: Gib dir bitte bloß keine Schuld, wenn du damit nicht zufrieden wirst, sondern überlege dir eher, was du, am besten mit andern, ändern kannst, wenn du besser leben willst.

    Der Text geht “cool” mit Theorie um – von der ja so viel hinter ihm steht -,indem er sich von deren Selbstgefälligkeit, eigentlich das Intelligenteste der Welt zu sein, nicht anstecken lässt.

    Ich werde den Text verbreiten. In Maßen, aber hartnäckig.

  2. 2 WER UNS WILL, MUSS UNS ERMÖGLICHEN! - Streifzüge - Magazinierte Transformationslust meinte am 4. Oktober 2013, 07:32 Uhr

    […] Martin bei Repariert nicht, was euch kaputt macht! […]

  3. 3 Franz Nahrada meinte am 6. Oktober 2013, 21:01 Uhr

    Dieser Herbst ist offensichtlich eine gute Zeit zum Manifesteschreiben.

    In der Intention ähnlich, und doch komplett andersrum mein Versuch:

    http://www.theoriekultur.at/wiki?Projekte/WienerManifest

    sprechen beide für sich. Dialog möglich?

  4. 4 Reinhard meinte am 9. Oktober 2013, 16:31 Uhr

    Vermutlich trage ich Eulen nach Athen, bzw coals to newcastle…:

    http://jacobinmag.com/2012/04/the-politics-of-getting-a-life/

  5. 5 Lorenz meinte am 10. Oktober 2013, 22:40 Uhr

    im Auftrag von

    Ingo

    (Stuttgart):

     Mit allen Aussagen bin ich nicht nur einverstanden – es begeistert mich
    geradezu.
     Außer mit zwei wichtigen Punkten:

     1.- Das gute Leben: Mir scheint, ihr beschreibt – das Schlaraffenland.
    „Die Notwendigkeiten sind zurückzudrängen“. Welche
    Notwendigkeiten? Das müsste schon etwas ausgeführt werden: die
    von der Natur gegebenen, die durch die Gesellschaft bedingten. Der Mensch
    ist schließlich  kein Individuum, sondern ein gesellschaftliches
    Wesen. Oder?
     Der Begriff „Gutes Leben“ bei den amerikanischen Ureinwohnern meint etwas
    ganz andres als „Schlaraffenland“, nämlich sowas wie
    verantwortliches Leben, verantwortlich gegenüber der Gesellschaft
    und gegen über der Natur. Daraus erwachsen etliche
    „Notwendigkeiten“…

     2.- „Manche Technologien sind nur noch als apokalyptisch zu begreifen“.
    So? Welche? Und welche nicht? Immerhin sind sämtliche Technologien,
    sämtliche Industrien seit 250 Jahren ausschließlich deshalb
    entwickelt und vermasst worden, weil die der Wertakkumulation dienen. Und
    ihr Resultat ist, dass die Menschheit vor dem Selbstmord steht.
    Produktivkräfte sind Destruktivkräfte im Kapitalismus, nicht
    nur „manche Technologien“.
     „Produzieren“, „Produktionsmittel“, „Produkte“ – sind das nicht auch
    Begriffe, die zu „überwinden“ sind und nicht vernünftig zu
    organisieren?

     Und noch eine kleine Anmerkung aus Stuttgart:
     „Geldfreie Sequenzen“ erleben wir auch in Bewegungen!

  6. 6 Reinhard meinte am 12. Oktober 2013, 16:11 Uhr

    Es gibt ja nicht nur Kapital und Arbeit, sondern auch Arbeit und Konsum. Letzterem würde ich auch wieder mehr Kritik wünschen. Der Vorwurf, hier werde sozusagen einem Schlaraffenland das Wort geredet, ist leider nicht ganz unbegründet, wenn der Fokus zu sehr auf nur der Arbeit und der Geldfreiheit liegt. Bei vielen kommt die Vorstellung auf, die Utopie bestünde in einer noch weitgehender automatisierten Wirtschaft, die lustig weiter den ganzen bekannten Mist ausspuckt – nur jetzt auch noch ‚for free‘. Ich meine zu wissen, dass das eher nicht eure Vorstellung trifft, aber vielleicht solltet ihr dem Eindruck etwas mehr entgegen setzen. Auch der Begriff der ‚Produktion‘, der nach meiner Auffassung nicht nur die Tätigkeit, sondern auch das – ‚zu konsumierende?‘ – Produkt umfasst, könnte dadurch neu beleuchtet werden.

  7. 7 Martin meinte am 14. Oktober 2013, 10:52 Uhr

    Ja, Reinhard, die „Krise des Gebrauchswert“ ist auch zu bestimmmen als eine Kritik an den Konsumgewohnheiten. Nur: Wer entscheidet, was zu dem „ganzen bekannten Mist“ (Reinhard) an Waren/Gütern gehört und was nicht? Je länger man über die Frage nachdenkt, desto schwieriger ist die Antwort. „Der Verbraucher entscheidet, was produziert wird“, ist ein Teil des Selbstbewusstseins der Marktwirtschaft und auch von deren Ausstrahlung, denn ein vorgeschriebener Konsum ödet die meisten Menschen in Erfahrung der realsozialistischen Mangelwirtschaften und autoritärer Glücksversprechen an. Konsum gesellschaftlich zu determinieren, steht zudem in fließendem Kontakt mit Formen der sozialen Kontrolle, denn was sind „falsche“ Bedürfnisse“? Eine Frage, die auch unter gelernten Linken ganz anders beantwortet werden kann: Was für den einen Ausdruck einer warengesellschaftlicher Subjektivität ist, ist für den anderen Zeichen seiner Naturhaftigkeit (mit dem Zusatz – so ist ja in der Regel der Anspruch -, dass die Naturhaftigkeit reflektiert ist). Beispiel gefällig? Pornos; Computerspiele, die unbedingt einen achtkernigen Prozessor erfordern; ganz besondere Kleidung. Und, und, und…

  8. 8 Reinhard meinte am 17. Oktober 2013, 14:33 Uhr

    Was ich meinte, zielte erstmal mehr auf das ‚große‘ Bild: wenn wir die Vorstellung von Wohlstand als einer gigantischen Warensammlung einfach nur ersetzen würden durch die Vorstellung von Wohlstand als einer gigantischen Gütersammlung, so hätten wir nicht viel gewonnen, selbst wenn wir den Unfug tatsächlich in freier gemeinsamer Selbstbestimmung auf- bzw weiterführen würden. Vielleicht war das sogar einer der grundlegenden Irrtümer oder Versäumnisse des Real Existent Gewesenen – er konnte kein Ziel benennen, dessen (materielle) Vision sich großartig von der des Kapitalismus unterschieden hätte. Er hat es im Gegenteil, von leichten ‚Akzentverschiebungen‘ abgesehen, fast 1:1 übernommen und ’nur‘ behauptet, er wüsste einen nicht nur gerechteren, sondern vor allem besseren und direkteren Weg – ‚überholen ohne einzuholen‘.

    Was maximalen Ausstoß an Produkten angeht ist aber erstens der Kapitalismus offenbar kaum zu schlagen, zweitens ist das als Utopie inzwischen doch etwas ausgelutscht und erbärmlich und drittens wissen wir ja auch schon längst, dass unser sogenannter ‚Lebensstandard‘ nicht verallgemeinerbar ist. Deshalb ist es natürlich richtig und wichtig, den Arbeitswahn zu kritisieren, wir sollten das andere Ende, den Konsumwahn, dabei aber nicht außer acht lassen. Auch wenn in dieser Hinsicht bereits auf einiges an Vorarbeiten zurückgegriffen werden können, das Thema ist noch längst nicht ‚durch‘. Wobei für beide gilt, dass Kritik das eine ist, auf ein positives Ziel auf Dauer aber nicht verzichtet werden kann.

    Ein anderer Grund dafür, warum ‚Arbeit‘ nicht mehr im Zentrum unserer Gesellschaft stehen sollte oder auch nur kann, bringt uns in die Nähe des von dir formulierten Problems. Als die ‚Arbeitsgesellschaft‘ aufkam, war es tatsächlich so, dass menschliche Arbeitskraft der limitierende Faktor, die knappe Ressource, war; Rohstoffe zur Energiegewinnung bzw weiteren Verarbeitung zu Produkten hingegen scheinbar unbegrenzt vorhanden waren, allenfalls darauf warteten, ‚ausgebuddelt‘ und ‚verarbeitet‘ zu werden.

    Produktion und Distribution auf Grundlage der knappen Ressource ‚Arbeit‘ zu organisieren war unter diesen Voraussetzungen durchaus keine völlig abwegige und irrige Idee, auch wenn das Projekt schon aufgrund der mitgeschleppten Klassenstrukturen nie wirklich durchgezogen wurde und werden konnte – zum immer noch anhaltenden Bedauern ‚echter Liberaler‘, die sich aber größtenteils weiter beharrlich weigern, diese Ursache auch nur in Betracht zu ziehen. Aber selbst Engels hatte im Anti-Dühring ja noch die Verrechnung über Arbeitszeit als sinnvoll erachtet – unter der Voraussetzung natürlich, dass der ‚Klassenvorteil‘ im Sinne des Privateigentums an Produktionsmitteln geschleift wäre.

    Aufgrund des stürmischen Fortschritts der Produktivkräfte hat sich das Verhältnis aber heute nahezu umgekehrt – Arbeitskraft sucht händeringend um Beschäftigung, während andererseits die Rohstoffe allmählich knapp werden. Die Arbeitszentrierung ist auch aus diesem Grunde schlichtweg hinfällig. Eine künftige Gesellschaft hätte sich in der Frage von Produktion und Distribution wohl in erster Linie den Rohstoffen zuzuwenden, ihrer Verfügbarkeit im ‚Rohzustand‘, ihrer Wiederverwertung, ihrem Transport und der dafür erforderlichen Energien. Nicht mehr der ‚Input‘ an Arbeitskraft wäre der limitierende und bestimmende Faktor auch des Verbrauchs, sondern die Menge an Rohstoffen, die für bestimmte Produkte dem Gesamtsystem entweder temporär oder auch dauerhaft entnommen werden muss einerseits, sowie den Erfordernissen der Erhaltung des Gesamtsystems andererseits.

    Wenn wir uns an die gute alte Gleichheitstradition halten, hiesse das wohl, dass jedem Menschen qua Geburt und Existenz prinzipiell der gleiche Anteil an ‚den Dingen dieser Erde‘ zustünde. Denkbar wären zB eine Art ‚Ressourcenpunkte‘, die dem Einzelnen in gewissen Grenzen natürlich auch die Variation konkreter Anteile bestimmter Ressourcen ermöglichen würde, in erster Linie aber die freie Verfügung darüber, was er sich aus diesen Ressourcen zusammenfrickeln will.

    Die Frage nach ‚falschen Bedürfnissen‘ und ‚wer bestimmt das‘ hätte sich auf diese Art mE recht elegant erledigt – jeder, der ein bestimmtes Produkt vermisst oder ein neues will, könnte sich Gleichgesinnte suchen, die bereit wären, Teile ihrer Ressourcenpunkte (und ihrer Lebenszeit) darauf zu verwenden, die nötigen Rohstoffe und Produktionsmittel zu beschaffen und das Ding herzustellen. Wobei Produktionsmittel natürlich auch Ressourcenpunkte ‚verbrauchen‘, die ihrerseits sukzessive und nach bekanntem Muster auf die Produkte übertragen werden, soweit sie nicht recycelbar sind..

    Nicht erledigt und bestimmt auch nicht trivial wären die Details solch einer Be- und Verrechnung, sie wäre aber zumindest ebenfalls frei von den oben genannten und nicht zufällig immer wieder auftauchenden Fragen. Nicht frei wäre sie hingegen von der Frage, ob und wie damit die Möglichkeit zur Akkumulation gegeben wäre, ob und wie sie gegebenenfalls zu unterbinden wäre, kurz, ob und was für eine Art von ‚Markt‘ denn da nun wieder entstehen würde und ob er Eigendynamiken entwickeln würde, die uns das Heft des Handelns wieder aus der Hand nehmen würden. Relativ sicher bin ich mir nur darin, dass solche Ressourcenpunkte, auch wenn sie eine Art ‚Währung‘ ergeben, dennoch anders funktionieren würden und müssten als das uns bekannte Geld.

    Aber egal, ob der konkrete Ansatz taugt – sicher bin ich mir jedenfalls darin, dass Rohstoffe so oder so künftig eine zentrale Rolle spielen werden und dass das Privateigentum an Produktionsmitteln bei Aufrechterhaltung einer Klassengesellschaft sukzessive abgelöst werden wird durch das Privateigentum an Rohstoffen bzw dem Zugang zu ihnen. Wobei natürlich auch Wissen und Information zu diesen Rohstoffen gehören, soweit sie privatisiert sind bzw bleiben. Und an allererster Stelle natürlich Geld, da haben sie sich ja praktisch schon fast blanco verschafft. Es würde mich auch gar nicht groß wundern, wenn die Kapitalistenklasse eines gar nicht so fernen Tages die Produktionsmittel sogar ganz großzügig ‚der Allgemeinheit‘ übergibt. Unterm Strich hat man doch nur immer mehr Ärger damit, während immer weniger dabei rumkommt. Auf den Rohstoffen zu sitzen ist künftig wesentlich vielversprechender als weiterhin die olle Arbeit auszubeuten. Soweit kennen die ihren Marx auch allemal…

  9. 9 Sebastian meinte am 2. November 2013, 10:53 Uhr

    Das Lob von Martin für Euren Text kann ich nur teilen!
    Als ich den ersten Absatz unter Punkt 4 gelesen hatte, hatte ich dennoch auf etwas Größeres gehofft:

    „Kritik ist mehr als radikale Analyse, sie verlangt die Umwälzung der Verhältnisse. Perspektive versucht zu benennen, wie menschliche Verhältnisse zu gestalten sind, die dieser Kritik nicht mehr bedürfen; die Vorstellung einer Gesellschaft, in der das individuelle und kollektive Leben neu erfunden werden kann und muss. Perspektive ohne Kritik ist blind, Kritik ohne Perspektive ist hilflos. Transformation ist Experiment auf dem Fundament der Kritik mit dem Horizont der Perspektive. „Repariert, was euch kaputt macht!“, ist unsere Formel nicht.“

    Der Text ist reine Kritik, vollkommen berechtigt und richtig, aber zeigt leider keine Perspektive auf – außer der des „nicht mehr mitspielens“.
    Worum es gehen sollte ist die Transformation einer Gesellschaft, welche sich in der Sackgasse befindet. Und hierzu ist sowohl Kritik UND Perspektive notwendig, wie Ihr das so schön – aber leider nur in einem Satz – beschrieben habt. Ein dritter mindestens genauso wichtiger und notwendiger Punkt um die Transformation weiter voranzutreiben, sind gelungene Transformationsexperimente, welche beweisen dass der Horizonte keine Fatamorgana ist. Durch das Berichten über gelungene Transformationsexperimente wird sich der Horizont anderer Menschen erweitern, welche die Perspektiven bisher nur als Fatamorgana gesehen haben. Darauf kommt es an: Eine kritische Masse in jeder Bevölkerungsschicht davon zu überzeugen, dass es viele vielversprechende Perspektiven gibt und das Experimentieren auf diesem Weg sehr spannend und lohnenswert ist.

    Der Text ist in meinen Augen also hilflos, wie Ihr das selbst beschrieben habt. Ich bitte Euch darum in gleichem Stil weiter zu kritisieren, aber dennoch auch die Perspektiven und gelungene Transformationsexperimente intensiver zu beleuchten. Nur in diesem Dreiklang werden Eure Worte Wirkung zeigen.

    Die Stiftung futurzwei
    http://www.futurzwei.org/#index
    steht für den dritten Ton des Dreiklangs einer besseren Zukunft, nämlich für das Berichten von gelungenen Transformationsbeispielen. Sehr interessant und anregend und lohnenswert! :)

    Viele Grüße

  10. 10 Jens Nagel meinte am 22. November 2013, 22:42 Uhr

    Meine Begeisterung für Ihre Ausführungen kann ich gar nicht in Worte fassen.
    Aber auf die Frage meiner (Kunden, sage ich nicht) Fahrgäste was denn für eine „Politik“ oder „Partei“ die Alternative sei kann ich jetzt mit voller Überzeugung sagen, Keine wir brauchen keine die uns „an der Hand“ führt! „Wir können es auch alleine. ..“
    Mit solidarisch revolutionären Grüßen
    Jens Nagel Leipzig
    MG AR betacoop.de

  11. 11 Johann Bergmann meinte am 28. November 2013, 09:11 Uhr

    moin, moin,
    der Text gefällt mir
    hab eine Veranstaltung dazu angekündigt:
    Fr 20.12. 19 Uhr
    Repariert nicht, was euch kaputt macht!
    Wir lesen und diskutieren das kleine Demonetize!-Manifest der Streifzüge
    (http://www.streifzuege.org/2013/repariert-nicht-was-euch-kaputt-macht)
    Ort: Kurzschluss, Bremen
    zu finden unter: >> https://ksbremen.mensa.uberspace.de/wordpress/programm/

    Wer Lust hat, kann gerne auch mal auf unsere Theorie-Seite schauen:
    „Geld und Eigentum abschaffen! … und warum das noch lange nicht reicht!“
    (https://we.riseup.net/geldundeigentumabschaffen)

    solidarische Grüße aus Bremen
    Johann

  12. 12 Repariert nicht, was euch kaputt macht! | |Reaktionen meinte am 2. März 2014, 19:08 Uhr

    […] mit Freude die uns sehr begeisternden und uns überzeugenden Positionen des kleinen Manifests der Streifzüge. Wir sparen uns weitere Worte, und nehmen nur noch den Schlusssatz […]

  13. 13 Ne réparez-pas ce qui vous détruit - Streifzüge - Magazinierte Transformationslust meinte am 17. März 2014, 21:24 Uhr

    […] Deutsche Fassung […]

  14. 14 Amancian Syndjenshmaith meinte am 20. März 2014, 10:31 Uhr

    Der SStaat, Politik, Finanzen, Religionen sind heilbare Krankheiten des Geistes. So etwas wie Gesinnungs-AIDS. Heilbar, außer für Neandertaler, ewiggestrige POLIT-Primaten und andere spätrömische VolkSSchmarotzer, die entsetzlichen Schiß haben, für ihr täglich Brot wirklich arbeiten zu müssen!
    Wird Zeit einige erhellende FACKELN DER WAHRHEIT und Steine ins DUNKLE zu werfen, um zu sehen, welches Ratten-Gesindel man dabei so aufscheucht!
    Wird Zeit, daß diese planetare Seuche auf dem Müllhaufen der Geschichte landet und mit ihnen die ganzen parasitären Mittläufer-Profiteure aus den Militär-Jurist-Beamten-Pfaffen-Kasten!

  15. 15 Kiwi-Land meinte am 27. März 2014, 08:28 Uhr

    […] http://www.streifzuege.org/2013/repariert-nicht-was-euch-kaputt-macht […]

  16. 16 willi uebelherr meinte am 5. April 2014, 23:59 Uhr

    Liebe freunde,

    euer kleines manifest beginnt grossartig:
    „Perspektive ohne Kritik ist blind, Kritik ohne Perspektive ist hilflos.“

    Aber dann folgt spaeter die verwirrung:
    „Wir stehen für die restlose Entwertung der Werte, …“

    Ich frage mich, ob ihr euch im klaren seid, aus welcher werthaltung heraus ihr dieses manifest geschrieben habt¡

    Kritik ohne Perspektive ist hilflos. Das schreibt ihr. Aber ihr nehmt euch selbst nicht ernst.

    Und worauf ruhen perspektiven? Ziele, visionen? Dieser frage muesst ihr nachgehen. Dann versteht ihr, worum es eigentlich geht.

    mit lieben gruessen, willi
    Quetzaltenango, Guatemala
    willi.uebelherr@gmail.com

  17. 17 Marlene meinte am 13. Juni 2014, 18:14 Uhr

    Ich bin so begeistert von Eurem Artikel! Endlich beschreibt jemand die Abschaffung des Geldes (und nicht eine Geldtransformation mit alternativem Geld). Ich dachte schon, ich wäre alleine mit meiner Idee. Wozu brauchen wir Geld? Ein System ohne Geld wäre viel besser. Ich ginge zu jemandem, der/die Brot backt und bekomme das Brot, das ich brauche. Und so weiter. Wir würden in kleineren Strukturen zusammen leben. Niemand würde mehr in einem Atomkraftwerk arbeiten wollen. Also gäbe es sie nicht. Wir hätten regionale Stromversorgung. Das wollen die Menschen machen und zwar freiwillig. Es gäbe keine LehrerInnen mehr, die keine Lust haben, Kinder beim Lernen zu begleiten. Das würden Menschen machen, die dazu Lust haben. und so weiter… Alles anders zusammen organisieren wird viel Arbeit, aber ich denke, gemeinsam würden wir es schaffen, wenn nur alle Mut hätten und Phantasie. Die Fähigkeiten haben viele!

  18. 18 Oberham meinte am 22. Juni 2014, 15:04 Uhr

    … ich hasse ja Manifeste, bin mehr für das Leben…….. – doch ihr habt es auch treffend in Worte gefasst.

    Solange die Gesellschaft verrückt spielt – bleibt einem nur das eremitische Naturleben-Naturerleben: Viel Mut und vor allem – ich kann das wirklich sagen – das Gefühl, die Gedanken, die einem schlicht die Sicherheit geben, ein lebendiges Wesen zu sein, dass sich im Frieden seines Seins geborgen fühlt und aus Sich heraus einen ganz persönlichen, liebevollen Empfindungskosmos wachsen lässt, der materielle Armut als den größten Reichtum einordnet, da, wer sich am Blaubeergeschmack labt, wer sich den blauen Kornblumen hingibt, die auf zartgrünen, filigranen Körpern ihre Blütenköpfe der Sonne entgegenrecken, wer den Wind durch das Korn tanzen fühlt, wer seine Füße auf der Mutter Erde geliebt weiß, wer all die grandiosen Momente des Daseins in sich dringen lässt, der hat schlicht keine Zeit sich gegen Geld einem Auftrag zu verkaufen!

    Sollten sich gleichempfindende zusammenfinden, wird es für sie immer eine große Bereicherung sein – den letztlich ist ein Mensch an meiner Seite das größte Geschenk, das Gespräch, der Tanz, die Musik, der Augenblick – liebend, oder in Respekt und Freundschaft – er wäre der größte Schatz!

    Selten erlebt man auch in unserer kranken Moment solche Momente, doch die lieben immer im Schatten der Zukunft, da die Waben des natürlichen Empfindens, meist mit Wucht und Grausamkeit vom realen Wahnsinn unserer Sozialisierung überrannt werden.

    Mir bleibt da nur die Flucht in den Wald und ja – es gibt Menschen die mich noch sprechen möchten – die auch ich sprechen mag – leider kann ich sie nicht aus dem Systemwahn führen, sie befreien – im Gegenteil sie sorgen sich um mich ;-)…………- wobei sie zweifeln immer mehr daran, da sie mich meist fröhlich erleben, und dann………
    ja und dann fragen sie sich wohl – warum?

  19. 19 If It’s Breaking You, Don’t Fix It! - Streifzüge - Magazinierte Transformationslust meinte am 25. Juni 2014, 08:33 Uhr

    […] Oberham bei Repariert nicht, was euch kaputt macht! […]

  20. 20 frei schwebendes Radikal meinte am 6. Juli 2014, 23:50 Uhr

    Dass es bei diesen für mich durch nichts in Frage zu stellenden alles in Frage stellenden Grundsätzen nicht um ein „weiter wie bisher“ geht, war mir schon vor dem Lesen dieses Manifestes völlig klar. Fakt ist: Vieles, was uns, der Menschheit und der Umwelt schadet, tun wir nur, weil wir, die Menschheit und die Umwelt schon einen Schaden haben. Beispiel: „Wie soll ich ohne Auto auf Arbeit kommen? Und wie soll ich mir von meinem geringen Lohn ein umweltfreundliches Modell leisten?“ In Frage zu stellen ist die Arbeit, vielleicht ist man ja jemand, der sich mit Politik und Geld beschäftigt – überflüssig. Oder jemand, der am Band steht und SUVs zusammenschraubt oder am Reißbrett den letzten Sandboden mit sechspurigen Asphaltbändern überzieht – schädlich. Besser wäre s, dieser Mensch bliebe im Bette und reparierte nach dem Aufstehen irgendwas, was sonst komplett ersetzt worden wäre, weil niemand sich die Zeit nimmt, Kleinkram anzufassen. Z.B. gestopfte Socken, Taschentücher aus den guten Stücken alter Bettwäsche – ist nicht wirklich ein Qualitätsverlust, den Stopfer sieht keiner im Schuh und Taschentücher sind Taschentücher. Die fusseln auch nicht in der Maschine wie die aus Papier. Allerdings ist dieser Staat knallhart, macht einen rund mit Sachen wie Schulpflicht (hätte auch, in Bürokratie erstickend, keine Nerven, meine Kinder zu unterrichten), GEZ oder dem alljährlichen Abfordern der Steuererklärung – sonst droht Schätzung mit Zahlungsaufforderung. Das Finanzamt hat für die Erstellung seiner Bescheide ewig Zeit, da stirbst du drüber ab. Eben, Mist-System. UND WIE WERDEN WIR DAS JETZT LOS????

  21. 21 sacredchao.de meinte am 23. Juli 2014, 15:15 Uhr

    […] Mit freundlichem Gruß nach http://www.streifzuege.org/2013/repariert-nicht-was-euch-kaputt-macht […]

  22. 22 Caillea | Repariert nicht, was euch kaputt macht! meinte am 7. August 2014, 21:43 Uhr

    […] Quelle: Streifzüge > Artikel […]

  23. 23 mona meinte am 8. Mai 2015, 04:05 Uhr

    Der Text ist in Ansehung der Brutalität, mit der die Voraussetzungen des bestehenden Status Quo sich realpolitisch reproduzieren,lustig und wohl in Unkenntnis oder Ignoranz der 11. Feuerbachthese formuliert.

  24. 24 Situation und Aussicht - Streifzüge - Magazinierte Transformationslust meinte am 7. Oktober 2015, 15:51 Uhr

    […] und nicht wenige haben sich entschlossen, TransponsorInnen zu werden. Unter Orientierungspapier „Repariert nicht, was Euch kaputt macht“ hat inzwischen schon die 3. Auflage erlebt. Trotzdem haben wir nicht mehr erreicht, als unsere […]

  25. 25 Widersprüche und Denkformen in der Krise vom 1. Juli 2013 meinte am 5. April 2016, 11:32 Uhr

    […] Repariert nicht, was euch kaputt macht  – ein Manifest für das gute Leben (hier) […]

  26. 26 Degrowth Konferenz 2014 in Leipzig vom 1. September 2014 meinte am 14. April 2016, 09:13 Uhr

    […] Repariert nicht, was euch kaputt macht  – ein Manifest für das gute Leben (hier) […]

  27. 27 Von der Revolution zur Transformation vom 18. August 2013 meinte am 5. Dezember 2016, 20:31 Uhr

    […] Repariert nicht, was euch kaputt macht  – ein Manifest für das gute Leben (hier) […]

  28. 28 Wie die Zivilcourage weltweit wächst vom 21. August 2013 meinte am 4. Januar 2017, 20:39 Uhr

    […] Repariert nicht, was euch kaputt macht  – ein Manifest für das gute Leben (hier) […]

  29. 29 ein Blockbeitrag meinte am 8. Februar 2017, 12:53 Uhr

    Zur Unterhaltung; im Folgenden äußert sich ein Anarchist auf seinem Block zu Kurz, Wertkritik, Schandl. Ein Schwerpunkt ist „Geld ohne Wert“ wie aber auch das „Manifest“ der Streifzüge. Wegen Letzterem sei der Blockbeitrag hier als Kommentar kopiert; der Beitrag ist entspannend und jenseits von wahr oder unwahr – einfach unterhaltend, gut für den Milchkaffee, wie ich finde. Der Beitrag:

    Sind anarchistische Gesellschaftskonzepte in Sicht, die über verschwommene Heilsversprechungen à la „ein besseres Leben“ hinausgingen? Ich hatte mir in dieser Hinsicht erst kürzlich einiges vom letzten, 2012 posthum veröffentlichten Buch unseres antikapitalistischen Theoretikers Robert Kurz versprochen, doch ich rate von der Lektüre ab. Sein Werk Geld ohne Wert ist furchtbar geschrieben und entsprechend dürftig ist dessen Ertrag. Zwar betont Kurz im vorletzten Kapitel zunächst, niemand könne sich Nation, Staat und staatssozialistische Planwirtschaft zurückwünschen, womit er vermutlich immerhin die Genossen von der Jungen Welt vor die Birnen stößt. Doch dann kommen nur noch ein paar Seifenblasen. „Eine bewusste gesellschaftliche Planung der Reproduktion nach sozialen Bedürfnissen und stofflichen Gütern kann weder abstrakt ‚zentral‘ noch ebenso abstrakt ‚dezentral‘ kleinräumig organisiert sein, sondern sie wird sich ganz einfach auf verschiedene Räume mit verschiedener Reichweite verteilen, und zwar gemäß den sachlichen Erfordernissen einer vielfältig gestaffelten Produktion von ‚konkretem Reichtum‘.“ Ganz einfach ..! Als Beispiel führt er einerseits Gemüse an, das sinnvollerweise jeweils an Ort und Stelle zu verarbeiten und zu verzehren ist, statt es durch die halbe Welt zu schleusen; andererseits Stahlwerke, die man sicherlich nicht überall errichten, sondern hier und dort konzentrieren wird. „Und Infrastrukturen wie Kommunikationsnetze oder Verkehrsverbindungen können sowieso nur großräumig organisiert werden.“ Also das schon. Es gibt somit „mehrere Planungsebenen“, klein- bis großräumige, doch sie alle werden sich „nicht mehr auf einen Staat beziehen“. Sondern? Auf Haufen sympathischer BewohnerInnen Sachsens oder des einen oder anderen Balkanwinkels, denen nur das Gemeinwohl am Herzen liegt? Auf Robert Kurz, der die Planungsebenen und Haufen von seinem Computer aus koordiniert?

    Wie sich hier Chaos, Vergeudung, Mißbrauch, Herrschaft, Unrecht und Ärger ohne Ende vermeiden ließen, deutet Kurz mit keinem Komma an. Ein freundlicher Mensch könnte einwenden, ich selbst hätte ja in Konräteslust gezeigt, „daß es ginge“. Aber erstens umfaßt meine Freie Republik Konräteslust lediglich 3.000 Leute, die weitgehendst an einem (anarchistischen) Strick ziehen; zweitens ist sie von wohlwollenden, sie schützenden, oder jedenfalls von nicht aggressiv gestimmten deutschen Gemeinden und Bundesländern umgeben. Beides ist selbstverständlich Utopie. Faktisch hat schon ein Ländchen wie Bosnien und Herzegowina eine in zahlreiche Schichten, Interessen und Bildungsgrade gespaltene Bevölkerung von knapp vier Millionen, und es liegt bereits vor jedem Beschuß durch Drohnen oder Mittelstreckenraketen unter einem dichten, nie abreißenden propagandistischen und kriminaltaktischen Trommelfeuer, für das noch einmal so viele, gern auch heftig miteinander konkurrierende Agenten des internationalen Kapitals sorgen, ob sie sich nun Journalisten, Diplomaten oder Menschrechtsaktivisten nennen.

    In Wien wird die Fahne der „Wertkritik“ (Gruppe Krisis) von Robert Kurz‘ früherem Mitstreiter Franz Schandl und einigen anderen Genossen hochgehalten, die seit vielen Jahren gemeinsam die Zeitschrift Streifzüge machen. Ihre Auskünfte über den Bau der alternativen Gesellschaft und die Treppen, die zu ihm führen, scheinen leider auch nicht konkreter zu sein als die von Kurz, dem Todfeind aller Abstraktionen. Im Oktober 2013 brachten sie ein Manifest mit dem Titel Repariert nicht, was euch kaputt macht! „Gegen das bürgerliche Dasein – für das gute Leben.“ Ich empfehle die Lektüre, weil es im Gegensatz zu Kurz‘ letzten Abhandlungen les- und sogar genießbar ist. Selbst an den darin vertretenen Positionen, die Kampfansage an jede Politik und jeden Reformismus eingeschlossen, habe ich nichts auszusetzen. Doch wie führen wir den Kampf, falls er denn unvermeidlich ist? Wie kommen wir zu gegengesellschaftlichen Strukturen, die weder in „grünen“ Sümpfen noch in Blutbädern enden? Wie verhindern wir die selbstmordreife Entmutigung der KämpferInnen gegen die Zumutungen der Warenproduktion? Da haben sie dieses schöne Manifest gelesen – und nach einigen Monaten oder Jahren müssen sie feststellen, daß es hinten und vorne an geeigneten Instrumenten zu seiner Umsetzung mangelt. Vermutlich wird ihnen dann auch der Glaube an den „Sieg“ recht bald abhanden kommen.

    Im Grunde, so fürchte ich, handelt es sich auch bei diesem gut gemeinten und gut geschriebenen Manifest der Streifzüge lediglich um eine elegant gestreckte Durchhalteparole. Von dieser Sorte Text hat es in 100 Jahren schon Tausende gegeben. Zwar fehlen uns sämtliche Rettungsringe, von Harpunen ganz zu schweigen, aber wir sollen uns nicht unterkriegen lassen. Vielleicht ist es sogar unverantwortlich, so etwas in die Welt zu setzen. Es verleitet zu Illusionen, falschen Einschätzungen, Fehlern – Katzenjammer. Man wird vielleicht höhnisch einwenden: Ja, sicher, wer gar nichts tut, kann auch nichts falsch machen. Worauf ich erwidere: Wir stehen nicht am Anfang. Wir haben viele Jahrzehnte des Klassenkampfes, der Räte- und Kommunebewegung, der indigenen Kämpfe und der Verweigerung hinter uns. Diese Erfahrungen gälte es zu sichten, zu beurteilen, fruchtbar zu machen oder zu verwerfen, bevor man neue Aufbrüche vorschlägt. Ich will nicht ausschließen, daß man, etwa bei Krisis, mit dieser Sichtung bereits begonnen hat – aber wenn sie so mager ausfällt wie Franz Schandels Abkanzelung der sozialen Bewegungen, die ein halbes Jahr vor jenem Manifest in den Streifzügen zu lesen war, sollten sich unsere linksradikalen TheoretikerInnen vielleicht doch lieber der Gymnastik oder dem Snookerspielen widmen, das wäre zumindest für sie selber gesünder.

    Schandl geht zurecht, wie ich meine, davon aus, „Bewegungen“ wie Attac, Occupy und „Bürgeriniativen“ aller Art seien nicht nur ungeeignete Instrumente für die Beiseitigung der kapitalistisch verfaßten Demokratie, sondern hülfen im Gegenteil kräftig dabei, diese zu reformieren, also zu erneuern. Schandls Alternative ist der Aufstand. „Der Aufstand soll natürlich nicht als Akt der Machtübernahme verstanden werden, sondern als Werk der Selbsterhebung. Improvisationen und Experimente erzeugen Situationen, die spüren lassen und zeigen, dass es anders ginge, dass das gute Leben keine Utopie ist, sondern geschaffen werden kann. Hier und jetzt und morgen noch viel mehr.“ Schandl empfiehlt also eher Stillstand oder Innehalten statt Bewegung, wie es alle Verweigerer vor ihm auch schon taten. „Die Transformation der bürgerlichen Gesellschaft wird sich außerhalb antiquierter Muster vollziehen.“ Diese Feststellung entbindet ihn günstigerweise von der Notwendigkeit, auf ein paar Mittel und Wege zu sinnen, wie die Transformation einigermaßen verlustarm und erfolgversprechend bewerkstelligt werden könnte, d.h. er ist nicht klüger als Kurz, er schreibt nur besser. Vielleicht wäre es redlicher, sich die durchaus alte Riesenklemme einzugestehen, an der ich unsereins allmählich notwendig scheitern sehe: wollen wir verhindern, durch Eingreifen, ob per USPD, APO oder „soziale Bewegung“, von den übermächtigen Strukturen des Systems aufgesogen und in kapitales Fleisch verwandelt zu werden, wird uns das boykottierte System erfreut und grausam an seine Ränder und in die Sickergruben der Weltgeschichte drängen. Man wird vielleicht schreien, wir hätten beides zu tun, es sei dialektisch. Aber um diese Dialektik, sprich: Zerreißprobe durchzuhalten, ohne umzufallen, muß man sehr stark, sehr geschmeidig sein.

    Damit komme ich noch einmal auf Schwächen und Stärken der Arbeit Geld ohne Wert des Robert Kurz zurück. Ja, sie hat ein paar Stärken. Hier wäre an erster Stelle Kurz‘ Hinweis auf den Zusammenhang der Herausbildung des Frühkapitalismus mit der Erfindung der Feuerwaffen und dem entsprechend massiven Festungsbau, also mit einer bis dahin unbekannten Rüstungsproduktion zu nennen. Für Kurz verdankt sich die marktwirtschaftliche Funktion des Geldes (das es bereits vorher gegeben hat, als „Geld ohne Wert“ nämlich) in erheblichem Maße diesem gewaltigen Rüstungsschub, der ohne Staat, Steuern und eben Geld in Unmengen gar nicht zu finanzieren war, wie Kurz im sechsten Kapitel seines Buches darlegt. Damit bekräftigt er die bekannte linksradikale Diagnose von der innigen Ehe zwischen Kapitalismus und Krieg. Zu ihr zählt auch eine wichtige Entsprechung, die Kurz zumindest andeutet, nämlich zwischen einer nun „abstrakten“ Kriegsführung mit Hilfe der Distanzwaffen und einer auf „Arbeit an sich“ und „reiner Zahlungskraft“, also auf dem berüchtigten Wert beruhenden Warenproduktion. Erst hier entstehen die geheiligten Selbstzwecke und krank machenden Entfremdungen des modernen „Wirtschaftens“. Wie sich versteht, war und ist die menschliche Rüstungsproduktion ein ungeheuerlicher „Ressourcenfresser“, wie Kurz dazu sagt, aber daran haben sich bislang noch alle USPDs, APOs und Sozialen Bewegungen gut gewöhnen können.

    Der sakrale Zug des Kapitalismus stellt freilich nichts wirklich Neues dar, wie ebenfalls von Kurz zu erfahren ist. Irgendwelche Götter braucht die Menschheit offenbar immer. Machen uns Darwin & Nachfahren Christus oder Allah tot, heben wir Wert auf den Thron, flankiert von den Engeln Wachstum und Effizienz. Kurz erinnert im fünften Kapitel (auf das er im 20. noch einmal zurückkommt) an den Ursprung des Geldes im (Menschen-)Opfer. Wer diese Erklärung annimmt, wird sich nie mehr über Wounded Knee, Auschwitz, Hiroshima und die erst auf uns zukommende Barbarei wundern. Kurz scheint die Letztere für ähnlich unausweichlich wie den unter Linken seit vielen Jahrzehnten heiß diskutierten „Zusammenbruch“ des Kapitalismus zu halten, der für Kurz notwendig an seinen Selbstwidersprüchen zugrunde gehen muß. Aber in diese Diskussion werde ich mich nicht einmischen.

    Damit komme ich zu weiteren Kurz’schen Schwächen. Mir ist es nämlich scheißegal, ob Kurz in diesem Punkt oder auch in anderen Punkten recht hat. Für mich ist jeder Tag Kapitalismus ein Tag zu viel, also verdamme und bekämpfe ich ihn unabhängig von der Frage, ob er vielleicht in 17 Jahren sowieso „von allein“ zusammenbricht. Mir ist es genauso scheißegal, ob Marx und Engels in 100 wichtigen Fragen oder nur in 38 oder 11 wichtigen Fragen recht hatten. Dagegen scheint es Robert Kurz keineswegs gleichgültig zu sein. Mir hat sich jedenfalls zunehmend der Verdacht aufgedrängt, er drischt deshalb unablässig, jedoch über weite Strecken spitzfindig und fruchtlos auf die „Abweichler“ oder „Versöhnler“ der sogenannten Neuen Orthodoxie und der sogenannten Neuen Marxlektüre ein, weil er gerne der Marxismus-Kenner und Marx-Engels-Exeget wäre, also der sprichwörtliche Cheftheoretiker. Er muß von der Blindheit oder der Heimtücke seiner ideologischen Gegner besessen gewesen sein und Tag und Nacht auf Widerlegungen gebrütet haben. Wahrscheinlich träumte er von einer neuen wahren Marx-Schule, die freundliche Menschen am Ende des 21. Jahrhunderts der Kürze halber auf den Begriff des Kurzismus bringen würden. Auch Schandl deutete (im Juli 2012) in seinem Nachruf auf Kurz eine kräftige Neigung unseres linken Nürnberger Trichters zum Rechthabertum an, obwohl der Genosse aus Wien diesen Text, wie ich finde, ausgesprochen fair gehalten hat.

    Wie drei oder vier Eingeweihte wahrscheinlich sofort bezeugen würden, habe ich auf Kurz‘ Schwarzbuch Kapitalismus immer große Stücke gehalten. Im Vergleich zu Geld ohne Wert stellt diese bahnbrechende umfangreiche Arbeit von 1999 sogar ein Gedicht dar, denn sie ist gut geschrieben. Hier dagegen übertrumpft sich unser Kämpfer gegen alle Abstraktionen mit unanschaulichen und buchstäblich beispiellosen Sätzen, daß es eine wahre Wonne wäre, sein Werk nach einigen Seiten gleich wieder in die Ecke zu werfen. Hinzu kommen viele unsorgfältige, ungenaue, schematische Formulierungen. Kurz-JüngerInnen oder Kurz‘ Lebensgefährtin Roswitha Scholz werden das vielleicht mit dem skizzenhaften oder fragmentarischen Charakter der Arbeit, also mit Kurz‘ unerwartetem und skandalösen Tod rechtfertigen (siehe unter >Ashe, Arthur), aber dafür kann ich mir auch nichts kaufen, ganz im Gegensatz zum Horlemann-Verlag, der zur Stunde womöglich schon die vierte Auflage vorbereitet.

    Ich schließe mit Kurz‘ Vorliebe für geballte Anwendung von Fremdworten, womit er sich vermutlich im angemessenen Rüstungswettlauf mit 7.000 anderen linken Theoretikern befindet, die emsig beschossenen „Orthodoxen“ und „Lektürierten“ eingeschlossen. Die lesen sowas immer gern. Wie ich schon früher andernorts bemerkte, lehne ich Fremdworte nicht ab, weil sie aus einer anderen Sprache stammen, sondern weil sie unanschaulich sind. Im Falle gesellschaftskritischer Abhandlungen kommt hinzu: spicke ich diese mit Fremdworten, verkommt die Gesellschaftskritik zur Geheimwissenschaft. Das entspringt autoritären Gelüsten. Nehmen wir, um den Gegensatz zu veranschaulichen, die folgenden wenigen Prosasätze, die wahrscheinlich sogar ein Trottel wie Heinrich Lübke auf Anhieb verstehen und belächeln würde. Sie stammen von mir.
    Ich fürchte, die Kluft zwischen Edith und mir ist nicht mehr zu überbrücken. Linus ist ihr offensichtlich wichtiger. Sie bevorzugt ihn schon bei Tische, da winkt bereits das Bett. Dabei sieht jeder unbefangene Beobachter sofort, daß dieser Linus ein unbeständiger, in der Regel freilich dünkelhafter, kurz ein überflüssiger Stoffel ist. Sie jedoch, Edith, zaubert die Hemmungen, die er schon beim Verzehren einer wuchtigen Thüringer Rostbratwurst zeigt, durch ein aufmunterndes Lächeln weg; legt seine abirrenden Blicke als Inbegriff des Weltmännischen aus; verniedlicht die Schweißperlen, die sich auf seinem Mondgesicht ansammeln, zu besonders reizvollen Sommersprossen und wiegt ihn dergestalt stillschweigend und von einer Mensamahlzeit zur anderen in jener bereits von mir befürchteten Gewißheit auf eine echte Liebschaft. Ich glaube schon fast selber daran. Sie wird sich auf dieses Weichei versteifen. Sie wird mich im Stich lassen, ja mehr noch, mich ein für allemal aus ihrem Leben tilgen. Ich ahnte es schon immer, die Sitten sind verwildert. Das wird eine schönes Paar werden, der Bratwurststoffel und sie, die dumme Kuh!
    Was aber macht ein Robert Kurz daraus?
    Ich fürchte, die Diskrepanz zwischen Edith und mir ist nicht mehr zu überbrücken. Linus ist ihr offensichtlich relevanter. Sie favorisiert ihn schon bei Tische, da winkt bereits das Bett. Dabei sieht jeder nicht affizierte Beobachter sofort, daß dieser Linus ein inkonsistenter, in der Regel freilich distinktionierter, kurz ein reduntanter Stoffel ist. Sie jedoch, Edith, eskamotiert die Friktionen, die er schon beim Verzehren einer veritablen Thüringer Rostbratwurst zeigt, durch ein affirmatives Lächeln; interpretiert seine erratischen Blicke als Inhärenz des Weltmännischen; minimiert die Schweißperlen, die sich auf seinem Mondgesicht aggregieren, zu aparten Sommersprossen und wiegt ihn dergestalt implizit und sukzessive in jener bereits von mir befürchteten Gewißheit auf eine veritable Liebschaft. Ich glaube schon fast selber daran. Sie wird sich auf dieses Weichei kaprizieren. Sie wird mich desavouieren, ja mehr noch, mich ein für allemal aus ihrem Leben eliminieren. Ich ahnte es schon immer, die Sitten sind anomisch geworden. Das wird eine schöne Dichotomie werden

  30. 30 Reitmeier meinte am 9. Februar 2017, 12:15 Uhr

    Reitmeier heißt der Blogger übrigens. Ich vergaß seinen Namen zu nennen und da sein Blog ja für jedermann erreichbar ist, ist seine Namensnennung wohl nicht nur erlaubt, sondern wohl auch wertschätzender…
    Einiges weiß m.E. Reitmeier ganz gut auf dem Punkt zu bringen. Und sowieso ist sein Schreibstil uneitler, anschaulicher als der eines Theoretikers; es spricht somit das Selbstbewusstsein von jemanden, dessen Elternhaus nach psychoanalytischen Stereotypen wohl erträglich war… – wer geschlagen wurde, liebt oft Fremdwörter und schämt sich für Geschriebenes.
    Guter Satz von Reitmeier: „Wie sich hier Chaos, Vergeudung, Mißbrauch, Herrschaft, Unrecht und Ärger ohne Ende vermeiden ließen, deutet Kurz mit keinem Komma an.“ Reitmeier spricht damit an: Planwirtschaft wagt die Wertkritik nicht in den Mund zu nehmen, aber sie meint letztendlich nichts anderes – und da ist es angesichts der Erfahrungen schon schwierig, mit der hohen Überzeugungskraft der fundamentalen Kritik der kap. Ökonomie, die die Wertkritik zu entfalten weiß, zufrieden zu sein.
    Bakunin II

  31. 31 Repair: Wie die Stadt noch zu retten ist. - Transition Town Freiburg meinte am 19. Juli 2017, 10:07 Uhr

    […] Redaktion Streifzüge: Repariert nicht, was euch kaputt macht! Gegen das bürgerliche Dasein – für das gute leben! 2013, hier die Druckversion […]

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