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Gleichklang?

24 Apr 2013

Streifzüge 57/2013 – Homestory

von Maria Wölflingseder

Eine Sprechblase voller Fragezeichen braut sich über meinem Kopf zusammen angesichts der Trends, die sich zwischen Debatten über Po-Grapschen und sexuelle Belästigung einerseits und Kontaktarmut andererseits auftun. Nicht nur Wellness-Massagen aller Art, auch Free Hugs und Kuschelpartys werden als Rezept gegen fehlendes Bewegt-Sein und Berührt-Werden gepriesen. Während die Hugs kostenlos sind, muss alles andere selbstverständlich berappt werden. Genauso wie die Benutzung der zahllosen Kontaktplattformen im Internet. Ein lukratives Geschäft in wirtschaftlich miesen Zeiten. – Aber ist an diesen angebotenen Alternativen nicht grundsätzlich etwas verkehrt? Wird da nicht das Pferd von hinten aufgezäumt? Geht es nicht zuerst um das Betroffen-Sein, das Bewegt-Sein, um den Gleichklang. Und dann um die Zuwendung? Bei den angebotenen Alternativen verkürzt sich alles auf die Zuwendung, auf irgendeine Zuwendung, auf eingekaufte Zuwendung. Wären da nicht Glückspillen aus der Apotheke der einfachere Weg? Fehlt da nicht das Entscheidende? Das einmalige Erlebnis der Anziehung, der Inspiration, der Sehnsucht, der Hingabe?

www.gleichklang.de heißt eine viel beworbene „alternative Kennenlern-Plattform für naturnahe, umweltbewegte, tierliebe und sozialorientierte Menschen“. Alternativ scheint sich hier auf den sogenannten „Lebensstil“ der Kunden zu beziehen. Die Art der Partnervermittlung ist jedoch nicht anders als bei anderen Plattformen, sondern höchstens noch „berechnender“. Den Zufall, die Überraschung scheinen nämlich heute alle zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser. „Es werden mithilfe eines wissenschaftlichen Fragebogens und eines Persönlichkeitstests relevante Informationen zum Lebensstil und zur Persönlichkeit, aber auch zum Äußeren, erhoben. Auf dieser Grundlage können dann mithilfe eines psychologisch-mathematischen Vermittlungsalgorithmus optimale Partnervorschläge und Freundschaftsvorschläge unterbreitet werden.“ Es geht dabei um eine Ermittlung „mit scharfen Einschluss- und Ausschlusskriterien, Ähnlichkeitsmaßen und einer Umsetzung der sogenannten Fuzzi-Logik“. – Alles läuft generalstabsmäßig geplant ab: Sage mir deine Präferenzen – vegan oder vegetarisch, religiös/spirituell oder a-religiös, deine sexuelle Orientierung (erstaunlich wie viele es da gibt), deine sexuellen Funktionsstörungen, deine Behinderungen und Erkrankungen, deine besonderen körperlichen Merkmale (z.B. dick) und vieles andere – und ich sag dir, wer zu dir passt.

Unter Gleichklang verstehe ich das genaue Gegenteil. Mein Bewegt-Sein und meine Begegnungen entspinnen sich jenseits jeglicher Kategorien und Kriterien, jenseits aller Weltanschauung, ja, jenseits des Verstehens! Gleichklang ist, etwas tief Bewegendes zu erleben, ohne es erklären zu können. Wenn ich einem Menschen begegne, einen Ort erlebe, ein Lied höre, eine Geschichte lese, ein Bild betrachte, kann es passieren, dass die Zeit stillzustehen scheint. Dann, wenn mein Gegenüber mich zum Klingen bringt, weil es auf denselben Ton gestimmt ist, und wir uns gegenseitig auf den Grund der Seele schauen.

Patrick Leigh Fermor, der 1933 als 18-Jähriger zu Fuß von Amsterdam nach Konstantinopel wanderte, beschreibt das in seinem Buch „Mani“ so wunderbar (Frankfurt/M. 2012, erstmals 1958, S. 187, aus dem Englischen von M. Allié und G. Kempf-Allié):

„Langsam bricht der Abend über diese letzten Reste des Mauerwerks herein, die Zikaden werden leiser und verstummen, spiegelglatt schimmert das Meer unter uns, es ist gespenstisch still: eine vollkommen andere Welt. Ein tiefer Frieden herrscht in diesen Ruinen altgriechischer Tempel. Wenn man sich als Reisender an eines der gestürzten Kapitelle lehnt und die Stunden verstreichen lässt, verschwinden alle Ängste und quälenden Gedanken… Fast alles, was geschehen ist, schwindet in einem Reich der Schatten und des Trivialen, und mühelos tritt an dessen Stelle etwas Strahlendes, Einfaches, Ruhiges, das alle Knoten löst und alle Rätsel aufklärt und uns gütig und ohne alles Drängen zuzuflüstern scheint, dass das ganze Leben, wenn man ihm nur eine Chance dazu gäbe, ohne Zwang, ohne Behinderung, ohne die Quälereien des Verstands unendlich glücklich sein könnte.“

Ich kenne dieses unbändige Gefühl, wenn das Glück so selbstverständlich ist, als ob es nichts anderes gäbe.

6 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Schöön meinte am 25. April 2013, 21:08 Uhr

    Glückwunsch zu diesem „unbändigen Gefühl, wenn das Glück so selbstverständlich ist, als ob es nichts anderes gebe.“

    Habe ich immer in der Tiefenentspannungsphase nach dem Orgaßmus (unmittelbar davor ist auch nicht schlecht). Zudem einmal in der Woche nach einem guten Gespräch, wenn ich mich erfolgreich mit einem Geistesverwandten der Wahrhaftigkeit eines gesellschaftlichen Denkens unter dem Primat des automatischen Subjekts vergewissere und wir uns über die Welt, die uns nicht verstehen will, einfach trauen völlig unsozialisiert lustig zu machen. Ebenfalls so einmal in der Woche, wenn ich mich in Leichtigkeit mit einem Seelenverwandten über unsere tiefenpsychologisch wie gesellschaftlich begründeten, ganz ähnlichen Beklopptheiten (Neuröschen nennen wir das) unterhalte. Dann ist alles ganz oberentspannt, Glück. Das Leben ist schön – nicht zuletzt aufgrund solcher Glückerfahrungen, ist diesem Satz trotz Ware überhaupt beizustimmen. Befindlichkeiten darzustellen hat was, denn es kann einem davor retten, als freudloses Wesen zu enden.

  2. 2 Schöön zum Zweiten meinte am 26. April 2013, 12:25 Uhr

    „Ohne die Quälereien des Verstandes… unendlich glücklich sein könnte“, wie es Patrick Leigh Fermor als 18-jähriger gesagt hat, ist nun vielleicht doch ein bisschen zu dicke; es erinnert mich ein Stück weit an mal erlebte antitotalitäre Hannah-Arendt-Fans (alles ehemalige Traditions-Kommunisten oder so, ist klar), die den Penner in New York bestens aufgehoben fanden, da er doch frei von den Zwängen seiner Nachbarn (den Angestellten in den umliegenden Büros der Wolkenkratzer) sei und machen könne, was er wolle… nichtsdestotrotz ist Fermors jugendliche Beobachtung nachvollziehbar; meine Generation, Jg. 60, lief in dem Alter gewöhnlich mit Hesses Steppenwolf unterm Arm rum und kam zu ähnlichen Einsichten. Romantik ist lieb, hat zudem ihren Gebrauchswert, denn sie macht uns sich so gern selbst quälende Verstandesmenschen zuweilen weicher und für die Umgebung somit erträglicher, aber sie ist eben zu schön um unter den gegebenen Verhältnissen nachhaltig wahr sein zu können.

  3. 3 Schöön zum Dritten meinte am 27. April 2013, 10:18 Uhr

    Noch eins: „muss (für) alles andere selbstverständlich berappt werden. Genauso wie die Benutzung der zahllosen Kontaktplattformen im Internet.“

    Nicht ganz, werte Autorin. Poppen.de und Fetisch.de (sind auch ÖsterreicherInnen aktiv) sind bei Wahrnehmung der völlig ausreichenden Grundfunktionen kostenlos – und beileibe nicht (im Sinne der Bedürfnisbefriedigung) wertlos: Leichtes wie Tiefes zu finden, ist dort durchaus nicht unüblich.

    Ich wollte mich dort unter dem Nickname „Automatisches Subjekt“ einbuchen. Ging aber nicht, den Nickname hatte schon jemand belegt (eine Streifzüge-Abonnentin?). So habe ich mich für einen ganz anderen Profilnamen entschieden: Automatisches Subjekt02.

  4. 4 Harald meinte am 17. November 2013, 15:33 Uhr

    Der erste Absatz dieses Artikels hat mich ziemlich entsetzt und Wut und Betroffenheit bei mir ausgelöst. Ich könnte mir gut vorstellen, daß die Autorin des Textes noch nie auf einer Kuschelparty war und sich auch nicht näher mit diesem Thema auseinandergesetzt oder Teilnehmer nach deren Motivation befragt hat. Was sollen Menschen wie ich denn tun, wenn es in ihrem privaten Umfeld keine Möglichkeit nach Zärtlichkeit, Nähe, Berührung, Verständnis und unvoreingenommenen Akzeptiertwerdens gibt? Soll ich mich umbringen oder kastrieren oder meine Gefühle mit Drogen abtöten?
    Ich kenne die Gründe der anderen Teilnehmer nicht, die wie ich auf Kuschelpartys gehen. Vielleicht kann ich sie erahnen und dabei doch ganz falsch liegen. Die Gründe meines eigenen Leidens, meiner Sozialphobie (auch so eine modische Trendkrankheit, oder?) liegen weit in der Vergangenheit, wohl in der frühesten Kindheit. Ich schätze mal, daß ich durch nicht gerade sehr positive Prägungen durch Eltern und Schule zu dem geworden bin, der ich heute bin.
    Gott sei Dank ist mir vor Jahren die Idee gekommen, eine Psychotherapie zu beginnen. Ich bin fast soweit zu behaupten, daß meine Therapeutin in den vier Jahren unserer Treffen mehr Positives geleistet hat als mein gesamtes Umfeld in den 35 Jahren davor.
    Sie und viele andere Personen, die in diesem Bereich arbeiten, haben diesen Job sicher nicht deswegen erwählt, weil er so lukrativ ist und man mächtig Geld verdienen kann, sondern vor allem aus Liebe und Interesse an den Mitmenschen.
    Ja und warum soll man für Kuschelpartys, Biodanza, Tantraseminare, Aufstellungen, Gesangs- und andere Workshops und vieles Ähnliche nicht bezahlen, wird doch vom Verantalter Zeit, Raum, Verpflegung u.v.m. zur Verfügung gestellt.
    Was soll daran verwerflich sein? Hier vom „lukrativen Geschäft in wirtschaftlich miesen Zeiten“ zu schreiben ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht und erinnert fast schon an FPÖ-Terminologie.
    Ja, es ist tatsächlich eine Verkürzung, eingekaufte Zuwendung, wenn Sie das so nennen wollen.
    „Das einmalige Erlebnis der Anziehung, Inspiration,der Sehnsucht und Hingabe“ – das steht leider nicht allen Menschen ausreichend zur Verfügung und hier Glückspillen als den einfacheren Weg anzupreisen ist eine Respektlosigkeit und Beleidigung all jener mehr oder weniger Verzweifelten, die froh sind, daß es solche hilfreichen Angebote gibt.
    Angebote, die ich als wunderbare Ergänzung zur Hilfe von akademisch ausgebildeten Fachleuten wie Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern sehe.
    Ich weiß natürlich, daß vor allem im Esoterik-Bereich viel Schindluder betrieben wird und sich einige Wenige an leichtgläubigen Mitmenschen eine goldene Nase verdienen, ich darf Sie aber doch ersuchen, nicht alles in einen Topf zu werfen und etwas mehr zu differenzieren.
    Momente von Gleichklang, Hingabe, Anziehung und Glück – ich glaube, ich habe sie schon erlebt auf solchen Treffen. Solche Momente sind schön, wunderbar – in Worten eigentlich kaum zu beschreiben. Im Leben wohl vieler Menschen sind solche Momente ziemlich rar.
    Ihre Bedenken gegenüber Partnervermittlungs-Plattformen kann ich durchaus teilen, allerdings wünschte ich, daß ich den Mut hätte, mich dort mal zu gegistrieren.

    Mit freundlichen Grüßen

    PS: Mir ist erst vor ein paar Wochen die Printausgabe im Ostklub in die Hände gefallen – deshalb die späte Reaktion.

  5. 5 Maria Wölflingseder meinte am 28. November 2013, 14:36 Uhr

    Kommentar zum vorigen Kommentar:

    Werter Herr Harald, es tut mir leid, wenn Sie sich von meinem Artikel angegriffen fühlen. So ist das natürlich nicht gemeint. Die Streifzüge zeigen gesellschaftliche Erscheinungen auf und beleuchten die dahinterstehenden Verhältnisse. Wir kritisieren die unmenschlichen Zustände und nicht die Menschen, die in diesen Verhältnissen leben müssen.
    Zum Beispiel in meinem Artikel „Im Puff und im Krieg“ greife ich nicht jene Studentinnen an, die als Prostituierte arbeiten und auch nicht ihre Freier. Genauso wenig wie jene jungen Männer, die sich als Soldaten verdingen, weil sie sonst keinerlei Möglichkeiten haben, Geld zu verdienen. Oder wenn wir die zunehmende Kommerzialisierung vieler Lebensbereiche kritisieren – Spitäler, Post, Bahn, Schulen und Unis -, greifen wir damit weder Ärzte noch Patienten an, weder Lehrer noch Schüler…

    Außerdem geht es in der Rubrik „Homestories“ um ganz Persönliches der jeweiligen AutorInnen. In diesem Heft darum, wie es MIR mit den aktuellen gesellschaftlichen Erscheinungen unseres Themenschwerpunkts LUST ergeht. Stimmt, ich war noch nie auf einer Kuschelparty, aber auf den jeweiligen Internetseiten der Anbieter wird ja genau beschrieben, worum es dabei geht und was dabei erlaubt und was verboten ist. Und auf youtube gibt es Videos von Kuschelparties. Ich möchte niemand die Lust darauf verderben. Und auf Partnervermittlungsseiten lernen manche tatsächlich die „richtige“ Frau oder den „richtigen“ Mann kennen. Keine Frage. Viel Glück!

    PS: Vielleicht entschädigt Sie mein Artikel im selben Heft „Lauter Lustbarkeiten – trotz alledem“.

  6. 6 Harald meinte am 26. April 2014, 19:50 Uhr

    Nun ja, muß meine Ansicht etwas revidieren, da ich seit ein paar Wochen Abonnent der „Streifzüge“ bin und mit den Texten, Themen, Ansichten inzwischen vertrauter bin :) lg

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