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Rausch ohne Rechnung!

01 Jul 2008

Fußball, Ökonomie, Pädagogik und Begeisterung

Streifzüge 43/2008

von Martin Scheuringer

Abrupt löst sich jene beim Mitfiebern entstandene Anspannung meines Körpers, als endlich „unser“ Stürmer das Führungstor erzielt. In der 85. Minute! Doch kaum zwei Sekunden vergehen, und sie packt mich wieder und zwingt mich, voller Konzentration meine Sinne auf das Geschehen im TV-Gerät zu bündeln, sodass ich nur mehr ein Beobachten und ein Mitgehen im Geschehen bin. Jedes Ereignis führt zu einer unmittelbaren Reaktion, deren bewusstes Kontrollieren sich mir entzieht, jeder bloße Versuch würde mich überfordern. Den Genuss würde er mir verderben, den das Einsaugen des Spiels mir bereitet. Ich will voll und ganz im Geschehen stehen, nicht aber eine reflexive Position außerhalb des Banns einnehmen. Als sich schließlich der optische und akustische Eindruck des Schlusspfiffes ohne mein bewusstes Zutun in innerlichen Jubels und ein äußerlich sichtbares Grinsen verwandelt, bewegt sich meine Hand in die Höhe, die Finger ballen sich zur Faust des Siegers.

Nun, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich ein anderer geworden. Das reflektierende Ich hat sich zu Wort gemeldet, es war schon, während ich den ersten Absatz tippte, im Einsatz. Es organisiert Nachbetrachtungen für das Gedächtnis, indem es eine Differenz zwischen mir und dem Ausgangspunkt des Erlebens aufbaut. Zurückgezogen in das eigene Denken betrachte ich das vergangene seelisch, akustisch und optisch Erlebte, das jetzt als Erinnerung nur mehr Inhalt meines Bewusstseins ist. Als Reflektierender setze ich eine unüberwindbare Grenze zwischen meine reflexiven Denkinhalte und jene vergangenen Ereignisse – ich nenne Erstere Bewusstsein und Zweitere Welt. Im angespannten Mitfiebern waren sie eine Einheit. Eine kategorische Trennung ist in einem genießenden Ich-Zustand nicht durchführbar; würde ich sie vollziehen wollen, so führte sie mich sofort in das reflektierende Ich, und damit aus dem lustvollen Bann hinaus. Für mich als ein in der Moderne lebendes Ich hat durch den hohen sozialen Status der Vernünftigkeit das reflexive Denken eine verführerische Kraft, die mir vorgaukelt, diese von mir gesetzte kategorische Differenz zwischen Bewusstsein und Welt sei eine nicht durch mich erstellte ontologische Differenz.

Doch genau diese Kluft zwischen mir und der Welt ist während der Wahrnehmung des Siegestores nicht da. Sinneseindruck und ich sind unmittelbar verbunden, genauso wie der Jubel ohne Dazwischentreten einer freien Entscheidung aus mir emporsteigt. In diesen Momenten bin ich schon entschieden und erlebe dies als befreiend.

Solche von der schweren Last des reflexiven Denkens erleichterte Momente, durfte ich während des Spieles mehrmals erleben, als mein theoretisierendes, durch Beobachtungen Differenzen aufbauendes Ich pausierte und ich voller Leidenschaft das Geschehen in mich aufsog. Als der Mittelfeldregisseur mit einem genialen Pass den Stürmer in den leeren Raum schickt und dieser beinah unbedrängt auf das Tor läuft, oder als die gegnerische Mannschaft ein wunderbares Kombinationsspiel über mehrere Stationen aufzieht und sich gefährlich unserem Tor nähert: da stiegen unmittelbar gemischte Gefühle in mir auf: Freude an der Schönheit dieses Spielzuges und Angst vor einem Gegentreffer. Ich habe mich jedoch nie selbst bestimmt, diese Gefühle jetzt haben zu wollen. Ich war draußen beim Objekt oder das Objekt bei mir herinnen, das reflexive Ich war nicht da, es kommt erst jetzt in Gang, da ich darüber schreibe. Jetzt trenne ich Objekt und Subjekt, Vergangenheit und Gegenwart.

Begeistertes Zuschauen beim Fußball ist natürlich weder die verbreitetste noch eine privilegierte Möglichkeit, sich seinem sinnlichen Ich anzunähern. Sex ist hiefür noch immer die den meisten Menschen geläufigste Gelegenheit. Aber auch noch in der sublimen Form hoher Kunst erlebt der Meister seine Sinnlichkeit, wie z. B. Stefan Zweig von Auguste Rodin berichtet: „Große Augenblicke sind immer jenseits der Zeit. Rodin war so vertieft, so versunken in seine Arbeit, dass kein Donner ihn erweckte. Immer härter, fast zorniger wurden seine Bewegungen; eine Art Wildheit oder Trunkenheit war über ihn gekommen, er arbeitete rascher und rascher. Dann wurden die Hände zögernder, sie erschienen erkannt zu haben: es gab für sie nichts mehr zu tun. (… ) In dieser Stunde hatte ich das ewige Geheimnis aller großen Kunst, ja eigentlich jeder irdischen Leistung aufgetan gesehen: Konzentration, die Zusammenfassung aller Kräfte, aller Sinne, das Außer-sich-Sein, das Außer-der-Welt-Sein jedes Künstlers.“

Erlebe ich mich als ein sinnliches Ich, so verlasse ich in doppelter Hinsicht die Sphäre der Reflexion. Weder bin ich dann im Bewusstsein noch in der Welt, sondern ich bin in deren Vermittlung wirklich, dort wo beides jenseits von Raum und Zeit vereint ist. Dort, wo die philosophische Theorie seit Anbeginn versucht hat Fuß zu fassen und es ihr doch noch nicht gelungen ist. Wird die Reflexion dort etwas fassen können?

Theoretische Vermittlung

Der Satz „Der Elfer-Pfiff des Schiedsrichters war eine bodenlose Frechheit“ wird durch die Reflexion zu einer Empörung, die ein Subjekt zuvor erlitten hat. Sie trennt Empörung vom Pfiff, verbannt das eine in das Bewusstsein und lokalisiert das andere in der Welt, definiert eines als objektiven Reiz und das andere als subjektive Reaktion.

So weit, so theoretisch klar: Durch diese Weltentrennung kommt die Theorie in Argumentationsnotstand, wenn es um das Problem der Aktivierung einer Handlung geht – und das meint hier jegliche Aktivität, sprich: von der Bewegung der Hand über Erkenntnis bis zum Denken.

Die Handlungstheorie behauptet, jeglichem actus humanus gehe eine Entscheidung, ein Akt des Willens voraus – noch eine Kategorie von Aktivität! Nur indem dieser einen möglichen Handlungsgrund zu einem wirklichen erklärt, führt der Mensch eine Handlung aus. Dabei bleibt für die Theorie aber genau der deklarierende Akt wieder uneinholbar praktisch – da kann die Philosophie noch so praktisch werden – und als solcher unerkennbar vorausgesetzt. Denn jeder Akt erscheint in der Theorie schon seiner praktischen Wirklichkeit entkleidet. Theorie kann nur operieren, indem sie in alles Fließende statische Differenzen einbaut, ohne die sie blind ist. Nicht einmal das Denken selbst kann sich denkend durchleuchten: Der Denk-Akt kommt seinem Resultat immer zuvor und ist von anderer Wirklichkeit als sein Inhalt. Jeder Denkakt ist praktisch, jegliche Theorie hingegen ist Resultat einer Praxis: Sie kann nicht theoretisch erfasst, nur praktisch vollzogen werden.

Auf der zeitlichen Ebene betrachtet ist klar: Denken ist Nach-Denken. Es hat als seine Gegenstände die Dinge in ihrer theoretischen Aktualisierung, nicht in ihrer praktisch-wirklichen Gestalt. Nicht die wirkliche Wahrnehmung ist sein Inhalt, sondern die vermittels des Gedächtnisses reproduzierte theoretische Inhaltlichkeit, die mit Bildern und Begriffen operiert, die Fülle der sinnlichen Gewissheit aber nicht wiedergeben kann. Ein Zu-spät Kommen ist Bedingung seiner Möglichkeit, mich beim Erinnern zu unterstützen. Der von Hegel beobachtete Baum ist jeweils ein anderer: Einmal als unmittelbar Gesehenes, dann aber als theoretisch vermittelter Inhalt im Gedächtnis, der durch diese Wandlung offen ist für Negation. Um es in einen Satz zu sagen: Der Theorie ist eine absolute Grenze gesetzt. Sie ist daher nicht das Mittel, das unsere Praxis absolut leiten kann.

Vernunft in der Warenwelt

Warum lehrt die Pädagogik vehement genau diese Maximen: Zuerst denken, dann handeln! Zweifle bei allem, was du tust, ob es richtig ist! Sei Mensch indem du dich vergeistigst! Lass‘ das Animalische hinter dir, bezwinge diesen Teil deiner Wirklichkeit!

Viel zu selten darf ich den Theoretiker in mir so wie beim Fußballschauen ignorieren, viel zu selten darf ich meine Praxis so organisieren, dass sie ein unmittelbares Aufgehen in der Sinnlichkeit bietet. Wenn ich solche Momente erleben will, dann geht dies nur in der Freizeit. In Arbeit und Konsum – also in der aufgeklärten Sphäre, ist das rationale vergeistigte Ideal von mir verlangt.

Viel zu oft muss ich beim Gebrauch oder Ansehen eines Gegenstandes Gründe abwägen und eine Entscheidung für oder gegen ihn treffen. Bevor ich einem Fußballspiel beiwohne, muss ich überlegen in welcher Preiskategorie ich sitzen möchte, wie viel mir dieses Vergnügen wert sein soll. Ein Problem so selbstverständlich wie störend, nötigt es mich doch zu einer Reihe von Denkoperationen, auch wenn diese ganz ohne Anstrengung ablaufen, ich das mache ohne zu wissen, wie viel ich da denke. Dabei nehme ich Eintauchen in die Welt der Objekte – den Genuss – theoretisch vorweg, ich bewerte und entscheide schließlich an Hand des Wertquantums, ob ich mir das Spiel ansehe oder nicht. Ich handle wahrhaft aufgeklärt.

Weil da so viel mit so großer Selbstverständlichkeit gedacht wird, liste ich die Operationen vor dem Besuch eines Spiels noch mal der Reihe nach auf: theoretische Vorstellung des potentiellen Genusses; Verwandlung dieses Bildes in einen ökonomischen Tausch-Wert; Berechnung seines Preises, der von einer tendenziell unendlich großen Zahl von Variablen abhängt; Vergleich des subjektiven Preises mit dem Marktpreis; Berechnung, ob die Differenz gerechtfertigt bzw. leistbar ist; Entschluss für oder gegen den Kauf einer Eintrittskarte. Während des ganzen Spiels nagt der Zweifel, ob es das wert war. Nach dem Spiel, wird in Abhängigkeit vom Erlebten noch einmal quantifiziert und endgültig entschieden, ob sich der Besuch ausgezahlt hat oder nicht.

All diese Denkoperationen haben sich zwischen mich und das Objekt der Begierde geworfen, sie haben sich mir aufgedrängt, ohne ihnen zu genügen, gibt es keinen Genuss. Dort, wo wir gerecht tauschen, müssen wir so viel und genau in dieser Art kalkulieren. Die Wirklichkeit ist durch diese komplexen Denkleistungen um eine Ebene reicher geworden: Alle Dinge sind auf drei Ebenen im Sein – als empirische Wirklichkeit, als deren Abbildung im Bewusstsein (wir sind gerade Theoretiker, wohlgemerkt) und als Preis in der ökonomischen Welt, was hier ungeheuerliche praktische Relevanz hat.

Ökonomisierung des Fußballs

Um den Status des Fußballs beurteilen zu können, kommen wir nicht umhin, ihn durch die Brille der Ökonomen, die ja auf der dritten Ebene ihren Standpunkt bezogen haben, zu betrachten. Fußball ist alltägliches Geschäft, große Clubs agieren mit viel Kapital. Real Madrid – der reichste Club – nahm im Jahr 2007 351 Millionen Euro ein, davon blieben 44 Millionen Euro als Gewinn übrig (wikipedia).

Groß wird das Geschäft durch die Masse der zahlenden Kunden: In Deutschland sahen in der vergangenen Saison im Durchschnitt 38.874 Menschen ein Spiel der Bundesliga live im Stadion – dies ist der höchste europäische Wert (www. transfermarkt. de). Addiert man die vielen Menschen vor den TV-Geräten hinzu, so ergibt sich eine Summe von Aufmerksamkeit verschiedenster Zielgruppen, die vom Marketing unbedingt umworben sein wollen. Jeglicher Freiraum ist daher mit einem Werbeplakat zugepflastert, jede freie Minute mit einem Spot gefüllt. Auf Grund des großen Aufmerksamkeitsquantums sind dafür recht hübsche Summen an die Vereine zu bezahlen, die wiederum die Sponsoren mit der Vergabe von Luxuslogen in die Stadien locken, um den Vertragsabschluss zu versüßen.

Berühmt wurden diese Logen wegen ihrer zündenden Atmosphäre, die sie vor allem vor und nach dem Spiel, nicht aber währenddessen verbreiten. „Das ist doch populistische Scheiße. Für die Scheißstimmung seid ihr doch zuständig und nicht wir. Was glaubt ihr eigentlich, was wir das ganze Jahr machen, um euch für sieben Euro ins Stadion zu lassen. Euch finanzieren die Leute in der Loge. Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid? Es kann doch nicht sein, dass wir dafür kritisiert werden, dass wir uns seit vielen Jahren den Arsch aufgerissen haben, um dieses Stadion hinzustellen. Wir sollen die Champions League gewinnen, aber kosten darf es nix – oder wie? Das ist das Problem in diesem Land“, sagt Ulrich Hoeness, Manager des FC Bayern. Er würde ja gerne mehr Stimmung haben, d. h. mehr Fans und weniger Mäzene in den Stadien, aber die ökonomische Realität kann selbst der Chef nicht ausschalten (http: //diepresse. com/home/sport/fussball/343088/index. do).

Red Bull ist der Konzern, der am offensichtlichsten Marketing durch Fußball betreibt. Statt sich Raum in den Medien für Anzeigen zu kaufen oder schlicht Sponsor eines Vereins zu sein, kreierte er einen Verein und ist somit im viel gelesenen Sportteil ständig mit erhöhter Quantität präsent. Ob der Club erfolgreich spielt oder nicht, ist aus der Marketing-Perspektive beim jetzigen Stand der Dinge egal, denn gerade weil Didi Mateschitz so viel Geld investiert, wird über jede Niederlage genauso gern berichtet wie über jeden Sieg.

Vereinsfußball ist der alltägliche ökonomische Kuchen, dem durch Großereignisse ein Sahnehäubchen aufgesetzt werden soll. So geschehen bei der WM 2006 in Deutschland: Professor Markus Voeth berechnet folgende Wirkungen: Deutsche über 14 Jahre haben im Schnitt 66,07 Euro mehr bei der WM ausgegeben als sonst. In Summe wurden so 4,7 Milliarden Euro zusätzlich in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. Dies kurbelte vor allem die Produktion von Getränken und die Dienstleistungen der Gastronomie (45%) an und verschaffte der Elektroindustrie (9%), der Kleidungs- und Sportartikelindustrie (18%) und den Reiseanbietern (12%) enorme Mehreinnahmen. Diese revanchierten sich schon im Vorhinein mit eifrigem Sponsoring (www. wm-studie. de).

Am nachhaltigsten aber, so sagt man, profitiert der Tourismus von solchen Großereignissen, denn ständig sind die Bilder der austragenden Orte in den Medien. Diese Effekte sollen auch bei der EURO 2008 erzielt werden, da soll Wien in seiner schönsten Pracht gezeigt werden, und es wundert nicht, dass die Fanmeile am Rathausplatz sein wird, auch wenn dies bei Sicherheitsexperten ein ganz mulmiges Gefühl auslöst.

Unterhaltung und das Tier in mir

Die am höchsten bewerteten Fußballer sind den Regeln des Unterhaltungsbusiness folgend Stars. Die TV-Wahrnehmung schaut auf diese Einzelspieler, auf ihre Tribblings, auf Ballannahme, Gestik und vor allem auf ihre Mimik. Die Kamera will genau das zeigen, was sich auch in mir beim Zusehen abspielen soll. Jene unmittelbaren Reaktionen auf das Geschehen, die beim Akteur freilich viel ausgeprägter sind, liefert sie in Zeitlupe und close-up. Das innere Geschehen wird Zentrum der Aufmerksamkeit. Fußball soll nicht bloß Leistungssport zu Showzwecken sein, sondern vor allem Emotion transportieren. Leidenschaft der Spieler, Konzentration aller Sinne auf den Moment hin, Aufgehen im Spiel als dem hier und jetzt einzig Wahren und die daraus resultierenden heftigen Gefühlsregungen der Spieler, das sind jene Bilder, die gesendet werden.

Dies sind genau jene sinnlichen Momente, die mir die Aufklärung und vorher schon das Christentum madig machen wollten. Sie kommen durch das Nadelöhr der Kulturindustrie als serielle Aufreizung zu mir retour, jedoch zu dem rein ökonomischen Zweck, aus unserer eben auch animalischen conditio humana Kapital zu schlagen. Ständig werden wir aufgefordert, Lust haben zu wollen, denn nur so kann die Kulturindustrie ihr Geld verdienen. Und ständig fordert uns die Pädagogik auf, rational zu entscheiden, denn nur so bricht der Kapitalismus nicht an einer fulminanten Schuldenkrise einerseits, an dem unbändigen Willen, nicht mehr arbeiten zu wollen, andererseits, zusammen.

Moderne Pädagogik und Kulturindustrie sind für den Kapitalismus eine funktionale Einheit. „People often ask me what it is that makes Manchester United so special. When I played for the club Sit Matt Busby always used to say that the lad who works on the factory shop floor, but finds it boring, wants excitement in his free time… that when he goes to football at the weekend he wants excitement. He therefore used to tell us that we therefore had a responsibility to entertain. It is a philosophy that has continued right through until today and that has made the club popular the world over“ (Bobby Charlton).

Mein Leben in der Arbeit ist geprägt vom Umgang mit Kunden, der in aller Rationalität abzulaufen hat. Wäre ich ein Blumenverkäufer, der seine Blumen aus lauter Freude an deren Schönheit jeden Tag bloß betrachten würde, müsste ich mein Geschäft wohl bald zusperren. Je rationalisierter ich agiere, je mehr kalkulatorische Denkleistung ich erbringe, desto eher habe ich einen Konkurrenzvorteil. Hier herrscht Nüchternheit, nicht rauschartiges Aufgehen an der Schönheit der Dinge.

Eben, weil ich keinen sinnlichen Bezug zu den Dingen habe, die ich herstelle oder verkaufe, kann ich so rational an die Sachen herangehen. Diese Nüchternheit ist aber nicht nur in der Arbeit, sondern auch im Konsum geboten, denn würde sich der Käufer ganz irrational ins Kaufhaus stürzen und kaufen, worauf ihm Lust gemacht wird, so steckte er schneller in der Schuldenfalle, als er aus dem Kaufrausch erwachte.

Übertreibung

Wozu dann aber die Werbung, die uns doch ausgerechnet mit „let’s go narrisch“ zur EURO lockt? – Sie verspricht den wunderbaren animalischen Genuss: das Eintauchen in das Objekt, die Ausschaltung der nervenden Rationalität. Freilich, die Kreativabteilungen überdrehen jede kleine Befriedigung zum multiplen Aufgeilen für unser abgestumpftes Sehen, Hören und Spüren. Wir sollen zum Außer-uns-Sein, zum Außer-der-Welt-Sein verleitet werden – traurigerweise in einer Welt, in der einem genau das teuer zu stehen kommen kann.

„Da ist die Wirtschaft, da geht es relativ sachlich zu. Dann kommt die Politik, da wird es emotionaler, aber es bleibt halbwegs sachlich. In der Kultur wird es teilweise irrational. Im Fußball gelten all diese Kriterien nicht, da wird es ganz extrem“, sagt ÖFB-Präsident Stickler im Standard (21.1.2008). Welch ein „herrlich“ „konkretes“ Ziel ist ein Tor, im Vergleich zu den 15% Umsatzplus, die im diesjährigen Geschäftsjahr Plansoll sind? Diese abstrakten Ziele bestimmen einen Großteil unserer Lebenszeit: Arbeit und Konsum sind dieser Zahlenwelt eingemeindet. All dies ruft ein ungeheures Bedürfnis nach Sinnlichkeit und Leidenschaft hervor, auf die wieder das Marketing aufspringt. Und so wird perverserweise das durch die Arbeitswelt erzeugte Bedürfnis durch die in der Arbeitswelt erzeugten Produkte befriedigt: eine absurde Trennung, mit der wir unser Geld verdienen.

Beim Mitfiebern mit der Nationalmannschaft werde ich alles vergessen und genießen. Ich werde begeistert sein und ohne Rücksicht auf ökonomische Verluste konsumieren. Ich werde mich berauschen lassen und vergessen, dass ich arbeiten muss und (daher) den Dingen ein lästiger Tauschwert anhaftet, an dem wir unser Handeln rationalisieren und orientieren sollten. Ich werde aus der Kreatur des homo oeconomicus herausschlüpfen. Ich werde auf den Kalkulator in mir pfeifen und Momente des Glücks verspüren.

Wie schön wäre es, würde nach dem Rausch keine Rechnung kommen.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Geschmacks- und Herrschaftsfragen | Krisis meinte am 10. Juni 2013, 20:28 Uhr

    […] der elendigen Fahnenschwenkerei!”, dachte ich bei mir, als ich Martin Scheuringers “Rausch ohne Rechnung! Fußball, Ökonomie, Pädagogik und Begeisterung” zum ersten Mal erblickte. Die Begeisterung war jedoch schnell verklungen. Statt einer […]

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