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You can’t get something for nothing

01 Dez 2009

Streifzüge 47/2009

von Lothar Galow-Bergemann

Diese amerikanische Spruchweisheit bringt zwar nicht die Ansprüche an ein befreites Leben jenseits der Zwänge der Warenwirtschaft, dafür aber diese selbst umso besser auf den Punkt. Dass sich Warenwert stur gegen Warenwert austauscht und sich im Laufe dieses Geschäfts trotzdem zunehmend in Luft auflöst, begründet letztendlich das ganze Dilemma des Kapitalismus. Der scheitert nämlich regelmäßig an seiner eigenen Voraussetzung und ist – besonders in seiner finanzblasendominierten Gegenwart – gezwungen, immer wieder something (sprich Geld) aus nothing zu machen. Heraus kommt dabei ebenso regelmäßig, dass er auf noch wackligeren Beinen steht als zuvor.

Texte, die sich diesem unauflösbaren Widerspruch und seinen Konsequenzen widmen, werden zu Recht oft als extrem theoretisch und trocken empfunden. Wer sich nach konkretem Anschauungsmaterial sehnt und noch dazu Spaß beim Lesen haben will, dem sei der hier besprochene Band wärmstens empfohlen. Nicht dass Stefan Franks Text über die Hintergründe der Wirtschaftskrise, dem er den treffenden Namen „Die Weltvernichtungsmaschine“ gab, die theoretische Auseinandersetzung mit Warenproduktion und Krise ersetzen würde. Aber er bietet einen Zugang zur vertieften Auseinandersetzung mit den Wurzeln der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise. Der Autor beweist, dass man sich mit Geschichte und Verlauf der Krise befassen kann, ohne auch nur einmal über „Heuschrecken“ und „gierige Spekulanten“ als den vermeintlichen Verursachern des Übels herziehen zu müssen, wie es unter manchen sich besonders antikapitalistisch vorkommenden „Krisenanalytikern“ leider gang und gäbe ist.

Frank gibt einen Überblick über Crashs und Booms der letzten hundert Jahre, zeichnet eine kurze Geschichte des Geldes, das spätestens seit der Aufhebung der Golddeckung im Jahre 1971 zur reinen Glaubenssache geworden ist, und führt in die Tricks und Instrumente der neuesten Finanzalchemie ein. Wer immer wieder Bahnhof versteht, wenn von Credit Default Swaps, relative value trading und Balance-Sheet-CDOs die Rede ist, darf reichlich Nachhilfeunterricht erwarten.

Ob es wirklich einen „Skyscraper-Index“ gibt, der besagt, dass jeder Hochhausboom ein untrügliches Zeichen für das herannahende Platzen der Finanzblase sei, mag dahingestellt bleiben – ein origineller Gedanke ist es auf jeden Fall. Dazu kommt eine erfrischende Sprache, die man in vergleichbaren Arbeiten leider nur allzu oft vermisst. Was eigentlich falsch sei an Panik, fragt der Autor beispielsweise, schließlich lebten Elefanten, die panische Angst vor Menschen haben, nachweislich länger als ihre furchtlosen Artgenossen. Und sein Vorschlag, zur Rettung des Bankensystems Benefizkonzerte zu veranstalten, kann sich in punkto Erfolgsaussichten durchaus mit den diversen Antikrisenkonzepten messen, die in Politik und Medien mit Bierernst gehandelt werden.

„Der Produktionsprozess“, sagt Karl Marx über den Charakter der warenproduzierenden Gesellschaft, „erscheint nur als unvermeidliches Mittelglied, als notwendiges Übel zum Behuf des Geldmachens. Alle Nationen kapitalistischer Produktionsweise werden daher periodisch von einem Schwindel ergriffen, worin sie ohne Vermittlung des Produktionsprozesses das Geldmachen vollziehen wollen.“ (MEW 24,62) Frank zitiert Marx nicht. Aber wie zur Illustration dessen schildert er die Verrücktheit eines Systems, in dem Millionen Phantasten von der wundersamen Geldvermehrung mittels finanzmarktakrobatischer Verrenkungen träumen, während an ihrer Spitze ein Notenbankpräsident hantiert, der bekennt, mehr seiner Magengrube als seinem Kopf zu vertrauen. Eines Systems, dessen oberste Verwalter nach dem Terroranschlag vom 11. September den Leuten allen Ernstes empfehlen mussten, „shoppen zu gehen“, damit es nicht zusammenbricht und dessen „Fachleute“ sich regelmäßig mit ihren Prognosen blamieren. So wie Bundeskanzlerin Merkel, die noch Anfang 2008 verkündete: „Es gibt keine Anzeichen für eine Rezession in Deutschland. Das muss man ganz deutlich sagen.“

Wenn Banken und Unternehmen ihre Verluste von einem auf den anderen Tag als fünfmal höher „neu bewerten“, dann kann das nur heißen, dass sie entweder die vier Grundrechenarten nicht beherrschen oder schlicht und ergreifend keinen blassen Schimmer mehr davon haben, was eigentlich im eigenen Laden los ist. „Hoffen wir, dass wir alle reich und im Ruhestand sind, wenn dieses Kartenhaus zusammenbricht“, zitiert Frank einen Rating-Analysten. Ein Prinzip Hoffnung, von dem sich die Menschheit besser heute als morgen verabschieden sollte.

Dem Leser werden viele Namen aus der internationalen Finanzwelt begegnen und man kann dem Autor nicht unterstellen, dass er Sympathiewerbung für sie betreibt. Das ist auch völlig okay, denn selbstverständlich ist niemand gezwungen, Manager zu werden und die barbarischen Gesetze der Kapitalakkumulation auf dem Rücken von Mensch und Natur zu exekutieren. Darin genau liegt die persönliche Verantwortung, die den Betreffenden auch vorzuhalten ist. Aber wer nun mal Manager ist, ist sehr wohl gezwungen, diese Gesetze durchzupeitschen, andernfalls er nämlich die längste Zeit Manager gewesen wäre. Und dieser Sachverhalt verweist auf die Systemursache der Krise, die leider von sehr vielen übersehen wird. Was wiederum zu allerlei Verschwörungsphantasien animiert.

Manchmal hat man beim Lesen den Eindruck, dass die systemischen Ursachen auch bei Frank etwas zu kurz kommen. Aber gegen Ende spricht er klar und unmissverständlich davon. Auch wendet er sich gegen die grassierende Illusion vom Staat als dem guten Retter in der Not und gegen den Keynesianismus, dem er rundweg den „Glauben an Zauberei“ bescheinigt: Wenn eine staatliche Intervention überhaupt noch einmal erfolgreich sein könne, dann „nur durch eine noch größere Spekulations- und Schuldenblase, die zu einer noch gewaltigeren Krise in der Zukunft führen würde und zum Preis einer Geldentwertung und eines drohenden Staatsbankrotts“. Es hätte dem Buch nicht geschadet, wenn dieser Schlussteil etwas ausführlicher ausgefallen wäre. Trotzdem eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die die Krise besser verstehen wollen.

Stefan Frank, Die Weltvernichtungsmaschine. Vom Kreditboom zur Wirtschaftskrise, CONTE Verlag 2009,199 Seiten, ca. 20 Euro.

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