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Neue Werte im Sonderangebot

17 Mrz 2011

Die Gemeinwohlökonomie Christian Felbers

Langfassung des Artikels in Streifzüge 51/2011

von Andreas Exner

Manche wollen den Aufstand kommen sehen. Nota bene: er wäre zu begrüßen. Andere sorgen sich lieber um den geordneten Übergang in eine wirklich soziale Marktwirtschaft.

Christian Felbers neuestes Buch trägt den Titel „Gemeinwohlökonomie. Das Wirtschaftsmodell der Zukunft“ (Deuticke, 2010). Damit knüpft Felber an frühere Publikationen an. Neu ist der Entwurf einer alternativen Gesellschaft, der so genannten Gemeinwohlökonomie, den er darin entwickelt. Dieses Konzept ist im Rahmen der Gruppe „Attac UnternehmerInnen“ entstanden, die, so sagt deren Website, Netzwerke aufbaut, „die es Unternehmen ermöglichen, solide wirtschaftliche Strukturen jenseits von Konkurrenz und Profitmaximierung zu schaffen. Es sollen gemeinsam Kodices erarbeitet und gesetzliche Rahmenbedingungen gefordert werden, die es Unternehmen gestatten ihrem eigentlichen Auftrag nachzukommen, nämlich einen positiven Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten“. So will sich auch Felbers Gemeinwohlökonomie durch zwei Eigenschaften auszeichnen: Kooperation ersetzt die Konkurrenz; das Prinzip der Profitmaximierung ist überwunden.

Zweifellos ist die Frage der gesellschaftlichen Alternativen keine, die man der Zukunft zu überlassen hat oder einer vom Himmel fallenden Revolution. Die Erfahrung freilich zeigt, dass so genannte Alternativen nicht selten bloß eine Verlängerung der jeweiligen sozialen Wirklichkeit, der idealisierte Abklatsch einer schlechten Realität oder ein selbstverliebtes Wunschbild sind, das auf dem Selbstverständnis einer Klasse und ihrer Intellektuellen aufbaut. Und sie zeigt, dass neue Vorstellungen des Zusammenlebens ein wichtiger Bestandteil sozialer Veränderungen vor allem in der Geschichte der gesellschaftlichen Brutalitäten im Namen von Fortschritt, Ordnung und Harmonie gewesen sind. James Scott hat in „Seeing like a state“ eine Reihe von Beispielen dafür gegeben: von der geplanten Stadt bis zur sowjetischen Landwirtschaft.

Vorsicht ist also am Platz. Freilich: Nicht eine Grundsatzkritik „utopischen Denkens“ ist hier nötig, das wäre nur eine eitle Gedankenübung für jene, die es nicht gar so eilig haben, die herrschenden Zustände abzuschaffen und es sich also auch ersparen können, über andere Lebensverhältnisse und, wie man dahin gelangt, nachzudenken. Es interessiert vielmehr, ob das Konzept der Gemeinwohlökonomie als eine Alternative taugt und ob es die richtigen Ausgangspunkte benennt. Ergeben seine Argumente ein stimmiges Bild? Löst es seine eigenen Ansprüche ein? Passen alternative Handlungsmuster mit gesellschaftlichen Strukturen zusammen? Welche sozialen Beziehungen will es fördern, wo und wie entstehen diese?

Nicht ist er gut, gut ist er, nicht?

Felber legt Wert darauf, dass die Gemeinwohlökonomie eine Marktwirtschaft sei (S.144). Zugleich charakterisiert er seine Gegner allerdings als jene, die meinen: „Es gibt keine Alternative zur Marktwirtschaft, das ist bekannt, und deshalb erübrigt sich die Diskussion“ (S.16). Das Gegenstück einer Marktwirtschaft ist seiner Ansicht nach eine Planwirtschaft (S.144), womit er freilich eine Grundüberzeugung des Neoliberalismus vertritt. Friedrich August Hayek hat im Markt den unübertreffbaren Mechanismus zur Koordination dezentraler Entscheidungen gesehen. Wie Hayek hat auch Felber letzlich kein Argument, warum die von ihm vertretene Marktwirtschaft einer Wirtschaftsweise, die keinen Markt kennt, vorzuziehen sei. Er behauptet lediglich, dass es eine bedürfnisorientierte Produktion, die „dezentral, partizipativ und demokratisch“ organisiert wäre und „ohne Geld und Produktpreise auskommt“, noch nie gegeben habe (S.145) – und vergisst damit nicht nur, dass es auch eine „soziale Marktwirtschaft“, wie er sie konzipiert, noch nie gegeben hat, sondern zudem, dass die Produktion freier Software durchaus eine solche dezentrale und strikt bedürfnisorientierte Produktionsweise ist.

Damit der Mensch auch in die Wirtschaft passe…

Die Marktwirtschaft in Felbers Konzeption hat folgende Eigenschaften: Es gibt kein Streben nach maximalem Profit und keinen Wachstumszwang; die Konkurrenz ist von der Kooperation abgelöst; Krisen werden durch eine freiwillige Koordination der Unternehmen verhindert. Dies will er mit einem gesetzlich verankerten „Anreizsystem“ erreichen, das den „humanen Grundwerten“ der Vertrauensbildung, Kooperation, Solidarität und des Teilens zur Durchsetzung verhilft und die „falschen Leitsterne“ Gewinnstreben und Konkurrenz zurückdrängt (S.24).

„‘Das Sein bestimmt das Bewusstsein’, wusste schon Karl Marx“, meint Christian Felber auf Seite 112. Tatsächlich bilden die Strukturen der alltäglichen Handlungen, die Routinen des Marktes und der Unterwerfung im Betrieb eine Einheit mit den Strukturen des in der Gesellschaft herrschenden Denkens und Charakters. Sie stützen sich wechselseitig und formieren einander. Felber erkennt das an, wenn er darauf hinweist, dass sich Freundschaften und das, was gemeinhin „eine gute Beziehung“ heißt, durch eine Verhaltens- und Denkweise auszeichnen, die einer dem Markt entgegengesetzten Ethik entsprechen (S.10). Während eine Freundschaft Teilen, wechselseitige Hilfe und Verständnis bedeutet, ist die am Markt übliche Beziehung eine des wechselseitigen Ausschlusses, der Überlebenskonkurrenz und Verantwortungslosigkeit.

Verwundern muss deshalb, dass er Werte zugleich und im Widerspruch dazu als „Fundament des Zusammenlebens bezeichnet“ (S.10). Würde Felber tatsächlich das wissen, was Marx wusste, so wäre es gerade umgekehrt. Man muss jedoch nicht die einseitige Sicht teilen, wonach die Lebensumstände eines Menschen das Denken formen. Es genügt, was richtiger ist, zu sehen, dass so genannte ethische Werte keinen Vorrang gegenüber den Lebensumständen, den menschlichen Beziehungen haben. Sie sind Ausdruck dieser Beziehungen, nicht ihr Fundament.

Wenn dem so ist, kann der Ansatzpunkt zur gesellschaftlichen Befreiung – einmal abgesehen von der Frage, ob die Gemeinwohlökonomie überhaupt dazu taugt – jedoch nicht in den „Werten“ liegen, sondern nur in einer gemeinsamen Veränderung der Beziehungen und der Art, wie man diese denkt und darüber spricht. Eilt ein Moment dem anderen zu weit voraus, so zerreißt dieses Verhältnis und ein hoffnungsvolles soziales Experiment in Kooperation versandet unbemerkt, oder eine neue Idee sozialer Beziehung verliert sich in der Spekulation.

Die „ethischen Werte“ können daher nicht dazu dienen, die Marktwirtschaft, wie sie existiert, aus den Angeln zu heben oder ihr eine menschenwürdige Form zu geben. Felber müsste eigentlich auffallen, dass es kein Zufall sein kann, dass die von ihm gut geheißenen Werte der Vertrauensbildung, der Kooperation und des Teilens gerade keinen Marktbeziehungen entsprechen. Das Sein bestimmt zwar nicht das Bewusstsein, aber es entspricht ihm. Die „neuen Werte“ des Christian Felber sind die „Werte“ einer bestimmten Art von Beziehung, und diese ist genau keine Marktbeziehung, sondern eine der Freundschaft, der Familie, der Zuneigung. Bei unserem Autor soll – wie bei allen Liberalen – jedoch das Unmögliche partout möglich werden und der Markt „human“.

Dieses formelhafte und zugleich falsche Denken verführt Felber offenbar dazu, den Menschen wie einen Behälter von „ethischen Werten“, der simplen „Anreizen“ folgt, zu sehen. Ein Bild, das dem Pawlowschen Hund, der auf Glockengeläut mit Speichelfluss zu antworten lernte, ähnelt – und mit ihm dem von kapitalistischen Werbetechniken bearbeiteten Warenmenschen.

Daher die Betonung der Erziehung und Schule, die in der Felberschen Sicht die Menschen formen soll, damit sie in die von ihm konzipierte Gemeinwohlökonomie passen (S.87ff.). Seltsam mutet eine „freie Gesellschaft“ an, in der Kinder extra lernen müssen, „Gefühle wahrzunehmen, ernst zu nehmen, sich nicht dafür zu schämen, darüber zu sprechen“ (S.87). Soll die Familie, die laut Felber ja eigentlich der Hort der „humanen Grundwerte“ sein soll, denen in der Gemeinwohlökonomie zum Durchbruch verholfen wird, etwa derart krank machende Züge haben, dass die Felbersche Schule einer therapeutischen Einrichtung gleicht? Dem Bild eines Behälter-Menschen, der auf eine von ihm getrennte Umwelt aus „Anreizen“ reagiert, entspricht eine Schule, die an einen „alternativen Nürnberger Trichter“ erinnert. Sie beinhaltet neben der besagten „Gefühlskunde“ auch eine Reihe anderer Unterrichtsgegenstände, von denen man eigentlich erwartet hätte, dass sie in der Gemeinwohlökonomie unnötig sind, da ihre Lernziele in der Struktur des alltäglichen Lebens Wirklichkeit geworden, ja eigentlich ihre Basis sind: neben der „Wertekunde“ eine „Kommunikationskunde“, „Demokratiekunde“ und „Naturerfahrens- oder Wildniskunde“ zur „Heilung“ von „Bindungsschwäche“ und „geringer Beziehungsfähigkeit“. Sind sie nicht unnötig, so wäre es jedenfalls skurril, in einer herkömmlichen, autoritär strukturierten Schule „Demokratiekunde“ zu lehren oder „Kommunikationskunde“, die laut Felber darin besteht, dass Kinder „Zuhören. Achten. Ernst nehmen“ lernen – So als würden Kinder nicht zuhören, achtsam sein und andere ernst nehmen, wenn ihnen zugehört, auf sie geachtet wird und sie ernst genommen werden, und als würde die herrschende Schule nicht vor allem eines vermitteln wollen: Dem Lehrkörper zuzuhören, ihn zu achten und ernst zu nehmen.

Der Reiz des Werts

Was die Ökonomie im engeren Sinn angeht, äußert sich das Behälter-Anreiz-Schema in der Weise, dass die Geldbeziehungen und finanziellen Kriterien durch eine so genannte Gemeinwohlmatrix ergänzt werden sollen: „Als erster Schritt wird allen Unternehmen ein neues Ziel vorgegeben: das Streben nach dem allgemeinen Wohl. Mit diesem neuen Ziel müssen wir unternehmerischen ‘Erfolg’ neu definieren. Ein Unternehmen ist nicht länger erfolgreich, wenn es einen hohen Finanzgewinn erzielt, sondern wenn es einen größtmöglichen Beitrag zum Gemeinwohl leistet“ (S.24). Als zweiter Schritt, so Felber, müsse ein Wirtschaftskonvent das Gemeinwohl definieren. Drittens sei der neu gefasste Begriff von Unternehmenserfolg so zu definieren, dass er gemessen werden könne (S.27). Ähnlich wie ein alternativer Wohlstandsindikator anstelle des Bruttoinlandsprodukts, so der Autor, müsse auf der Ebene der Unternehmen ein weiterer Indikator seinen Beitrag zum Gemeinwohl anzeigen. Nebenbilanzen, wie schon heute für ökologische oder soziale Standards etwa im Rahmen von Initiativen der Unternehmensverantwortung (CSR) üblich, sind laut Felber ein erster Schritt. Das Problem dabei jedoch wäre, dass diese unverbindlich und gesetzlich unkontrolliert bleiben: „Sobald sie in Widerstreit mit der Hauptbilanz – der Finanzbilanz – geraten, sind sie nichts mehr wert, denn das würde den Lebensnerv des Unternehmens angreifen und in der heutigen Systemdynamik schädigen“ (S. 28).

Dem hält Felber entgegen: „Dem Hausverstand und mehrheitsfähigen Gerechtigkeitsempfinden zufolge müsste es doch genau umgekehrt sein: Wer sich sozialer, ökologischer, demokratischer, solidarischer verhält, sollte es leichter haben als der Asoziale und Rücksichtslose!“ (a.a.O.). Zu diesem Zweck dient eine Gemeinwohlbilanz. Während die Finanzbilanz als eine Nebenbilanz weiterbesteht, würde das Gemeinwohl die Hauptbilanz bestimmen. Unternehmen sollen keine finanziellen Verluste machen, ebensowenig wie Gewinne um der Gewinne willen. Der Gewinn würde zu einem „begrenzten Mittel“ für „klar definierte Zwecke“ (S.29).

Obwohl Felber das Hauptproblem mit CSR-Bilanzierungen in der Unverbindlichkeit ortet, sollen auch die Kriterien der Gemeinwohlbilanz „frewillig“ sein (S.30). Beispiele dafür sind nicht nur gesetzliche Mindeststandards, sondern auch zusätzliche Kriterien in den Bereichen, die laut Felber von Interessensgruppen regelmäßig als besonders wichtig für das Verhalten von Unternehmen genannt werden: Menschenwürde, Vertrauen, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung (S.32). Eine Gemeinwohlmatrix veranschaulicht, wie jeder dieser Bereiche für eine bestimmte „Berührungsgruppe“ wie den Mitarbeitern, Kundinnen, Mitunternehmen, Lieferantinnen und Geldgebern, der Region und dem so genannten Souverän, den zukünftigen Generationen und (sic) den Produkten, konkretisiert und mit „Gemeinwohlpunkten“ versehen werden kann. So könnte etwa der Grad der Solidarität gegenüber der Region anhand des Vorhandenseins einer öffentlichen Kantine oder eines Kindergartens gemessen werden, die soziale Gerechtigkeit gegenüber den Kunden anhand der Möglichkeit, sich an der „Marktplanung hinsichtlich Preis und Angebot“ zu beteiligen (S.32).

Die Gemeinwohlpunkte sollen als „Anreiz“ für kooperatives und gemeinwohlorientiertes Verhalten wirken, indem sie mit „rechtlichen Vorteilen“ durch Förderinstrumente verbunden werden: erniedrigter Mehrwertsteuersatz und Zolltarif, Kreditvergünstigung, Vorrang bei öffentlichen Aufträgen, Forschungskooperationen mit öffentlichen Universitäten und direkte öffentliche Förderungen – „Diese Belohnungen helfen den Gemeinwohlorientierten, ihre (höheren) Kosten zu decken“ (S.34). Der finanzielle Ertrag würde begrenzt, besonders erfolgreiche Unternehmen würden jedoch entsprechend gekennzeichnet, wodurch sich ihr Image verbessert und Marktvorteile erwachsen: „Durch das Zusammenwirken von rechtlichen Vorteilen, Konsumentscheidungen und der Präferenz ‘erfolgreicher’ Zulieferbetriebe entsteht eine mächtige Spirale in Richtung Gemeinwohl“ (a.a.O.).

Felber betrachtet als „Kern des Kapitalismus“, den er mit der Gemeinwohlökonomie überwinden will, „dass sich die einen – die KapitalbesitzerInnen, Mächtigeren – den Mehrwert der Arbeit von anderen – Ohnmächtigen, NichtbesitzerInnen von Kapital – legal aneignen“ (S.38) und meint, es gäbe verschiedene Wege, zu großem Kapitalbesitz zu gelangen, wovon jene gutzuheißen sind, die „in Einklang mit allen Grundwerten der Gesellschaft“ stehen, worunter unser Autor „persönlichen Arbeitseinsatz bei gleichzeitiger Rücksichtnahme auf alle anderen und Wahrnehmen von Verantwortung“ versteht. „Rücksichtsloses Besitz- und Machtstreben, Trickserei, Erbschaft oder Glück“ hält er dagegen für illegitime Weisen, Kapital zu akkumulieren (a.a.O.).

Felber glaubt, seine Gemeinwohlökonomie würde keine kapitalistische sein, das heißt eine, die nicht mehr von Drang und Zwang zur Anhäufung abstrakten ökonomischen Werts, also von Profit, bestimmt ist. Das zu glauben ist nur möglich, wenn man die Realität der kapitalistischen Wirtschaftsweise verkennt. Tatsächlich wird der Großteil der Profite reinvestiert – ein Profit, der konsumiert wird, ist kein Kapital mehr, sondern weg. Er ist als Sekt in die Kehle geronnen oder als Yacht in den Hafen eingelaufen, niemals aber hat er sich als Kapital akkumuliert. Der beste Kapitalist ist einer, der asketisch lebt wie ein Mönch, was in der Tat das Leben nicht weniger Kapitalisten war und ist, allenfalls gemildert um Ausgaben für einen gewissen Repräsentationsaufwand, der sich gut macht bei Diners und Geschäftsabschlüssen und Macht signalisiert, die sich in Bares münzen will. Auf alle Fälle ist der Konsum des Kapitalisten durch die Konkurrenz limitiert – was er zum persönlichen Genuss verknuspert, fehlt ihm zur Erweiterung seines Kapitals und umgekehrt.

Felber betont einerseits, dass die Unternehmen der Gemeinwohlökonomie „nicht mehr gewinnorientiert wirtschaften sollen“ und erklärt, dass die Zielorientierung auf den finanziellen Gewinn gerade „der Kern des Problems“ ist und genau deshalb der Nutzen für das Gemeinwohl die neue Hauptbilanz darstellen müsste (S.35). Er präzisiert: „Der Gewinn wird vom Zweck zum Mittel“ und bezeichnet dies als den „springenden Punkt“ (a.a.O.). Dessen ungeachtet ist sich unser Autor jedoch nicht sicher, ob die Gemeinwohlökonomie nun eine nicht-kapitalistische oder eine kapitalistische ist. Denn wenige Zeilen weiter hält er fest, dass „Gewinne sowohl nützlich als auch schädlich sein können“, weshalb Gewinne eben „differenziert auf bestimmte Verwendungen begrenzt“ werden müssen, „um ein ‘Überschießen’ in den Kapitalismus – die Akkumulation um der Akkumulation willen – in eine sinnvollere Richtung umzulenken“ (a.a.O.). Zu diesem Zweck soll auch für Investitionen eine Gemeinwohlkalkulation angefertigt werden müssen, damit nur mehr jene getätigt werden, die auch einen „sozialen und ökologischen Mehrwert schaffen“ (S.36).

Ist’s Kapital wohl noch gemein?

Die Gemeinwohlökonomie ist also nach Aussage des Autors nicht nur eine Marktwirtschaft, sondern auch Kapitalismus. Nach Felberschem Dafürhalten jedoch einer, der weder Konkurrenz noch Wachstumszwang oder Profitmaximierung kennt.

Felber führt das Wachstum des Kapitals offenbar wesentlich auf den Zins zurück, wenn er meint, in der Gemeinwohlökonomie entstehe durch Verschuldung kein „nennenswerter Wachstumsdruck durch Zinsen, da diese gegen Null tendieren“ (S.38). Das ist ein Fehlschluss: Unternehmen nehmen Kredite auf um zu wachsen, nicht umgekehrt. Wie die Wirtschaftsnachrichten jeder Tageszeitung illustrieren können, würgen hohe Zinsen das Wachstum ab, während niedrige Zinsen es beschleunigen – sofern die Unternehmer ausreichende Profite erwarten.

Andererseits nennt er als Ursachen des Wachstums die Erhöhung von Gewinnen, die Bedienung von Aktionären, die Behauptung in der Konkurrenz und der Schutz vor feindlichen Übernahmen (S.44).

Tatsächlich unterliegen Unternehmen in einer Marktwirtschaft – egal ob es sich um Kooperativen im Besitz der Arbeitenden oder um normale kapitalistische Firmen mit einem Management und Lohnabhängigen handelt – einem Wachstumsdrang und -zwang. Der Wachstumsdrang resultiert aus der charakteristischen „Eigenschaftslosigkeit“ des Geldes, das ja nur abstrakten ökonomischen Wert verkörpert, reine Kaufkraft, puren Reichtum, alle Kaufmöglichkeiten. Ein Tauschmittel, das diese Eigenschaften nicht hat, ist kein Geld. Als solches befriedigt es kein konkretes Bedürfnis. Eine wirtschaftliche Tätigkeit erlischt nicht im konkreten Produkt, etwa im Brot, das konsumiert wird um Hunger zu stillen, wie in einer nicht-kapitalistischen Produktionsweise, sondern ergibt Geld. Geld als „Endprodukt“ unterscheidet sich von Geld als wichtigstem „Rohstoff“ namens Kaufkraft lediglich der Menge nach – mehr Geld ist daher besser als weniger Geld. Felbers Gemeinwohlökonomie würde diesen Drang zwar begrenzen, indem Gewinne und Einkommen von Unternehmensteilhaberinnen gedeckelt werden. Er bestünde jedoch fort. Ebensowenig wie heute das persönliche Gewinnstreben die letzte Ursache des Wachstumsdrangs ist, wird es dies in der Gemeinwohlökonomie sein. Der Wachstumszwang schließlich resultiert aus der Konkurrenz. In der Felberschen Welt gibt es nach wie vor die Drohung des Konkurses, was laut unserem Autor auch zeige, dass es sich um eine Marktwirtschaft handelt (S.45). Zwar wird behauptet, dass Konkurse unwahrscheinlich seien – dabei bleibt es aber auch. Felber glaubt das, weil er glaubt, dass tendenziell nur „sinnvolle Unternehmen“ gegründet und „in demokratisierten Unternehmen eher alle gemeinsam an einem Strang ziehen“ würden, was Konkurse effektiver verhindere, außerdem kooperierten die Unternehmen ja (S.46).

Dass Konkurse nicht wesentlich mit der Gründung „sinnloser Unternehmen“ oder „fehlendem Zusammenhalt“, sondern mit gesamtwirtschaftlichen Krisen zu tun haben, entgeht Felber, der es besser weiß, an dieser Stelle. Dieser Fehler resultiert vermutlich aus der irrigen Ansicht, dass an den Krisen des Kapitalismus die Finanzmärkte schuld seien, die es in seiner Gemeinwohlökonomie in heutiger Form nicht mehr gibt. Tatsächlich sind Krisen Resultat des ungeplanten Zusammenwirkens konkurrierender Unternehmen. Sie investieren zum Zwecke des Profits für weitere Investitionen und schaffen somit wiederkehrende Überkapazitäten, die in einer Krise entwertet werden, in deren Verlauf viele Unternehmen bankrottieren. Und sie investieren in technologische Neuerungen, ebenfalls um in der Konkurrenz zu bestehen, indem sie Profite produzieren, die ihnen erneute Investitionen erlauben und so fort. Beide Krisenursachen erkennt Felber zwar an (S.46), meint jedoch, dass in der Gemeinwohlökonomie alles anders laufe. Die „kooperationsbereiten Unternehmen“ einer „betroffenen Branche“ würden einen „Kooperationsausschuss einberufen und gemeinsam erörtern“, was zu tun sei – eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit in der Gruppe der kooperierenden Unternehmen, eine Neuorientierung und Verkleinerung von Betrieben etc. (S.47). Felber nennt das „kooperative Marktplanung“.

Es ist wichtig zu wissen, dass Felber die Gemeinwohlökonomie im engen Sinne – also jene Unternehmen, die sich sozusagen auch wirklich anstrengen, dem Gemeinwohl zu dienen, neben den Luschis, die nur so tun als ob –, lediglich als einen Sektor der Ökonomie konzipiert. Eine klassische Überproduktionskrise ließe sich nicht verhindern, da die Gemeinwohlökonomie eine Marktwirtschaft ist und auch keine staatliche Planung der Produktion (wie in der Sowjetökonomie) kennt, die dies zumindest der Möglichkeit nach unterbinden könnte. Auch die Felbersche Gemeinwohlkalkulation für Investitionen kann dem keinen Riegel vorschieben. Dazu wäre eine gesamtwirtschaftliche Planung der Investitionsbedarfe und -angebote notwendig, die nur der Staat zentral durchführen könnte, was er laut Felber jedoch nicht soll. Ein Unternehmen, das eine allgemeine Krise herannahen sieht, würde also abwägen, ob es zu einem „Kooperationsausschuss“ geht oder sein Glück auf eigene Faust versucht. Der Logik einer Marktwirtschaft, also auch der Gemeinwohlökonomie, entsprechend, werden die (absehbaren) Verlierer sich in Kooperationsausschüssen einfinden, dort jedoch nichts zu verteilen haben als ihre Verluste, während die (absehbaren) Gewinner ihre Schäfchen ins Trockne bringen werden.

Der Autor geht davon aus, dass es nicht kooperationsbereite Unternehmen gibt, meint jedoch, diese hätten „aufgrund ihrer unattraktiven Farbe“ (sic) derart viele Nachteile bei den Konsumentinnen und darüberhinaus keinerlei rechtliche Vorteile, sodass sie an Bedeutung verlieren würden (S.46).

Dies kann kaum überzeugen, da „schwarze Schafe“ unter den Unternehmen ja auch heute schon gebrandmarkt werden und Fair Trade einen Wachstumsmarkt darstellt, ohne ersichtlichen Einfluss auf die Missstände des Kapitalismus, die Felber zurecht kritisiert. Würden „nicht-kooperative Unternehmen“ gesetzlich benachteiligt, so könnte dies sicherlich einen Einfluss auf ihr Verhalten ausüben. Allerdings würden sie abwägen, ob die finanziellen Vorteile die Nachteile aufwiegen. Felber selbst hält ja fest, dass die Gemeinwohlorientierung „höhere Kosten“ verursacht (S.34). Dass der Inbegriff von Reichtum in der Gemeinwohlökonomie, das Geld, als „Kostenfaktor“, eine Belastung des Reichtums erscheint, ist bereits ein deutlicher Hinweis auf den inneren Widerspruch der Konzeption, den sie mit der bekannten Marktwirtschaft teilt. Die finanziellen Belohnungen der gemeinwohlorientierten Unternehmen dürften sich angesichts der Kluft zwischen Felberschem Gemeinwohl und kapitalistischer Realität kostenintensiv zu Buche schlagen. Woher wird der Staat die Steuermittel nehmen, um diese Kluft nicht nur „von unten“ zu schließen, sondern sogar zu Gunsten der förderwürdigen Unternehmen deutlich in Richtung Gemeinwohl zu öffnen? Alle Steuern sind letzlich ein Abzug vom Mehrwert (nicht im Felberschen, sondern im Marxschen Verständnis). Werden Unternehmensgewinne, große Vermögen oder Dividenden besteuert, ist das offensichtlich. Da jedoch auch die Löhne, die für den Warenkonsum ausgegeben werden, ein Abzug vom Profit sind, gilt dies ebenso für alle Steuern, die auf Lohneinkommen oder Konsum erhoben werden. Wenn der Staat die Gemeinwohlunternehmen über niedrigere Steuersätze fördert, wird er sich bei den Steuereinnahmen, die laut Felber gerade für weitere „direkte öffentliche Förderungen“ zur Verfügung stehen sollen, Probleme einhandeln. Zolltarife zu erniedrigen würde entweder die Exportsektoren fördern, was nicht im Interesse anderer Binnenmärkte liegen dürfte, oder würde Importe verbilligen, was nicht unbedingt im Interesse regional orientierter Gemeinwohlunternehmen ist. Darüberhinaus wirken solche Begünstigungen nur, wenn die „normalen Zölle“ hoch sind. Günstigere Kredite sind nur ein Anreiz, wenn damit auch Profite erhöht werden können, was für die Gemeinwohlunternehmen jedoch ausgeschlossen ist. Vorrang bei öffentlichen Einkäufen ist nur für einen Teil der Unternehmen relevant und zudem sind die öffentlichen Einkäufe beschränkt, können also nicht mit der Zunahme der Gemeinwohlökonomie wachsen. Forschungskooperationen sind ebenfalls nur für einen Teil von Unternehmen von Interesse und direkte öffentliche Förderungen hängen letztlich an der Profitmasse, die in der Gemeinwohlökonomie aber minimiert werden soll – zumindest vertritt der Autor dies in manchen Passagen (während er in anderen nur von einer Lenkung der Investitionen, die sich ja letzlich aus Profiten speisen müssen, spricht).

Während Felber Gewinne deckeln will, die aus den „rechtlichen Vorteilen“ der Gemeinwohlunternehmen erwachsen können – sofern sie nicht in „erwünschte Verwendungen“ fließen – und daraus ableitet, dass es sich nicht lohne, sich aus „reinem Gewinnstreben“ sozial und ökologisch zu verhalten, meint er: „Sehr wohl bringt es hingegen etwas, Gemeinwohlpunkte zu ‘maximieren’“ (S.34). Als Grund gibt er an, dass Konsumentinnen eine klare und systematische Entscheidungsgrundlage hätten und dass „gemeinwohlorientierte“ Zulieferbetriebe ebensolche Unternehmenskunden bevorzugen würden. Der entscheidende Anreiz sind also wie in der üblichen Marktwirtschaft nicht ökonomisch wertlose Punkte, sondern Geld.

Die Felbersche Konzeption der Betriebe, die aus nicht ersichtlichen Gründen Gemeinwohlpunkte über jenes Maß hinaus sammeln, das ihnen den Genuss von staatlichen Förderungen bei möglichst geringem sonstigen Aufwand bringt, hat denselben Fehler wie die sowjetische „Tonnenplanung“. Der UdSSR-Staat plante die Produktion sowohl in Geldeinheiten als auch in physischen Größen mittels eines komplizierten Kennzahlensystems, das verschiedenste Qualitätskriterien berücksichtigen sollte. Da die sowjetische Ökonomie nicht auf konkrete Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet und von den Menschen direkt geplant wurde, sondern eine Marktwirtschaft (unter starkem staatlichem Kommando) darstellte, machten die sowjetischen Betriebe das, was in einer Marktwirtschaft tendenziell alle tun: sie versuchten die Planvorgaben zu umgehen bzw. mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel herauszuholen. Was würde nun in einer Felberschen Gemeinwohlökonomie ein am Gemeinwohl stark orientiertes Unternehmen daran hindern, in einer Region, die gar keine Kindergärten mehr braucht, noch einen weiteren anzubieten, um die damit verbundenen Gemeinwohlpunkte zu erhalten? Was, wenn dieser Kindergarten zwar ein Kindergarten, aber nur für 10 Kinder statt der 50 im Dorf ist? Was, wenn er zwar für 50 Kinder geeignet wäre, jedoch über keine Toilette verfügt oder eine Küche, die zu klein ist? Ein anderes Beispiel. In Felbers Gemeinwohlmatrix erhält ein Unternehmen ein gerütteltes Maß an Gemeinwohlpunkten, wenn es seine „Entscheidungen“ und „Zahlen“ gegenüber den Mitarbeitern offenlegt. Was würde ein Unternehmen daran hindern, vorzugeben, transparent zu sein, jedoch wesentliche Daten zu verschweigen oder zu glätten? Schließlich haben heute schon Betriebsräte das Informationsrecht über die Betriebsbilanzen – es wird jedoch niemand behaupten wollen, dies trage wesentlich zum „Gemeinwohl“ bei. Noch ein Beispiel: Die Gemeinwohlmatrix nimmt an, dass Selbstorganisation der Arbeitszeit mit satten 25 Punkten belohnt würde. Nun ist bekannt, dass selbstorganisierte Arbeitszeiten ein Merkmal flexibler Unternehmen sind, die dadurch einen Konkurrenzvorteil erhalten. Es wird kein Unternehmen finanziell treffen, sondern kann seinen Profit wohl erhöhen, wenn es die Arbeitszeit flexibilisiert und sie der „Eigenverantwortung der Mitarbeiter“ überlässt. Moderne Controllingsysteme behalten die Arbeitsleistung dennoch im Griff.

Ein weniger weit entferntes Beispiel ist das agrarische Förderwesen. Eine Unzahl von Kriterien ergibt dabei ein bürokratisches Ungetüm mit fragwürdigen Effekten auf die behaupteten Ziele, die in der Förderung einer ökologischen Bewirtschaftung und der Einkommen ländlicher Landwirtschaftsbetriebe liegen sollen. Ein solches Förderimperium ist nur aufrechtzuerhalten, weil die Subventionen der Landwirtschaft sich aus kapitalistischen Sektoren speisen, durch Umverteilung zwischen „guten“ und „bösen“ Agrarbetrieben wäre dies nicht möglich.

Der Punkt sollte klar geworden sein, es geht nicht um einzelne Beispiele in der Felberschen Matrix, sondern um den grundlegenden Widerspruch zwischen „Gemeinwohl“ und Marktwirtschaft, der fortbesteht, egal ob ein „sozialistischer“ Staat oder ein Felbersches Gemeinwohlgremium ihn per Dekret und Gesetz aus der Welt schaffen will: Ein „gemeinwohlorientiertes“ Unternehmen hätte in einer Marktwirtschaft in der Tat ein inneres Interesse daran, sowohl Gemeinwohlpunkte einzuheimsen als auch finanzielle Gewinne zu maximieren. Die Gemeinwohlökonomie müsste mit mehr Kontrollen antworten. Dies jedoch ist genau der Mechanismus einer Marktwirtschaft, der aus der Sowjetökonomie ein bürokratisches Monster und aus der Felberschen Gemeinwohlökonomie bestenfalls ein Katz-und-Maus-Spiel des verallgemeinerten „Gemeinwohl-Washing“ machen würde: Da in ihr eben kein inneres Interesse am „Gemeinwohl“ existiert, weil man vom Gemeinwohl ebenso wenig leben kann wie von sozialistischer Ehre, sondern man in einer Marktwirtschaft primär einmal Geld verdienen muss, in Konkurrenz zu anderen Unternehmen, die dasselbe tun, wird man diesen ersten Zweck auch entsprechend privilegiert verfolgen.

Ein weiteres strukturelles Problem seiner Konzeption besteht darin, dass Gewinne und Einkommen begrenzt sind – würden dennoch Gewinne erwirtschaftet, die das erlaubte Maß überschreiten, müssten sie vernichtet werden. Eine Gewinnvernichtung würde wie eine Kapitalsteuer wirken, nur dass sie, im Unterschied zu dieser, auch dem Staat nicht zugute käme. Die „gestrichenen“ Gewinne würden nutzlos verausgabte Ressourcen darstellen. Da die Unternehmen ihre Produktion nicht im Vorhinein absprechen, wie dies in einer an den Bedürfnissen orientierten Produktionsweise der Fall wäre, wird es – ebenso wie Konkurse – zum normalen Lauf der Dinge gehören, dass Gewinne vernichtet und wirtschaftliche Prozesse für „ungültig“ erklärt werden.

Angesichts der vielen Ungereimtheiten in Felbers Konzeption ist die Vorstellung, dass „Unternehmen nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander agieren werden“, zwar nicht die „schwierigste Gedankenübung“, aber doch eine der vielen Schwierigkeiten des Buches (S.44).

Is this the way?

Das Bild einer alternativen Gesellschaft ist dann sinnvoll, wenn es gedanklich zeigen kann, dass und wie eine Gesellschaft, die nicht von Krisen geplagt ist, systematisch Armut erzeugt und auf Herrschaft beruht, sondern Selbstentfaltung in Gemeinschaft ermöglicht, funktioniert. Das leistet die Gemeinwohlökonomie offensichtlich nicht.

Eine Alternativkonzeption könnte jedoch auch dann noch interessant sein, wenn sie strategische Ansatzpunkte deutlich macht und einen Weg aufzeigt, wie man von hier nach dort, vom Kapitalismus zu einem guten Leben für alle kommt. Auch das leistet die Gemeinwohlökonomie nicht. Denn während sie zwar einerseits das Produkt einer Debatte mit Unternehmerinnen und Unternehmern ist, die offensichtlich bereits jetzt, in der Realität, wie wir sie kennen, praktische Schritte in Richtung einer „anderen Ökonomie“ tun wollen, gibt sie andererseits vor, eine gesamtwirtschaftliche Lösung zu sein. Der ganze Ansatz läuft darauf hinaus, weil er die Gewalt des Staates benötigt und auch gut heißt, um die „schwarzen Schafe“, die in einer Marktwirtschaft die Regel und nicht die Ausnahme darstellen – freilich aus systematischen, strukturellen Gründen –, zu kontrollieren und zu bestrafen. „Was passiert mit Unternehmen, die nicht mitmachen?“, fragt Felber, und gibt sich selbst die Antwort: „Grundsätzlich dasselbe wie mit Unternehmen oder Personen, die sich heute nicht an die gültigen Gesetze halten … Um nicht alles mit Strafen zu regeln, gibt es Anreize, sich gemeinwohlfördernder zu verhalten, als das Gesetz verbindlich vorschreibt“ (S.141).

Wenn die Gemeinwohlökonomie nicht als Nischenprojekt taugt, so stellt sich die Frage, wie sich Österreich aus der krisenhaften Weltwirtschaft, die auch unter besten Annahmen schwerlich auf absehbare Zeit nach den Regeln der Gemeinwohlökonomie funktionieren wird, auskoppeln können soll. Das ist praktisch nicht denkbar geschweige denn wünschenswert, da Österreich ein ziemlich willkürlicher Ausschnitt auf der Landkarte der Produktionsbeziehungen ist. Es ist auch nicht einsichtig, warum ausgerechnet der zufällige Haufen von Leuten, die in „Österreich“ als Menschen erster Klasse – also Staatsbürger – anerkannt sind, „Souverän“ spielen sollen, wie Felber unter Verweis auf die direkte Demokratie betont. Selbst wenn man Migrant_innen einbeziehen würde, änderte dies nichts an dem Umstand, dass „Österreich“ eine willkürliche Grenzziehung ist und man mit dem „Souverän“ auch die Nation und ihre Scheußlichkeiten festschreiben würde.

Die Felbersche Alternativkonzeption trägt nicht nur von ihrem Entstehungsprozess her, sondern vor allem dem Inhalt nach den Stempel des Kleinbürgerinteresses, hier in seiner grünalternativen Version. Im Gefühl der Bedrohung durch ökonomische Mächte und Kräfte, die man selbst nicht in der Hand hat, weil man, so denkt man, eben nicht zu den „Großen“, sondern nur zu den „Mittleren“ gehört, umso mehr dafür infiziert von der Idee individueller Leistung und gerechter Belohnung, im Vertrauen auf den Staat und die Schule als strafende und belohnende Instanzen, die letzlich die „Guten“ ans Licht bringen werden, weit davon entfernt, seine eigene kleine Kommandoposition zu verlassen oder als notgedrungenes Übel in realistisches Licht zu rücken, schwankt der Kleinbürger-aus-Überzeugung zwischen dem Gefühl moralischer und intellektueller Überlegenheit, dem Glauben an feste Autoritäten und der Angst vor einer unkontrollierbaren, spontanen, die herrschende Ordnung in Frage stellenden Entwicklung einerseits und der Angst vor übergeordneten Autoritäten und dem Gefühl seiner reellen Ohnmacht andererseits. Die Konzeption des dem Gemeinwohl dienenden Kleinunternehmers, der die Welt vor dem „großen Kapital“ rettet und das „kleine Kapital“ zusammen mit der „ehrlichen Leistung“ in einer „ordentlichen Welt“ der „sinnvollen Investitionen“ und „demokratischen Banken“ hoch und Schweizerische Volksabstimmungen abhält, während er vom Staat dafür belobigt wird, ist das ideologische Produkt dieses Sozialcharakters.

Es ist der größte Schwachpunkt der Gemeinwohlökonomie, dass man in diesem Konzept das eigene kurzsichtige ökonomische Interesse in einen vermeintlich großen Entwurf ummünzen will, und das sogar wortwörtlich. Den eigenen kleinen Unternehmer-Schrebergarten will man behalten und sich dabei „sinnvolle Investitionen“ und „wertvolle Beiträge zum Gemeinwohl“ an die Brust heften. Wie man den Kommunismus ablehnt, so liebt man die Vorstellung, als Chef oder Chefin mit ein paar Angestellten vor sich hin zu werkeln, „Risiken“ einzugehen, „selbstständig“ zu sein und „etwas zu leisten“ und – Achtung: maximale Gemeinwohlpunktesumme 100 – den mit eigener Leistung aufgebauten Betrieb nach dem eigenen Ableben den in seligem Angedenken an den gemeinwohlorientierten Mikropatron verbleibenden Mitarbeiterinnen zu übergeben. Der Begriff der Leistung (wie auch jener der Effizienz) kommt nicht zufällig an mehreren Stellen des Buches mit positiver Bedeutung vor: „Viele, wahrscheinlich die Mehrheit von uns, sind nicht (oder schwach) intrinsisch motiviert, weil sie sich nicht kennen und in sich nichts Sinnvolles erfahren, das sie zu Höchstleistungen ohne jede Konkurrenz treiben könnte“ (S.84).

Das Risiko des ökonomischen Scheiterns freilich, das die Marktwirtschaft mit sich bringt, beliebt man durch „Kooperation“ zu ersetzen – wenn’s brenzlig wird, vorrangig, und wenn es der Kundenbindung, staatlicher Förderung oder wenigstens dem eigenen Selbstgefühl „besser zu handeln als die Großen“ dient.  Die Veränderungen, die das Buch vorschlägt, sind gleichwohl so weitreichend, dass man fragt: wenn es tatsächlich soweit kommen soll, wozu dann bitte noch Marktwirtschaft?

Die Gemeinwohlökonomie nimmt von einem falschen Bild der heutigen Alltagsbeziehungen ihren Ausgang, wo die Freundschaft mit dem Markt verträglich und die Familie lieblich ist. In der Gemeinwohlökonomie folgen alle einem „Leitstern“ (S.10), der zugleich das „Fundament“ (a.a.O.) ihrer Beziehungen bildet, den „ethischen Werten“ des Vertrauens, der Kooperation und des Teilens – in diesem unmöglichen Bild von Sternen, die ein Fundament bilden, ist der ganze Widerspruch auf den Punkt gebracht. Wer sich dafür interessiert, wo der „ethische Wert“ der Kooperation sein materielles Fundament tatsächlich hat, wird es vor allem in der direkten Kommunikation im Betrieb und in autonomen Projekten, in den sozialen Kämpfen gegen Markt, Kapital und Staat finden. Von dort wird eine andere Gesellschaft ihren Ausgang nehmen. Wer dagegen will, dass mit Kaufen und Verkaufen, mit Staat und Bürgern, Kapital und Arbeit alles so bleibt wie es ist, nur „netter“, wird am Gedanken der Gemeinwohlökonomie Gefallen finden. Eine Alternative sieht anders aus.

31 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 AchimB meinte am 21. März 2011, 00:34 Uhr

    1) Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) sei immer noch ein Kapitalismus, schreibt Ihr, und Ihr zitiert als Beleg sogar C.Felber selber: „Die Gemeinwohlökonomie ist also nach Aussage des Autors nicht nur eine Marktwirtschaft, sondern auch Kapitalismus.“ Wo habt Ihr diese Aussage von C. Felber gefunden? Bitte die Seite im Buch angeben.
    2) Nach meinem Verständnis sieht Christian Felber die GWÖ zwar als Marktwirtschaft, aber nicht als Kapitalismus an. Es spricht auch viel dafür, dass die GWÖ kein Kapitalismus mehr ist – z.B. gibt es in der GWÖ keine Kapitalistenklasse mehr: Sobald Firmen eine nennenswerte Größe haben, werden sie vergesellschaftet und in Genossenschaften übergeführt; Vermögen werden auf 10 Mio EUR begrenzt; Erbschaften werden (oberhalb eines Freibetrags) als Demokratische Mitgift an alle verteilt usw. – Meint Ihr, ein Kapitalismus könnte ohne Kapitalistenklasse weiterexistieren?
    3) Auch die Lohnarbeit ist vermutlich vorbei, wenn der Großteil der Firmen den Genossen selber gehört, und Kredite von der Demokratischen Bank kommen statt von Privatanlegern oder Aktionären. Börse und Aktien sind ja abgeschafft. Und das soll noch ein Kapitalismus sein?
    4) All diese Punkte hat die GWÖ gemeinsam mit einem ähnlichen Marktsozialismus-Modell aus den USA, der „Economic Democracy“ (ED) von David Schweickart. Wie kann die GWÖ trotz Ausschaltung von Lohnarbeit, Börse, Aktien und Kapitalistenklasse noch ein Kapitalismus sein?
    5) Das mit den Gemeinwohlpunkten ist tatsächlich etwas idealistisch bis bürokratisch. Auch dass man bei der Kindererziehung anfangen müsste, halte ich für etwas weit hergeholt. Ich halte die heutigen Erwachsenen immer noch für lernfähig. Da geht die GWÖ vielleicht etwas zu weit. Aber das ist ein anderes Thema. Die Demokratisierung des Finanzwesens und der Arbeitsplätze (also das, was die GWÖ mit der ED gemeinsam hat), reichen schon voll aus, um den Kapitalismus loszuwerden. Meint Ihr nicht?
    6) Am Ende sagt Ihr: Die GWÖ hat eigentlich viel Gutes – wenn sie nur nicht am Markt festhalten würde. Ihr wollt also eine (dezentrale) Planwirtschaft. Das kann nicht gut gehen. Ich glaube, die sauberste Widerlegung der Idee einer dezentralen Planwirtschaft hat David Schweickart geliefert (siehe seine Bücher „Against Capitalism“ und „After Capitalism“). Und zentrale Planwirtschaft ist noch fragwürdiger. Das einzig Selnkrechte ist ein Marktsozialismus. Die GWÖ ist auf dem Weg dahin; die ED auch.
    Grüße, Achim B.

  2. 2 Wolfram Pfreundschuh meinte am 21. März 2011, 09:22 Uhr

    Hallo Achim,
    man mag die Verhältnisse definieren, wie man will, die Frage ist doch, was sie wirklich sind oder sein können.
    Wer von Marktwirtschaft spricht und zugleich meint, das Risiko, das dort Einzelne voranbringt und andere abstürzen lässt, sei dadurch auf den Märkten zu beheben, dass er an Kooperation appelliert, der spricht von einem Markt, den es gar nicht geben kann, weil der immer auf einem Verhältnis von Kauf und Verkauf beruht. Warum sollten Produkte gekauft werden, die niemand will, nur weil das Risiko aufgehoben sein soll, das eine Produktion für den „freien“ Markt zwangsläufig mit sich bringt?
    Und wer glaubt, dass auf den Märkten Konkurrenz durch ethische Werte auszuschließen sei, der verwechselt den Markt mit dem Supermarkt um die Ecke, wo die Produkte schon nett sortiert und entsprechend verpreist sind. Innerhalb eines systematisierten Angebots muss es natürlich keine Konkurrenz geben; aber was hat das noch mit Marktwirtschaft zu tun?
    Und was wird anders, wenn die Produkte oder Betriebe mit dem Begriff „Gemeinwohl“ gelabelt und damit subventioniert werden? Sind sie das nicht längst auch in der bestehenden Wirtschaft durch ihre Umwelt- und Verbrauerlabels? Umgekehrt entsteht mit der Behauptung, dass es ethische Märkte gebe, ein neues Problem, wer denn die Definitionsmacht haben soll, zu bestimmen, was Gemeinwohl sei. Denn das gibt es qualitativ und quantitativ nicht so eindeutig wie ein Pfund Zucker. Es immer geschichtlich abhängig und reine Vorstellung, was das bedeuten könnte. Heute wird z.B. die Vorstellung, dass die Abschaffung der AKWs dem Geimeinwohl nützt, von 80% der Bevölkerung unterstützt, vor ein paar Monaten war es noch die Vorstellung, dass AKWs die CO2-Bilanz verbessern würde. Die Entscheidungsverhältnisse würden durch einen Wertekonvent aufgelöst bzw. verfestigt werden und man muss befürchten, dass hier eine sehr konservative Definitionsmacht entstehen würde, wie wir sie eigentlich schon längst satt haben.

    Um Marktgeschehen überhaupt zu begreifen, kann man nicht davon absehen, was das allgemeine Tauschmittel Geld darin ist und bewirkt. Es hat eine ungeheuere Macht und tauscht nicht Gleiches mit Gleichem (dazu bräuchte man es nicht), sondern bestimmt durch sein vorhandenes Quantum schon Machtverhältnisse zwischen dem, der notwendige Mittel anbieten kann und dem, der sie nicht hat und sie erwerben muss, weil er nur von ihrem Besitz ausgeschlossen existieren kann. Vielleicht sollte man zunächst erst mal Geld überhaupt diskutieren, bevor man an die Wohlfahrt der Märkte glaubt – das ist ein wahrhaft neoliberaler Glaube.
    Gruß Wolfram

  3. 3 Kritische Rezension zu Christian Felbers “Gemeinwohlökonomie”: “Neue Werte im Sonderangebot” | Gemeingüter meinte am 21. März 2011, 12:12 Uhr

    […] Artikel in der kommenden Nummer der “Streifzüge” diskutiert, ob “das Konzept der Gemeinwohlökonomie als eine Alternative taugt und ob es […]

  4. 4 Andreas Exner meinte am 21. März 2011, 22:08 Uhr

    @Achim

    Achim schreibt:

    „1) Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) sei immer noch ein Kapitalismus, schreibt Ihr, und Ihr zitiert als Beleg sogar C.Felber selber: ‚Die Gemeinwohlökonomie ist also nach Aussage des Autors nicht nur eine Marktwirtschaft, sondern auch Kapitalismus.‘ Wo habt Ihr diese Aussage von C. Felber gefunden? Bitte die Seite im Buch angeben.“

    –> Die Stelle ist im Artikel oben angegeben: C.Felber, S.35f.:

    „Viele Menschen, die zum ersten Mal hören, dass Unternehmen nicht mehr gewinnorientiert wirtschaften sollen, schütteln zunächst einmal den Kopf, denn in diesem ist fest verhaftet, dass ein Unternehmen nur dazu da ist, Gewinne zu machen. Genau diese Zielorientierung habe ich jedoch als den Kern des Problems identifiziert und deshalb ein neues Ziel vorgeschlagen, das allen Unternehmen vorgegeben und in der neuen Hauptbilanz gemessen werden soll. Die Finanzbilanz bleibt weiterhin bestehen, weil es in der Gemeinwohl-Ökonomie nach wie vor Geld und Produktionspreise gibt, sie wird aber zur Nebenbilanz. Der Gewinn wird vom Zweck zum Mittel. Was heißt das genau? An diesem springenden Punkt haben mehrere Dutzend UnternehmerInnen schon gemeinsam gefeilt. Das vorläufige Ergebnis ist: Da Gewinne sowohl nützlich als auch schädlich sein können, werden sie differenziert auf bestimmte Verwendungen begrenzt, um ein ‚Überschießen‘ in den Kapitalismus – die Akkumulation um der Akkumulation willen – in eine sinnvollere Richtung umzulenken (…) Verwendungen von Überschüssen, die zu Fressübernahmen (…) führen, müssen sogar unterbunden werden, während Überschüsse, die zur Schaffung von sozialem und ökologischem Mehrwert (…) verwendet werden, weiterhin wünschenswert sind.“

    Weiters S. 29.:

    „Unternehmen sollen auf dem Weg zum Gemeinwohl natürlich auch keine finanziellen Verluste machen; aber eben auch keine Gewinne um der Gewinne willen. Der Gewinn ist nur noch ein begrenztes Mittel für klar definierte Zwecke. Dem, was heute als ‚Überschießen‘ des Kapitalismus, als ‚Maßlosigkeit‘ und ‚Gier‘ erlebt wird, wird ein Ende gesetzt.“

    Das heißt, es gibt nach wie vor Gewinn. Es wird auch konzediert, dass dies weiterhin ein wesentliches Ziel der Unternehmen bleiben wird. Sofern man „sinnvolle Investitionen“ tätigen will, ist dies auch notwendig. Der Autor sieht richtig, dass dies die Grundbestimmung des Kapitalismus ist (Ziel ist ein Überschuss in Geldform). Deshalb schreibt er – ebenfalls (wenngleich vermutlich mehr intuitiv als bewusst) richtig – auch davon, dass die Gemeinwohlökonomie lediglich ein „Überschießen“ DES Kapitalismus verhindern solle. An anderer Stelle (siehe Zitat oben) wird daraus ein „Überschießen“ IN DEN Kapitalismus, das jedoch „sinnvoll umgelenkt“ werden solle, während zugleich die Akkumulation von Gewinn (= Investition) fortbestehen darf, ja sogar soll, sofern sie „sinnvollen Zielen“ dient (auch Raiffeisen oder Microsoft wird behaupten, dass seine Akkumulation von Gewinn „sinnvollen Zielen“ dient, die das Gemeinwohl fördern – soweit also kein Unterschied zur Gemeinwohlökonomie).

    Also: In der Gemeinwohlökonomie akkumulieren die Unternehmen. Was akkumulieren sie? Antwort, die der Autor nicht gibt, jedoch logisch ist: Kapital. Das soll aber laut „Gemeinwohlökonomie“ kein Kapitalismus sein, sondern etwas anderes.

    Achim schreibt:

    „2) Nach meinem Verständnis sieht Christian Felber die GWÖ zwar als Marktwirtschaft, aber nicht als Kapitalismus an. Es spricht auch viel dafür, dass die GWÖ kein Kapitalismus mehr ist – z.B. gibt es in der GWÖ keine Kapitalistenklasse mehr: Sobald Firmen eine nennenswerte Größe haben, werden sie vergesellschaftet und in Genossenschaften übergeführt; Vermögen werden auf 10 Mio EUR begrenzt; Erbschaften werden (oberhalb eines Freibetrags) als Demokratische Mitgift an alle verteilt usw. – Meint Ihr, ein Kapitalismus könnte ohne Kapitalistenklasse weiterexistieren?“

    –> Der erste Satz wäre oben beantwortet. Wie ich in meinem Artikel ausführe, hat der Autor keine konsistente Sicht seiner Konzeption. Eine Kapitalistenklasse gibt es solange es Lohnabhängige gibt. Zwar wird eine Überführung der Betriebe in Genossenschaften laut „Gemeinwohlökonomie“ für wünschenswert befunden, ist allerdings nicht ihr Kriterium (die „Gemeinwohlmatrix“ nennt sie als eines unter vielen anderen, ohne herausgehobene Bedeutung, außer das jemand 100 Punkte bekommt, wenn er das Unternehmen nach seinem Tod der Belegschaft überlässt). Kleine und mittlere Unternehmen bilden laut Felber die Mehrheit der Unternehmen in Österreich. Sie sind offensichtlich nicht zu „vergesellschaften“. Das ergäbe den interessanten Effekt dass die meisten Betriebe in Österreich nach wie vor kapitalistisch wären (es gibt Lohnabhängige), jedoch kein Kapitalismus mehr existiere.

    Anstatt struktureller Kriterien wird hier mit einem Größenkriterium gearbeitet, in der Art von „groß ist negativ“, „klein ist positiv“. Das ist nicht nachzuvollziehen.

    Achim schreibt:

    „3) Auch die Lohnarbeit ist vermutlich vorbei, wenn der Großteil der Firmen den Genossen selber gehört, und Kredite von der Demokratischen Bank kommen statt von Privatanlegern oder Aktionären. Börse und Aktien sind ja abgeschafft. Und das soll noch ein Kapitalismus sein?“

    –> Der Großteil der Firmen wäre nach Felbers eigener Aussage nicht im Besitz der „Genossen“, sondern nur die großen Firmen wären dies. Es kann daher keine Rede davon sein, dass die Lohnarbeit in der Gemeinwohlökonomie „vorbei“ ist. Börse und Aktien sind kein konstitutives, strukturelles Merkmal des Kapitalismus als solchen, sondern Merkmal einer seiner historischen Formen.

    Achim schreibt:

    „4) All diese Punkte hat die GWÖ gemeinsam mit einem ähnlichen Marktsozialismus-Modell aus den USA, der “Economic Democracy” (ED) von David Schweickart. Wie kann die GWÖ trotz Ausschaltung von Lohnarbeit, Börse, Aktien und Kapitalistenklasse noch ein Kapitalismus sein?“

    –> Der Marktsozialismus in der Art von Schweickart ist tatsächlich die Konzeption, die der Gemeinwohlökonomie relativ nahe steht. Beide teilen dieselben grundsätzlichen Schwächen. Die Gemeinwohlökonomie kennt Lohnarbeit und ergo Kapital und Kapitalistenklasse, ist also Kapitalismus mit den damit einhergehenden Problematiken (Wachstumszwang und -drang, Krisen, soziale Polarisierung, Herrschaft).

    Achim schreibt:

    „5) Das mit den Gemeinwohlpunkten ist tatsächlich etwas idealistisch bis bürokratisch. Auch dass man bei der Kindererziehung anfangen müsste, halte ich für etwas weit hergeholt. Ich halte die heutigen Erwachsenen immer noch für lernfähig. Da geht die GWÖ vielleicht etwas zu weit. Aber das ist ein anderes Thema. Die Demokratisierung des Finanzwesens und der Arbeitsplätze (also das, was die GWÖ mit der ED gemeinsam hat), reichen schon voll aus, um den Kapitalismus loszuwerden. Meint Ihr nicht?“

    –> Siehe oben.

    Achim schreibt:

    „6) Am Ende sagt Ihr: Die GWÖ hat eigentlich viel Gutes – wenn sie nur nicht am Markt festhalten würde. Ihr wollt also eine (dezentrale) Planwirtschaft. Das kann nicht gut gehen. Ich glaube, die sauberste Widerlegung der Idee einer dezentralen Planwirtschaft hat David Schweickart geliefert (siehe seine Bücher ‚Against Capitalism‘ und ‚After Capitalism‘). Und zentrale Planwirtschaft ist noch fragwürdiger. Das einzig Selnkrechte ist ein Marktsozialismus. Die GWÖ ist auf dem Weg dahin; die ED auch.“

    –> Die Gemeinwohlökonomie versucht das, was vernünftigerweise als „gut“ gilt, mit Markt und Kapital zu verbinden. Plan und Markt sind kein Gegensatz, „Planwirtschaft“ ist also keine gehaltvolle Beschreibung einer Alternative zum Markt. Worum es geht ist die gesellschaftliche Form des Produkts: solange es sich um eine Produktionsweise handelt, „die auf dem Wert beruht“ (Marx), ist es die kapitalistische Produktionsweise. Eine nicht-kapitalistische muss also auf dem konkreten Nutzen anstelle des abstrakten ökonomischen Wertes (wie er sich in Preis, Lohn, Gewinn etc. ausdrückt) beruhen. Schweikarts Modell kenne ich nur in einer Kurzdarstellung und einer – in meinen Augen treffenden – Kritik (http://www.amazon.com/Market-Socialism-Debate-Among-Socialist/dp/0415919673). Die marktsozialistischen Vorstellungen, wie sie in diesem Buch dargestellt sind, erscheinen mir durchdachter und theoretisch konsistenter als Felbers Gemeinwohlökonomie.

    Etwas näher habe ich mich mit der Parecon befasst, die m.E. eine geplante Marktwirtschaft ist, nach Anspruch von Michael Albert auch „dezentral“. Das ist in der Tat keine Alternative.

    Als eine solche sehe ich die Peer-Economy von Christian Siefkes an.

    Davon abgesehen ist m.E. eher der Weg entscheidend als eine genaue Vorstellung des Ziels, die es vorab nicht geben kann. Die Gemeinwohlökonomie ruht auf vielfältigen Formen der Kommunikation, die nicht durch das Geld vermittelt sind. Diese Konzeption zeigt selbst, dass die Nicht-Geldsphäre das Grundlegende und Entscheidende ist. Diese ist daher zu entwickeln. Das sollte, finde ich, eine Lehre aus dem Sowjetsozialismus, aber auch dem kubanischen, jugoslawischen oder chinesischen Marktsozialismus sein.

  5. 5 frami meinte am 21. März 2011, 22:54 Uhr

    Hallo, ich frage mich, warum schreibt man so was? Was bringt uns dieser theoretische Erguss und das Beharren auf Konzpeten und Interpretationen? Wie wärs mit Taten statt Schwätzen? Mir ist dieser Diskurs zu theortisch, zu abgespalten männlich und auch in sich zu widersprüchlich. Zitat von oben: „Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!“

    Mit allen Respekt

  6. 6 Andreas Exner meinte am 22. März 2011, 08:58 Uhr

    @frami:

    frami fragt, „warum man so was schreibt“. Dahinter steckt wohl der Ärger, dass sich jemand kritisch mit den Gedanken Christian Felbers oder der Attac-UnternehmerInnen auseinandersetzt. Ich hoffe nicht, dass wir alles unkritisch übernehmen sollen, was dort entwickelt wird.

    Genauer: Christian Felber hat ein Buch geschrieben, einen „theoretischen Erguss“ produziert, wollte man die Ausdrucksweise von frami übernehmen. Dort wird eine Idee präsentiert, die „das Wirtschaftsmodell der Zukunft“ sein soll. Eine starke Ansage. Die gilt es zu überprüfen, schließlich wird dafür geworben, einen bedeutenden Teil unserer Lebenszeit und Ressourcen für die Umsetzung dieses Konzepts zu verwenden. (Zumindest aber für den Kauf des Buches.)

    Die unkritische Übernahme von Ideen wird niemandem helfen, darüber sind wir uns vermutlich einig. Schließlich soll in der „Gemeinwohlökonomie“ ja über alles Mögliche kritisch diskutiert werden, wie behauptet wird. Vorgeschlagen wird dieser Tage freilich viel. Es kommt daher darauf an, sich ein kritisches Urteil zu bilden. Bevor man einen Berg besteigt, sollte man wissen, wie man raufkommt und wo man überhaupt hinwill. Der Ratschlag, „Taten zu setzen anstatt zu schwätzen“ kann kaum ernst gemeint sein. Selbstverständlich muss man sich darüber unterhalten, welche Taten gesetzt werden: bevor man sie setzt, während man sie setzt und nachdem sie gesetzt wurden. „Mach mal und denk nachher darüber nach, ob es sinnvoll war“ ist kein guter Ratschlag.

    Dass die Verhältnisse widersprüchlich sind, ist klar. Es kommt aber sehr darauf an, welchen Schluss man daraus zieht. Die Gemeinwohlökonomie entscheidet sich dafür, keinen Widerspruch zwischen Markt und Nicht-Markt zu sehen und zieht – logisch folgerichtig, wenngleich inhaltlich und strategisch falsch – auch keine Konsequenz. Da halte ich ein Bewusstsein der Widersprüchlichkeit, sich im Markt bewegen zu müssen und dennoch dagegen anzugehen, nicht nur für redlich, sondern auch für strategisch wichtig. (Wer mehr zu strategischen Fragen der Demonetarisierung wissen will, siehe http://www.social-innovation.org/?p=1816).

    Was „abgespalten männlich“ bedeutet, wäre erst mal zu erklären. Dass nur Männer logisch zu denken vermögen kann damit ja nicht gemeint sein.

    Wohlgemerkt: die Gemeinwohlökonomie wird dafür kritisiert, dass sie inkonsistent ist. Das ist ein Unterschied zum bloßen Faktum, mit dem sich jede Alternative herumschlagen muss: dass die Verhältnisse widersprüchlich sind und daher auch eine Alternative, die innerhalb des Kapitalismus beginnt. Inkonsistent ist eine Argumentation oder ein Konzept, wenn man logisch nicht zueinanderpassende Aussagen oder Elemente verbinden will.

    In der Gemeinwohlökonomie geschieht dies zum Beispiel, wenn man zuerst argumentiert, die „ethischen Werte“ finden sich außerhalb des Marktes, dann aber meint, sie müssten und könnten innerhalb des Marktes verwirklicht werden. Man behauptet also, dass A („ethische Werte“) gilt, wenn B („Nicht-Markt“) vorausgesetzt ist und schließt dann daraus, dass A auch gilt, wenn C („Markt“) vorausgesetzt wird. B („Nicht-Markt“) und C („Markt“) sind zwei Gegensätze.

    Wenn man die Vernunft nicht beachtet, kann man aufs Argumentieren und aufs Bücherschreiben freilich von vornherein verzichten und blindlings „Tun“. Dass dabei was Vernünftiges herauskommt, ist allerdings nicht zu erwarten.

  7. 7 Jean-Philippe meinte am 22. März 2011, 17:59 Uhr

    Du hast „Markt“ nicht feinkörnig genug betrachtet. Du begehst einen syllogistischen Fehlschluss, einen Quaternio Terminorum um genau zu sein.
    Bsp: Auf Bänken kann man sitzen, die Sparkasse ist eine Bank, also kann ich auf ihr sitzen.

    So verhält es sich in Deinem Beispiel mit dem „Markt“, weil es für den selben Begriff mehrere Bedeutungen gibt. Einmal den „neoliberalen Markt“ und den an „menschlichen Werten orientierte Markt“. Folglich liegt auch kein Widerspruch vor.

    Markt muss schlicht gesagt nichts böses sein.

  8. 8 Isabell meinte am 22. März 2011, 21:24 Uhr

    Hallo zusammen,
    meine Name ist Isabell und ich habe gemeinsam mit Jean-Philippe Christian Felber nach Saarbrücken eingeladen.
    Ich finde es schlimm sowas zu lesen und es macht mich wirklich traurig, dass uns nur vor den Kopf gestoßen werden will, anstatt uns die Hand zu reichen…
    Wie wäre es denn, … sich mit uns mal trifft und wir bei einem Kaffee mehr über seine oder ihre Analysen der Gegebenheiten erfahren können?
    Wir wollen die Gegebenheiten, wie sie sich uns darstellen, ändern und andere Menschen motivieren sich aus ihrer Ohnmacht zu befreien. Christian Felber bietet ein Modell, das genau dies vermag. Ich kann die Kritik von Andreas Exner verstehen. Auch ich habe bemerkt, dass Christian einen „Markt“ bestehen lässt- aber für mich ist die GWÖ ein Zwischenschritt und nicht der Weisheit letzter Schluss.
    Mir ist ehrlich gesagt dieser ganze konkurrierende, intellektuelle und theoretische Schlagabtausch zu anstrengend.
    Wir zerstören systematisch diese Welt und müssen ganz schnell damit aufhören.
    Fakt ist aber, dass die wenigstens Menschen sich der sozialen Realitäten bewusst sind, die uns umgeben. Alle Konzepte halten sie für unveränderbar (oder um es mit einem Lieblingswort der Politk zu sagen: alternativlos). Sei es den Markt, das Geld oder das Konzept Ware.
    Wir können noch ewig darüber streiten, wer linker, wer revolutionärer ist und wer besser analysieren kann. Solange wir aber nichts daran ändern, dass jeden Tag Ressourcen verschwendet werden (ganz zu schweige davon, was wir Menschen antun), um Schund herzustellen oder Tiere zu züchten, für den oder die wir erst künstliche Bedürfnisse schaffen müssen – solange bringen unsere Dispute nichts.
    Die GWÖ scheint mir ein Schritt zu sein, der realistisch ist (und für viele Menschen ein großer Schritt ist!) und erstmal eine Linderung bringen würde. Aber es stimmt. Stehen bleiben würde ich dort auch nicht. Aber, das muss und soll man ja auch garnicht!
    Es spricht nichts dagegen, dass sich daraus eine globale, solidarische Gemeinschaft entwickelt. Dass wir uns endlich von der Idee (wieder nur eine soziale Realität) des Staates befreien können, dass wir Geld irgendwann garnicht mehr brauchen und auch keinen Besitz mehr.

    Warum muss man jeden und alle, die angeblich nicht links genug, nicht weit genug analysieren und nicht revolutionär genug seien, direkt abtun?
    Warum nicht miteinander reden? Warum nicht gemeinsam an Alternativen arbeiten?

    Ich jedenfalls beanspruche für mich nicht, bereits alles zu wissen, was richtig und wichtig ist und bin neugierig darauf, die Dinge aus anderen Augen (aus den Augen der Redaktion Verältnisse z.B.) zu sehen!
    Wie informierst Du Menschen und Dich selber? Wie sähe Dein Aufstand aus?

    Mit ernsthaft gemeinten herzlichen Grüßen und hoffentlich bis auf einen Kaffee,

    Isabell

  9. 9 Elisabeth Voß meinte am 23. März 2011, 09:32 Uhr

    Hallo Andreas,
    nichts gegen Theorie und kritische Auseinandersetzungen. Aber der Tonfall Deines Textes – und mehr noch Deiner Reaktionen auf kritische Kommentare – erwecken in mir den Eindruck, Du wolltest in erster Linie Recht haben. Das empfinde ich als patriarchale Verhaltensweise, die mich in der politischen Szene immer wieder stört. In meinen Augen ist eins der größten Probleme der Linken die Rechthaberei und Bestimmeritis: Die autoritäre Reklamation von Definitionsmacht darüber, was falsch und richtig ist, was darf und was nicht. Als gäbe es nur eine richtige Meinung – und entweder mensch ist in deren Besitz oder nicht. Da können dann diejenigen, die sowieso schon alles wissen, schön unter sich bleiben und alle anderen wegbeissen.
    Verdammt noch mal, wir haben alle einen eigenen Kopf zum Denken, und in diesen vielen Köpfen entstehen sehr unterschiedliche Gedanken – glücklicherweise! Niemand kann heute wissen, welche der vielen Versuche anderen Wirtschaftens sich bewähren werden. Und dass Menschen auf Basis ihrer sozialen Situation und Zugehörigkeit agieren, ist logisch – warum wirfst Du ihnen das vor? Für gesellschaftliche Veränderungen sind nun mal viele unterschiedliche Menschen und Organisationen nötig, auch die von Dir geschmähten KleinunternehmerInnen. Und diese unterschiedlichen Akteure werden viele verschiedene Wege finden, ihre jeweiligen Verhältnisse zu verändern. Nicht auf dem Papier, sondern durch konkrete Zusammenarbeit.
    Die von Dir bevorzugten autonomen Projekte sind ein Teil dieser Vielfalt, aber wenn wir darauf warten wollen, dass sie zum gesellschaftlichen Mainstream werden, dann können wir uns Veränderungen abschminken. In diesen autonomen Projekten werden bestimmte Aspekte einer anderen Welt vorweggenommen, in anderen Ansätzen andere. Über ihren Weg zur Veränderung entscheiden jeweils die Handelnden, und solange sie damit andere nicht in deren Handlungsmöglichkeiten einschränken, ist das doch vollkommen legitim.
    Wie stellst Du Dir konkrete gesellschaftliche Veränderungen vor? Ich glaube an keine Revolution mehr (welch hohles Wort, und wie furchtbar die Assoziationen von Lebensunsicherheiten und Gewalt dazu), sondern hoffe auf Transformationsprozesse, in deren Verlauf eine Vielzahl von Keimformen im Bestehenden dieses schrittweise verändern. Dieses Bestehende ist nun mal der Kapitalismus, niemand (!) kann sich außerhalb dessen bewegen – aber das kannst Du doch nicht ernsthaft denjenigen, die sich bewegen, vorwerfen.
    In Deinen analytischen Ausführungen erschreckt mich das Kalte, Formelhafte, als wärest Du in sehr einfachen Schwarz-Weiß-Bildern gefangen, ohne das Prozesshafte gesellschaftlicher Veränderungen zu verstehen. Für Dich scheint es nur ökonomische Gesetze zu geben, Menschen kommen darin nicht vor. Und selbst wenn die ökonomische Analyse richtig wäre, so wird sie doch nie in der Lage sein, die Vielfalt der realen Einflussfaktoren in jedem Einzelfall zu berücksichtigen. Denn es sind immer Menschen, die darin agieren, die Entscheidungen treffen, die sich sozial verantwortlich verhalten oder auch nicht. Der nur auf seinen materiellen Vorteil bedachte Homo oeconomicus ist ein blutleeres Konstrukt, keine Beschreibung real existierender Menschen, die Verstand und Gefühle haben, und zu – mehr oder weniger – Mitgefühl und Solidarität in der Lage sind. Und die vor allem glücklich sein wollen. Daran knüpft Christian Felber an, und ich finde ihn in diesen Argumentationen sehr überzeugend.
    Auch ich habe etliche Fragezeichen und Widersprüche zu seinem Konzept. Aber immerhin findet er MitstreiterInnen, mit denen er etwas ausprobiert, das ist doch wunderbar! Und er räumt selbst ein, dass er nicht zu viel vorgeben will, sondern dass sich die Dinge in der Praxis entwickeln werden. Das ist aus meiner Sicht eine große Stärke und demokratische Qualität seiner Überlegungen. Nicht Bestimmer sein zu wollen, sondern Vorschläge zu machen und sie gemeinsam mit anderen umzusetzen und zu verändern.
    Es ist so leicht, sich zurück zu lehnen und diejenigen, die etwas tun, niederzumachen für das, was daran nicht perfekt ist. Aber ist nicht die Idee, es könnte ein perfektes Konzept oder gar perfektes Handeln geben, totalitär? Solche Totalität nehme ich in Deiner Kritik wahr, und davor graust mir. Ich wünsche mir statt dessen kritisch-solidarische Auseinandersetzungen, die von gegenseitigem Respekt getragen sind, und von der Anerkennung dessen, dass wir alle auf der Suche sind.
    Elisabeth Voß, Berlin

  10. 10 Andreas Exner meinte am 23. März 2011, 10:32 Uhr

    Vielen Dank für die intensive Debatte.

    @Elisabeth: ich hätte keine Rezension zu Felbers Buch geschrieben, wenn mich die Redaktion der „Streifzüge“ nicht gebeten hätte. So einfach und schlicht sind manchmal Anlässe für eine Rezension. Es hat mich persönlich nicht gereizt, eine Debattte dazu anzuziehen. Für mich sind Commons und Solidarische Ökonomie interessanter und dort engagiere ich mich deshalb auch.

    Das Buch war für mich persönlich langweilig, mühselig zu lesen und das ist – Genussleser, der ich bin – sein größter Schwachpunkt. So gesagt ist das nun wirklich ein wenig „böse“, obwohl ich es nicht so meine, es ist nur mein persönlicher Eindruck, es ist mir deshalb unangenehm, dies zu äußern (aber an dieser Stelle liest diese Bemerkung vermutlich kaum jemand, weshalb das denk ich halb so wild ist). Ganz offensichtlich gefällt der Text vielen Menschen sehr gut und das ist ja schön so.

    Da hier aber nun mal eine Debatte losgetreten worden ist, was freilich zu erwarten war, nehme ich auch kurz zu Deinen Einwänden Stellung: Ich finde es meinerseits recht autoritär, wenn jeder kritische Gedanke zu Felbers Gedanken als autoritär abgetan wird. In dem Sinn gebe ich Dir Deinen Vorwurf zurück, weil ich ihn schlicht nicht nachvollziehen kann. Du wirst doch nicht behaupten wollen, die GWÖ-Leute würden nicht davon ausgehen, dass ihr Konzept in die richtige Richtung weist, oder? Gut, das ist schön, dass sie das tun. Ich halte dagegen. Ich denke, wenn wir uns gegenseitig erlauben, eine Meinung zu haben, dann sollten wir einander auch erlauben, diese zu vertreten und zu diskutieren. Wenn das nicht mehr möglich ist, dann sind wir autoritär. André Gorz bemerkte einmal, dass der Wunsch, alle mögen dasselbe denken und für gut befinden, der Keim des Autoritarismus ist. Es ist diese Harmoniesucht, die die GWÖ in manchen Momenten umzutreiben scheint, die ich nicht gut finde.

    Deshalb: es ist schön, dass die GWÖ Aktiven etwas tun, sie sollen das tun, andere Leute tun jedoch etwas anderes und denken anders und nehmen sich die Freiheit, das auch auszusprechen und zu argumentieren. Dabei belassen wir es einfach, würde ich vorschlagen.

    Formelhaft ist die GWÖ, und zwar in extremis: es wimmelt von Konventen, Matrizen, Punkten, Gesetzen, Anreizen, Bilanzen etc., all dies soll ihren Kern bilden, ihre Struktur ausmachen.

    Ihre „menschliche Wärme“ bezieht sie aus Träumereien, die so alt sind wie der Kapitalismus selbst: dass er nicht das sein möge, was er ist. Da halte ich doch eine kalte Ernüchterung für sinnvoller. Den Wunsch nach „menschlicher Wärme“ freilich gilt es gerade dadurch zu beschützen und ihm zur Verwirklichung zu verhelfen. Oder meinst Du, Kommunismus sei etwas Herzloses? Da hätten wir recht verschiedene Vorstellungen davon. Was sein darf.

    Mir persönlich ist der Aufstand schon weit herzenswärmer, liebe Elisabeth. Und auch die Vielzahl solidarökonomischer Projekte, wo Menschen wirklich kooperieren. (Wieweit die GWÖ damit ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Ihre Fortschritte darin wären erfreulich.)

    @Verhältnisse: ja, das sehe ich auch so. Ich denke, viele in der GWÖ sind an Debatten durchaus interessiert. Insofern würde ich die auch führen, solange sie einem Spaß machen.

    @Jean-Philip: wenn wir uns auf der Ebene von Glaubensbekenntnissen bewegen, dann lohnt sich das diskutieren nicht. Wenn wir jedoch analysieren, was ein Markt ist, dann kommen wir drauf, dass er menschliche Kommunikation durch die „Kommunikation“ mittels Dingen (Geld, Waren) ersetzt. Da sehe ich nicht, wie das mit den von Euch erwünschten „Werten“ zu tun hat. Aber mag sein, dass ihr einen Weg gefunden habt. Ich kann ihn nur nicht erkennen. Tut mir leid.

  11. 11 2. Streitgespräch Attac-GegenStandpunkt zu Felbers Gemeinwohlökonomie « Walgesang meinte am 24. März 2011, 20:25 Uhr

    […] auf deren Webseite streifzuege.org eine ausführliche Kritik geschrieben hat unter dem Titel „Neue Werte im Sonderangebot“ Ganz gegen die dortigen Sitten und Gebräuche gibt es darüber dort auch schon eine kleine […]

  12. 12 Barbara meinte am 24. März 2011, 23:34 Uhr

    Sehr geehrter Herr Exner!
    Ich denke, Sie und Herr Felber haben grundsätzlich ein und dieselben Ideale. Sie sehen nur den Weg zum Ziel ein bisschen unterschiedlich – was nun in Realität wirklich funtionieren könnte wissen Sie beide nicht.
    Wieso setzen Sie sich nicht zusammen und entwickeln KOOPERATIV gemeinsam die Gemeinwohl-Ökonomie weiter oder möglicherweise den nächsten Schritt, sozusagen die Post-GWÖ. Über die Wahrscheinlichkeit einer Verbreitung von Demonetarisierungskonzepten sind kann auch nur spekuliert werden. Wie wäre es, wenn Sie einmal anfangen Unternehmen für diese Idee zu gewinnen? Ich bin mir sicher, dass Herr Felber neuen Ideen und Verbesserungsvorschlägen gegenüber sehr aufgeschlossen ist. Vor einem Treffen empfehle ich Ihnen folgende Lektüre vor: Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Empathie als Vorraussetzung für gelingende Kommunikation ;)

  13. 13 Andreas Exner meinte am 25. März 2011, 09:43 Uhr

    @barbara: es gibt ein weites feld an debatten und praxen alternativen wirtschaftens, das mit der gemeinwohlökonomie nicht direkt zu tun hat. sie sind herzlich eingeladen, sich über solidarische ökonomie und gemeingüter zu informieren. gewaltfreie kommunikation ist eine gute sache. was meine kritik eines ansatzes, der „das wirtschaftsmodell der zukunft“ sein möchte, damit zu tun hat, ist mir rätselhaft. vielleicht gibt es ein buch, das ihnen zeigen kann, wie man klarer kommuniziert? sie wollten mir nämlich – wenn ich ihre aussage richtig interpretiere – mitteilen, dass meine rezension ein gewaltakt gegen den autor war. das werden sie, so denke ich, wenn ich es mir näher überlege, allerdings nicht ernsthaft behaupten wollen. ihnen viel erfolg bei gelingender kommunikation.

  14. 14 Benni meinte am 25. März 2011, 12:23 Uhr

    Ist dieses Ding nicht vor allem typisch österreichisch? Sag ich jetzt mal so von außen.

    Und naja, es ist sicher nicht alles schlecht an der Sozialdemokratie, nur sie als das ganz andere zu präsentieren ist natürlich albern. Mein Mitleid, dass Du Dich da durchwühlen musstest. Welche extrinsische Motivation hat das denn vermocht? ;-)

  15. 15 Andreas Exner meinte am 25. März 2011, 15:17 Uhr

    Das ist eine interessante Frage *g* – was ist daran typisch österreichisch? (Das Buch wird oder wurde übrigens auf Französisch übersetzt, wie ich höre.) Mir erscheint der Zugang sehr bürokratisch und zugleich sehr auf Einbindung aller Kritiker und Kritikerinnen bedacht, ungeachtet der Differenzen, also insofern vielleicht typisch österreichisch. Es liegt wohl auch an der Kleinheit des Landes, dass die Befürworter_innen der Gemeinwohlökonomie davon ausgehen, dass sich alle mit dem Autor treffen wollen um ein „Synthesemodell“ zu entwerfen. Das wäre in Deutschland nicht zu erwarten.

    Von einem US-Autor käme so ein Vorschlag vermutlich auch nicht in der Weise. Obwohl Michael Alberts Parecon meiner Meinung nach ebenfalls eine Menge bürokratischen Aufwand nach sich zöge, legt dieser Autor darauf Wert, die Parecon als eine sehr einfache Prozedur darzustellen. Zweitens vermengt Albert nicht Ziel und Strategie, was der Klarheit der Konzeption dient (Albert schreibt in den Texten, die ich kenne, eigentlich nur über seine Zielvorstellung).

    Daher treibt ihn auch nicht die Idee um, „alles was gut ist“ in die Parecon hineinpacken zu sollen. Außerdem spielt der Staat in der Parecon keine Rolle mehr (ich würde ja sagen, dass die Parecon von einem Staat oder einem vergleichbaren Machtapparat nicht loskommt, aber Albert jedenfalls will den Staat überwinden.)

    „Extrinsische Motivation“: gute Frage *g* – man fand in der Redaktion, dass das Buch sich jemand anschauen sollte, damit man nicht meine, wir würden nichts lesen, was andere Leute schreiben. Texte schreibe ich ja gern, da war die Motivation schon intrinsisch. Das zu rezensierende Material war in diesem Fall für mich jedoch nicht so leicht lesbar.

  16. 16 Elisabeth Voß meinte am 25. März 2011, 22:24 Uhr

    Hallo Andreas,
    hast Du wirklich nicht verstanden, dass ich keineswegs jede Kritik am Ansatz der Gemeinwohlökonomie als autoritär bezeichnet habe, sondern die Art und Weise, WIE Du kritisiert hast?
    Elisabeth

  17. 17 AchimB meinte am 26. März 2011, 01:33 Uhr

    An Andreas Exner: Schön, diese Debatte. Ich gehe auf Deine obige Erwiderung zu meinen 6 Argumenten ein:
    1) Dein Beleg dafür, dass C. Felber selber die GWÖ als „Kapitalismus“ ansieht, ist ziemlich schwach; in dem ersten Zitat sagt C.F.: „Gewinne … werden … differenziert auf bestimmte Verwendungen begrenzt, um ein ‘Überschießen’ in den Kapitalismus … in eine sinnvollere Richtung umzulenken (…) „. Das heißt doch, dass C.F. ein Abgleiten der GWÖ in den Kapitalismus verhindern will, somit sieht er die GWÖ nicht als Kapitalismus an. Im zweiten Zitat sagt C.F. „Dem, was heute als ‘Überschießen’ des Kapitalismus … erlebt wird, wird ein Ende gesetzt.” Dies verstehe ich als: „Dem, was heute als Ausuferung, als krasses Symptom des Kapitalismus erlebt wird, wird ein Ende gesetzt.“ C.F. will das Erlebnis des Überschießens beenden, indem er den Kapitalismus beendet. Auch dies ist kein Beleg, dass C.F. die GWÖ als Kapitalismus ansieht. – Aber es stimmt, Felber hätte sich hier präziser ausdrücken sollen; seine Formulierungen lassen Raum für Missverständnisse.
    2) Du schreibst: „Eine Kapitalistenklasse gibt es solange es Lohnabhängige gibt. “ Und Du weist darauf hin, dass Felber nur Großbetriebe vergesellschaften will und dies auch nicht zwingend, und dass kleine Betriebe kapitalistisch bleiben dürfen. – Ich gebe Dir recht: Wenn nur große Firmen mit mehr als 5000 Mitarbeitern in Genossenschaften umgewandelt werden und alle anderen mit Lohnarbeit weitermachen, ist es unzureichend. Deshalb gefällt mir auch die Economic Democracy (ED) von David Schweickart besser (e.g. http://thirdwavestudygroup.blogspot.com/2006/11/after-capitalism-by-david-schweickart.html, Diskussion auf http://www.solidarity-us.org/node/517): In der ED sind alle Firmen „worker-controlled“, mit nur ganz wenigen Ausnahmen. Schweickart argumentiert, dass diese Ausnahmen, z.B. Familienbetriebe, die noch Lohnarbeit betreiben, keinen Schaden anrichten, solange 90% der Arbeitsplätze genossenschaftlich und demokratisch sind, so dass jeder Mensch die freie Wahl hat zwischen worker-controlled oder Lohnarbeit zu fairen Bedingungen. Die Ausnahmebetriebe müssen sich an den genossenschaftlichen Standard anpassen. Dann gibt es keine Kapitalistenklasse mehr, denn die Handvoll „Kapitalisten“ in den wenigen Ausnahmefirmen, die nur noch über einen Bruchteil des gesellschaftlichen Kapitals verfügen, kann man nicht mehr „Klasse“ nennen. – Wenn die GWÖ hier weniger konsequent ist als die ED, dann ist die GWÖ in diesem Punkt mangelhaft, da gebe ich Euch recht.
    3) Ist die Lohnarbeit in der GWÖ vorbei? – Siehe oben. Es kommt darauf an, dass tatsächlich 90% oder mehr des Produktivkapitals in Händen von mitarbeiter-kontrollierten Firmen sind, oder in Firmen der Öffentlichen Hand, also jedenfalls nicht mehr im Privateigentum von Geldsäcken. – Die Abschaffung von Aktien und der Börse (wie die GWÖ das vorsieht) ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass C.F. das Privateigentum an Produktionsmitteln zerschlagen will.
    4) Du setzt die GWÖ mit der ED weitgehend gleich, und behauptest zudem, dass in beiden noch Wachstumszwang, Krisen, soziale Polarisierung und Herrschaft herrschen würden. Ich empfehle hierzu die Lektüre von David Schweickart’s „After capitalism“, Kapitel 3 „Economic Democracy: What it is“, und Kapitel 5 „Economic Democracy: Why we need it“. In Kapitel 5 weist Schweickart Schritt für Schritt nach, dass in der ED die Armut, die Arbeitslosigkeit und der Wachstumszwang überwunden sein werden. Ich werde in Kürze eine deutsche Zusammenfassung von „After Capitalism“ auf meine Homepage http://www.kiesweg.de stellen.
    5) Zu 5) ist schon alles gesagt.
    6) Du findest Schweickarts ED logischer und besser durchdacht als Felbers GWÖ. Mir geht es genauso. Dennoch sehe ich diese beiden Versuche eines „Marktsozialismus“ nicht negativ an wie Ihr. Wir können Markt und Geld zu einem nützlichen Mittel für die Bedürfnisbefriedigung machen. Wenn wir diese Sachen verteufeln, handeln wir so wie der Angeklagte bei Marx (irgendwo im „Kapital“), der beschuldigt wird, mit einem Messer Schaden angerichtet zu haben, und der nun zu seiner Verteidigung das Messer beschuldigt. Man muss zwischen dem Ziel (Bedürfnisbefriedigung statt Kapitalakkumulation) und dem Mittel (Marktwirtschaft oder Planwirtschaft) unterscheiden: Die Annahme, dass Marktwirtschaft nur zur Kapitalakkumulation taugt, ist so falsch wie die Annahme, dass Messer nur dazu taugen, andere Leute zu berauben.
    Ich werde aber mal Deinen Hinweisen auf http://www.amazon.com/Market-Socialism-Debate-Among-Socialist/dp/0415919673 und auf die Peer-Economy von Christian Siefkes nachgehen, vielleicht kann ich da noch was lernen. Gut, dass Du Parecon nicht für gangbar hältst, da sind wir (David Schweickart, Du und ich) wenigstens einer Meinung.
    Dass der Weg wichtiger ist als das Ziel, sehe ich nicht ganz so: Zumindest sollten wir sicherstellen, dass der Weg, auf dem wir entlanglatschen, uns dem Ziel näherbringt. Wenn das nicht sichergestellt ist, sollten wir lieber stehenbleiben und auf die Karte und den Kompass schauen, sonst bewegen wir uns womöglich vom Ziel weg anstatt darauf hin. Solche Fehltritte sind im 20. Jahrhundert massenhaft passiert. Lieber erst denken, dann handeln, ist meine Meinung, und Deine glaub’ich auch. Es gibt nichts Praktischeres als eine richtige Theorie (und nichts Unpraktischeres als eine falsche).
    Achim B (www.kiesweg.de)

  18. 18 Andreas meinte am 26. März 2011, 09:31 Uhr

    @elisabeth:

    vielleicht schreibst du ja eine rezension. dort wirst du dann deine eigene sicht der dinge zum ausdruck bringen. es tut mir leid, und zwar, weil ich nicht für möglich gehalten hätte, an dieser stelle über die legitimität von kritik diskutieren zu müssen. diese deine kritik halte ich selbst für autoritär. ein solcher zugang versucht, kritik einzuschüchtern, noch dazu auf eine moralisierende art. das ist eine ähnliche strategie wie jener, die auf „gewaltfreie kommunikation“ verweisen. demnach dürfe man kritik nur äußern, wenn sie „nett“, harmonisch, verbindend daherkomme. was das mit kritik zu tun hat, weiß wer will.

    wenn wir einander das recht zubilligen, positionen zu haben, dann sollten wir einander auch erlauben, diese zu vertreten. in diesem sinn ist für mich völlig legitim, dass du meine kritik als autoritär bezeichnest. ich dagegen halte diesen vorwurf selbst für autoritär.

    mir erschließt sich aus deiner bemerkung auch nicht, WAS in deiner sicht als autoritär zu gelten habe (außer, dass jemand kritik übt, was du ja letztlich wohl auch nicht meinen kannst). du schreibst, ich ignoriere das prozesshafte. das mag eine legitime kritik an meiner kritik sein. was aber daran ist autoritär?

    ein bisschen kommt mir das so vor wie das argument der antideutschen, alles, was nicht best practice-kapitalismuskritik ist, sei antisemitisch.

    du schreibst:

    „Es ist so leicht, sich zurück zu lehnen und diejenigen, die etwas tun, niederzumachen für das, was daran nicht perfekt ist. Aber ist nicht die Idee, es könnte ein perfektes Konzept oder gar perfektes Handeln geben, totalitär? Solche Totalität nehme ich in Deiner Kritik wahr, und davor graust mir. Ich wünsche mir statt dessen kritisch-solidarische Auseinandersetzungen, die von gegenseitigem Respekt getragen sind, und von der Anerkennung dessen, dass wir alle auf der Suche sind.“

    du unterstellst mir hier einiges.

    erstens: ich halte im text fest – du wirst es ja gelesen haben – dass ich die frage der praktischen alternativen für absolut dringlich halte. wie kannst du das überlesen haben? mein urteil ist jedoch, dass felbers GWÖ eine solche nicht ist. ich kann nur sagen, dass, wer ein solches urteil nicht als grundsätzlich legitim akzeptieren kann, mit sicherheit autoritär ist.

    zweitens: es ist eine einfache rhethorische figur, den autor einer kritik, die einer nicht passt, als „sich zurücklehnend“ zu porträtieren. was das mit einem argument zu tun hat, weiß ich nicht.

    drittens: ich formuliere nirgendwo im text den anspruch, eine alternative müsse perfekt sein. wo steht das? wie schon mehrfach in diversen foren gepostet, kannst du dir, falls es dich interessiert, selbst ein bild davon machen, was ich unter einer viablen alternativen strategie verstehe – du darfst sie kritisieren und für unsinnig halten, wenn du meinst (freilich würde ich mich über argumente freuen, weil mich die mehr interessieren als unbegründete einschätzungen): http://www.social-innovation.org/?p=1816

    es müsste jedoch, viertens, vollkommen und diskussionslos legitim sein, eine kritik auch ohne eine „alternative“ parat zu haben, zu formulieren. auch die globalisierungskritik felberscher provenienz wurde geübt, bevor „das wirtschaftsmodell der zukunft“ entworfen war.

    fünftens: ist der anspruch, „das wirtschaftsmodell der zukunft“ (o-ton des buches) vorgeschlagen zu haben, nicht eher totalitär als eine kritik daran, die ein maßhalten in den eigene ansprüchen nahelegt und fehler des vermeintlichen „wirtschaftsmodells der zukunft“ aufzeigt?

    sechstens: du meinst, wir sollten anerkennen, dass wir auf der suche sind. ja, das erkenne ich durchaus an. auch die hare krishnas sind auf der suche. dennoch würde ich meinen, dass deren suche nicht eine ist, die der gesellschaftlichen emanzipation dient. (im übrigen halte ich in meiner kritik durchaus fest, was ich an felbers ansatz für positiv halte – das scheinst du überlesen zu haben.)

    du schreibst:

    „Solche Totalität nehme ich in Deiner Kritik wahr, und davor graust mir. Ich wünsche mir statt dessen kritisch-solidarische Auseinandersetzungen, die von gegenseitigem Respekt getragen sind, und von der Anerkennung dessen, dass wir alle auf der Suche sind.“

    mir graust vor einer moralisierenden denunziation von kritik. ich wünsche mir, dass kritik akzeptiert wird und das anerkannt wird, dass wir unterschiedliche perspektiven verfolgen und dass eine inhaltlich gehaltvolle gemeinsamkeit mehr sein muss als das bestreben, „gutes zu tun“. da könnte ich nämlich gleich mit dem lions club kooperieren.

    du meinst:

    „In meinen Augen ist eins der größten Probleme der Linken die Rechthaberei und Bestimmeritis: Die autoritäre Reklamation von Definitionsmacht darüber, was falsch und richtig ist, was darf und was nicht. Als gäbe es nur eine richtige Meinung – und entweder mensch ist in deren Besitz oder nicht. Da können dann diejenigen, die sowieso schon alles wissen, schön unter sich bleiben und alle anderen wegbeissen.“

    was ich mit „der linken“ zu tun habe, weiß ich nicht. ich gestehe dir aber gern zu, selbst ein urteil darüber zu haben. die streifzüge sehen „die linke“ jedenfalls, whatever that is exactly, kritisch, wie in vielen texten nachzulesen wäre. „die linke“, das ist aus meiner sicht: staatsaffirmation, das ist kaderdenken, vertagung der überwindung des kapitals, das ist eine fixierung auf theoretische debatten, und vieles mehr, das ist all das, was aus meiner sicht nicht viel mit emanzipation zu tun hat.

    sind urteile als solche schon autoritär, und das implizierst du, wenn du eine – noch dazu inhaltlich begründete, differenzierte und in der tat kritisch-solidarische – kritik als illegitim betrachtest, dann müsstest du auch auf dein eigenes verzichten. wenn urteile erlaubt sind, dann muss jedes urteil erlaubt sein. ansonsten stellt sich die frage, wer darüber urteilen darf, welche art von urteil erlaubt ist und welches nicht.

  19. 19 Andreas meinte am 26. März 2011, 09:34 Uhr

    ps: übrigens fällt mir auf, dass in einigen beiträgen in diesem forum nicht erkannt wird, dass, wie der artikel ja klar zum ausdruck bringt, ein buch verhandelt wird. du schreibst es würden menschen „niedergemacht“, die versuchen, „etwas praktisches zu tun“. das, worum es im text geht, ist ein buch, das ein mensch verfasst hat, der mal vorderhand genau das gemacht hat: ein buch geschrieben. hier wird also einiges vermengt. die GWÖ wird dann und erst dann auf einer praktischen ebene interessant, wenn hier wirklich kooperation in der herstellung von gütern und dienstleistungen sichtbar wird, die das potenzial hat, die dem kapitalismus immanente kooperation (die felber ganz richtig als kritisch sieht) übersteigt. davon kann man aber bis dato nichts erkennen. wie auch immer – ich behandle ein buch und nichts anderes. es ist mir ein rätsel, was man alles in einen text hineininterpretieren kann.

  20. 20 Andreas meinte am 26. März 2011, 10:20 Uhr

    @Achim:

    (1) Ist die GWÖ noch Kapitalismus?

    In der Argumentation von Felber hat die GWÖ ein Problem: sie wird zuerst als eine Alternative zum Kapitalismus vorgestellt; der Kapitalismus wird (fälschlich) vor allem mit einer „Gier“ nach Gewinn identifiziert; es wird richtig festgestellt, dass das Kapital aus einer rastlosen Bewegung des Gewinnmachens besteht.

    Nun gibt es aber in der GWÖ auch Gewinn. An dieser Stelle tut sich also ein Problem auf. Auf S.35 kommen nun die Unternehmer_innen ins Spiel, die, so würde ich vermuten, wenig von einer Alternative gehalten hätten, in der es keinen Gewinn mehr gibt, und wovon es im Buch heißt, sie hätten an „diesem springenden Punkt“ (O-Ton Buch) „gemeinsam gefeilt“ und wären zu einer vorläufigen Lösung gekommen.

    Die „vorläufige Lösung“ lautet, dass „Gewinne sowohl nützlich als auch schädlich sein können“, weshalb sie differenziert nach Verwendung begrenzt werden (alles S.35).

    Nun wissen wir damit zugleich, dass auch im gegenwärtigen Kapitalismus Gewinne sowohl nützlich als auch schädlich sein können, denn darauf, so dürfen wir vermuten, gründet sich das Urteil der Unternehmer_innen hinsichtlich der Rolle von Gewinn.

    Damit wird aber die Trennlinie zum Kapitalismus mehr als unscharf. Wenn dort nämlich Gewinne gemacht werden, und in der GWÖ auch, und der einzige Unterschied sein soll, dass die einen „um ihrer selbst willen“, die anderen aber „für das Gemeinwohl“ gemacht werden, dann wird auch im Rahmen der GWÖ gedacht die Differenz eingeebnet. Erstens, weil wie gesagt auch ein Konzern behaupten wird, dass sein Gewinn dem Gemeinwohl dient. Zweitens, weil auch in der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung Gewinne „differenziert auf bestimmte Verwendungen begrenzt“ sind (so z.B. lesen wir im neuen Gesetz der Krankenanstalten in Kärnten, dass die Kabeg, die Landesgesellschaft der Krankenanstalten, nicht gewinnorientiert ist; die Kabeg ist allerdings ein Musterfall neoliberal-kapitalistischer Restrukturierung des öffentlichen Dienstes).

    Du schreibst, unter Zitation der Stellen aus dem Buch:

    „‚Dem, was heute als ‚Überschießen‘ des Kapitalismus … erlebt wird, wird ein Ende gesetzt.‘ Dies verstehe ich als: ‚Dem, was heute als Ausuferung, als krasses Symptom des Kapitalismus erlebt wird, wird ein Ende gesetzt.‘ C.F. will das Erlebnis des Überschießens beenden, indem er den Kapitalismus beendet.“

    Ich denke, dass der Autor einfach keine klare Vorstellung von Kapitalismus hat und deshalb an dieser Stelle – mit Verlaub – ziemlich „rumeiert“. Es soll Gewinn geben, der aber kann nützlich sein oder schädlich, deshalb ist der Gewinn das eine Mal kapitalistisch, das andere Mal nicht, und niemand weiß genau, warum. Ein Strukturkriterium gibt es ja nicht. Deine Formulierung würde ich also teilen (auch wenn Du sie vermutlich selbst anders verstehst): die GWÖ ist nach wie vor Kapitalismus, und je nachdem ob der Gewinn auf „Gier“ zurückgeführt werden kann oder nicht, gibt es innerhalb der GWÖ „Kapitalismus“ oder nicht, „schießt der Kapitalismus über sich selbst hinaus“ oder „ufert aus“. Das ist einfach ein moralisches „Kapitalismusressentiment“, wo „Kapitalismus“ nur ein anderes Wort für „Gier“ ist, keine Strukturkritik der kapitalistischen Produktionsweise. Mit Marx und anderen durchdachten Kapitalismuskritiken hat das alles nichts zu tun.

    Du meinst, mit Bezug auf die vorliegenden Stellen im Buch:

    „Das heißt doch, dass C.F. ein Abgleiten der GWÖ in den Kapitalismus verhindern will, somit sieht er die GWÖ nicht als Kapitalismus an.“

    Ich denke, es ist auf Basis der Stellen im Buch nicht sicher, ob die GWÖ noch Kapitalismus ist oder nicht. Das schrieb ich ja in der Rezension. Wenn es freilich derart mühelos passieren kann, dass die GWÖ in einen unzweifelhaften, sicheren Kapitalismus „abgleitet“, dann, so würde ich sagen, ist dies nur ein weiteres Argument, dass die GWÖ nicht nur ein uneindeutiger Kapitalismus ist, sondern schlicht das: Kapitalismus.

    (2) Gibt es in der GWÖ noch eine Kapitalistenklasse?

    „Wenn die GWÖ hier weniger konsequent ist als die ED, dann ist die GWÖ in diesem Punkt mangelhaft, da gebe ich Euch recht.“

    Wie gesagt fand ich Schweickarts Argumentation durchdachter als die im GWÖ-Buch. Vor allem ist Schweickarts Konzeption sich völlig im Klaren darüber, dass das Kapital (auch) ein Gewaltverhältnis darstellt und dass eine Konzeption die etwas anderes sein will als Träumerei, dies auch berücksichtigen muss. Ich denke, wenn wir die GWÖ in gewissem Sinne für interessant halten, dann sollten wir sie eher als eine Einladung verstehen, sich mit den älteren und konsistenteren Konzeptionen des Marktsozialismus zu befassen. Den Debattenband „Market Socialism“ fand ich in dieser Hinsicht wie erwähnt sehr gut, eine fruchtbare Kontroverse, die dort abgebildet wird, und die hilft, die entscheidenden Fragestellungen und Differenzen herauszumodeln. (Danke für die Links!)

    (4) Gibt es in der GWÖ oder verwandten marktsozialistischen Konzeptionen noch einen Wachstumszwang und -drang?

    Das ist eine ganz entscheidende Frage. Wir arbeiten zur Zeit an einem paper, das wir hoffen alsbald veröffentlichen zu können. Unsere Argumentation ist auch in „Die Grenzen des Kapitalismus“ nachzulesen. Wir würden an Marx und – in neuerer Zeit – Binswanger anschließen und argumentieren, dass das Geldverhältnis selbst Wachstumszwang und -drang begründet. Vorstellbar ist freilich, dass diese Tendenzen abgemildert oder gehemmt werden können. Die Frage bleibt, ob derartige Milderungsmaßnahmen nicht an anderen Stellen neue Probleme erzeugen, die nicht minder unangenehm sind. Zudem ist vor einem „steady state“ ja „degrowth“ erfordert.

    ad (6) Weg und Ziel

    „Ich werde aber mal Deinen Hinweisen auf http://www.amazon.com/Market-Socialism-Debate-Among-Socialist/dp/0415919673 und auf die Peer-Economy von Christian Siefkes nachgehen, vielleicht kann ich da noch was lernen.“

    Mich würde Deine Meinung dazu interessieren, vielleicht können wir auch mal eine kleine Debatte dazu organisieren. Mit Christian Siefkes zusammen bin ich übrigens in http://demonetize.it aktiv, obwohl Deine Zielrichtung da nicht ganz reinpasst, wäre eine Debatte wünschenswert. Meine (neue) Email übrigens ist andreas.exner’ÄT’aon.at

    „Gut, dass Du Parecon nicht für gangbar hältst, da sind wir (David Schweickart, Du und ich) wenigstens einer Meinung. Dass der Weg wichtiger ist als das Ziel, sehe ich nicht ganz so: Zumindest sollten wir sicherstellen, dass der Weg, auf dem wir entlanglatschen, uns dem Ziel näherbringt. Wenn das nicht sichergestellt ist, sollten wir lieber stehenbleiben und auf die Karte und den Kompass schauen, sonst bewegen wir uns womöglich vom Ziel weg anstatt darauf hin. Solche Fehltritte sind im 20. Jahrhundert massenhaft passiert. Lieber erst denken, dann handeln, ist meine Meinung, und Deine glaub’ich auch. Es gibt nichts Praktischeres als eine richtige Theorie (und nichts Unpraktischeres als eine falsche).
    Achim B (www.kiesweg.de)“

    Da haben wir sicher auch viel gemeinsam. Man kann die Fragestellung z.B. anhand der Solidarischen Ökonomie in Brasilien diskutieren. Ich denke, die ist ein ganz wichtiger Schritt auf einem Weg der Alternative. Dass da eher ein dualwirtschaftliches oder überhaupt nur ein „Fair Trade“-Modell verfolgt wird, wenn es auf die Frage gesamtgesellschaftlicher Alternativen kommt, und dass hier Marktbeziehungen durchaus eine große Rolle spielen (wenngleich nicht ungebrochen), ist kein Gegenargument. Fragend ist voranzuschreiten, und vorangeschritten wird hier dezidiert. Fraglich erscheint mir freilich, dass Marktbeziehungen so umgemodelt werden können, dass sie der Solidarischen Ökonomie förderlich sind. Das kann man denke ich auch sowohl empirisch als auch theoretisch argumentieren. Aber da gibt es eben unterschiedliche Meinungen dazu.

  21. 21 Barbara meinte am 26. März 2011, 14:28 Uhr

    Sehr geehrter Herr Exner!

    Die gewaltfreie Kommunikation ist eine Form der Kommunikation, in der Wertschätzung im Vordergrund steht. Hier geht es nicht ausschließlich um Gewalt und die Vermeidung davon (wenn das auch ein zentraler Bestandteil ist), sondern darum wie wir Dinge kommunizieren und andere dabei gleichzeitig respektieren, schätzen und nicht verletzen bzw. angreifen. Das passiert nämlich häufiger als wir uns das meist denken. Darum sollten wir beispielsweise Wertungen vermeiden, die als lebensentfremdend gelten. In ihrem Artikel sind sehr viele Wertungen enthalten. Beispielsweise behaupten sie „Dieses formelhafte und zugleich falsche Denken verführt Felber offenbar dazu, den Menschen wie einen Behälter von „ethischen Werten“, der simplen „Anreizen“ folgt, zu sehen.“ Das ist sehr stark abwertend! Und hätten Sie sich vor Ihrer Antwort kurz mit der Gewaltfreien Kommunikation beschäftigt, hätten sie möglicherweise informierter antworten können auf mein unklares Kommentar (das eben erst klar wird, wenn man sich mit Rosenbergs Konzept beschäftig). Die Behauptung ich könnte ihren Artikel als Gewaltakt gegen den Autor sehen, ist im übrigen auch eine Wertung und davon finden sich in diesem Artikel und allen Antworten zu Leserkommentaren sehr sehr viele. Die Gewaltfreie Kommunikation versucht das Kommunizieren auf Beobachtungen zu konzentrieren, die Gefühle die wir damit verbinden, unsere Bedürfnisse und anschließend unsere Bitten zu stellen, wie man Dinge besser gestalten könnte.
    Es tut mir leid, dass sie denken, ich würde nicht klar kommunizieren (Beobachtung), ich fühle mich durch ihre Behauptung sogar etwas angegriffen (Gefühl), ich höre Kritik gerne in positiver Form verbunden mit konstruktiver Hilfestellung (Bedürfnis)und würde sie bitten sich das Konzept von Rosenberg anzusehen bevor sie auf mein Kommentar eingehen (Bitte).

    Ich bin im übrigen vertraut mit der solidarischen Ökonomie, deren Vertreter das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie (zumindest in den Artikeln/Blogs, die ich gelesen habe) sehr positiv aufnehmen und willkommen heißen. Die GWÖ-Ökonomie ist keine starres Konstrukt, sondern nur ein Vorschlag, wie auch der Autor in Vorträgen/Interviews wiederholt sagt. Ich bin auch davon überzeugt, dass sich die GWÖ und das Konzept weiterentwickeln werden. Mit der Möglichkeit zum Mitmachen gibt er einen Anstoß, endlich etwas zu tun, anstatt stets nur zu kritisieren und Mißstände aufzuzeigen. Ich würde mir wünschen, Sie könnten auf meinen Vorschlag, selbst mitzuwirken teilnehmen, da sie offenbar viele positive Ideen hätten, die zur Weiterentwicklung beitragen könnten.

    Mit besten Grüßen!

  22. 22 Elisabeth meinte am 30. März 2011, 23:49 Uhr

    Hallo Andreas,
    jetzt bin ich wirklich ratlos. Ich habe das Gefühl, wir reden aneinander vorbei. Ich kann nur noch mal betonen, dass ich weder denke noch geschrieben habe, es dürfe keine Kritik geben. Ich finde es nicht autoritär, DASS Du Kritik übst, sondern WIE Du das tust, das habe ich schon in Kommentar 17 geschrieben. Und das ist doch ein großer Unterschied.
    Zum Beispiel kritisierst Du, was Christian zur Schule schreibt. Aber damit ignorierst Du die Diskussion, die Ihr beide auf Deiner Website http://www.social-innovation.org/?p=1821 schon begonnen habt. Da hat Christian am 16.03. geschrieben: „Du kritisierst, dass die menschlichen Werte, auf denen die Gemeinwohl-Ökonomie basiert, nicht „von selbst“ in ihr entstehen, weshalb sie mühevoll über die Schule „eingetrichtert“ werden müssen, was ein doppelter Beweis für die Unmenschlichkeit des Modells ist: Es produziert keine menschlichen Werte aus sich heraus und die Bildung fördert Kinder nicht, sondern indoktriniert sie: pfui Graus! Doch nur, wem das Modell von Grund auf zuwider ist, kann sich so verlesen: Die Gemeinwohl-Ökonomie (re)produziert selbstverständlich die menschlichen Werte, auf denen sie beruht, indem sie sich nicht nur – appellierend – als Ziel ausgibt, sondern endlich auch misst und belohnt. Nur weil das jetzt – vor dem Übergang – noch nicht der Fall ist, hilft flankierend und aufbauend die entsprechende Begleitung in den Schulen; ist die Gesellschaft einmal soweit, dass das nicht mehr nötig ist: umso besser. Jetzt aber, am Start und im tiefen Kapitalismus, finde ich das nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig. Das ist kein „Eintrichtern“, sondern das Verschieben von Prioritäten – von Mathe und Latein auf Gefühls-, Kommunikations- und Wertekunde. Daraus den argumentativen Strick zu drehen, dass die Gemeinwohl-Ökonomie nicht “von selbst” diese Qualitäten und Werte erzeugt, ist, ihr vorzuwerfen, dass sie ihre Voraussetzungen noch nicht vorfindet, sondern diese erst als Effekt produzieren wird.“
    Das ist genau das Prozesshafte, was ich meine. Eine andere Welt ist nicht von jetzt auf gleich in Perfektion vorhanden, sondern entwickelt sich innerhalb der Widersprüche des Bestehenden mit den Menschen, die nun mal da sind und so sind, wie sie in diesen Verhältnissen geworden sind. Das bedeutet ein ständiges Ringen, vor allem um die Kultur des Miteinander.
    Übrigens habe ich bereits eine Rezension des Buches von Christian geschrieben, sie ist in der März-Ausgabe der „CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation“ veröffentlicht (Seite 4). Ich bin beim Lesen auch kein Fan der Gemeinwohlökonomie geworden, aber Du irrst Dich, wenn Du meinst, das sei nur ein Buch. Den Entwurf der Gemeinwohl-Bilanz hat Christian mit 30 Attac-UnternehmerInnen erarbeitet, und auf der Website http://www.gemeinwohl-oekonomie.org siehst Du, dass mittlerweile 240 Unternehmen dahinter stehen. Was das konkret bedeutet bleibt abzuwarten. Aber wenn wenigstens in einem kleinen Teil dieser Unternehmenslandschaft eine sozial, ökologisch und basisdemokratisch verbesserte Unternehmenskultur entstünde, wäre das doch eine reale Verbesserung zumindest für einige Menschen.
    Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich das weiter entwickelt. Immerhin hat Christian die Fähigkeit, Menschen zu interessieren und zu begeistern, und ihnen die Idee einer Welt der Kooperation statt Konkurrenz nahe zu bringen. Das finde ich faszinierend. Solche abstrakten Diskussionen wie hier sind eher nicht so meins, und ich verabschiede mich jetzt aus dem Kreis der hier Diskutierenden.

  23. 23 Andreas meinte am 31. März 2011, 07:34 Uhr

    @elisabeth:

    ich denke, wir reden nicht aneinander vorbei. meine meine ist, dass kritik niemals autoritär sein kann. der modus der kritik ist anti-autoritär. den gestus der allwissenheit interpretierst du in meinen text hinein. alle aussagen werden begründet. es wird dargestellt, dass eine alternative aus den widersprüchen des kapitalismus herauswächst. es wird sorgfältig untersucht, ob sich in der GWÖ anknüpfungspunkte finden. es werden positive aspekte herausgehoben und ein differenziertes urteil abgegeben. du siehst das anders und so sei es.

    wie meiner rezension zu entnehmen ist, weiß ich, dass das buch in einem bestimmten sozialen kontext entstanden ist. dieses buch ist dennoch explizit das werk eines autors und darauf beziehe ich mich. andere informationen stehen mir, als leser des buches, nicht zur verfügung.

    ich finde auch fair trade nicht schlecht. ich finde es nicht schlecht, wenn unternehmer sich bemühen, nette menschen zu sein.

    das hat aber – aus strukturellen gründen – nichts damit zu tun, das kapital und seine immanenten scheußlichkeiten zu überwinden.

    du siehst das anders und so sei es.

    dass ein mensch auf andere menschen anziehend wirkt ist für diesen menschen und sein publikum sicherlich erfreulich. ob dies dazu beiträgt, das kapital zu überwinden steht auf einem ganz anderen papier.

    du siehst das anders und für eine person, die theoretische debatten nicht liebt, haben wir hier eine menge buchstaben ausgetauscht.

  24. 24 Andreas meinte am 31. März 2011, 07:43 Uhr

    @elisabeth:

    ich denke, wir reden nicht aneinander vorbei. meine meinung ist, dass kritik niemals autoritär sein kann. der modus der kritik ist anti-autoritär. den gestus der allwissenheit interpretierst du in meinen text hinein. alle aussagen werden begründet. es wird dargestellt, dass eine alternative aus den widersprüchen des kapitalismus herauswächst. es wird sorgfältig untersucht, ob sich in der GWÖ anknüpfungspunkte finden. es werden positive aspekte herausgehoben und ein differenziertes urteil abgegeben. du siehst das anders und so sei es.

    felbers kritik an meiner kurz-fassung der rezension habe ich sehr wohl wahrgenommen. ich lasse ihm gern seine meinung. „messen“ und „belohnen“ sind, wenn es um menschen und soziale beziehungen geht, für mich zutiefst autoritär, ich weiß wovon ich spreche, schließlich habe ich eine längere schulbildung hinter mir und habe gewisse einblicke gewonnen in die neoliberalen muster der führung und selbstführung. wer auf solche schulmeisterlichkeiten steht, soll darauf stehen. was das mit freiheit zu tun hat, ist mir jedoch schleierhaft.

    felber schreibt: „Daraus den argumentativen Strick zu drehen, dass die Gemeinwohl-Ökonomie nicht “von selbst” diese Qualitäten und Werte erzeugt, ist, ihr vorzuwerfen, dass sie ihre Voraussetzungen noch nicht vorfindet, sondern diese erst als Effekt produzieren wird.“

    er hat meine kritik nicht so aufgefasst wie ich sie selbst meine und zum ausdruck brachte. ich argumentiere (wie in der rezension nachzulesen), dass der autor zuerst meint, die werte, die die GWÖ verwirklich will, finden sich allerorten, nur nicht in der marktwirtschaft. im zweiten schritt fragt sich der kritische leser jedoch, ob sich diese werte wirklich allerorten finden, wenn die schule so konzipiert ist wie felbers „nürnberger trichter“. man darf sich dann nämlich zum beispiel die frage stellen, woher denn die gefühlvollen lehrer kommen, die den kindern gefühle lehren (ein unding an sich), wenn die familie nun doch nicht der hort der „schönen gefühle“ ist, die sie argumentativ sein muss, um felbers argumentation tragfähig zu machen. wenn wir feststellen, dass lehrer menschen sind, die ihre gesellschaft prägt (das ist ja wohl an jeder schule zu beobachten), dann haben wir hier ein problem bekommen.

    wie meiner rezension zu entnehmen ist, weiß ich, dass das buch in einem bestimmten sozialen kontext entstanden ist. dieses buch ist dennoch explizit das werk eines autors und darauf beziehe ich mich. andere informationen stehen mir, als leser des buches, nicht zur verfügung.

    ich finde auch fair trade nicht schlecht. ich finde es nicht schlecht, wenn unternehmer sich bemühen, nette menschen zu sein.

    das hat aber – aus strukturellen gründen – nichts damit zu tun, das kapital und seine immanenten scheußlichkeiten zu überwinden.

    du siehst das anders und so sei es.

    dass ein bestimmter mensch auf bestimmte andere menschen anziehend wirkt ist für diesen menschen und sein publikum sicherlich erfreulich. ob dies dazu beiträgt, das kapital zu überwinden steht auf einem ganz anderen papier. unter anderem hat dies mit der frage zu tun, ob bestimmte menschen eher dem charme und ihren projektionen nach einfachen und für sie schönen lösungen erliegen oder aber kritisches denken aktivieren. hier beginnen auch entwicklungen, die – im schlechten fall – bis zu autoritären strömungen führen können. faszination ist ein zweischneidiges schwert – wie jeder und jede weiß, der oder die sich noch an die heldinnen und helden der pubertät erinnert.

    du siehst das anders und für eine person, die theoretische debatten nicht liebt, haben wir hier eine menge buchstaben ausgetauscht.

  25. 25 Diana meinte am 5. Juni 2011, 02:09 Uhr

    Zugegebenermaßen ich habe mir jetzt wirklich nicht alles hier durchgelesen, aber die Argumente gegen und auf den Text von Andreas Exner waren für mich sozusagen ein deja vu. Ich spreche aus persönlichen Erfahrungen heraus und selbst eine Attac-Sommerakademie habe ich mir zu meiner objektiven Meinungsbildung angetan und ich muss schon sagen- bei aller Liebe- es ist traurig wie mit konstruktiver Kritik in einigen Attac-AnhängerInnenkreisen umgegangen wird. Ich selbst habe durch Marx und Felberwerke gelesen, wobei mir ersteres mehr Genuß verschafft hat als zweiteres, denn das war dann doch nur mehr ein lauwarmer Abklatsch. Ob gewaltfrei oder nicht, ich sags wie es ist, der gute Herr Felber&einige seiner Attacies sind für mich ein aufgewärmter Marx auf esoterischen Wellen , die keinen Hauch ihrer gutgemeinten Werte selbst leben oder vertreten. Kritisiert mann/frau Guru und AnhängerInnenschaft, dann kommt immer eine Moralpredigt mit dem latenten Vorwurf, dass das aber jetzt keine gewaltfreie Kommunikation gewesen wäre usw….. Wenn mit Kritik so umgegangen wird, wenn sie im Keim erstickt wird, ja bitte-wo sind dann all die humanen Werte ? Wie siehts dann aus mit der Demokratie und wie siehts dann aus, wenn einer beim Yoga aus der Reihe tanzt oder nicht mitmacht. Wie ist das mit dem Gemeinwohl, ist das dann so wie mit dem Zwang zur Arbeit heute? Muss ich dann gespielt gut sein um offiziell als gut zu gelten und sorry- warum war Felber solange gegen ein Grundeinkommen, wenn er doch für jeden für uns nur das Beste will? Ein Grundeinkommen könnte doch eine Gesellschaft befreien und diese Befreiung erlaubt neue Freiheiten und diese kann wiederum Neues schaffen. Wieso müssen die Ecken und Kanten immer so radikal vorgeschliffen und vorgegeben werden, wieso sind wir Menschen nicht fähig uns so zu organisieren, dass wir und andere auch noch eine Zukunft auf diesen Planeten haben und uns trotzdem dabei unterscheiden können? Wieso haben wir Angst vor Freiheit? Ich denke, dass das eine essentielle Frage bei der Neugestaltung einer Gesellschaftsform wäre. Aber ich will und kann auf diese esoterische Art und Weise von Felber&Co nicht einsteigen, es ist mir ein Grauen dieses Gutmenschsein heraushängen zu lassen, weil es gerade dann oftmals eine gespielte Sache ist, weil es nicht echt ist. Ich denke, die meisten Menschen fühlen sich verständlicherweise dermaßen verloren auf dieser Welt und beginnen daraufhin hilflos nach einem neuen Weg zu suchen, welcher ihre eigenen Ängste besänftigt, aber sie gehen eben nicht den Weg der Mündigkeit, sie gehen zuoft den Weg der anderen. Sie hängen sich einer lauwarmen Kapitalismuskritik von Felber &Co an und vergessen dabei, dass es so wichtig wäre, dass wir eine Möglichkeit des Miteinanders finden ohne Gleichsinn und ohne „Yoga für alle“…. Ich träume von einer Welt, in der wir nicht mehr nur so gut tun sondern es-ohne zu bemerken-einfach sind. Ich denke nicht, dass das zu unterrichten ist, ich denke dass das mit einer mündigen selbstbestimmten Lebens- und Arbeitsform sehr gut von alleine funktionieren könnte. Wenn Menschen mehr Freiheit genießen würden, wenn sie keine Angst vor sozialem Notstand, keinen Leistungsdruck tagtäglich, dann werden sie ganz von alleine anders, aber jede und jeder auf seine Art und Weise. Ich will weder ständig im Leistungsdruck um meine Existenz kämpfen müssen, noch im Yogagleichklang trommeln und beten müssen und ein Gemeinwohl bedeutet für mich Zwang…….das bedeutet aber nicht dass ich kein anderes Wirtschaften gut fände, aber viele dieser Attacies erinnern mich mehr an eine gleichgeschalte Sekte, viele aus gutsituierten Häusern, die ihre Waldorf- und Montesorripädagogik- oder Therapieausbildungen machen/gemacht haben, aber keine Ahnung haben wie es in einer Frauen- oder Männernotschlafstelle oder einem „Macondo“ in Wien zugeht……………………Weiters noch, sie können diese Schicht der Menschen nicht ansprechen, obwohl genau diese Schicht der Menschen, nichts hat. BIO/Fairtrade ist ein riesen Markt geworden, Yoga und Ratgeberlektüre, Glückskurse, Ayurveda… etc.. sind eine riesige Marktnische und keiner fragt sich, wie weit die Bioprodukte gereist sind oder welches Kind das Esoleibchen genäht hat? Keiner fragt sich wer Rudolf Steiner war? Das ist eine pseudosoziale Gesellschaft, die konsumiert Alternatives für ihr schlechtes Gewissen. Sorry- aber mir sind noch immer Menschen wie bspw. Ute Bock ein größeres erstrebenswerteres Vorbild als es die meisten Attacies für mich je sein werden können. Ich denke, dass sie sich die anderen mit ihren Pseudowerten kaufen und wenn du Kritik übst, dann wirst du boykottiert-das ist traurig aber wahr. Ein Plädoyer für ein Grundeinkommen und ein Plädoyer für freie Meinungsäußerung……….und trotzem will ich zum Abschluss sagen, dass sind meine Erfahrungen mit einigen Attacies, aber es gibt auch brilliante und dazu zähle ich u.a.Elmar Altvater- es sind niemals alle in einen Topf zu werfen :-)

  26. 26 Martin Mair meinte am 11. Juni 2011, 21:15 Uhr

    @fairtrade: Lieber Andreas, fair trade mag besser als der normale kapitalistsiche Handel. Der Gesschäftsbericht von fair trade ist aber wie ein normaler Geschäftsbericht über die eigenen Umsatzzahlen und so ein blabla aufgebaut liefert aber keinerlei konkreten Meßzahlen die belegen würden, dass fair trade wirklich das erreichen kann was es vorgibt zu erreichen. Wenn 10% mehr als der Welthandelspreis gezahlt wird würde das doch unter den herrschenden Verhältnisse heißen, dass die fair trade Bauern nie das gleiche Wohlstandsniveau erreichen wie die Menschen in den Industriestaaten. Fair trade gibt auch kein Ziel vor, wann denn dank fair trade die Leute mit uns gleich ziehen …

  27. 27 Kapitalismus + Peak Oil = Gesundheitskatastrophe. Post-Fossile Gesundheit in Solidarischer Postwachstumsökonomie | Solidarisch G'sund meinte am 14. Juni 2011, 10:43 Uhr

    […] Perspektive kann nur eine solidarische sein. Auf Regionalwährungen, Tauschkreise, eine „Gemeinwohlökonomie“ oder derlei illusionäres und zumeist auch politisch reaktionäres Bewegungsspielzeug zu setzen, […]

  28. 28 Andreas meinte am 14. Juni 2011, 12:53 Uhr

    @fair trade – martin: ich weiß nun grad nicht mehr die stelle, worauf du dich exakt beziehst. ich teile jedenfalls deine ansicht. fair trade kann man – im unterschied zu regionalwährungen und tauschkreisen – m.e. näherungsweise zur solidarischen ökonomie zählen, weil es ein moment „politischer preisbildung“ nach solidarischen kriterien gibt. aber einen wesentlichen fortschritt sehe ich in fair trade nicht. didaktisch und strategisch ist das eher ein schuss nach hinten, weil er suggeriert, dass man aus der konsumposition heraus wesentliches verändern kann.

  29. 29 Attac = Christian Felber = Gemeinwohlökonomie. Zur Monologie eines Promotionapparats - Streifzüge - Magazinierte Transformationslust meinte am 20. Juni 2011, 12:02 Uhr

    […] schon zu wissen und “integriert” zu haben. Ein Muster, dem eins begegnet, wenn man das Konzept der Gemeinwohlökonomie kritisch befragt. Vermutlich fehlt eins da die nötige […]

  30. 30 Jens Klettner meinte am 13. Februar 2012, 07:24 Uhr

    Ich hoffe der Verfasser des Artikels wechselt seinen Kritikstil nicht, denn seine Argumentation sticht ins Schwarze.

    Allerdings sollte er aus den Kommentaren einiger seiner Leser gelernt haben, wie unterschiedlich Menschen Texte beim Lesen generieren.

    Wie der Verfasser war ich sehr erstaunt, wie man das Kennzahlen-System als menschlich und wertschätzend empfinden kann; und nicht als das was es im Grunde ist als ein Controlling-Instrument aus der BWL. Kennzahlen-Systeme sind Instrumente für das mittlere und das TOP-Management.

    Die Gemeinwohlökonomie ist theoretisch auf einem schwachen Fundament, vor allem aus der Perspektive der unterschiedlichen Konzeptionen von Verteilungsgerechtigkeit feministischer, ökologischer, liberaler und kommunitarischer Autoren.

    Christian Felber fehlen elementare Kenntnisse von Entscheidungstheorie und Wahlverfahren, sonst wüsste er das es kein demokratisches Verfahren gibt, dass das Gemeinwohl finden kann ( Arrowsches Unmöglichkeitstheorem ).

    Die Wirklichkeitsfremdheit von Christian Felber zeigt sich auch, wenn man einfach einmal in ein Lehrbuch öffentlicher Ausgabenpolitik schaut. Wann ist aus staatlicher Sicht ein Eingriff in die Marktwirtschaft gerechtfertigt ? Genau dann wenn es durch den normativen Individualismus der Marktteilnehmer, demokratische Wahlverfahren zu keiner Maximierung der sozialen Wohlfahrt führt.

    Um die soziale Wohlfahrt zu maximieren, muss man Präferenzen individueller Marktakteure durch aggregierten Wohlfahrtsfunktionen ersetzen.

    Die Feindseligkeit von Christian Felber gegen theoretische Konzeptionen von sozialer Gerechtigkeit ist als frauenfeindlich, einwandererfeindlich und seniorenfeindlich zu betrachten.

    Eine so offensichtliche Hierarchisierung dieser Gerechtigkeitskonzeptionen durch unterschiedliche Bewertung mit Gemeinwohlpunkte ist ein Angriff auf die soziale Gerechtigkeit.

    Christian Felber weiss nichts von Bedarfsgerechtigkeit, Altersgerechtigkeit, Teilhabegerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit, globale Gerechtigkeit und Rassengleichheit.

    Eine einfache Abbildung auf Gemeinwohlpunkte ist politisch und theoretisch nicht zu rechtfertigen. Christian Felber muss nachsitzen und wenigstens die betriebswirtschaftliche Diskussion um Kennzahlen-Systeme durcharbeiten. Und wenn er damit durch ist, sollte er Verbesserungsvorschläge wie z.b. Strategy maps lesen. Anschliessend kooperative Spieltheorie und Neuroeconomics, um zu erfahren wie es mit seiner kolportierten evolutionistischen Begründung der Kooperationsbereitschaft von Menschen wirklich bestellt ist.

    Der Verfasser des Artikels hat völlig recht. Die sozialen Verhältnisse werden durch die Marktwirtschaft reproduziert. Die experimentelle Erforschung dieser Verhältnisse ist Aufgabe der behavioral economics.

    Andererseits halte ich es für richtig, wenn sich die Anhänger der Gemeinwohlökonomie, sich in der Gemeinwohlökonomie organisieren, weil das ihrem sozialen Sein entspricht. Man sollte ihnen daher gratulieren, dass sie ein Projekt gefunden haben.

    Der Anspruch die „soziale Frage“ zu lösen bleibt aber anderen politischen Strömungen vorbehalten, die besser Theorie und Praxis verzahnen können.

  31. 31 Linkliste “Alternative Ökonomie” | substruktion meinte am 27. Januar 2014, 21:12 Uhr

    […] Es geht um den Versuch, Unternehmertum und Gemeinwohl zu vereinen. Auch hier besteht bei aller Kritik vielleicht die Möglichkeit Geld für radikalere [i. S. v. "an die Wurzel gehenden"] Ansätze […]

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