Landung als Bettvorleger

Lahmer »Tiger vom Bosporus«

von Tomasz Konicz

Schwaches Wachstum, hohe private Verschuldung, eklatantes Leistungsbilanzdefizit bremsen türkisches Wirtschaftswunder aus

Auch in Zypern soll zusammenwachsen, was (vermeintlich) zusammengehört. Der Grünen-Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit jedenfalls scheint so eine einfache Lösung für das krisengeplagte Land gefunden zu haben. Wie die griechische Zeitung Ekathimerini vergangene Woche berichtete, regte Cohn-Bendit eine Wiedervereinigung der (griechischsprachigen) Republik mit dem Nordteil der Insel an, der vorwiegend von türkisch sprechenden Zyprioten bewohnt wird und als Staat lediglich von der Türkei anerkannt ist. Diese Reunion soll die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Nikosia und Ankara beleben. »Türkische Investoren werden in Zypern nur dann investieren, wenn es eine Wiedervereinigung gibt«, sagte der Kovorsitzende der Fraktion der Grünen im Europaparlament, der auch gern als »europapolitischer Vordenker« der Partei bezeichnet wird. Bei dem Coup gehe es um eine »Wiedervereinigung innerhalb der Europäischen Union«, bei der praktischerweise auch die vermuteten Erdgaslagerstätten vor der Ostküste der Insel erschlossen und der fossile Brennstoff auf »europäischen Märkten« veräußert werden könnten.

Cohn-Bendit hätte vor dem »Vordenken« ruhig einmal einen Blick auf die jüngsten makroökonomischen Daten zur konjunkturellen Entwicklung der Türkei werfen sollen. Die belegen nämlich, daß sich der vermeintliche »Tigerstaat am Bosporus« (Deutschlandfunk) in einer Phase schnell voranschreitender Konjunkturabkühlung befindet und selbst am Rande einer Wirtschaftskrise steht.

Den Anfang April veröffentlichten Zahlen zufolge ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Schwellenland Türkei im letzten Quartal 2012 nur noch um 1,4 Prozent gewachsen. Im gesamten Jahr 2012 konnte die Volkswirtschaft am Bosporus noch ein durchschnittliches Wachstum von 2,2 Prozent aufweisen. Es ist die schwächste Wachstumsrate seit 2009, meldete die Finanznachrichtenagentur Bloomberg, als die Türkei in eine kurze Rezession rutschte. Die mageren Werte von 2012 kontrastieren mit der gewaltigen Expansion in früheren Jahren: 2011 wuchs das BIP um 8,8 Prozent, 2010 stieß es mit einem Plus von 9,3 Prozent sogar kurz in chinesische Dimensionen vor. Auch aus langfristiger Perspektive scheint der Boom in der Türkei durchaus beeindruckend. So wuchs deren Wirtschaftsausstoß zwischen 2002 und 2011 im Schnitt um knapp mehr als fünf Prozent pro Jahr.

Die türkische Notenbank reagierte Mitte April auf die jüngste Konjunkturabkühlung mit einer Absenkung aller Leitzinssätze um 0,5 Prozent. So weist der Zinskorridor der Notenbank, dessen konkreter Wert täglich neu festgelegt wird, nun eine Bandbreite von vier bis sieben Prozentpunkten auf. Hierdurch wird höchstwahrscheinlich das diesjährige Inflationsziel der Regierung von 5,3 Prozent nicht eingehalten werden können. Die Teuerung hatte sich bereits im März auf 7,3 Prozent beschleunigt.

Auf den ersten Blick scheint die türkische Finanzpolitik solide. Der Anteil der Staatsschulden am BIP sei von rund 60 Prozent 2004 über 50 Prozent 2006 auf nur noch 40 Prozent geschrumpft. Die Neuverschuldung liege »unter drei Prozent«, bemerkte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Doch zugleich verzeichnete das Land in den Boomjahren eines der weltweit höchsten Leistungsbilanzdefizite, das seine Spitze 2011 mit rund zehn Prozent des BIP erreichte. Trotz der Abkühlung bleibt dieses Defizit (rund sechs Prozent des BIP) sehr hoch. Im Klartext heißt das, die Türkei verschuldet sich permanent im Ausland, um wenigstens das anämische Wachstum der vergangenen Monate aufrechtzuerhalten. Damit steigt auch die Last des Schuldendienstes, den das Land zu bewältigen hat. 2012 werden laut einen Bericht der Financial Times (FT) Verbindlichkeiten im Volumen von 143 Milliarden US-Dollar fällig, 2011 waren es noch 134 Milliarden. In Kombination mit dem weiterhin sehr hohen Leistungsbilanzdefizit ergebe dies für die Türkei ein »beunruhigendes Bild«, kommentierte die FT. Der Negativsaldo geht zum einen auf die Energieimporte zurück, die das Wachstum der ressourcenarmen türkischen Wirtschaft befeuern. So liegt das Handelsbilanzdefizit (einer Teilbilanz der Leistungsbilanz) derzeit bei rund neun Prozent des BIP – das entspricht umgerechnet rund 72 Milliarden US-Dollar jährlich.

Zudem wurde der Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre durch großzügige Kreditvergaben an Konsumenten und einen Bauboom getragen. Allein die Kreditkartenschulden der türkischen Mittelklasse wachsen seit 2011 um 20 bis 30 Prozent jährlich. Das Zuschnappen der Schuldenfalle wird vor allem daran deutlich, daß der gesamtwirtschaftliche Abschwung gegen Ende 2012 durch einen Einbruch der Konsumentennachfrage beschleunigt wurde, die de facto stagniert. Eine weiterhin hohe Neuverschuldungsrate von 27 Prozent per Plastikkarte weist darauf hin, daß inzwischen im großen Stil Umschuldungen betrieben werden. Das rasante Wachstum der Türkei sei »größtenteils durch kreditbefeuerte Binnennachfrage angetrieben worden«, kommentierte das Wall Street Journal trocken.

Das vermeintliche Raubtier vom Bosporus weist viele Übereinstimmungen mit seinem inzwischen als Bettvorleger gelandeten irischen Verwandten, dem »Keltischen Tiger«, auf. Auch dort konnte die Staatsverschuldung vor Krisenausbruch immer weiter gesenkt werden – während zugleich die Schuldenberge im privaten Sektor gewaltig anschwollen.

(Junge Welt, 24.04.2013)

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