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Kritik der Aufklärung. Acht Thesen

04 Dez 2012

Streifzüge 56/2012

von Norbert Trenkle

1.

Spätestens seit der „Dialektik der Aufklärung“ wissen wir um die irrationale Rückseite der Aufklärungsvernunft. Den Ursprung dieser Janusköpfigkeit verorten Horkheimer und Adorno in der misslungenen Ablösung von der Natur. Die moderne, rationale Vernunft, deren Geburt sie im antiken Griechenland ansiedeln, sei entstanden zur Bewältigung der Angst vor den Mächten der Natur und in Abgrenzung vom Mythos, der seinerseits auch eine erste Form des Umgangs mit jener Angst darstellte. Trägt der Mythos aber noch die Züge einer Anpassung an die Natur und ihre Gewalten (Mimesis), so stellt die Aufklärung eine klare Abgrenzung von dieser dar. Die Entstehung des selbstidentischen, rationalen Individuums beruht auf der Verleugnung der eigenen Naturverhaftetheit und genau diese Verleugnung ist die Quelle der Gewalt und des Irrationalen, konstituiert also die dunkle Seite der Aufklärung, die jederzeit zum Durchbruch kommen kann. Im Kern besteht die Gefahr in der gewaltsamen Wiederkehr des Verdrängten. Daher bleibe die Aufklärung und die auf ihre beruhende Gesellschaft prekär. Erst wenn die Individuen und die Gesellschaft auf das Verdrängte reflektieren und eine Versöhnung mit der inneren und äußeren Natur stattfinde, sei die Aufklärung vollendet.

2.

Das qualitativ Neue an der Dialektik der Aufklärung ist der Blick auf das „Andere der Vernunft“ und die Bedrohung, die darin angelegt ist. Zwar ist auch dem vulgären Aufklärungsdenken nicht verborgen geblieben, dass die Vernunft stets vom möglichen Durchbruch des Irrationalen bedroht ist, doch interpretiert es dies auf rein legitimatorische Weise. Von seinem Standpunkt aus stellt es sich so dar, dass hinter dem dünnen Firnis der Kultur stets die primitive „Natur des Menschen“ lauere, die immer wieder ihr gruseliges Gesicht zeige und daher permanent bekämpft und unterdrückt werden muss. Mit einer Selbstkritik der Aufklärung hat das erkennbar nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Beschwörung des unversöhnlichen Gegensatzes von Natur und Kultur stellt nichts anderes dar als die Affirmation des eigenen Standpunkts. Herrschaft (und individuelle Selbstbeherrschung) sind notwendig, um die unbändigen Naturkräfte zu bannen und ihren Durchbruch zu verhindern. Mühelos lässt sich das mit einem rassistischen und westlich-kulturalistischen Standpunkt vereinbaren, von dem aus alle anderen, nicht-westlichen Kulturen als besonders natur- und sinnenverhaftet erscheinen, die dementsprechend – notfalls mit Gewalt – „zivilisiert“ werden müssen.

3.

Die dialektische Wendung bei Horkheimer/Adorno besteht darin, dass sie diese Denkfigur gegen die Aufklärung selbst kehren. Nicht die Natur oder das Barbarische in der Natur sehen sie als Bedrohung für die Kultur, sondern die gewaltsame Verdrängung und Unterdrückung des Natürlichen. Gewaltsamkeit und Herrschaftsförmigkeit sind also in der modernen Vernunft selbst angelegt, die naturverhaftet insofern ist, als die Ablösung von der Natur (vorerst) misslang.

So sehr nun aber Horkheimer/Adorno damit den Blick für eine grundlegende Kritik der Aufklärung öffnen, bleiben sie doch in mancher Hinsicht deren Denkuniversum verhaftet. Das betrifft vor allem den Begriff der Aufklärungsvernunft selbst, der in der Dialektik der Aufklärung transhistorisch gefasst wird. Indem Horkheimer/Adorno den Ursprung der modernen Rationalität in die griechische Antike zurückverlegen, statt ihn im Konstitutionsprozess der kapitalistischen Moderne zu verorten, verwischen sie damit deren spezifisch historische Züge. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass vor der Entstehung der modernen Vernunft die gesamte Menschheit im Dunkel der Naturhaftigkeit gelebt habe oder dem „Mythos“ verfallen gewesen sei. Die moderne, rationale Vernunft wird so als die bisher einzige Form von Vernunft gefasst. Darin verbleiben Horkheimer/Adorno dem hypertrophen Universalismusanspruch der Aufklärung verhaftet und werten sie als die einzige bisher bekannte Form von Vernunft bzw. reflexivem und kritischem Denken auf. Allerdings: Indem sie den Blick auf die dunkle Seite der Aufklärung richten, gehen sie auch bereits über die Aufklärung hinaus.

4.

Betrachten wir nun aber die Aufklärungsvernunft als das, was sie ist, als historisch spezifische Reflexionsform der kapitalistischen Moderne, stellt sich nicht nur ihre Konstitutionsgeschichte, sondern auch ihre innere Dialektik anders dar als bei Horkheimer/Adorno. Die gewaltsame Abgrenzung gegenüber der Natur und der Herrschaftsanspruch gegenüber der Natur (oder dem, was als Natur erscheint) sind in der Tat konstitutive Momente. Diese Abgrenzung steht jedoch nicht zu Beginn des vernünftigen Denkens und Reflektierens überhaupt, sondern entsteht erst mit der Geburt der bürgerlichen Gesellschaft. Der Horror vor der Natur ist wesentlich für das Konstrukt einer Vernunft, die das Denken auf pure, körperlose und sinnenfreie Aktivität reduzieren will (Descartes, Kant). Doch diese Reduktion ist nicht Ausdruck einer ursprünglichen Naturabgrenzung, sondern resultiert aus der Zurichtung der gesellschaftlichen Vermittlung auf das abstrakte Prinzip von Wert und abstrakter Arbeit. Die Aufklärung „erfindet“ also jene bedrohliche Natur, von der sie sich dann gewaltsam abgrenzen muss, wobei diese „Erfindung“ einen unbewussten Akt darstellt. Damit ist keinesfalls nur die „äußere Natur“ gemeint, die mittels Technik nutzbar gemacht und zugerichtet wird. Bedeutsamer noch für die Konstitution des modernen (strukturell als „männlich“ bestimmten) Subjekts ist der gewaltsame Kampf gegen die „innere Natur“, also gegen das vorgebliche Ausgeliefertsein an die eigene Sinnlichkeit. Diese wird abgespalten und auf konstruierte „Andere“ projiziert: die „Frauen“ und die „Naturvölker“, und in diesen „Anderen“ zugleich idealisiert und verachtet, begehrt und bekämpft. In diesem Sinne sind Sexismus und Rassismus untrennbar mit der Konstitution des Subjekts der Aufklärung verbunden.

5.

Damit verändert sich der Standpunkt der Aufklärungskritik. Die Aufklärung stellt sich dar als durch und durch der kapitalistischen Form abstrakter Herrschaft zugehörig und nicht als (vorerst) tragisch-missglückter Schritt in der Konstitutionsgeschichte einer transhistorischen Vernunft. Diese historische Verortung erlaubt eine sehr viel präzisere und schärfere Kritik von Aufklärung und Gegenaufklärung, die auf den kapitalistischen Entwicklungsverlauf bezogen werden kann. Das schließt jedoch keinesfalls aus anzuerkennen, dass bestimmte Kategorien der Aufklärung durchaus Momente gesellschaftlicher Befreiung enthalten. So steht etwa das Individuum für die Befreiung aus der Enge festgefügter traditioneller Normen und Lebensverhältnisse; der Universalismus verweist auf eine Weltgesellschaft ohne Grenzen; und der Anspruch der kritischen Vernunft, alle unhinterfragten Wahrheiten und religiösen Gewissheiten über den Haufen zu werfen, ist als solcher selbstverständlich zu bejahen. Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, dass diese Momente stets in Kategorien eingelassen sind, die in ihrer Gestalt die Strukturen der abstrakten Herrschaft des Werts reproduzieren.

Das kapitalistische Individuum ist wesentlich Konkurrenzindividuum, das an sich selbst und den anderen Gesellschaftsmitgliedern den Prozess der Versachlichung exekutiert; der abstrakte Universalismus ist seinem inneren Charakter nach universeller Herrschaftszusammenhang der abstrakten Formbeziehung, nicht nur in Gestalt des Weltmarkts, sondern auch in Gestalt der kapitalistischen Handlungs- und Denkformen; und die kritische Vernunft legitimiert die Unterwerfung unter Prinzipien a priori (Kant, Hegel) und kann sich daher nicht von der Metaphysik befreien, sondern stellt eine Form säkularisierter Religion dar. Hinzu kommt des Weiteren noch, dass diesen Kategorien immer auch ihr abgespaltenes Gegenbild zugehört, von dem sie nicht loskommen, solange sie innerhalb der Matrix abstrakter Herrschaft verbleiben: der Wunsch nach der lustvollen Unterwerfung unters Kollektiv, die Abspaltung des Sinnlichen, das als inferior und bedrohlich zugleich gilt und allenfalls selbst wieder instrumentell integriert wird, die verschiedenen Formen des Religionismus und des Irrationalismus etc.

6.

Emanzipatorisches Denken kann sich daher nicht ungebrochen positiv auf die Kategorien der Aufklärung beziehen, auch nicht in dem Sinne, die Aufklärung bleibe im Kapitalismus unvollendet und es komme darauf an, sie zu vollenden, wie es sich die traditionelle Linke vorstellte und wie es durch all jene (weit verbreiteten) Vorstellungen spukt, wonach die „wahre Demokratie“ und die Menschenrechte nur in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft realisiert werden könnten. Wird nämlich die Aufhebung des Kapitalismus als Verwirklichung der Aufklärung gedacht, schleichen sich hinterrücks alle damit verbundenen Denk- und Handlungsformen und darauf beruhenden Formen der gesellschaftlichen Vermittlung wieder in die Vorstellungen einer befreiten Gesellschaft ein (Subjekt, Gleichheit, Recht). Demgegenüber ist darauf zu beharren, dass auch die Aufklärung nicht von der Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft ausgenommen werden darf. Die in der Aufklärung enthaltenen Momente, die auf gesellschaftliche Befreiung verweisen, sind nur durch die Kritik der Aufklärung und ihrer Kategorien hindurch zu haben. Diese sind nicht zu „verwirklichen“, sondern müssen zusammen mit der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise aufgehoben werden, aufgehoben im dreifachen Hegelschen Sinne.

Dabei ist des Weiteren auch zu bedenken, dass nicht alles, was an tendenziell bewahrenswerten Momenten in der bürgerlichen Gesellschaft entstanden ist, „der Aufklärung“ als Verdienst zugerechnet werden darf. Ein erheblicher Teil davon ist aus der Kritik der kapitalistischen Herrschaftsformen entstanden, auch wenn es nicht selten in den Kategorien von Aufklärung, Demokratie und Menschenrechten eingeklagt und erkämpft wurde. Zur Aufklärung gehört auch eine andere Dialektik, wonach immer Anspruch und Wirklichkeit gegeneinander ausgespielt werden, also etwa staatliche Gewalt im Namen der Menschenrechte kritisiert wird (obwohl doch der Staat die Aufgabe hat, die kapitalistischen Formen notfalls mit rücksichtsloser Gewalt aufrechtzuerhalten) oder die faktische Entmündigung der Gesellschaft durch die blinden Prozesse der Verwertungslogik im Namen der Demokratie. In der traditionellen Linken wurden diese Art von Anklagen im allgemeinen als idealistisch kritisiert und argumentiert, sie spielten das Ideal gegen die Wirklichkeit aus. Als materialistisch galt hingegen der Standpunkt, die Bourgeoisie habe ihre eigenen Ideale verraten, um ihre Klassenherrschaft zu festigen, und es komme nun darauf an, die an sich richtigen Prinzipien der Aufklärung im Sozialismus oder Kommunismus zu verwirklichen (s.o.; auch Adorno argumentiert übrigens so, nur dass er wenig Hoffnung in die kommunistische Bewegung setzt).

7.

Vom Standpunkt einer radikalen Aufklärungskritik stellt sich die Sache etwas anders dar: wo die kapitalistische Wirklichkeit im Namen von Aufklärung und Menschenrechten kritisiert wird, sind nicht selten überschüssige Impulse und Motive gesellschaftlicher Emanzipation im Spiel, die keineswegs in den Kategorien der Aufklärung aufgehen, auch wenn diese angerufen werden. Dieser Überschuss war durchaus ein wichtiger Motor für die kapitalistische Modernisierung; freilich war stets die Enttäuschung vorprogrammiert. Denn was verwirklicht wurde, war im Wesentlichen immer nur jener Teil der Vorstellungen, der sich mit der kapitalistischen Logik vereinbaren ließ und in deren Formen eingepasst werden konnte. Ein Beispiel dafür ist der Individualisierungsschub der letzten vierzig Jahre, der zwar die erdrückende Enge der Nachkriegszeit hinweggefegt hat, doch zugleich eine Verschärfung der atomisierten Konkurrenz und der Selbstzurichtung zur Folge hatte, die unerträglich ist.

Zunächst wurde das noch teilweise durch die relativ günstigen sozialen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen in den kapitalistischen Zentren abgepuffert, was gewisse Spielräume individueller Entfaltung eröffnete, die nicht einfach und in Gänze als kapitalistisch funktional abqualifiziert werden können. Dass diese gesellschaftlichen Bedingungen denen in Diktaturen, repressiven Regimes oder Armutsgebieten vorzuziehen waren, versteht sich von selbst. Doch wäre es falsch, in ihnen den Beweis für die Errungenschaften „der Aufklärung“ zu sehen. Sie waren vielmehr Ausdruck von ganz bestimmten historischen Rahmenbedingungen, die nun durch die Krise hinweggefegt werden. Nicht zufällig wird dadurch wieder verstärkt das nie verschwundene Bedürfnis nach Kollektividentitäten freigesetzt, das im Religionismus, Ethnizismus und Nationalismus befriedigt wird. Die Flucht in die Arme solcher Kollektive ist aus Sicht des vereinzelten Einzelnen gar nicht so irrational, wie es erscheinen mag, denn hier findet er jene persönliche (und teilweise auch materielle) Sicherheit, die er ansonsten unter den Bedingungen eines zerbröselnden Sozialstaats und einer verschärften Krisenkonkurrenz nicht mehr finden kann. Dem entspricht auf der anderen Seite, dass der liberale Aufklärungsdiskurs zunehmend ganz offen seinen herrschaftlichen Charakter zeigt, so etwa bei der Implementierung eines autoritären Wertdiskurses, der besonders auf die berüchtigten bürgerlichen Sekundärtugenden abzielt. Insofern lässt die Krise das hässliche Doppelgesicht von Aufklärung und Gegenaufklärung wieder deutlich sichtbar werden, das in den kapitalistischen Kernländern eine Zeit lang partiell verdeckt war.

8.

Der subjektive Impuls zur Befreiung von Herrschaft ist auch in der Krisenepoche des Kapitals keinesfalls versiegt. Im Gegenteil, er artikuliert sich überall. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert, in denen er wirksam wird. Im Zuge der kapitalistischen Aufstiegsepoche konnte er noch an den Prozess der Modernisierung rückgebunden werden, wodurch er zum einen funktional für den Kapitalismus wurde und zugleich immer wieder neutralisiert werden konnte. In der Krisenepoche des Kapitals aber haben sich die Spielräume kapitalistischer Modernisierung erschöpft. Daraus ergeben sich andere Konfliktlinien. Was Rebellion provoziert, sind zum einen die immer unerträglicheren sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen und zum anderen die damit verbundene staatliche Repression, die oft mit der Zersetzung des Staats- und Sicherheitsapparats einhergeht (Korruption etc.).

Demgegenüber können Bewegungen, die im Namen von Demokratie und Menschenrechten auftreten, nur auf ganzer Linie scheitern; denn das Bild, an dem sie sich orientieren – ich denke da an die diversen „orangenen“ Revolutionen und natürlich auch an den „arabischen Frühling“ – ist ein demokratisch und sozial abgefederter Kapitalismus, der selbst in den kapitalistischen Kernländern immer weiter abgeräumt wird. Das heißt, selbst die relativen Erfolge der „klassischen Modernisierungsbewegungen“ sind für sie außerhalb jeder Reichweite. Demgegenüber wäre deutlich zu machen, dass nicht die Forderungen an sich oder die hinter diesen Forderungen stehenden Motive und Impulse verkehrt sind, sondern nur die Form, in der sie artikuliert werden. Wird dieser Unterschied nicht gemacht, besteht die Gefahr, dass mit der Delegitimation von Demokratie und Rechtsstaat auch die Inhalte, die damit verbunden werden und die nicht in diesen Formen aufgehen, liquidiert werden. Das aber würde den Boden bereiten für autoritäre Krisenverwaltung und die Monster der Gegenaufklärung. Deshalb ist gerade jetzt, in der Krisenepoche des Kapitals eine emanzipative Kritik der Aufklärung dringlicher denn je. Verkehrt ist hingegen der Versuch, ausgerechnet jetzt die Aufklärung gegen ihre scheinbar äußeren Feinde zu verteidigen, und sei es nur als vorgebliche Bastion gegen die „Barbarei“. Als solche Bastion taugt sie nicht, weil mit dem Kapitalismus auch ihr Geltungsrahmen zerfällt.


Weiterführende Literatur:

Gernot Böhme, Hartmut Böhme: Das Andere der Vernunft – Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants, suhrkamp taschenbuch wissenschaft (1985).
Ernst Lohoff: Die Verzauberung der Welt. Die Subjektform und ihre Konstitutionsgeschichte, krisis 29 (2005), S. 13-60.
Ernst Lohoff: Ohne festen Punkt. Befreiung jenseits des Subjekts, krisis 30 (2006), S. 32-89.
Ernst Lohoff: Die Exhumierung Gottes. Von der heutigen Nation zum globalen Himmelreich, krisis 32 (2008), S. 30-75.
Karl-Heinz Lewed: Schophenhauer on the Rocks. Über die Perspektiven postmoderner Männlichkeit, krisis 30 (2006), S. 100-142.
Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg (2003), insb. Kapitel 3, S. 141-192.
Norbert Trenkle: Gebrochene Negativität. Anmerkungen zu Adornos und Horkheimers Aufklärungskritik, krisis 25 (2002), S. 39-65.
Norbert Trenkle: Kulturkampf und Aufklärung. Wie die „westlichen Werte“ zu einer aggressiven Stammesreligion mutieren, krisis 32 (2008), S. 11-29.
Karl-Heinz Wedel: Die Höllenfahrt des Selbst. Von Kants Todesform des sinnlosen Willens, krisis 26 (2003), S. 43-83.

9 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 56/2012 - Streifzüge - Magazinierte Transformationslust meinte am 18. Januar 2013, 13:19 Uhr

    […] Norbert Trenkle: Kritik der Aufklärung. Acht Thesen […]

  2. 2 Höttges meinte am 17. Oktober 2013, 21:58 Uhr

    In einer bundesdeutschen Volkshochschule liest ein netter Kreis von sieben Menschen seit einiger Zeit die „Dialektik der Aufklärung“. Spannende Zusammensetzung: Ein bekennender und aktivster Alkoholiker, ein Pastor, eine 91-jährige schicke Dame, einer der mal in der KPD/ML war, ein verrenteter Ingenieur – tendenziell CDU-Wähler, ein witziger und die Leute nur ungern ausreden lassender Kursleiter, ein 33-järiger gelernter Philosoph, der im Heidegger-Zentrum Uni Freiburg abgeschlossen hat und seit 12 Jahren „Lichtwolf“ (eine Philosophie-Zeitschrift fürs Prekariat) herausgibt, ich auch. Gefühlt sind wir zusammen 10.000 Jahre alt.

    Der Kreis funktioniert klasse, obwohl wir bis heute jede Woche aufs Neue unsere Namen vergessen, der Kursleiter auf Pädagogik und Didaktik scheisst – es existiert eine irgendwie, so will ich es mal nennen, nicht-positivistische Aura, die bestens passt, haben wir es doch bei der „Dialektik der Aufklärung“ mit einem Text zu tun, der nicht systematisch ist und dem positivistisch gar nicht beizukommen ist.
    In diesen Kreis warf ich nun rein die folgende Zusammenfassung der acht Thesen von Norbert Trenkle, die ja selbst eine Zusammenfassung sind. Die Diskussion verfolgte uns auch noch beim Trinken, eine Zusammenfassung als Sauffassung, sozusagen.

    1.
    Nach Adorno/Horkheimer ist die Verleugnung der eigenen Naturverhaftung die Quelle des Irrationalen/der Gewalt (der dunklen Seite der Aufklärung) – die Ursache für die Gewalt/das Irrationale liegt in der misslungenen Ablösung von der Natur.
    Die Aufklärung bleibt somit prekär; erst die Reflektion des Verdrängten kann die Aufklärung verenden.

    2.
    Das Neue an Adornos/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ ist der Blick auf die irrationale Seite der Aufklärung.
    Auch die alten Aufklärer taten das schon, aber das umfasste keine Selbstkritik, sondern beschwörte lediglich den unversöhnlichen Gegensatz von Natur und Kultur – was den eigenen, angeblich so aufgeklärten Standpunkt stets hochleben lässt (und übrigens auch einen westlich-kulturalistischen Standpunkt legitimieren kann).

    3.
    Mit der Abspaltung alles Natürlichen/Ungewünschten (psychoanalytisch gesprochen) ist in der Aufklärung die Gewalt selbst angelegt. Mit dieser Einsicht gehen Adorno/Horkheimer über die Aufklärung hinaus.
    Adorno/Horkheimer sehen aber nicht, dass unsere Aufklärungsvernunft vom Kapitalismus getragen wird. Es gab schon mal einen anderen Begriff von der Vernunft in der Geschichte als den unsrigen!

    4.
    Da der Kapitalismus unseren Begriff der Vernunft konstituiert, entstand unsere Abgrenzung gegenüber der Natur in positiver Bezugnahme auf Wert und abstrakter Arbeit und somit – da es beim Wert eben um die rationale Erfüllung des Selbstzwecks G-G‘ geht – völlig körperlos und sinnenfrei.

    Der Mensch befindet sich in einem inneren Drama, da er im unbewussten Kampf gegen seine Ganzheit einerseits nur idealisieren (andere: Frauen, Naturvölker) und andererseits nur verachten (eigenes: seine Sinnlichkeit) kann. Nicht nur die kapitalistische Produktionsweise ist somit verrückt, sondern auch die Aufklärung.

    5.
    Auch wenn Aufklärungskritik immer auch Kapitalismuskritik sein muss, so hat das alte Aufklärungsverständnis dem Menschen etwas zu bieten: 1. Entfaltung des Einzelnen, 2. Weltgesellschaft, 3. gegen Irrationales.
    Alle drei Punkte können sich unter der Herrschaft des Werts jedoch nur verkrüppelt entfalten; in der Regel wird unterschätzt, was der Kapitalismus diesbezüglich dem Menschen an Fesseln auferlegt.

    6.
    Man bekommt die auf Befreiung verweisenden Momente der Aufklärung nur, wenn man die Kategorien der Aufklärung – Subjekt, Recht usw. – aufhebt.
    Vergessen wir nicht, dass tendenziell bewahrenswerte Momente der bürgerlichen Gesellschaft nicht das Produkt der Aufklärung sind, sondern aus der Kritik am Kapitalismus entstanden sind.

    7.
    Es wurde nur das von den emanzipativen Momenten der Aufklärung verwirklicht, was dem Prozess G-G‘ dient.
    Mit der fundamentalen Krise der Wertverwertung ist weiteren emanzipativen Entwicklungen der Boden entzogen. Es wird hässlich, die Gegenaufklärung kommt zu neuer Blüte.

    8.
    Da die Verwertung immer prinzipieller klemmt, ergeben sich neue Konfliktlinien. Die Matrix der Warengesellschaft muss in der Kritik stehen, denn die die Verwertung fütternden Klassen trocknen aus – Forderungen nach einem aufgeklärten Dasein sind gut, aber sie lassen sich nicht mehr auf Grundlage des Bezugssystems der neuzeitlichen Aufklärung umsetzen.
    Darum brauchen wir die Kritik der Aufklärung.

  3. 3 Höttges zum Zweiten meinte am 17. Oktober 2013, 22:10 Uhr

    Nachsatz: Der Kursleiter begleitete in den 90ern mal die Wertkritik. Die Welt ist sooooooo klein, irre, einmal mehr.

  4. 4 Reinhard meinte am 23. Oktober 2013, 15:17 Uhr

    Ich möchte mich mal für die implizite Leseempfehlung ‚Das Andere der Vernunft‘ bedanken und eine aus meiner Sicht hinzufügen: ‚Kultur und praktische Vernunft‘ von Marshal Sahlins, Frankfurt/Main 1981 (Suhrkamp stw 1139). Es ist „eine Kritik der Vorstellung, dass die menschlichen Kulturen das Produkt praktischer Tätigkeit und utilaristischer Interessen seien. Denn, so Sahlins, das spezifische Merkmal des Menschen besteht nicht darin, dass er in einer materiellen Welt lebt – das gilt für alle lebenden Organismen – sondern darin, dass er selbstgesetzten Bedeutungen gemäss lebt. In dieser Fähigkeit zur Sinngebung ist der Mensch einzigartig. Nicht, dass die Kultur materiellen Zwängen gehorchen muss, ist daher das entscheidende Kennzeichen der Kultur, sondern dass sie sich nach den Regeln eines bestimmten Symbolsystems, das niemals das einzig mögliche ist, mit der Natur auseinandersetzt. Nützlichkeit ist folglich immer schon etwas kulturell Interpretiertes.“ Soweit der Klappentext. Vor dem Hintergund dieses ohnehin ‚ehrenwerten‘ Zieles findet natürlich auch eine Erörterung des ‚globalen Gegensatzes‘ Natur-Kultur statt. Interessant ist dabei nicht zuletzt auch die Ergänzung des philosophisch-soziologischen Blickwinkels (Böhme/Böhme) durch einen ethnologischen. Leider vergriffen, aber antiquarisch noch recht gut erhältlich.

    Leider noch immer nicht erschienen hingegen der bereits mehrfach angekündigte Titel ‚Wie sich die westliche Kultur über die Natur des Menschen täuscht‘ – die leider etwas ‚luschige‘ Übersetzung des Originaltitels ‚The Western Illusion Of Human Nature‘. Aktuell allerdings immer noch angekündigt für Oktober 2013.

  5. 5 Jürgen meinte am 24. Oktober 2013, 17:21 Uhr

    Danke für diese Hinweise, Reinhard. Ich finde Sahlins sehr interessant, kannte ihn bisher nur von „Die Abenteuer der Ware“ (Anselm Jappe), wo er relativ ausgiebig zitiert wird. Das neue Buch von Sahlins mit dem sperrigen, aber sehr neugierig machenden Titel muß ich unbedingt haben.

  6. 6 Critique de l’Aufklärung : huit thèses | Krisis meinte am 3. Januar 2014, 16:09 Uhr

    […] Paru dans Streifzüge, n° 56, 2012 http://www.streifzuege.org/2012/kritik-der-aufklaerung-acht-thesen […]

  7. 7 Critique de l’Aufklärung : huit thèses - Streifzüge - Magazinierte Transformationslust meinte am 3. Januar 2014, 17:48 Uhr

    […] Critique de l’Aufklärung : huit thèses | Krisis bei Kritik der Aufklärung. Acht Thesen […]

  8. 8 Alec Schaerer meinte am 29. Januar 2017, 10:17 Uhr

    Interessant finde ich, dass in der Kritik von Aufklärung immer wieder eine misslungene Ablösung von der Natur beschworen wird, noch bevor die Möglichkeit einer wohlgeordneten Ganzheit von Natur angegangen wird. So gelten etwa als Naturgesetze nur jene, welche die heutigen Wissenschaften thematisieren, aber nicht auch und bereits die Grundgesetze der Logik. Der Grund für diesen blinden Fleck liegt im üblichen Ausgehen von Grundannahmen (Axiom, Definition, Hypothese, Postulat, Prämisse, usw.), denn dieser Gestus ist immer und unausweichlich ein ‚Hineinreden‘ in den Gesamtzusammenhang, noch bevor diesem Gelegenheit geboten wurde, sich ungestört dem Bewusstsein zu zeigen. Weil durch diese Ungeduld die Möglichkeit eines Kontinuums von Naturordnung gar nicht in den Fokus geraten kann, lässt sich der Verstrickung in Weltliches nie entgehen, die dann beklagt wird, als sei sie das Werk von etwas anderem als der eigenen Vorgehensweise. Da ist aber nicht die Natur des Menschen im Spiel oder sonst ein Naturgesetz. Es ist die Unbedachtheit der gedanklich manipulativen Grundhaltung, die im Weiteren auch die instrumentelle Vernunft kennzeichnet und uns eine Scheinherrschaft über die Natur vorgaukelt. In der Aufklärung wurden erste Schritte in Richtung auf eine Befreiung aus dem selbstgebauten Gedankengefängnis unternommen. Aber die Aufklärung ist noch nicht bis zur allerletzten Konsequenz dieser Intention gelangt. Deshalb finden sich immer wieder Kritiker der Aufklärung, die aber auch immer wieder in die gleiche alte Falle tappen, irgend einen Aspekt oder gar die eigenen Grundvorstellungen für absolut zu halten. Falls sich jemand für einen vergleichsweise kompromisslosen Ansatz interessiert, so gibt es seit einer Weile ein Buch „Systematische Ganzheitlichkeit – Eine methodologische Vermittlung zwischen Perspektivität und Universalität“ (2011, Königshausen & Neumann, Würzburg). Es wäre interessant von dieser Runde zu hören, was davon gedacht wird.

  9. 9 Maria meinte am 8. März 2017, 19:35 Uhr

    Was sagt ihr denn so zum Thema Geschichtsphilosophie und Dialektik der Aufklärung – schreib nun schon seit einem Jahr mit vielen Unterbrechungen an einer 20 Seitigen Uni – Arbeit über DdA und nächste Woche geb ich endlich ab :)
    Das nur so am Rande – (ohne philosophisch – wertvollen Input in die Runde zu werfen).

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