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Die Umarmung nach Picasso

16 Jul 2012

Streifzüge 55/2012

von Elisabeth Pein

 

Das Hörspiel die Umarmung, nach Picasso, das die Autorin Otto Breicha gewidmet hat, entsteht im September und Oktober 1985, wird vom WDR unter der Regie von Klaus Schöning produziert, am 10.6.1986 findet die Erstsendung statt. Der Titel die Umarmung, nach Picasso hat die Funktion eines Intermedialitätsmarkers, der hier ein Hereinnehmen der bildenden Kunst in den Hörspieltext bezeichnet.

Friederike Mayröcker schreibt als Anmerkung zu Beginn des Hörspiels, dass sie der Bildband über Pablo Picasso, nämlich dessen Suite Vollard, welche über 100 Radierungen enthält und 1930 entstanden ist, zu dem Dialoghörspiel angeregt habe. Den Titel gibt sie ihrem Werk nach einer der Bilderserien.
Picasso verwendet die Umarmung als Leitmotiv seines künstlerischen Werkes. Und es scheint, als habe dieser Titel auch für Mayröcker in diesem Hörspieltext eine universale Bedeutung. Er charakterisiert das Verfahren, das vom Bild zur Sprache führt, und beschreibt aber auch die Verquickung von Kunst und Leben in diesem Hörspiel. Dieser Durchdringung von Kunst und Leben entsprechen inhaltlich die polaren Figuren Sie und Er. Es werden die Polaritäten Bild und Sprache, Kunst und Leben, sowie Mann und Frau von der Autorin problematisiert.

Das Hörspiel wurde fast ohne Musik realisiert, hie und da wird der Dialog von einem Klavierakkord unterlegt. Es beginnt mit den Worten und dem eigentlichen Thema: Sie: „Wenn sie näher kämen (…) so würden sie genauer sehen (…) können, im Schatten des Chronometers, später steigt sie ins Bad, sirrend Wolkenschwärme (…).“ Er: „Ich würde gerne dieser Lockung nachgeben, diese Frau betrachten (…).“ (Mayröcker 2001: 170)

In diesem Hörspiel werden Distanzen und deren Überwindung zum Thema. Der gesamte Anfang steht im Konjunktiv, damit erzielt die Autorin einen Zustand zwischen Phantasie und Realität. Das Dialoghörspiel ist fast durchgängig ein Paralleltext zu den Radierungen Picassos der Suite Vollard und in dieser Form les- und hörbar. Es zeigt inhaltlich die erotische Wirkung der Betrachtung der Kunstwerke, wie sie die Personen Sie und Er erleben, aber zeigt auch die „erotische Beziehung“ von Künstler und Kunstproduktion. Mayröcker übersetzt in einem sehr erotisch gefärbten Dialog den Inhalt der Bilder in eine poetische Sprache und macht die Werke Picassos für die Zuhörer erlebbar.
Mit dem Aufruf, die Bilder aus der Nähe genau zu betrachten, versucht die Frau den Mann in ihre Nähe zu bringen und lässt die von Picasso abgebildeten Figuren ein Eigenleben in ihrer Phantasie spielen, das sie dem Manne mitteilt. Die Frau lockt den Mann mit einer erotisch konnotierten Sprache, zum Beispiel: „Kaltnadeldurchdringung“ oder „mit Magnetnadel durchdrungen“, also poetischen Termini, die suggerieren, es würde sich um Bildtechnisches handeln, aber durchaus erotisch aufgeladen sind.

Sehen und gesehen werden

Friederike Mayröcker sagt von sich selbst, sie erfasse das meiste durch die Augen, vieles entstehe bei ihr durch die optische Erfahrung. Die Tätigkeit des Schreibens ist, wie sie selber immer wieder betont, eine Form des Liebesaktes. Es fällt auf, dass Mayröcker rein visuelles Material, den Themenkreis rund um Sehen und Gesehen-Werden sowie die dadurch entstehende Erotik zum Fokus dieses Hörspieles macht.

Der Text ist durchzogen von Bildern, auf der einen Seite jenen von Picasso, aber auch von den in der Phantasie entstehenden Bildern der beiden Protagonisten, ja es überlagern sich beide, und so ist der Mond, der auf der Glasscheibe eines halb geöffneten Fensters gespiegelt ist, also selbst schon wieder Abbild im Glas, auch in der Picassoabbildung sichtbar. „Kommen sie näher! ganz nah! sehen Sie jetzt den Mond im Fenster, die Hälfte des Fensters ist aufgeschlagen, darin der Mond als Spiegelung, wir sprechen vom Mond am Himmel, aber er ist nur als Spiegelung sichtbar! Ist das nicht merkwürdig: der Mond aus dem Gemälde tritt jetzt hier ins Bild, in unser persönliches Bild (…).“ (Mayröcker 2001: 172)
Das Hörstück spielt mit der Thematik des Sehens und Gesehen-Werdens und des Voyeurismus.

Die Kustodin und der von ihr begehrte Mann betrachten gemeinsam Picassos Bilder. Bei einem Exponat Picassos assoziiert die Frau die Angst des Paares, beim Liebesspiel gestört zu werden. „(…) diese flüchtige Panik in den Augen des Paares, die Tür sei nicht richtig verschlossen, jeder könnte sie überraschen.“ (Mayröcker 2001: 179)

Es werden psychische Bereiche der Beziehung zwischen Mann und Frau angerissen und lyrisch skizziert. Auch aggressivere Töne werden angestimmt, so dreht sich ein Themenkreis um Tiermisshandlungen und um die Darstellungen von Schlachten und den geblendeten Minotaurus von Picasso. Deckfarben werden aggressiv geritzt und gestochen, ist doch die Aggression immer auch unbewusster Anteil jeder Liebesbeziehung.

In Mayröckers Phantasie werden die Schwarz-Weiß-Bilder farbig, und so schildert sie diese auch dem Hörer, gestaltet sprachlich ihren von den Bildern ausgelösten Farbenrausch. Sie lässt die Blicke von ihr und ihm auf dem spiegelnden Glas sich vereinigen und durch das Sprechen über den Inhalt der Bilder wird das Begehren der Frau ausgedrückt. Mayröcker involviert den Hörer in höchst lyrische Stimmungen. Sie legt in ihre sprachliche Schilderung der Bilder Picassos auch Fragen für den Hörer, der aufgefordert ist, mitzuphantasieren.

Die Dramaturgie des Akustischen steht in Beziehung zu den Radierungen. Anfangs wirkt alles eher statisch und ist von Klarheit geprägt, wenn es um die Thematik der freien Blätter geht. Dann wird die Sprache Mayröckers immer dynamischer, ja wild, und ist beinahe in Auflösung begriffen. Die wirklich überzeugende akustische Interpretation des Textes durch die Schauspieler Gisela Stein und Bruno Ganz trägt dem Rechnung. Immer wieder taucht von der weiblichen Seite die Phantasie auf, sich in einen Tiermenschen zu verwandeln.

Auch in Picassos Werk, im Blinden Minotaurus (1934) sowie in Minotauromanie (1935), erscheinen Tiermenschen, genau eine Stier-Mensch-Figur, einmal stark und aggressiv geschildert, wenn sie ein Pferd attackiert, und auch trotz des mächtigen Körpers hilflos, wenn sie blind vom Kind geführt wird.

Die Kustodin phantasiert die Vereinigung als totale Verschmelzung, sie sei das Bild des Mannes, das ER ist, dann wird sie selbst zu dem Mann, der ER ist; das sei ein Seelenaustausch. Die letzte Dialogsequenz entspricht dem Beginn des Hörspiels, und die Sehnsucht nach Annäherung wird wieder mit dem Satz „…wenn sie jetzt näher kämen“ (Mayröcker 2001: 184) umschrieben. Die Entfernung zwischen Mann und Frau ist also immer noch nicht überwunden und auf der szenischen Ebene scheitert die Nivellierung der Distanzen durch die ersehnte Umarmung der Frau.

Synästhetische Beschreibungen

Beim Phänomen der Synästhesie werden zwei Sinnesmodalitäten in Bezug zueinander gestellt. Die Medizin kennt seit mehr als dreihundert Jahren den Begriff „Synästhesie“. Bereits John Locke beschreibt 1690 in Essay concerning human understanding, einen Blinden, welcher den Klang der Trompete mit der Farbe Purpur vergleicht. Im 19. Jahrhundert hat die Synästhesie einen starken Einfluss auf Künstler und ihre Werke. Charles Baudelaire setzt vor allem in dem Gedichtband Die Blumen des Bösen die Entsprechung von Tönen, Farben und Gerüchen bewusst ein. Die Synästhesien im Hörspiel die Umarmung, nach Picasso lösen bei dem bereiten Hörer vielfältige  sinnliche Wahrnehmungen aus.

Die Suite Vollard

Das große Verdienst von Ambroise Vollard ist die Veröffentlichung von hundert Radierungen Picassos, welche zwischen 1930 und 1937 entstehen. Ambroise Vollard ist einer der größten Kunstsammler der bildenden Kunst, der aber nicht wirklich bekannt ist. Nur ein kleiner Teil seiner Veröffentlichungen erscheint zu seinen Lebzeiten. Seine Werke erscheinen in einer sehr kleinen Auflage und werden nur von wenigen Sammlern erworben, obwohl Vollards Arbeiten von hohem künstlerischen Instinkt zeigen.
Ambroise Vollard wird 1867 als Sohn eines Notars in Großbritannien geboren. 1880 geht er nach Montpellier, um Jus zu studieren. Er durchforstet die Kunstläden des Quartier Latin nach Bildern, welche damals billig zu haben sind. Im Laufe der Jahre wird er ein angesehener Sammler und Verleger. Picasso begegnet Vollard bei seinem zweiten Paris-Besuch 1901. Vollard kauft seine Werke, er bevorzugt besonders die Bilder Picassos der blauen und rosa Periode.

Die Suite Vollard umfasst siebenundzwanzig separate Blätter mit verschiedener Thematik und dreiundsiebzig Blätter mit fünf Themen: Die Liebesschlacht umfasst fünf Blätter, Atelier des Bildhauers sechsundvierzig Blätter, Rembrandt vier Blätter, Der Minotaurus und Der blinde Minotaurus fünfzehn Blätter und zuletzt die drei Portraits von Ambroise Vollard. Auf den ersten Blick lässt die Vielfalt der Themen auf das Fehlen eines Zusammenhangs schließen. Als die Blätter zusammen veröffentlicht werden, ist aber der zugrundeliegende Zusammenhang und Stil sofort ersichtlich. Für die siebenundzwanzig einzelnen Blätter benötigt Picasso sieben Jahre (von 1930 bis 1936) für ihre Fertigstellung. Die sechsundvierzig Blätter, deren Thema Das Atelier des Bildhauers ist, repräsentieren einen einheitlichen kreativen Durchbruch. Die elf Minotaurus Blätter werden zwischen Mai und Juni 1933 fertiggestellt.

Bibliographie
Friederike Mayröcker: die Umarmung, nach Picasso, in: Friederike Mayröcker: Magische Blätter I-V. Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2001. S. 170-185.
Friederike Mayröcker: die Umarmung, nach Picasso, Erstsendung: Köln. WDR 20.11.1986, Regie: Klaus Schöning, Dauer:47’ 05”, Sie: Gisela Stein, Er: Bruno Ganz.
Verwendeter Tonträger: CD du Executive Production by Dieter Bachmann / Pia &Werner X. Uehlinger in connection with the May-issue od. „du Zeitschrift der Kultur“ Zürich.
CD1 die Umarmung, nach Picasso Klaus Schöning, WDR Köln, 1994.

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