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Goldhagen und das Ende der Geschichtswissenschaft

12 Feb 1998

von Joachim Bruhn

"Die Diskussion ist absurderweise jetzt so: Waren die deutschen Judenmörder der Nazizeit a) untertänige autoritäre Opportunisten oder b) sadistische brutale antisemitische Mörder? Es fällt mir auf, daß niemand darauf gekommen ist, daß sie wahrscheinlich untertänige autoritätshörige opportunistische sadistische brutale antisemitische Mörder waren. Die Fakten sprechen dafür. Und insofern Goldhagen einem noch die Wahl zwischen den beiden Möglichkeiten bietet, ist sein Buch inkomplett. " Peter Zadek, Leserbrief, in: „Die Zeit“ vom 23. 8. 1996

Vier Beweise und ein Schluß

"Keine Deutschen, kein Holocaust": So klar und einleuchtend, so überaus evident und plausibel ist Daniel Jonah Goldhagens These, wie die zwar allemal beweisbare, aber nicht sehr abseitige oder beweispflichtige Behauptung, ohne Henne kein Ei und ohne Wolke kein Regen, so sehr, daß, sollte überhaupt Diskussionsbedarf bestehen, eher die hollywoodreife Titulierung der Massenvernichtung als "Holocaust", d. h. als sinnträchtiges Brandopfer, statt als "Shoah" (Claude Lanzmann) oder "Churban" (Manés Sperber), zur Debatte stünde. Wer nicht von den Deutschen sprechen mag, der soll von Auschwitz schweigen — das ist so wahr wie der unter Historikern längst in Karteikästen begrabene Satz Max Horkheimers, wonach, wer sich weigere, vom Kapitalismus zu reden, über den Faschismus sich auszuschweigen habe. Das Problem mit den Deutschen besteht eben darin, daß sie das Selbstverständliche leugnen, es zum Geheimnis und zum Gegenstand der Wissenschaft machen. Eine pluralistische Gesellschaft verlangt nach vielen guten Gründen für ihren Faschismus; einer allein wäre zu armselig, geradezu beleidigend eindimensional, monokausal, deterministisch. Weil in Deutschland jedes Gefühl für Logik und für die Einsicht in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung verloren ging, weil schon die Behauptung, ein derartiger Zusammenhang bestehe nicht nur beim freien Fall des Apfels, sondern auch beim tendenziellen der Profitrate, irgendwie exotisch erscheint und als höhere Philosophie, weil schon der Versuch, wenn nicht strafbar, so doch verdächtig ist, sich einen strikten Begriff vom Faschismus zu bilden, der den "Schein der Tatsachen"1 durchdringt und nicht nur eine so bienenfleißige wie krude Meinung über allerhand Daten und Fakten, deren Konstitution Geheimnis bleibt, weil die deutsche Geschichtswissenschaft daher vorgeben kann, sie betreibe Aufklärung über Geschichte statt Verklärung der Nation, weil schließlich deutsche Historiker wie Götz Aly, denen noch niemand vorgeworfen hat, sie seien hervorragende Dialektiker, gegen Goldhagen einwenden, er vertrete einen "bewußt eindimensionalen, extrem deterministischen Ansatz"2, weil sie das, was der Anfang aller Erkenntnis ist: die Suche nach dem einen und identischen Grund, nach dem Wesen der Sache, als Determinismus denunzieren — kurz und gut: weil die Deutschen, ihre Historiker in vorderster Reihe, die elementaren Gebote der Logik verleugnen, um deutsch sein und bleiben zu können, gerät die Aufklärung in eben die schiefe Lage und unglückliche Konstellation, das Einmaleins noch einmal zu beweisen, d. h. Goldhagens Argumentation zu legitimieren. Daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, obwohl es aus nichts anderem als eben diesen Teilen besteht, war ein Lehrsatz der Philosophie, bevor sie durch den Positivismus guillotiniert wurde. Daß "die Deutschen" mehr und Schlimmeres sind, als die Summe aller einzelnen Deutschen, obwohl Deutschland aus nichts anderem als aus lauter Deutschen besteht, ist die unbezweifelbare Konsequenz. Wo soll da ein Problem sein? Hans-Ulrich Wehler etwa bezichtigt Goldhagen des "monokausalen Erklärungsversuchs auf der Grundlage des dezisionistischen Aktes, einen Teil der Menschheit aufgrund der ethnischen, rassistischen, naturalistischen, essentialistischen Zuschreibung des permanent Bösen zu stigmatisieren"3. Schlimmeres als Stigmatisierung war, was die Deutschen an den Juden verübten. Und darüber sollten sie nicht wirklich selbst zum Volk geworden sein, d. h. sich nicht selbst aus der Menschheit ausgeschlossen haben?

Goldhagen sagt, der Antisemitismus sei erstens "die Normalwährung der deutschen Gesellschaft" (522)* gewesen, er leitet daraus zweitens "das nationale Projekt der Verfolgung und Ausrottung der Juden" (513) ab, folgert drittens, "daß sich jeder Deutsche zum Massenmörder eigne" (543), und schließt viertens, die Massenvernichtung sei in nichts anderem begründet als in dem "Willen zu töten". Alles in allem: "Die Deutschen konnten zum Massenmord nein sagen. Sie haben sich dazu entschieden, ja zu sagen" (446). Vier beweisbare Behauptungen und ein logischer Schluß, an dem nichts zu deuteln ist. Wo ist das Problem?

Die erste beweisbare Behauptung, Deutschland sei eine durch und durch antisemitische Gesellschaft (gewesen), ist evident. Man muß nur das Interview zur Goldhagendebatte lesen, das der Erfinder der "Männerphantasien", Klaus Theweleit, der „Badischen Zeitung“ (15.10.1996) gab. Theweleit reißt die unter Antisemiten aller Fraktionen so beliebten Namenswitze, nennt Goldhagen erst einen "Goldjungen", dann einen "guten Hagen, eben ein Goldhagen", der nicht von hinten, sondern "von vorne kommt, offen, sympathisch". Außerdem hält Theweleit die studentenbewegte Mischung aus Marxismus, Psychoanalyse und Kritischer Theorie für ein ausgemacht "jüdisch-intellektuelles Rotwelsch"4. Wenn aber schon jemand, der, wie unbegründet auch immer, so doch zur Fraktion der Irgendwielinken gerechnet wird, derart ressentimentgeladen ist, wie muß es dann erst um den Rest der Gesellschaft bestellt sein? — So und nicht anders argumentiert Goldhagen, nämlich im korrekten Umkehrschluß von dem, was sich in Deutschland für die Aufklärung und den Fortschritt hält, auf den Rest. So geht ihm gerade an den Liberalen des 19. Jahrhunderts, an den Philosemiten auf, wie total der Antisemitismus war; es waren "antisemitische Wölfe im Schafspelz" (505). Die Juden, die solche Freunde hatten, brauchten keine Feinde mehr.

Die zweite Behauptung, der Massenmord sei ein "nationales Projekt" gewesen, kann ebenfalls nicht strittig sein. Denn der Massenmord als Option von Herrschaft ist ja nichts als der praktische Ausdruck dessen, daß der Staat als politischer Souverän in letzter Instanz über das absolute Recht auf Leben und Tod verfügt. Der Antisemitismus ist eine Ideologie, die diesen Tatbestand reflektiert und die die Ausübung dieses Rechts durch den Souverän antizipiert. Und was soll der Faschismus anderes gewesen sein als das amtliche Endergebnis der aus ihrer eigenen Logik wie Konstitution entspringenden Transformation der bürgerlichen Gesellschaft in ein "Volksgemeinschaft" genanntes und arbeitsteilig am gleichen Vernichtungsprojekt arbeitendes Mordkollektiv? "Es gibt zwei Dinge", so wußte Hitler schon 1923, "die die Menschen vereinigen können: gemeinsame Ideale und gemeinsame Kriminalität"5. Das kollektive Ideal war die im Antisemitismus reflektierte negative Utopie einer bürgerlichen Gesellschaft ohne kapitalistische Krise, einer Gesellschaft bürgerlicher Subjekte ohne Markt, ohne Konkurrenz. Das bürgerliche Subjekt — aber das "bürgerliche" dieses Subjekts ist schon Tautologie, denn die Rede ist vom juristischen Subjekt, vulgo: Charaktermaske — spaltet das Bedrohliche an der Konkurrenz und an der Akkumulation, die sein Leben ist, ab, spaltet die Krise ab und rechnet sie der Willkür eines Anti-Subjekts, eines "Gegen-Volks" zu. Gegen dies Anti-Subjekt mobilisiert er das Selbstbewußtsein und den Aktionsausschuß der bürgerlichen Gesellschaft, den Souverän, der, alles andere denn ephemerer, gar: ohnmächtiger "Überbau" oder haltloses Luftschloß, vielmehr das Kapitalverhältnis selbst als selbstbewußte Subjektivität ist, nämlich: die notwendig falsche und daher jenseits allen Zufalls so praktisch richtige wie handlungsmächtige Denkform der negativen Vergesellschaftung. — Der Massenmord also war Ausdruck eines "nationalen Projekts", nämlich der resoluten Entschlossenheit der Deutschen, inmitten und trotz der Zusammenbruchskrise des Kapitals um jeden Preis Subjekte zu bleiben. Unklar an Goldhagens Darstellung ist nur, daß er das kollektive Verbrechen nicht in voller Konsequenz würdigt: Nach der gewaltsamen Beendigung des Mordens durch die Alliierten waren die Deutschen (und sind es bis heute geblieben) noch deutscher als zuvor.

Spätestens durch den Nazismus wurden die Deutschen zu den Deutschen, wurde also das Ganze zu etwas, das mehr und anderes darstellt als die Summe seiner Teile. Die Bedingung der Möglichkeit dieser Transformation liegt in Begriff und Sache des Subjekts beschlossen. Daher ist auch Goldhagens dritte Behauptung, jeder Deutsche eigne sich zum Massenmörder, über jede empirische Widerlegung erhaben, denn das in die Subjektform gepreßte Individuum kann die Gewalt, die es sich selbst zufügen muß, um seiner Funktion als Charaktermaske gerecht zu werden, nur aushalten, wenn es sie gegen den ob nun zufällig realen oder notwendig imaginierten Feind und Antagonisten der Kapitalvergesellschaftung wendet6, den es nicht als rechtsfähigen Gegner anerkennt. Das Gegenteil von Goldhagens These kann nicht durch irgendwelches Wechselreiten zwischen einer nominalistischen und einer realistischen Definition der und des Deutschen bewiesen werden, sondern nur durch die praktische Emanzipation der Deutschen zu Menschen, d. h. durch die revolutionäre Entnationalisierung. Johann Georg Elser war kein Deutscher, sondern dessen Gegenteil: ein Mensch, der durch das Attentat auf die Inkarnation des Deutschtums schlechthin sein eigenes durchstrich.

Die vierte Behauptung Goldhagens schließlich, Antisemitismus sei in letzter Instanz "der Wille zu töten" ist ebenso banal wie evident. Ist es nicht eben die Willensfreiheit, die das Subjekt ausmacht, d. h. sind es nicht der praktizierende Idealismus und die wirklichkeitsmächtige Realabstraktion des sich selbst verwertenden Werts, als dessen Agent das unter der Form des Subjekts verfaßte Individuum agiert, auf dessen Rechnung es handelt, in dessen historischer Mission es unterwegs ist? Der freie Wille ist die Form, in der nur der Systemzwang erscheinen kann, die subjektive Willkür die Darstellungsweise der objektiven Gesetzlichkeit, in der sie sich wie in ihrem wirklichen Widerspruch, aber tatsächlich bloß formellen Gegensatz verhüllt. Als mit dem Recht des freien Willens begnadetes ist das Subjekt die Miniaturausgabe des kapitalen Souveräns, dessen Urbild und Stellvertreter. Es verfügt über eine Welt, die ihm nichts als Material darstellt, d. h. in der Warenform gegebener Gebrauchswert und daher in der Preisform verfügbare Ware, deren Aneignung kein qualitatives Problem, sondern eine quantitative Schwierigkeit bedeutet. Das Subjekt ist Gott, das inaugurierende Zentrum der Vergesellschaftung, ist der Zirkelschluß, der selber sich im Akt seiner logischen Begründung als gesellschaftlichen Grund setzt. Freiheit ist diesem Subjekt widerspruchslos ihr gerades Gegenteil: Einsicht in die Notwendigkeit. Wie der Schöpfergott, so verfügt auch der politische Souverän über das unbedingte Recht auf Leben und Tod, ein Recht, das in der fundamentalen Krise von Akkumulation und Integration an die Subjekte zurückfällt. Antisemitismus ist die Form, unter der diese Aneignung sich vollzieht. Der "Wille zu töten", von dem Goldhagen als der Quintessenz spricht, ist nichts anderes als die Spitze des praktizierenden Idealismus; Riefenstahls Propagandafilm heißt eben "Triumph des Willens", und das System der Vernichtung war der Ausdruck dieses Willens, war der Idealismus in Aktion. Im Antisemitismus behandelt die Gattung sich selbst als Material der Akkumulation, aber die Sortierung und Selektion der Gattung geschieht nach Maßgabe der Integration, die die Akkumulation in anderer, in politischer Potenz darstellt.

Vier Beweise also, die nur einen Schluß zulassen: "Die Deutschen" hatten sich entschieden, ja zum Massenmord zu sagen, ein Ja, dessen Implikationen zwar vielfältig waren und von der widerstandslosen Hinnahme über die sympathisierende Unterstützung bis zum tatkräftigen Vollzug reichten, aber ein Ja, dessen mehr oder weniger geheime, dessen mehr oder minder erklärte Absicht die Austilgung selbst war, vollzogen von allen, die das System in den Genuß brachte, jeden Auftrag und welche Arbeit auch immer im gesellschaftsübergreifenden Plan der Vernichtung auszuüben. "Der Staat sind wir": Dies Credo der Sozialdemokratie Ferdinand Lassalles war die Wahrheit der Volksgemeinschaft, und der Nazismus war die vermittlungslose Basisdemokratie der Deutschen, d. h. die Unmittelbarkeit des Souveräns als Subjekt in den Subjekten. "Die Deutschen" hatten sich entschieden, sowohl in ihrer Summe wie auch als Ganzes, d. h. als zum Staat legal inkarniertes und vom Führer legitim repräsentiertes Subjekt dieser Summe, die eben dies, Summe zu sein, nur sein konnte, indem sie mehr und anderes wurde als die Summe ihrer Teile, indem sie sich qua innerer Logik überschritt und ein integrales Ganzes, ein völkischer Organismus wurde. Wer dem sich verweigerte, gar widersetzte, konnte kein Deutscher mehr sein, sondern wurde, wie widerwillig auch immer, Mensch, war nicht mehr Subjekt, sondern Individuum, der trug keine Charaktermaske mehr, sondern hatte eine. Der Nazismus war eine Gesellschaftsformation, die nicht nur bewies — was jeder Logiker weiß —, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, sondern überdies demonstrierte — was jeder Dialektiker befürchtet —, daß die Teile sich alle Mühe geben, das Bewußtsein ihrer selbst als einer Summe zu erreichen und ganzheitlich zu überbieten.

Dieser traurige Sachverhalt rechtfertigt es, über "die Deutschen" als kollektiven Singular zu sprechen, und er erzwingt es um so mehr, weil diese Deutschen von sich selbst immer als "wir Deutsche" reden und darunter offensichtlich einen pluralis majestis verstanden wissen wollen. Aber es ist eben Goldhagens begriffliche Verallgemeinerung der Deutschen zu den Deutschen (die nicht begreift, warum sie an sich schon Verallgemeinertes unter sich begreift), die den Historikern und den Feuilletonisten sauer aufstieß. Sie wollen die Verallgemeinerung auf Popper & Feyerabend komm’ raus als Subsumtion mißverstehen, d. h. nicht als Reflexion des Einzelnen in seinem konstitutiven Begriff, sondern als seine Denunziation im Zuge äußerlicher Wertung, nicht als Vermittlung des Einzelnen mit sich selbst zum Ganzen, sondern als Ableitung aus einem ganz Anderen und gänzlich Fremden, nicht als Rekonstruktion der gesellschaftlichen Synthesis, sondern als absurde Deduktion aus der Willkür fast schon totalitär gesetzter Totalität. Zu verallgemeinern — das soll plötzlich in einem Deutschland verboten sein, das "den Juden" trotz aller Juden zum Inbegriff des Generalfeindes erhob und das dem Mechanismus dieser mörderischen Verallgemeinerung bislang so wenig auf die Spur kommen wollte, daß es ernsthaft glaubt, dem Antisemitismus durch interkulturelle Beschnupperungsrituale an Juden abzuhelfen. Verallgemeinern — das heißt vom Verhalten auch noch so vieler Deutscher, daß es mutmaßlich hundert Prozent der Deutschen sind, auf das Wesen der Deutschen zu folgern —, das, sagen die Historiker unisono, darf man nicht, denn das bedeutet, in den Worten des Linksliberalen Hans Mommsen, "Kollektivschuld", "Quasi-Rassismus" und "umgedrehten Antisemitismus". Derlei Verallgemeinerung macht den Historiker, der sonst kein Problem hat, die aktenstaubtrockene Sprache der Verwaltungswissenschaft mit dem Slang der soap opera zu quirlen und etwa von der "Implementierung des Holocaust" zu sprechen, ganz fuchsig, denn so "erscheint das deutsche Volk als das antisemitische Urvolk schlechthin"7. Nur einen Schritt weiter, und die Deutschen sind die Juden der Welt, die Parias, die für ihren Platz an der Sonne kämpfen müssen.

Ideologie als Methode

Max Horkheimer hatte der heiligen Entrüstung über den Vorwurf der "Kollektivschuld", den leider nie jemand ernsthaft erhoben hat, das camouflierte Interesse abgemerkt, das nationale Wir zu wahren, zu hegen und zu pflegen, d. h. die Volksgemeinschaft über die Nazipleite zu retten. Im nahezu einhelligen Affekt der deutschen Historiker gegen Goldhagen entlarvt sich die deutsche Geschichtswissenschaft als Verlängerung der klassischen Nationalgeschichtsschreibung mit anderen, nämlich sei’s strukturalistischen, sei’s intentionalistischen Mitteln. Es ist dies eine Art und Weise, die Historie zu schreiben, die ihrer eigenen Methodik und Vorgehensweise trotz aller Akribie und vielmehr wegen allen Fleißes derart unbewußt ist, daß sie Ideologie absondert wie die Raupe den Faden. Die Geschichtswissenschaft überhaupt, die deutsche vor allem, ist der denkbar ungeeignetste Ort, um Aufschluß und Aufklärung über die Geschichte im allgemeinen, und insbesondere über den Nazismus, zu gewinnen. Denn die wissenschaftlich organisierte Vergangenheitsbetrachtung ist, die Goldhagen-Diskussion zeigt es exemplarisch, Ideologie im starken und eigentlichen, im materialistischen Sinne, das notwendig falsche Bewußtsein des nationalen Kollektivs von sich selbst, ist nichts als systematisierter gesunder Deutschenverstand, nur in Façon gebrachte und mit einer ans Aberwitzige grenzenden Unmasse sogenannter Fakten und Quellen garnierte Selbstreflexion und also Selbstlegitimation einer Akkumulationsgesellschaft, die sich in der Form der Nation und unter der fürsorglichen Aufsicht ihres Souveräns so außerordentlich wohl fühlt, daß sie vor keinem Geschichtsverbrechen zurückschreckt. Die Geschichtswissenschaft begreift buchstäblich nichts; weil sich die kapitale Gesellschaft in ihr begreift, kann sie nicht einmal sich selbst begreifen. Begriffsstutzig, wie diese Wissenschaft ihrer Natur nach ist, denunziert sie im Namen des Besonderen alle Verallgemeinerungen. Außer ihren eigenen. 8

Indem die Geschichtswissenschaft derart vehement gegen Verallgemeinerungen überhaupt plädiert, indem sie insbesondere gegen die Verallgemeinerung der Deutschen zu den Deutschen polemisiert, offenbart sie nicht etwa, daß ihr jedweder Maßstab historischen Urteilens abginge, sondern vielmehr, wie sehr ihr notorischer Relativismus ein ausgewachsener Dogmatismus ist, und weiter, wie durchgängig sich ihr chronischer Antifaschismus einem überaus staatstragenden Pluralismus verdankt. Den Nazismus zum Gegenstand einer geschichtswissenschaftlichen Betrachtung zu machen, das bedeutet in Deutschland, Hitler dafür kritisieren, daß er nicht Bismarck redivivus war. Das Kriterium, nach dem der Nazismus sortiert wird, entspringt ebenso umstandslos wie rückhaltlos dem demokratischen Ich-Ideal, in dem die kapitalisierte Gesellschaft ihren ausbeuterischen Triebgrund so projektiv wie sublimativ aufhebt und verklärt. Der Pluralismus, vulgo: die postmoderne Zivilgesellschaft, ist die Gesellschaftstheorie dessen, was der Geschichtswissenschaft als rabiater Nominalismus, als Kult des Besonderen und Einzelnen, als Fetischismus der "Quellen" und der "Tatsachen" zur allerdings dogmatisch gehandhabten Methode taugt.

"Heute gegen den Faschismus auf die liberalistische Denkart sich berufen", hatte Horkheimer 1939 festgestellt, das "heißt, an die Instanz zu appellieren, durch die er gesiegt hat. "9 Die Nazi-Diktatur im Auftrag des Pluralismus und mit den Mitteln des Nominalismus geschichtswissenschaftlich zu untersuchen, kann nur — ganz unabhängig von der je eingeschlagenen Strategie und wie contre cœur auch immer, bedeuten, die methodologische wie soziale Notwendigkeit des Dezisionismus nachzuweisen. Das Elend des Nominalismus liegt in seinem immanenten Umschlag in sein gerades Gegenteil, den Realismus als unvermittelte Allgemeinheit beschlossen, ein Gegenteil, das doch seine so unabweisbare wie unbewußte Ergänzung darstellt. Gegen den Nazismus, wie es die Bielefelder Historikerin Ingrid Gilcher-Holthey will, auf "das Gegenmodell einer Bürgergesellschaft auf der Basis der Menschenrechte"10 sich zu berufen, impliziert schon die Rechtfertigung genau des politischen Souveräns, der den praktischen Inbegriff der Geltung dieser Rechte darstellt. Die Menschenrechte sind keinesfalls das Antidot, sie sind die objektive Ideologie der Staatsgewalt11; sie gleichwohl zum "Gegenmodell" zu erklären, ist irrational, ist bloß Dezision wie ihre Begründung Rationalisierung, d. h. : Ideologie. Die Demokratie der Bürger ist die interessierte Demutsadresse an den autoritären Staat; die philosophische Position, in der sich die Demokratie zu anthropologischen Würden aufschwingt, ist so irrational wie die ihres vermeintlichen Gegners und gar vorgeblichen Todfeindes. Sir Karl Popper, dessen Bürgerbibel "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" die demokratische Ideologie zur Philosophie des "kritischen Rationalismus" systematisiert hat, muß denn auch einbekennen, "daß die rationalistische Einstellung auf einem irrationalen Entschluß oder auf dem Glauben an die Vernunft beruht"12. Der Glaube an die Vernunft jedoch ist an sich selbst so nichtig wie jeder Glaube, d. h. sein eigenes Gegenteil und damit seine Vernichtung. Darin bekennt die bürgerliche Philosophie, daß ihr die Alternative von Faschismus und Demokratie den gleichen Rang besitzt wie die Wahl zwischen Rhabarberjoghurt und Lakritze: Über Geschmacksfragen läßt sich nicht streiten.

Der diskrete Dogmatismus der Geschichtswissenschaft, d. h. das relativistische Auftragsdenken, dessen Geherda die Aversion gegen Verallgemeinerungen ist, offenbart sich nicht zuletzt daran, wie fein säuberlich zwischen Nation und Nationalismus unterschieden wird. Man dürfe, wendet Hans Mommsen gegen Goldhagen ein, den deutschen Nationalismus "nicht pauschal"13 verdammen, man müsse doch differenzieren. Die Unfähigkeit zum Begriff der Nation, d. h. zum Urteil über die deutsche, geriert sich als freundliche Einladung zur undogmatischen Einzelfallbetrachtung. Geschichtswissenschaft, die derart der juristischen Methode sich anbequemt, maßt sich an, das je Besondere zu würdigen und leistet doch nur die Affirmation des Ganzen. Die Form Nation liegt so im Jenseits des Begriffs wie nur die Form Staat, die Nation inauguriert; aus diesem Jenseits der fraglos je schon existenten Verallgemeinerung von Menschen zu Deutschen agiert sie als transzendentale Form, die das Material organisiert, als das unbedingte Apriori jeder historischen Erfahrung, das darüber entscheidet, was als Empirie soll gelten können. Die deutsche Nation ist das Apriori dieser seltsamen Wissenschaft, die vorgibt, nichts zu kennen als Quellen, Quellen und nochmals Quellen, nichts als das lautere Plätschern der Tatsachen und das ungetrübte Sprudeln der Empirie. Die Quelle aber ist der Historie, was der Jurisprudenz das Indiz: Spielmaterial, bloße Illustration des Systemzwangs zum Rechtsfrieden, d. h. empirische Legitimation der vorab existenten letzten Instanz, an der jede Berufung aufhört und jede Revision endet. Egal, wer Recht hat, solange nur Recht ist; was immer die Quellen sagen, ein Beweis gegen die Nation wird sich daraus nie und nimmer folgern lassen.

Hans Mommsen sagt: "Der Versuch Goldhagens, von der Zahl der aktiven Vollstrecker auf die Gesamtnation zu schließen (…), ist methodisch wenig hilfreich und empirisch nicht abgesichert. "14 Historische Wahrheit wird nach dem Modell von Meinungsumfragen vorgestellt; kein Sample jedoch wird je repräsentativ genug sein, um der deutschen Nation als solcher die Taten der Nazis zuzurechnen. Die juristische Methode dieser seltsamen Wissenschaft, die sich die Behandlung der Geschichte anmaßt, weiß so überaus sorgfältig zwischen Intention und Resultat zu scheiden, daß der einzig noch mögliche Weg historischer Wahrheitsgewinnung, der allerdings leider ausgeschlossen ist, Psychoanalyse wäre. Erst dann wäre zu wissen, ob die "aktiven Vollstrecker" tatsächlich aktiv vollstrecken wollten, erst dann wäre klar, was der Führer wirklich wollte. Der Historiker verschanzt sich im Besonderen, macht das je Einzelne zur Barrikade gegen dessen Begriff und plädiert im Namen des Konkreten gegen die Abstraktion. Aus dem Verbot jedoch, von Deutschen auf die Deutschen zu schließen und von Einzelnen aufs Mordkollektiv, spricht die Entscheidung, das Geschichtsverbrechen nicht sich zurechnen zu lassen, es entschlossen abzuspalten. Nicht anders ist zu deuten, daß die Massenvernichtung den Historikern längst zum Sinn, d. h. zum demokratischen Auftrag der Deutschen gerann, daß selbst der Freiburger Historiker Ulrich Herbert, der Goldhagen noch am verständnisvollsten kritisierte, von "uns, den Deutschen"15 als von einem mit sich identischen Subjekt spricht: Nichts anderes sagt Goldhagen.

Was ein Faktum ist, darüber entscheidet, wenn es mit rechten Dingen, d. h. materialistisch zugeht, die Theorie; was eine historische Quelle ist, darüber befindet die deutsche Ideologie, als deren Schreibautomat der Historiker die Vergangenheit seiner Nation zu Protokoll nimmt. Niemand glaubt weniger als der Historiker, daß sich aus den Akten jemals Aufschluß über den wirklichen Verlauf und irgendwann Aufklärung über die tatsächliche Logik der Geschichte ergeben könne, aber niemand unterwirft sich anstrengenderen Exerzitien und gibt sich mehr Mühe, den Anschein des geraden Gegenteils zu erwecken. Seine Fakten dienen der Illustration, sie sind fact fiction. Die Forschungsfrage, die vor dem Gang in die Archive pro forma gestellt wird, ist schon die Antwort selbst; kein Fund wird jemals die Frage kritisieren können. Hans Mommsen etwa fragt, "warum in einem fortgeschrittenen und hochzivilisierten Land wie Deutschland der Rückfall in die Barbarei möglich geworden ist. "16 Daß Deutschland vor 1933 "zivilisiert" war und nicht vielmehr kapitalistisch, ist schon die Antwort in der Frage; und es bleibt nur, darüber zu spekulieren, mittels welcher "empirisch abgestützter", anhand welcher "methodisch hilfreicher" Verfahren Mommsen aus dem empirischen Material hat schließen können, daß der Nazismus der "Rückfall" war, nicht die Konsequenz, daß die "Barbarei" nicht das Anti der Zivilisation war, sondern das historische Telos des Kapitals. So wird die demokratische Historie zum da capo des Nazismus. Georg Friedrich Wilhelm Hegel, dessen Geschichtsphilosophie unter Historikern aus gutem Grund einen schlechten Leumund genießt, hat dazu bemerkt: "Das besondere Interesse der Leidenschaft ist also unzertrennlich von der Betätigung des Allgemeinen (…). Es ist das Besondere, das sich aneinander abkämpft und wovon ein Teil zugrunde gerichtet wird. Nicht die allgemeine Idee ist es, welche sich in Gegensatz und Kampf, welche sich in Gefahr begibt; sie hält sich unangegriffen und unbeschädigt im Hintergrund. "17 Keine Empirie vermag das Allgemeine je zu widerlegen; bei Hegel allerdings bezeichnete dies die "List der Vernunft", d. h. den Progreß der bürgerlichen Revolution gegen alle feudale Reaktion, während das Allgemeine des postfaschistischen Historikers nur die Penetranz der deutschen Revolution von 1933 gegen alle Evidenz der materialistischen Vernunft verkörpert.

Der Nationalhistoriker polemisiert gegen das Verallgemeinern, denn er selbst besitzt nicht den Schimmer eines Bewußtseins davon, wie die bürgerliche, wie die kapitalisierte Gesellschaft das Besondere und das Allgemeine synthetisiert, wie der transzendentale Schematismus a priori sich konstituiert, der das Besondere zum Ganzen sich fügen läßt, wie es daher, materialistisch gesprochen, um den Nexus von Warenform und Denkform bestellt ist. Er schmiert seinen Faktenbrei auf das dürre Gerüst der Ideologie, die darüber zur bunten Kulisse werden soll, vor der nichts als immer nur Menschen endlose Reprisen des Allzumenschlichen aufführen: die Nation als Lindenstraße, wo viel geschieht und nichts passiert. Die Erkenntnisfalle, in die er sich so verstrickt, ist, weit entfernt, ihm irgend Kopfschmerzen zu bereiten, vielmehr sein Lebenselixier: indem er notorisch zwischen haltlosem Empirismus, also der sprichwörtlichen Fliegenbeinzählerei, einerseits und ebenso leerer Metaphysik, d. h. den unverständigen, nämlich ideologischen Abstraktionen seiner Kategorien, andrerseits schwankt, erfüllt er genau seinen gesellschaftlichen Auftrag. Darin besteht diese Mission, als Vermittler zwischen den traurigen Tatsachen und ihrem höheren Sinn aufzutreten, darin, die Vermittlung der Gesellschaft durch das Kapital zum humanen Sinn der Geschichte zu verdoppeln.

Die Geschichte ist die Beute des Historikers. Die Methode, sie unter den Nagel sich zu reißen, hat, abermals, Hegel denunziert: "Die Grundtäuschung im wissenschaftlichen Empirismus ist immer diese, daß er die metaphysischen Kategorien von (…) Einem, Vielen, Allgemeinheit (…) gebraucht, ferner am Faden solcher Kategorien weiter fortschließt, dabei die Formen des Schließens voraussetzt und anwendet und bei allem nicht weiß, daß er so selbst Metaphysik enthält und treibt und jene Kategorien und deren Verbindungen auf eine völlig unkritische und bewußtlose Weise gebraucht". 18 In den "Formen des Schließens" ist die komplette Gesellschaft, ist die Quintessenz ihrer Totalität enthalten. Wer im Gegensatz von Besonderem und Allgemeinem vermitteln will, statt auf die Konstitution dieses Gegensatzes und also des Vermittlungsproblems selbst zu reflektieren, der hat in dieser Denkform nichts anderes gedacht als das Kapital selbst, d. h. das Kapital mit anderen, mit intellektuellen Mitteln fortgesetzt; eben das meinen Begriff und Sache der Ideologie. Der Empirismus ist, Hegel zufolge, "eine Lehre der Unfreiheit"19, die Geschichtswissenschaft als die vergangenheitsselige Version dieses Empirismus daher eine Doktrin der bedingungslosen Persistenz der Nation und ihres Staates, die sich durch kein Auschwitz je wird beirren lassen.

All dies reflektiert sich, vielmehr, da von Reflexion allseits keine Rede sein kann: dies alles spiegelt sich wider in der Weise, in der deutsche Historiker Goldhagen entweder unkontrollierte Induktion oder hemmungslose Deduktion vorhalten, drückt sich aus in der wildwuchernden Rede von vielfältigen "Bedingungen", komplexen "Faktoren" und hochdiffizilen "Umständen", die ein wohltemperiertes historisches Urteil im Interesse seiner Konsensfähigkeit zu berücksichtigen habe, und schlägt sich schließlich nieder im Vorwurf, aus Goldhagen spräche in Wahrheit gar "kein Historiker, sondern ein Informatiker, der historische Prozesse und Dokumente wie Bestandteile einer gewaltigen Software liest", der einem monokausalen, eindimensionalen und also monomanen Determinismus huldige: Und dies sei, befindet die „Frankfurter Allgemeine“ und sagt Frank Schirrmacher, nichts anders als: "Geschichtsmetaphysik"20, die, sekundiert „Die Welt“ und schreibt Jost Nolte, einzig auf einer "Technik der Vereinfachung und Verallgemeinerung"21 gründen könne.

Die Kritik an Goldhagen manifestiert, wie gewaltig der Abgrund zwischen der deutschen Geschichtswissenschaft und der historischen Wahrheit klafft. Der Historiker scheut den synthetischen Begriff der Geschichte, weil dieser nicht anders sich aussprechen kann denn als kategorisches Urteil über die Zukunft, d. h. als kommunistisches Programm der Abschaffungen. "Geschichtsmetaphysik": Der schlimmste Vorwurf, den Historiker überhaupt erheben können, enthüllt zugleich den ideologischen Charakter dieser obskuren Wissenschaft, deren Anhänger das im Kapitalverhältnis gesellschaftsmächtig gewordene Phänomen der Realabstraktion, d. h. der praktischen Metaphysik und ihrer "gesellschaftlich gültigen, also objektiven Gedankenformen"22, in einen historischen Prozeß auflösen, der auf der Flucht vor seinem Begriff beständig um die Pole von Interaktion und Struktur, von Geschichte als Handlung und Kommunikation einerseits, als Funktion und System andrerseits oszilliert. Diese Bewegung allerdings vermöchte der Informatiker adäquater zu fassen als der Historiker, weil er, wenn er auch sonst nichts weiß, doch immerhin das eine weiß, daß der Prozeß durch die Form determiniert wird. Die Festplatte der Weltgeschichte ist auf das Betriebssystem Kapital formatiert, und die deutsche Geschichte insbesondere gehorcht einer antisemitischen Software.

Das Verhältnis von Induktion und Deduktion, dessen mangelhafte methodische Beherrschung die deutschen Historiker Goldhagen ankreiden, impliziert das Problem der gesellschaftlichen Synthesis, die Frage, wie es möglich sein soll, daß das sinnlich so Verschiedene und schlechthin Inkommensurrable doch in einem Begriff sich fassen soll, in einem synthetischen Begriff, der, weit davon entfernt, von außen oktroyiert, abgehoben oder "abstrakt" zu sein, vielmehr von innen emergiert, wie also Äpfel und Birnen sich zu Obst addieren lassen, wie die differenten Gebrauchsdinge, nur als Waren produziert, in einem quantifizierten Tauschwert sich summieren. Kann in diesem Verhältnis vom Einzelnen aufs Ganze gefolgert werden? Und aus wieviel Einzelnem besteht das Ganze? Oder hat man vom Ganzen auf das Einzelne zu schließen? Und was ist sodann das Ganze?

Schließt man, induktiv, von der subjektiven Erfahrung etwa Viktor Klemperers auf das Ganze, d. h. auf ganz Deutschland, dann kann an der Wahrheit der Thesen D. J. Goldhagens so wenig Zweifel aufkommen wie im umgekehrten, deduktiven Schluß von der nazistischen Regierungsprogrammatik auf die Gesellschaft. Klemperers "Forschungsprozeß" führte ihn vom ungläubigen Staunen darüber, "daß Hitler wirklich die deutsche Volksseele verkörpert, daß er wirklich , Deutschland‘ bedeutet", über die fortschreitende Gewißheit, "daß Hitler wahrhaftig der Sprecher so ziemlich aller Deutschen ist" auf die furchtbare Wahrheit, daß "die Seuche in allen wütet, vielleicht ist es nicht Seuche, sondern deutsche Grundnatur". Am Ende schließlich die Erkenntnis: "So bedeutet die Judenfrage für den Nationalsozialismus das Zentrum der , Wesensmitte‘ und seine Quintessenz". 23 Viktor Klemperer verallgemeinert , from the bottom up‘, während Hitler, wie nicht nur seine Rede zum Jahrestag der NSDAP-Gründung 1942 belegt, mit allen Kräften und in aller Öffentlichkeit entschlossen war, , from the top down‘ zu besondern: "Dieser Kampf wird nicht mit der Vernichtung der arischen Menschheit, sondern mit der Ausrottung des Judentums in Europa sein Ende finden"24.

Josef Joffe und die Logik

Der einzige unter Goldhagens Kritikern, der die Frage nach dem erkenntnistheoretischen Status der geschichtswissenschaftlichen Begriffe überhaupt aufgerollt hat, war bezeichnenderweise kein Fachhistoriker, sondern Josef Joffe, Leitartikler der „Süddeutschen Zeitung“. Er schreibt: "Schon der Talmud sagt ganz knapp: , Zum Beispiel ist kein Beweis‘. Die Fallstudie, die Zitate (und seien sie auch noch so massenhaft aufgetürmt) summieren sich nicht per se zum Richtspruch. (…) Noch problematischer wird es bei der Logik. Der Satz A, , Die Killer waren normale Deutsche‘. enthält nicht den Beweis, den Goldhagen zu liefern wünscht, also den Umkehrschluß B, , Die normalen Deutschen waren Killer‘ (…). Zwischen Satz und Umkehrschluß tut sich die älteste logische Falle überhaupt auf; A ergibt nicht B, es sei denn, daß die A-Menge identisch mit der B-Menge wäre, was sie aber per definitionem nicht ist. Anders ausgedrückt: (Soziologische) Korrelation ist keine Kausation. (…) Mithin kommt Goldhagen das klassische Problem von der Vermischung verschiedener Analyse-Ebenen in die Quere, zwischen denen kein zwingender Konnex herrscht, in diesem Fall zwischen Individuum, Gruppe und Nation. Formal ausgedrückt: Die Eigenschaften einer Gruppe sind nicht identisch mit den Eigenschaften ihrer Mitglieder, und beide unterscheiden sich wiederum von denen des gesamten Volkes. (…) Oder: , Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile‘. (…) (Auf Goldhagens) Weise von , unten nach oben‘, von der Stichprobe zur Gesamtkultur räsonieren, geht nicht. Aber man kann auch nicht von , oben nach unten‘, von der präsumtiven Kultur auf das mörderische Verhalten schließen, wie Goldhagen es ebenfalls tut. " Joffe folgert, es bedürfe einer "intervenierenden Variable", also eines Dritten der Vermittlung, das er "das , System‘" nennt25, etwas, das die Einheit von Induktion und Deduktion stiftet. Wer oder was jedoch ist "das System"? Offenkundig kann es nur gedacht werden als Identität von Identität und Nicht-Identität, d. h. als Übergreifendes über sich selbst und sein eigenes Gegenteil, d. h. als Einheit der Logik mit der Bedingung der Möglichkeit ihrer eigenen Geltung. Die Logik gilt, da hat Joffe gegen Goldhagen ganz recht, aber sie vermag ihre eigene Geltung nicht logisch zu begründen, und deshalb hat Joffe gegen Goldhagen ganz und gar unrecht. Die Geltung der Logik selbst beruht nicht auf Logik, sondern auf einem dialektischen Paradox dergestalt, wie das klassische vom Kreter es demonstriert. Satz A: Alle Kreter lügen; dann Satz B: Der dies sagt, ist selbst ein Kreter. Was nun? Wahrheit oder Lüge? Die Bedingungen der Geltung von Satz A sind die Kriterien der Unwahrheit von Satz B; und umgekehrt. In diesem Beispiel ist der Kreter die Teilmenge seiner selbst, das Übergreifende über sich und sein Gegenteil. Daraus wiederum folgt: Der Satz C "Alle Kreter sind Lügner" läßt sich in den Satz D "Alle Lügner sind Kreter" umkehren, oder anders: Der von Joffe inkriminierte Schluß Goldhagens kann nie und nimmer von einem Deutschen bestritten werden. Das Paradox allerdings, aus dem die Logik praktisch Geltung gewinnt, ist an sich selbst alles andere als ein Denkproblem, sondern das im Kapitalverhältnis durch die Selbstkonstitution des Werts zum "automatischen Subjekt"26 negativ gelöste Problem der Vergesellschaftung, d. h. die Identität des Werts als Identität seiner prozessierenden Identität im Geld mit seiner Nichtidentität als Produktion von Gebrauchswert, d. h. die praktische Identität von Mommsen und Nolte im Historiker als ihrem immanenten Allgemeinbegriff. Der kapitale Wert, der im Prozeß seiner Verwertung seine eigenen Voraussetzungen produziert und reproduziert, ist so die Bedingung der Geltung von Logik schlechthin. "Das System" daher, von dem Joffe, wie er freundlicherweise selbst sagt, im "Soziologen-Jargon" spricht und das er eine "intervenierende Variable" nennt, ist weder eine Variable noch interveniert es; es ist die Form der kapitalen Vergesellschaftung selbst, die sich als ihren eigenen Inhalt setzt und reproduziert.

Goldhagens Folgerung, daß, weil die Killer normale Deutsche waren, alle normalen Deutschen potentielle Killer waren, ist daher mit den Mitteln der Logik ebenso angreifbar (nur nicht von Deutschen, die von sich selbst als "wir Deutsche" sprechen) wie sie, dialektisch betrachtet, über jeden Zweifel erhaben ist. Auch nur Historiker, fühlt Goldhagen sich, im eklatanten Unterschied zu seinen deutschen Kritikern, nicht genötigt, den fraglosen Positivismus der historischen Methode nationalistisch zu verbiegen, ein fröhlicher Positivist, der sich Induktion und Deduktion nicht gegeneinander ausspielen läßt, der sich vielmehr gewiß ist, seinen Gegenstand im Gleichklang der Verallgemeinerung der Quellen wie der Konkretisierung der Allgemeindiagnose gewaltlos in den Begriff zu zwingen. Was "deutsch" ist, wird so mentalitäts- wie ideengeschichtlich zugleich bestimmt, von unten erschlossen wie von oben gefolgert. Seine Ergebnisse sind um so zwingender, als er den Gesellschaftsbegriff seiner deutschen Kritiker teilt, demonstrieren sie doch, wozu selbst Positivisten fähig sein können, wenn ihnen der Poppersche "Glaube an die Vernunft" mehr ist als Lippenbekenntnis.

Goldhagens Wissenschaft

Denn Goldhagen ist ein Positivist, den es mit Macht zum Begriff drängt, ein Positivist, der weiß, daß die Theorie darüber entscheidet, was ein Faktum ist, ein Positivist, der sich vom Kraut und den Rüben der Empirie nicht den Blick verstellen läßt, der überdies, allem Manko eines ideologiekritischen Wahrheitsbegriffs zum Trotz, ganz genau weiß, daß, wenn es schon so sein soll, wie es der Positivismus will, die innere Stimmigkeit einer Theorie das Indiz ihrer objektiven Richtigkeit abzugeben hat, daß diese Theorie dann ökonomisch zu sein hat und elegant, daß sie mit einem Mindestmaß an Argumenten auszukommen hat, daß sie Ockhams Messer ansetzen muß, um rational zu sein. "Der Ruf nach Komplexität ist häufig die letzte Rettung jener, die bestimmte Folgerungen unerträglich finden", doziert er gegen seine Kritiker, und weiter: "Die Vorstellung, daß eine einfache Erklärung eine vereinfachende Untersuchung zur Voraussetzung" haben muß, ist irrig, "viele schreckliche und komplexe Resultate haben einfache Ursachen". 27

Seine Entschiedenheit nimmt um so mehr wunder, als Goldhagen den liberalen Gesellschaftsbegriff mit allen Konsequenzen vertritt und verteidigt. So überaus resolut outet er sich als Parteigänger der "offenen Gesellschaft", daß sich das vernünftige Resultat geradezu im vollendeten Widerspruch zu seinen theoretischen Grundannahmen ergibt. Daß der deutsche Antisemitismus im Kern "der Wille zu töten" ist, daß er in letzter Instanz auf Vernichtung geht, daß alle seine noch so differenzierten Spielarten und wie immer komplexen Ausdrucksformen vom linken Antizionismus über den liberalen Philosemitismus bis hin zum altgermanischen Neuheidentum in einem übergreifenden Horizont, in einem logischen Kontinuum stehen, dessen inneres Telos die Liquidation ist — dieser Nachweis ist so stupend, daß man sich fragt, wie er überhaupt mit den Mitteln des Positivismus zu begründen sein sollte, ist so frappant, daß man den Positivismus nachgerade vor lauter Hochachtung vor Goldhagen für die in Deutschland allein noch mögliche Form der Aufklärung selbst halten möchte. Es ist aber nur die Logik der Sache selbst, die sich hierin ausspricht, die als "kognitives Modell", "Mentalität" und "politische Kultur" definiert, was tatsächlich Begriff und Sache der Ideologie zukommen würde. Unter dem anthropologisch anmutenden Titel der "Mentalität" reflektiert Goldhagen jedenfalls den Tatbestand, daß die deutsche Ideologie den Deutschen so rigoros zur zweiten Natur geworden ist, daß sie darin wohler sich fühlen als in ihrer ersten Haut, was schon ihre massenhafte Bereitschaft bewies, sie für Führer, Volk und Vaterland zu Markte zu tragen. Goldhagen geht "im Gegensatz zu Marx’ bekanntem Diktum davon aus, daß das Bewußtsein das Sein bestimmt" (533), eine zwar billige, aber jedenfalls legitime Polemik gegen den unter Marxisten gängigen Ideologiebegriff, denn vom Zusammenhang von Warenform und Denkform wissen die Marxisten ebenfalls weniger als nichts. Wie ist es nun in Goldhagens Perspektive um den Zusammenhang von Sein und Bewußtsein, von deutschem Sein und antisemitischem Bewußtsein bestellt?

Goldhagen ist, was seine Erkenntnistheorie angeht, radikaler Konstruktivist. Man müsse sich, sagt er, "das kognitive, kulturelle und teils sogar das politische Leben einer Gesellschaft wie ein , Gespräch‘ vorstellen. Alles, was wir über die gesellschaftliche Wirklichkeit wissen, ist dem Strom dieser ununterbrochenen , Gespräche‘ entnommen, die diese Realität konstituieren" (51f. ). Das gesellschaftliche Sein ist eine an sich selbst deutungsfreie Tatsache, die pure Faktizität; was das Sein bedeuten soll, bestimmt das Bewußtsein, indem es die Realität mittels "axiomatischer Themen" (52) als sinnhaft konstruiert und daraus "kognitive Modelle" ableitet, die wohl in etwa dem entsprechen, was Immanuel Kant als transzendentalen, d. h. erfahrungs- und empirieunabhängigen Schematismus der Verstandesbegriffe definierte. Der Antisemitismus sei solch ein Schematismus und kognitives Modell. Über seinen Ursprung schweigt Goldhagen sich aus, seine Fortzeugung und Reproduktion "von Generation zu Generation" soll dem "Gespräch" zuzuschreiben sein, durch das Gesellschaft sich synthetisiert. Kognitive Modelle jedenfalls sind überall, "sie bestimmen die Sichtweise, die Menschen von allen Aspekten des Lebens und der Welt entwickeln, ebenso wie ihre Handlungsweisen" (52); und ein solches Modell ist der Warentausch: "Das kulturelle Modell des Kaufs eines Gegenstandes", so zitiert Goldhagen einen amerikanischen Konstruktivisten, "umfaßt den Verkäufer, den Käufer, die Ware, den Preis, den Verkauf und das Geld. Zwischen diesen Teilen bestehen verschiedene Beziehungen; da ist einmal die Interaktion zwischen dem Abnehmer und dem Verkäufer, die die Mitteilung des Preises an den Käufer umfaßt, möglicherweise kommt es dabei zu Preisverhandlungen, zu dem Angebot, zu einem bestimmten Preis zu kaufen, zur Einigung über das Geschäft, zum Transfer des Eigentums an der Ware und dem Geld et cetera. Dieses Modell muß man verstehen (und praktizieren), nicht nur um kaufen, sondern auch um sich an solchen kulturellen Aktivitäten wie Leihen, Mieten, Leasen, Beschwindeln, Verkaufen, Profitmachen, Läden, Werbung et cetera beteiligen zu können" (564f. )

Das Geld soll das eine sein, seine Wahrnehmung aber das ganz andere: Unvorstellbar, daß, wie die Marxsche Wertformanalyse nachweist — d. h. die berüchtigten ersten hundert Seiten des "Kapital", die schon August Bebel sich rühmte, nicht gelesen zu haben —, das Geld an sich selbst so beschaffen ist, daß es, als sinnliche Inkarnation und handgreiflich empirische Darstellung des kompletten gesellschaftlichen Verhältnisses, seine eigene Interpretation und Sinngebung immer schon enthält, daß es nichts anderes darstellt als die Identität von Sein und Sinn. Denn indem der Wert doppelt sich darstellt, indem er als Preis der Ware neben der Ware erscheint, verdoppelt er sich zugleich in materiellen und ideellen Wert, in wirkliches Geld und nur gedachtes Geld. Derart enthält die Ware ihre eigene Sinngebung, sie interpretiert sich selbst und ist ihr autonomer Philosoph. Ihr Wahrheitsbegriff meint die praktisch gelingende Identifikation des sinnlich Verschiedenen. Im Austausch werden Sein und Sinn der Ware zur Deckung gebracht; die Ware denkt sich soi disant zu ihrem logischen Ende, indem sie ihren Wert praktisch in Geld übersetzt, sich aus dem Gedanken in die Wirklichkeit begibt, d. h. indem sie sich, wie es die liberale Gesellschaftstheorie und ihr ökonomischer Troß, die nominalistische Geldtheorie, sagen, im Geld als einem "Medium" reflektiert. 28 Als Identität von Sein und Sinn, d. h. unter der Warenform, die nur sein kann, indem sie unmittelbar zugleich als Denkform erscheint, stiftet der Wert in Gestalt des Geldes und als "bare Münze des Apriori" eben die Verstandesbegriffe, aus denen sich das Vermittlungsproblem der Historiker erst ergibt. Die unendlichen Streitereien zwischen sogenannten "Intentionalisten" und sogenannten "Funktionalisten" unter den Historikern verweisen in letzter Instanz auf ihr Unvermögen, das Geld zu denken. Goldhagen wählt die nominalistische Strategie, um nachzuweisen, daß Antisemitismus Projektion ist und in nichts gründet, was irgend den Juden — die in genau diesem Sinne deutungsfreies Sein darstellen — zuzuschreiben wäre, aber indem er diesen Satz der beweisfreien Vernunft nur nominalistisch zu begründen weiß, torpediert er sein eigenes Interesse: "Unser Konzept der persönlichen Autonomie" (52), das Goldhagen dem Antisemitismus entgegenstellen möchte, der das konkrete Individuum unter abstrakte, völkische Kategorien subsumiert, ist ebensowenig im fundamentum humanum verankert wie sein genaues Gegenteil. Wenn "das Wissen eine soziale Konstruktion" (87) ist, wenn nichts existiert, was in sich, wie tatsächlich negativ auch immer, die Einheit von Sein und Sinn stiftet und reproduziert, wenn daher keine Wahrheit denkbar ist, die so unabhängig von Konsens und so wenig irgendeiner Zustimmung bedürftig wäre wie der Satz, daß Juden Menschen sind, mögen auch drei Milliarden das Gegenteil behaupten, dann ist über den Antisemitismus kein kategorisches Urteil möglich, dann ist der Kampf gegen den Antisemitismus nur Ausdruck eines anderen "kognitiven Modells", d. h. einer anderen Meinung.

Die Kritik der deutschen Historiker an Goldhagen hat folgerichtig alles mögliche benörgelt, aber nirgends hat sie die erkenntnistheoretische Konstruktion des Antisemitismusbegriffs ihm angekreidet: Es ist ihr eigener, Ausdruck eines liberalen Antifaschismus, der in Deutschland das verkappte Bündnisangebot an den Faschismus enthält. Insbesondere hat die Kritik jenen Punkt bemängelt, an dem nichts anderes aus Goldhagen spricht als das Bedürfnis der Vernunft, das Bewußtsein nicht von "Faktoren" und "Bedingungen" sich zerstäuben zu lassen, sondern nach einem Grund zu suchen, nach einer intelligiblen Ursache. "Denn beweisen", sagt Hegel, "heißt in der Philosophie soviel als aufzeigen, wie der Gegenstand durch und aus sich selbst sich zu dem macht, was er ist. "29 Daß Goldhagen etwas beweisen wollte, d. h. er eine Interpretation vorlegen wollte, die genau einen Schluß zuläßt, diese Impertinenz hat die geschichtswirtschaftenden Faktorenverwalter vielleicht noch mehr erschüttert als der Schluß selbst. Im vollen Elan ihrer Empörung haben sie übersehen, daß Goldhagen ihren eigenen Positivismus gegen sie wendet, daß er mit der haargenau gleichen Methode — positivistische Logik, d. h. : "Wenn es eine einzige Tatsache gäbe, und zwar eine, die das gemeinsame Motiv erkennen und sich auf die meisten der zu untersuchenden Phänomene anwenden ließe, dann wäre diese jedem mühsam zusammengebauten Erklärungsmosaik vorzuziehen" (668) —, und mit dem selben historischen Material ihre Trial-and-error-Methode im Umgang mit dem Nazismus als typisch deutsch entlarvt, d. h. als Geschichtsschreibung, die nicht der Wahrheit, sondern deren Gegenteil, der Nation, verpflichtet ist.

Weil Goldhagen das Geld für eine deutungsfreie soziale Tatsache hält und also das "Profitmachen" für eine von vielen "kulturellen Aktivitäten", verfehlt er den Begriff des Antisemitismus. Im Unterschied allerdings zu den Historikern zielte er wenigstens auf einen Begriff, und seine Methode, die vorfindlichen Antisemitismusbegriffe daraufhin zu untersuchen, unter welcher Voraussetzung eigentlich und überhaupt einander widersprechende Definitionen ein und desselben Gegenstandes möglich sein können, führt ihn so nahe wie nur irgend möglich an die Antwort heran, daß es einen Gegenstand geben muß, der, ganz und gar nicht deutungsfrei, an sich selbst die objektive Eigenschaft haben muß, nur unter sich einander wechselseitig ausschließenden Denkbestimmungen und Definitionen gedacht werden zu können. Die Bedingung der Möglichkeit der einander widerlegenden Vorstellungen vom Antisemitismus ist, so folgert Goldhagen ganz logisch, der "Wille zu töten": Nur unter dieser Prämisse ordnet sich der Faktorenstaub, nur mit dieser Annahme hebt sich der Komplexitätsnebel, nur am Leitfaden dieser These wird das "Feld sehr unterschiedlicher Formen des Antisemitismus" und werden die "Vielzahl von Motiven", von denen pars pro toto Ulrich Herbert schwatzt, intelligibel und taugt das Bewußtsein zu mehr als zur Büroklammer. Und zwar verständlich als Camouflage eines Willens, der sich selbst sucht, d. h. einer Intention, die objektiv und an sich immer schon das ist, was sie durch alle Irrungen und Wirrungen der Geschichte hindurch, heißen sie nun christlicher Antijudaismus oder liberaler Philosemitismus, auch für sich sein zu streben sucht. Nur das kann verstanden werden, sagt Goldhagen, was über die Phänomene hinaus und durch die Erscheinungen hindurch seiner eigenen Logik folgt. Eine solche Konstruktion nennt man gemeinhin eine idealistische; und wie wenig Goldhagen zu ihr als Positivist eigentlich befugt ist, zeigt sich daran, daß er kein Kriterium anzugeben vermag, nach dem, was als Gebot des Denkens und was als Schluß aller Logik sein muß, auch tatsächlich existiert. Es muß etwas geben, das die Identität von Sollen und Sein real darstellt, und dieses Etwas muß die Einheit von Genesis und Geltung sein; d. h. es muß seiner Konstitution gemäß in der Lage sein, sich selbst zu konstituieren, sein eigener Ursprung zu sein und sich selbst in allgemeine Geltung zu setzen. Goldhagen nennt dies Etwas das "kognitive Modell", aber dessen Reproduktion durch das intergenerative "Gespräch" bleibt kaum weniger mysteriös als seine historische Abkunft. Was Goldhagen unter dem Titel des kognitiven Modells verfehlt, spricht die Wahrheit des Kapitals als automatisches Subjekt aus, und die Formen des logischen Schließens enthalten und offenbaren so die Gesellschaft in ihrer dialektischen Quintessenz tatsächlich.

So nahe Goldhagen der "Logik des Antisemitismus" daher kommt, so sehr verfehlt er sie doch. 30 Seiner logischen Notwendigkeit ermangelt die gesellschaftliche Wirklichkeit. Was der Geldbegriff Goldhagens, der alles andere als ein Begriff war, schon durchscheinen ließ, das macht sein Kapitalbegriff unabweisbar: Hier denkt und arbeitet jemand, den nur Zufall und höhere Fügung davor bewahrt haben, das Drehbuch zu "Schindlers Liste" zu schreiben. Da ist die Rede davon, die "subjektive Vorstellung der Deutschen von den Juden" hätte sie dazu veranlaßt, "Arbeit — also eine instrumentelle Tätigkeit, die normalerweise der effizienten und rationalen Produktion dient — in ein Mittel der Zerstörung zu verwandeln" (377), da spricht Goldhagen von einem "Sieg von Politik und Ideologie über das ökonomische Eigeninteresse" (382) und davon, "daß der eliminatorische Antisemitismus selbst dann das Handeln der Akteure bestimmte, wenn ihnen die normalerweise machtvolle Logik ökonomischer Rationalität gegenüberstand, die doch das deutsche Wirtschaftsleben im großen und ganzen bestimmte" (471), schließlich noch davon, daß "die Macht des Antisemitismus die ökonomische und für eine moderne industrielle Produktionsweise erforderliche Rationalität außer Kraft gesetzt" (499) hätten: Reinhard Kühnl, Ernst Nolte und die deutsche Reichsbahn lassen grüßen. Von der Vorstellung, Geld und Kapital seien an sich selbst antisemitisch, erzeugten gar aus eigenem Wesen und eigener Dynamik die objektive Ideologie eben jenes abstrakten und unproduktiven, jenes wurzellosen und kosmopolitischen Un- und Antiwesens, als das die Nazis dann die Juden mörderisch identifizierten, ist Goldhagen so weit entfernt wie nur die deutschen Historiker vom Grundkurs , Marx für Anfänger‘. "Die konsequenten Vertreter der Illusion, daß der Mehrwert aus einem nominellen Preisaufschlag entspringt", notierte Marx für alle, die den Warentausch für ein kognitives Modell halten, "oder aus dem Privilegium des Verkäufers, die Ware teurer zu verkaufen, unterstellen daher eine Klasse, die nur kauft, ohne zu verkaufen, also auch nur konsumiert ohne zu produzieren. Die Existenz einer solchen Klasse ist (…) unerklärlich. (…) Das Geld, womit eine solche Klasse beständig kauft, muß ihr beständig, ohne Austausch, umsonst, auf beliebige Rechts- und Gewalttitel hin, von den Warenbesitzern selbst zufließen. "31 Darin nimmt die Logik des Antisemitismus ihren Anfang, die durch die Irrungen und Wirrungen der Geschichte hindurch nach ihrer Selbstverwirklichung trachtet, d. h. danach, ihres eigenen objektiven Zwecks auch subjektiv und praktisch inne zu werden, d. h. den nazistischen Aufstand des Konkreten gegen das Abstrakte, die deutsche Revolution des Gebrauchswerts gegen den Tauschwert ins Werk zu setzen, d. h. die Liquidation des monetären Parasiten und "Gegen-Volks" (Rosenberg). 32 Die historische Gelegenheit dazu ergab sich aus dem Zusammenbruch des deutschen Kapitals im Zuge der großen Krise von 1929. Diese Krise, die nur aus dem allgemeinen Begriff des Kapitals zu erklären ist, setzte das totalitäre politische Potential frei, das in der deutschen Nation und ihrem Staat aufgespeichert war und das sich im Antisemitismus niederschlug. Was folgte, war so "typisch deutsch", wie das Kapital es nicht ist, denn es gehorchte einer derart zwanghaften, in Barbarei als bis dato unbekannte Gesellschaftsform überschnappenden Logik, daß das Kapital ihrer nirgendwo anders denn eben in Deutschland hätte fähig sein können.

"Die Täter", sagt Goldhagen, "waren keine Automaten und keine Puppen"33 und sie waren erst recht nicht Marionetten des Kapitals. Sie waren ganz gewöhnliche Deutsche, die es definitiv satt hatten, vom Kapital geschurigelt und determiniert zu werden, die sich mit Haut und Haaren dafür entschieden hatten, es in wahnhaftem Elan zu überbieten, um selbst Kapital zu sein, um endlich dem Geheimnis der Verwertung des Werts auf die Spur zu kommen.

Auschwitz, Begriff der deutschen Geschichte

Es ist diese überaus negative Dialektik, die es macht, daß Auschwitz mit den geistigen Mitteln des bürgerlichen Verstandes, so wie er sich in der Geschichtswissenschaft ausdrückt, weder zu verstehen noch zu erklären ist. Der Massenmord ist das synthetische Produkt der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland, ihr wie immer vermitteltes Resultat. Im Massenmord ist alles enthalten und aufgehoben. Auschwitz ist die Wahrheit Deutschlands; und eine andere Wahrheit, da können sich die deutschen Historiker mühen und quälen, wie sie wollen, wird es niemals gegeben haben. War der Massenmord also der logische Schlußpunkt einer Linie, die von Luther über Nietzsche zu Hitler führt?

Ja und nein. Ja: denn Luther war ein großer Antisemit vor dem Herrn, nein: denn er war es nicht vor dem Gott, der nach ihm kam, dem Kapital, konnte es noch nicht sein — aber die Antwort ist an sich nichtig und egal, denn der historische Prozeß erlischt im Resultat, das Auschwitz heißt, und er verschwindet darin so, wie die Absichten und Motive der am Warentausch Beteiligten erlöschen und gleichgültig werden, wenn Zahltag ist. Es ist das Resultat, das ex post über den historischen Prozeß entscheidet, der dann ex ante zu ihm führte und auf kein anderes führen konnte, d. h. es ist das Produkt, das die Produktion bestimmt. Man kann das Produkt nicht vom Prozeß her denken, und daher identifiziert das Produkt das Ausschlaggebende, das Wesentliche am Prozeß. Die Toten jedoch sind tot, kein Sinn, der ihren Tod ungeschehen machen könnte, keine Interpretation der Entwicklung hin zum Mord, der daran ein Jota ändern könnte. Geschichtswissenschaft, die in "Faktoren" und "Bedingungen" denkt (und anders kann sie, wenn sie überhaupt denkt, überhaupt nicht denken) arbeitet im nationalen Interesse an der Virtualisierung der Massenvernichtung: Je mehr Argumente über "notwendige und hinreichende Bedingungen" sie dafür beibringt, daß alles auch hätte ganz anders kommen können, wenn (…), desto weniger ist, ob Mommsen, Wehler, Jäckel oder Zitelmann, von der fatalen Notwendigkeit der bürgerlichen Gesellschaft die Rede, die es machte, daß …

Das Produkt der Geschichte des Kapitals in Deutschland ist Auschwitz. Was aber ist Auschwitz? Was ist die Massenvernichtung im Verhältnis zu einer, wie es heißt, von der Zweck-Mittel-Rationalität beherrschten bürgerlichen Gesellschaft, die die Vernichtungslager hervorbrachte? Es ist die Wahrheit dieser Gesellschaft, so, wie sie aus der an sich irrationalen Dialektik von Zweck und Mittel hervorgeht. Die bürgerliche Gesellschaft kann den Nazismus nicht begreifen, denn dieser ist ihr originäres und genuines Produkt, Fleisch vom Fleische. Würde sie ihn begreifen, sie müßte gegen sich selbst revolutionieren, d. h. Selbstmord begehen. Die Geschichtswissenschaft dieser Gesellschaft, d. h. die planmäßige Bilanzierung ihrer verflossenen Taten und Untaten, kann den Nazismus erst recht nicht begreifen, denn sie transformiert, Maß und Maßstab ihrer Urteile, die Zweck-Mittel-Rationalität aus einer Ideologie zur Methode: Nie wird sie damit fertig werden, über die "falsche" Verwendung der knappen Güterwaggons zu staunen, niemals damit, in "Schindlers Liste" den produktiven, d. h. recht eigentlich antifaschistischen Gebrauch der Arbeitskraft durch das Kapital zu begaffen. Auschwitz jedoch, das war, in stenogrammatischer Definition, die Selbstaufhebung des Kapitals im Verfolg seiner eigenen Dynamik und auf seiner eigenen Grundlage, d. h. eine qualitativ neue, zwar kapitalgeborene, aber doch kapitalentsprungene Gesellschaftsformation, d. h. Barbarei in einem nicht luxemburgistischen, nicht metaphorischen Sinne, d. h. die geoffenbarte Wahrheit der "verrückten Form" (Marx). "Barbarei" allerdings ist bloße Definition, alles andere als Begriff im strengen Sinne, denn begreifen, d. h. verstehen und erklären läßt sich nur, was, wie diskret auch immer, an Vernunft doch immerhin partizipiert. Die Toten müßten sprechen; aber wenn sie es denn könnten, würden sie von den deutschen Historikern mit allen Mitteln ihrer "seriösen Holocaust-Forschung" (Mommsen) daran gehindert, bestenfalls in die Abteilung "oral history" deportiert.

Der Antisemitismus ist daher schuld an Auschwitz, und er ist es nicht. Ja und nein. Ja: denn Antisemitismus ist eine Basisideologie der bürgerlichen Gesellschaft schlechthin, und ist es insbesondere in Deutschland, einer Gesellschaft, die sich als bürgerliche nur gegen die bürgerliche Revolution zu konstituieren vermochte, d. h. als Produkt eines erst absolutistischen, dann bonapartistischen, in letzter Instanz nazistischen Staates, der, so klassenübergreifend wie klassennegierend, im Antisemitismus das politische Programm der totalen politischen Integration fand. 34 Der Antisemitismus ist schuld am Massenmord, weil er das notwendig falsche, sprich: praktisch richtige Bewußtsein einer verkehrten Gesellschaft darstellt: Goldhagen hat ganz recht. — Nein: denn der Antisemitismus ist, als objektive Ideologie, nichts ohne die Gesellschaft, die in ihm sich reflektiert. Daher irrt Goldhagen. Der Antisemitismus ist schuld; und er ist es nicht, weil die Vernichtung, die auf die Juden zielte und sie traf, in wahnhafter Verschiebung der Selbstvernichtung der bürgerlichen Gesellschaft wehren sollte. Darin liegt das Anathema der Geschichtswissenschaft, das ihre Bemühungen im Ansatz nichtig macht: daß Auschwitz eine Tat war, die, nach dem Bild des Amokläufers, keine wie immer geartete Beziehung zwischen dem Täter und seinem Opfer, die irgend in letzterem gründete, zu ermitteln erlaubt, daß diese Tat kein Mittel gewesen ist zu irgendeinem Zweck, sondern das Mittel als autistischer Selbstzweck, d. h. die fatale Konsequenz aus der Todeskrise der Selbstvermittlung der bürgerlichen Gesellschaft durch das Kapital, in deren Konsequenz das automatische Subjekt alle in der Perspektive des Positivismus rationalitätsstiftenden Vermittlungen kassiert und in vollendeter Raserei zum tödlichen Block erstarrt. Darin sind "die historischen Voraussetzungen, unter denen allein das Kapital Gebrauchswert setzt"35, ebenso vergangen wie die materiellen Bedingungen aufgehoben, unter denen allein es erkennbar ist. Auschwitz liegt im Jenseits des Begriffs, weil sich die kapitalisierte Gesellschaft im Zuge ihrer Selbstaufhebung in Barbarei selbst im Jenseits ihrer menschenmöglichen Begreifbarkeit plaziert hat. Ja und nein daher, pro und contra Goldhagen in einem: Ja, denn der Antisemitismus ist schuld an der Massenvernichtung, weil er, funktional äquivalent, für die Nazis das darstellte, was FDGO (Freiheitlich demokratische Grundordnung), Pluralismus und soziale Marktwirtschaft ihren legitimen Rechtsnachfolgern bedeuten: praktische Geschäftsordnung der Politik und ideologisches Selbstbewußtsein in einem. Und nein, denn Antisemitismus ist nur selbstbewußte Ideologie, d. h. ein Denken, das nicht sich selbst denkt, das gedacht wird. Der "Wille zu töten", dessen Spur Goldhagen mit kriminalistischer Akribie und juristischer Präzision verfolgt, ist in einem der unwiderstehliche und unabweisbare Zwang zu töten.

Zwangscharakter der Freiheit: In völliger Freiheit nicht anders zu können — in diesem Realparadox resümiert sich der Grund, der es macht, daß man niemals wird wissen können, was Auschwitz war, und warum es war. Auschwitz läßt sich weder erklären noch verstehen, es läßt sich weder erklären und nicht verstehen noch läßt es sich nicht erklären und doch verstehen, weil es die gesellschaftlichen Bedingungen der Möglichkeit dieser Unterscheidung selbst aufhebt. Die Wahrheit der Massenvernichtung kann daher keine in sich selbst noch so schlüssige oder gar vernünftige Theorie sein, sondern nur die praktische Herstellung der "freien Assoziation", d. h. der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft. Es kann keine vernünftige Theorie der vollendeten Unvernunft geben, nur deren Rationalisierung. Auschwitz macht keinen Sinn: Und das ist das Ende der Geschichtswissenschaft.

Nachtrag: Preis der Demokratie

Das Bekannte ist nicht schon das Erkannte: Keineswegs muß, wer dem Mörder die Tat auf den Kopf zusagt, zuvor sechzehn Semester Kriminalistik studiert haben. Wenn es noch eines Beweises mehr dafür bedurft hätte, daß Erkenntnis und Wahrheit nicht den so prompten wie gerechten Lohn für Fleiß mit Methode darstellen, dann ist es, leider, Daniel J. Goldhagen. Nicht einmal der Autor von "Hitlers willigen Henkern" agiert auf dem objektiven Niveau der von ihm selbst eröffneten Einsicht und Perspektive. Das kommt davon: Unterm System des gesellschaftlich zwar notwendigen, allerdings falschen Bewußtseins wird Wahrheit dem erkenntniswilligen Subjekt einzig als Zufall zuteil, nicht als Leistung, die es verantwortet, sondern als glückliche Fügung, die ihm widerfährt. Zwischen dem Subjekt und der Erkenntnis tut sich mit Vehemenz der Abgrund auf, der unsere Gesellschaft ist, die Kluft, die der Nazismus unüberbrückbar hat werden lassen. Es reflektiert sich darin die Überflüssigkeit des je einzelnen für Gedeih und Fortgang des akkumulativen Getriebes, die vollendete Äußerlichkeit, die der Nazismus zur conditio humana totalisiert hat. Die Wahrheit über dies Verhältnis erscheint, wo sie überhaupt erscheint, als pathogene Devianz: Entronnene der Vernichtung gibt es, die sich nicht aufs Sozialamt trauen, um die Rente zu beantragen, aus Angst, erfaßt, verhaftet, deportiert zu werden. 36 Hinter dem Rechts- und Sozialstaat erblicken sie den vernichtungskompetenten Souverän; sie wissen darin mehr über den Staat, als Jürgen Habermas und die komplette Demokratietheorie. Es ist aber eine Wahrheit, die ihnen nichts nützt, eine Erkenntnis, die nicht sie haben, sondern die sie hat.

Das bessere Deutschland, dem "Auschwitz" stets nur Metapher war und eine billige Gelegenheit nationaldemokratischer Sinnstiftung, hat diese triste Konstellation instinktiv erkannt und zielsicher ausgebeutet. Wenn sogar Goldhagen den Deutschen und ihrer Nation zwar auf den Kopf zuzusagen vermag, was es über sie zu wissen gibt, aber nachher nicht weiß, was er gesagt hat, dann hat die "Aus der Geschichte lernen"-Fraktion erst recht keinen Anlaß, an den glänzenden Aussichten zu zweifeln, die sich der antimonopolistischen Zivilgesellschaft unter der Obhut des nationalen Staates des Grundgesetzes bieten. Also haben ihm die „Blätter für deutsche und internationale Politik“, ehemals ein linksnationalistisches DKP-Blatt für die Volksfront der Stalinisten mit den Linksliberalbourgeois, heute erst recht fürs andere Deutschland unterwegs, ihren "Demokratiepreis" angetragen. Karl D. Bredthauer dankte im Auftrag der Redaktion sowie im Namen aller wahrhaft "Wir Deutschen" dafür, wie sehr er sich für die "historische Chance" engagiert habe, "daß alle Deutschen endlich wirklich ankommen in der politischen Zivilisation der Moderne"37; Goldhagen nahm den Preis dankend entgegen, Jürgen Habermas und Jan Philipp Reemtsma hielten die Grabreden. Und damit war die Sache vom Tisch. Das Dritte Reich, das hatte Goldhagen erkannt, war ein klassenübergreifendes Mordkollektiv, der Führer war nicht so sehr der eigensinnige Diktator als vielmehr der große Bruder und primus inter pares der Volksgemeinschaft. Das Dritte Reich, so hatte er weiter erkannt, war im Grunde nichts weiter als eine solidarische Veranstaltung aller Menschen, die nur irgendwie und wie auch immer bereit waren, sich selbst als die "Wir Deutschen" zu begreifen, denn, was deutsch fühlt, ist objektiv antisemitisch. Das Dritte Reich, so Goldhagens Pointe, war ein nationales Projekt von Tante Emma und Onkel Adolf. Diese Einsicht war nichts als die Wahrheit gewesen. Aber sie war Goldhagen keineswegs, wie er selbst glaubt, in der Konsequenz sorgsam reflektierter Quellenauswertung und methodologisch kontrollierter Geschichtswissenschaft zuteil geworden, sondern seinem Positivismus zum Trotz. Seine Erkenntnis hatte er nicht aus den Fakten destilliert, er hatte sie mit den Fakten illustriert. 38 Das war ganz recht so. Aber daß Theorie darüber entscheidet, was zur relevanten Tatsache taugt, mochte er nicht wissen. Er ist ein gläubiger Positivist, das hat der "Demokratiepreis" öffentlich beglaubigt. Der Positivismus ist unfähig, den Antisemitismus zu denken, d. h. als vermitteltes Moment der negativen Totalität zu reflektieren; er vermag ihn bloß zu definieren, d. h. als bloßen Aspekt aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang zu abstrahieren. Darüber büßt das Phänomen seine soziale Objektivität ein, es wird dem Positivismus zur sozialen Konstruktion, zur Wahrnehmung, die sich in "kognitiven Mustern" und "kollektiven Mentalitäten" (Goldhagen), in "Codes" (Reemtsma") oder der "ethisch-politischen Selbstverständigung unter Bürgern" (Habermas) fundieren soll. In extrem positivistischer Konsequenz, bei Paul Feyerabend etwa, führt diese Operation auf die Liquidation jedweder Intention auf Wahrheit. Nichts anderes soll sie sein als Konvention, d. i. die allseits geglaubte Lüge: ", Objektiv‘, das heißt unabhängig von Traditionen, gibt es keine Wahl zwischen einer humanitären Einstellung und dem Antisemitismus. (…) Die Rationalität ist weder gut noch schlecht, sondern ist einfach". 39 Es versteht sich, daß, wem Wahrheit, sei’s auch als negative, nicht denkmöglich wird, auch Begriff und Sache der Ideologie Hekuba sein müssen. Das ist der hinter allen Turbulenzen im nationalen Kollektiv liegende Konsens Goldhagens, wie mit seinen deutschnationalen Kritikern, so mit seinen linksnationalen Preisgebern: der ausgesprochene Widerwille, den Antisemitismus als objektive Ideologie der kapitalisierten Gesellschaft zu identifizieren. So kommt es, nur weil der Souverän seine Erscheinungsform geändert hat, daß der bittere Faschismusforscher zum sanften Lobredner der Demokratie wird. Er bedient den BRD-Gründungsmythos, Weimar sei eine Demokratie ohne Demokraten gewesen, d. h. eine Gesellschaft, die unfähig war, das humanistische Programm ihres Souveräns sich anzueignen, und er sagt: "Der Aufstieg des Nationalsozialismus beruhte im wesentlichen darauf, daß es in Deutschland nicht gelang, genuines Verständnis und eine ausreichende Akzeptanz für demokratische Überzeugungen sowie liberale Werte zu entwickeln und es deshalb ebenfalls nicht gelang, demokratische Institutionen nachhaltig zu etablieren. " Antisemitismus und Nazismus sind das eine, Kapital und Staat sollen das ganz andere sein: "Deutsche", sagt Goldhagen (und sein ganzer Widerstand gegen die Zeremonie steckt im Fehlen des Artikels), "Deutsche haben viel aus der Geschichte gelernt"; das Grundgesetz berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. Und "nicht ein moralisches Urteil abzugeben, war das Ziel, sondern zu erklären, warum Dinge geschehen sind", sagt er abschließend. In eben dieser Spaltung zwischen Tatsachenfeststellung und Werturteil, die für Goldhagen nur der so spontane wie fraglose Ausdruck seines Positivismus ist, liegt zugleich der Grund, aus dem das andere Deutschland ihn für demokratiepreiswürdig hielt. Goldhagen verdient den Preis gar nicht, obwohl er seiner durchaus würdig ist. Denn in Deutschland wird die positivistische Spaltung aufgeladen mit einem derart vollendeten Abscheu vorm kategorischen Urteil, weil es das Urteil über die Nation selbst wäre, nicht nur über den Nationalismus. Der Positivismus gibt den "Wir Deutschen" ein Alibi. Jürgen Habermas hat es in seiner Rede so entwaffnend offen gesagt, daß man Ernst Nolte sein müßte, um sich darüber zu freuen: "Die eine Seite (d. h. die Justiz) ist an der Frage der Vorwerfbarkeit von Handlungen interessiert, die andere Seite (d. h. die Geschichtswissenschaft) an der Aufklärung ihrer Ursachen. Aus der Sicht des Historikers entscheidet die Zurechenbarkeit von Handlungen nicht über Schuld und Unschuld, sondern über die Art der erklärenden Gründe. Wie auch immer die Erklärung aussehen mag — ob die Gründe eher in den Personen oder in den Umständen liegen — als solche kann eine kausale Erklärung den Handelnden weder belasten noch entschuldigen. Erst aus der Perspektive von Beteiligten, die sich vor Gericht oder im Alltag begegnen und voneinander Rechenschaft fordern, verwandeln sich Fragen der Zurechnung in rechtliche — oder auch moralische — Fragen". Gesellschaft ist zum "Umstand" geronnen; außerdem können die Deutschen sich sicher sein, daß sich Fragen der Zurechnung nicht unversehens in Fragen der Moral verwandeln, denn die Chancen, noch auf Beteiligte zu treffen, sind nach allen Massakern denkbar gering: Dankenswerterweise hat der Führer, könnte man so sachlich wie zynisch feststellen, nichts als Fakten, Fakten, Fakten hinterlassen und keine Subjekte blieben übrig, die den Deutschen deren Bewertung, das kategorische Urteil gar, aufzwingen könnten. In Deutschland ist es leicht, dem Positivismus anzuhängen: Er ist das als Wissenschaft auftrumpfende Alibi einer unheilbaren, einer so allgemein bürgerlichen wie spezifisch deutschen Ambivalenz in Anbetracht des Nazismus.

Was sich liebt, das schreckt sich; was sich haßt, das neckt sich: Dem abgrundtief trauten Verhältnis, das der demokratisierte Rechtsnachfolger zu seinem nazistischen Staatsvorläufer unterhält, eignen alle Merkmale einer leidenschaftlichen Haßliebe. Faszination und Abscheu halten sich genau die Waage; zwischen Begeisterung und Widerwillen oszilliert die Konjunktur der veröffentlichten und verwissenschaftlichten Meinung. Der Führer ist der grause Buhmann, allerdings er setzt die deutsche Demokratie ins rechte Licht; sein Raubkrieg gibt die beste Kulisse für den glamourösen Auftritt der NATO; die finsteren Großraumplanungen der Nazis zeigen, wie gut man mit Maastricht bedient wird, und die Massenvernichtung ist der allerbeste Vorwand, Toleranz und Menschenrecht als die Grundlagen unseres Staatswesens dick und fett herauszustreichen — ohne die Nazis wüßten die Deutschen gar nicht, wie gut der Rechtsstaat tut. Diese Haßliebe rührt daher, daß man als deutscher Bürger unmöglich wissen kann, ob man den Führer dafür hassen soll, daß er den Vernichtungskrieg gegen den Rest der Welt verlor, oder ihn dafür lieben, daß er wenigstens den resoluten Versuch unternahm: von daher rührt die Unfähigkeit zu trauern. Wie die veröffentlichte, so ist auch die verwissenschaftlichte Meinung unfähig zum kategorischen Urteil über den Führer, wäre es doch das Urteil über ihr Subjekt selbst, den so kapitalproduktiven wie staatsverfallenen Bürger. In der strukturellen Uneindeutigkeit gegenüber dem Nazismus spiegelt sich die tiefe Ambivalenz der bürgerlichen Gesellschaft selbst, ihre ökonomische Zerrissenheit ebenso wie ihr politisches Vereinheitlichungsbedürfnis. Haßliebe, die gleichzeitige Präsenz "einer gut begründeten Liebe und eines nicht minder berechtigten Hasses, beide auf dieselbe Person gerichtet", wie Sigmund Freud sagte, 40 drückt in einem die allgemeine Neigung der bürgerlichen Gesellschaft zum autoritären Staat aus wie sie zugleich ihren Widerwillen gegen dessen bisherige Bilanz bekundet. Es ist diese unnachahmliche Ambivalenz, die ihren Gegenstand spaltet, um in der Oszillation zwischen den Spaltungsprodukten den inneren Konflikt, den sie nicht lösen kann, als Bewegung auszuagieren und darin eben die Form ihrer Einheit zu finden, die sie am Gegenstand leugnet. Die Unfähigkeit zum kategorischen Urteil schlägt sich in den Strategien der Spaltung nieder, die die Spielarten der Meinung umtreibt: Autobahnen versus Judenvernichtung, Handlung versus Struktur, die nationale Not unterm System von Versailles versus den Irrsinn des Zweifrontenkrieges, Funktionalismus versus Intentionalismus, Rassenwahn versus Bevölkerungspolitik, Arbeit versus Interaktion, Befehlsnotstand versus Verantwortlichkeit, Erklären versus Verstehen. Die Haßliebe macht es, daß alle demokratische und alle geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit dem Nazismus alle Züge einer nachgerade pathologischen Gespaltenheit trägt. Es ist wie mit dem Blick in den getreuen Spiegel, der eine grausige Fratze zeigt, wenn man gerade sein Sonntagsgesicht aufgesetzt hat. Hinein guckt es, als könne es kein Wässerchen trüben, heraus schaut es, daß das Blut in den Adern gefrieren möchte: Je näher man hinschaut, desto ferner schaut es zurück. Das Spiegelbild zeigt die Wahrheit, darum wird jede Bekanntschaft und Verwandtschaft bis aufs Messer geleugnet. So kommt es einerseits, daß die Beschäftigung mit dem Nazismus unterm permanenten Verdacht steht, eine irgendwie und objektiv subversive Tätigkeit zu sein, weil noch der liberalste Geschichtsforscher, so nachdrücklich er die FDGO auch vom morbus Weimar gesund schreiben möchte, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die Leichenberge im Fundament unseres Staatswesens stößt. Das liegt in der Natur der Sache. Der Nazismus setzt die BRD in ein schlechtes Licht, untergräbt ihr Ansehen, denunziert sie als Rechtsnachfolger und Erbschleicher. Wider Willen wie Methode in die Nähe der Subversion geraten, schlägt nun das Pendel nach der anderen Seite aus, und die Angst vorm objektiven Resultat, d. h. vorm kategorischen Urteil über die deutsche Staatlichkeit schlechthin, wird zum Treibsatz der Apologie. So kommt es andrerseits zu dem haarsträubenden Paradox, daß die Beschäftigung mit dem Nazismus keineswegs zur Aufklärung über den Staat des deutschen Kapitals, über die bürgerliche Demokratie, über den Charakter der Nation usw. usf. führt, sondern mit an höhere Fügung grenzender, geradezu traumwandlerischer Sicherheit vielmehr zu deren Verherrlichung und wie immer kritisch gewendeten Lobpreisung. 41 Das liegt im Wesen der Verhältnisse. Der Nazismus rechtfertigt die BRD, fördert ihr Ansehen ungemein und lobhudelt sie als gelungenes Lernen aus der Geschichte und zukunftsträchtiges Demokratieprojekt. Es versteht sich, daß die deutsche Haßliebe zum Nazismus, so, wie sie auf die Ambivalenz der gesellschaftlichen Subjekte verweist und in den Konjunkturen der veröffentlichten und denen der verwissenschaftlichten Meinung sich ausdrückt, nichts anderes darstellt denn den notorischen Reflex der bonapartistischen Situation von 1933: Im Interesse des Kapitals zerschlug der Führer die bürgerlichen Parteien, und im Interesse der Lohnarbeit zerschlug er die Organisationen der Arbeiterbewegung. Weder Bürger noch Arbeiter wußten, wie und was ihnen geschah, aber sie wußten doch eines ganz genau, daß sie es nämlich wollen mußten. Der Führer beraubte und enteignete die sozialen Klassen ihrer Repräsentation, d. h. der Organe ihrer politischen und ökonomischen Willensbildung, aber er verschaffte den Klassen damit die Chance, ihre objektive Funktion sich anzueignen, d. h. Funktionäre der barbarischen Akkumulation zu werden. Daß dieser doppelte Bonapartismus, daß diese souveräne Dialektik von Enteignung und Aneignung ausgerechnet im Antisemitismus reflektiert und tatsächlich an den Juden exekutiert wurde, geht den Rechtsnachfolgern und Funktionserben noch im nachhinein so sehr über den gesellschaftlichen Horizont, daß sie, wollen sie überhaupt erklären und verstehen, zwangsläufig zum Publikum von "Schindlers Liste" werden. 42 Das macht: sie können den "Zivilisationsbruch" nicht verstehen, weil sie ihn nur um den Preis des Bruchs mit ihrer eigenen gesellschaftlichen Statur und Existenz, wenn nicht verstehen, so doch: in seiner Permanenz und Kontinuität unterbinden könnten. Dieser Preis gilt als ungerechter Preis. Im System der Haßliebe jedoch ist das Erkennen schon unmittelbar das Verkennen: Die Aufdeckung der Geschichte des Nazismus wird mit der Zudeckung seines Begriffs, der negativen Dialektik des Kapitals, identisch, und die historische Empirie gerät, wie es ihr Auftrag ist, zur Sabotage an der kritischen Theorie, gar an der praktischen Kritik.

Das Bekannte mit Macht daran zu hindern, zum Erkannten zusammenzuschießen: Das ist der gesellschaftliche Auftrag der Demokratie in Deutschland. Ihr Preis ist die Verdrängung der allseits bekannten und kollektiv beschwiegenen Tatsache, daß, wer die Demokratie will, den Staat wollen muß: das zentralisierte Gewaltmonopol und also die Bedingung der Möglichkeit des totalen Terrors. Dafür, daß das kategorische Urteil über die Gesellschaft, die den Nazismus hervorbrachte und sein Potential demokratisch am Köcheln hält, weiter auf sich warten läßt, kann sich das andere Deutschland allerdings gratulieren.

    Joachim Bruhn ist Mitglied der Initiative Sozialistisches Forum (ISF) in Freiburg. Sein Buch "Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation" erschien im Ça ira-Verlag.

Anmerkungen

    1 Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 3, Berlin 1973 (MEW 25), S. 95.

2 Götz Aly, D. J. Goldhagen. Hitlers willige Vollstrecker. Rezension, in: „Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung“ 6/1996, S. 48.

    3 Hans-Ulrich Wehler, Wie ein Stachel im Fleisch, in: Schoeps, (Hg. ), Ein Volk von Mördern? Die Dokumentation zur Goldhagen-Kontroverse um die Rolle der Deutschen im Holocaust, Hamburg 1996, . S. 203f. (zuerst in: „Die Zeit“, 14.5.1996).

    4 Klaus Theweleit, Das Land, das Ausland heißt. Essays, Reden Interviews zu Politik und Kunst, München 1995, S. 150.

    5 Zitiert nach David Bankier, Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die , Endlösung‘ und die Deutschen: Eine Berichtigung, Berlin 1995, S. 224.

    6 Vgl. Detlev Claussen, Grenzen der Aufklärung. Zur gesellschaftlichen Geschichte des modernen Antisemitismus, Frankfurt 1987, insbesondere S. 113ff.

    7 Hans Mommsen, Die dünne Patina der Zivilisation. Der Antisemitismus war eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Bedingung für den Holocaust, in: „Die Zeit“, 30.8.1996. Von Ideologie hat der Strukturalist so wenig Ahnung, daß er damit eines der fundamentalen Stereotypen bedient. s Material in Julius H. Schoeps, a. a. O.

    8 Vgl. Ulrich Enderwitz, Kritik der Geschichtswissenschaft. Der historische Relativismus, die Kategorie der Quelle und das Problem der Zukunft in der Geschichte, Berlin 1988.

    9 Max Horkheimer, Die Juden und Europa (1939), in: Ders. , Autoritärer Staat. Aufsätze 1939-1941, Amsterdam 1967, S. 34.

    10 Ingrid Gilcher-Holthey, Die Mentalität der Täter, in: Schoeps, a. a. O. , S. 213 (zuerst in: „Die Zeit“, 7.6.1996).

    11 Vgl. Joachim Bruhn, Das Menschenrecht des Bürgers, in: Ders. , Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation, Freiburg 1994, S. 121ff.

    12 Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band 2: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen (engl. 1944), 6. Auflage, München 1980, S. 285.

    13 Mommsen, a. a. O.

    14 Mommsen, ebd.

    15 Ulrich Herbert, Die richtige Frage, in: Schoeps, a. a. O. , S. 224 (zuerst in: „Die Zeit“, 14.6.1996).

    16 Mommsen, ebd.

    17 G. W. F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (Werke Bd. 12), Frankfurt 1970, S. 49.

    18 G. W. F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. Erster Teil: Die Wissenschaft der Logik (Werke Bd. 8), Frankfurt 1970, S. 109.

    19 Hegel, a. a. O. , S. 111.

    20 Frank Schirrmacher, Hitlers Code, in: Schoeps, a. a. O. , S. 104 (zuerst in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 15.4.1996).

    21 Jost Nolte, Sisyphos ist Deutscher, in: Schoeps, a. a. O. , S. 111 (zuerst in: „Die Welt“, 16.4.1996).

    22 Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1 (MEW 23), Berlin 1973, S. 90.

    23 Viktor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945, Berlin 1995, Eintragungen vom 17.8.1937, 20.9.1937, 25.10.1941 und 5.9.1944.

    24 Zitiert nach Max Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen 1932-1945, Wiesbaden 1973, S. 1992.

    25 Josef Joffe, "Die Killer waren normale Deutsche, also waren die normalen Deutschen Killer", in: Schoeps, a. a. O. , S. 164f. (zuerst in: „Süddeutsche Zeitung“, 13. /14.4.1996 und „Time“, 29.4.1996).

    26 Marx, a. a. O. , S. 169.

    27 D. J. Goldhagen, Das Versagen der Kritiker, in: „Die Zeit“, 2.8.1996. — Hier liegt der Grund, warum Christopher R. Brownings Studie: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon und die "Endlösung" in Polen (Reinbek 1993) so überaus gut ankommt: Es wimmelt hierin von "psychologischen und situativen (sozialen, kulturellen und institutionellen) Faktoren" (S. 217), die alle "eine Rolle spielen — allerdings in unterschiedlichem Maße und keineswegs uneingeschränkt" (S. 208). Die Faktoren schwirren umher wie ein Bienenschwarm, nichts, was sie zusammenhält; der ins Äußerste getriebene Empirismus kapituliert: "Das Verhalten eines jeden menschlichen Wesens ist natürlich eine sehr komplexe Angelegenheit, und wer es als Historiker zu , erklären‘ versucht, befleißigt sich automatisch einer gewissen Arroganz. Wenn es nun um fast 500 Männer geht, ist es noch gewagter, den Versuch einer allgemeingültigen Erklärung ihres kollektiven Verhaltens zu unternehmen" (246). Aber er kapituliert nur pro forma: "Die Verantwortung für das eigene Tun liegt letztlich bei jedem einzelnen" (ebd. ). Diesem ultraliberalen Credo, daß Erklären Verstehen heißt und letztlich jeder Nazi sein eigener Nürnberger Gerichtshof zu sein habe, folgt der Umschlag in den krudesten Objektivismus. Plötzlich, auf der letzten Seite, tritt sie auf, "die Gesellschaft", "die ihre Mitglieder dazu erzieht, sich der Autorität respektvoll zu fügen", die Gesellschaft, "die ohne diese Form der Konditionierung wohl auch kaum funktionieren" würde, und sie erweist sich in vollendeter Begriffslosigkeit als quasi-anthropologisches Existential, nämlich als Auswuchs der "Komplexität des Lebens" (ebd. ).

    Der vermeintliche Gegensatz von Erklären und Verstehen (ein Derivat nur der Max Weberschen Scheidung von Tatsachenfeststellung und Werturteil), mit dem sich die Historiker, bis heute plagen, hebt sich zur Apologie. Dächte er wirklich radikal subjektivistisch, hätte der Historiker als Psychoanalytiker zu arbeiten, aber dort, im Innersten des Verstehens, käme ihm in Gestalt der Libido doch nur und wiederum das Kapital entgegen, vor dem er aus guten Gründen schon in den Empirismus geflohen ist. Die Historie ist eine unmögliche Wissenschaft, die, gleichwohl betrieben, nur zur Ideologieproduktion taugt, d. h. zur Abwehr jedes kategorischen Urteils über die Nation: Mommsen (Die dünne Patina …) sagt in diesem Sinne, "daß Goldhagens vorurteilsgeprägtes Herangehen eine differenzierte Analyse, die die unterschiedlichen handlungsleitenden Faktoren gegeneinander abwägt, weitgehend ausschließt, zumal er weniger auf eine Erklärung des Handelns der Individuen als vielmehr den Nachweis ihres schuldhaften Verhaltens abhebt. " — Die "Komplexität dieser Vorgänge" (ebd. ) ist eben eine so hochkomplexe, daß man nicht Universitäten, sondern Rechenzentren mit dem Nazismus befassen müßte.

    28 Zuletzt hat Jochen Hörisch, Kopf oder Zahl. Die Poesie des Geldes (Frankfurt 1996) diesen Gedanken ausgeführt. Vgl. jedoch vor allem: Alfred Sohn-Rethel, Geistige und körperliche Arbeit. Zur Epistemologie der abendländischen Geschichte. Revidierte und ergänzte Neuauflage, Weinheim 1989. — Geldtheorie ist der Kern von Gesellschaftstheorie nur überhaupt. Nicht nur hängen nominalistische Geldtheorie und pluralistische Gesellschaftstheorie untrennbar zusammen (Hans-Georg Backhaus, Zur Dialektik der Wertform, in: Alfred Schmidt, Beiträge zur materialistischen Erkenntnistheorie, Frankfurt 1969), sondern die Rekonstruktion dieses Nexus ist es, was einen materialistischen Begriff von Wahrheit erst stiftet. Andernfalls "gibt es soviel prinzipiell verschiedene Wahrheiten, wie es prinzipiell verschiedene (…) Lebensanforderungen gibt" (Georg Simmel, Philosophie des Geldes, 7. Auflage Berlin 1977, S. 70), also kein einziges Argument mehr gegen den Antisemitismus.

    29 Hegel, a. a. O. , S. 83.

    30 Vgl. Moishe Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch, zuletzt in: Michael Werz (Hg. ), Antisemitismus und Gesellschaft. Zur Diskussion um Auschwitz, Kulturindustrie und Gewalt, Frankfurt 1995, S. 29ff. Vgl. auch Stefan Vogt/Andreas Benl, "No Germans, no Holocaust". Zur Kritik von D. J. Goldhagens "Hitlers willing Executioners", in: „Bahamas“, Nr. 20 (Sommer 1996), S. 42ff.

    31 Marx, Kapital, Bd. 1, S. 176.

    32 Was Goldhagen den "ökonomischen Antisemitismus" (60f. ) nennt, verfällt zu Recht seiner Kritik: Interessen erklären nichts, ihre Verwissenschaftlichung zur linksparteilichen Soziologie auch nichts. Von den Marxisten kann man tatsächlich nicht lernen, wie der Antisemitismus mit Marx zu deuten wäre: Man lese nur fk. , D. J. Goldhagens "Hitlers willing Executioners". Wer waren die Täter? (in: „Linksruck. Jung — sozialistisch — aktiv“, Nr. 30 (März 1996), S. 22), der Goldhagen vorwirft, "die eigentlich Schuldigen im Brei der Allgemeinschuld ungeschoren" zu lassen, oder Reinhard Kühnl, der der Rede von "den Deutschen" eine "Nähe zum völkischen Antisemitismus" ankreidet (Kampf ums Geschichtsbild, in: „junge Welt“, 24.6.1996).

    Überhaupt kann einer wie Goldhagen von den Linken in Sachen Gesellschaft bemerkenswert wenig lernen, nämlich weniger als gar nichts. Ein Beispiel ist die "Geld ist genug da"-Kampagne, die an ein gleichnamiges Buch des Distel-Verlages anknüpft. In einer Freiburger Kongreßzeitung schreibt Stefan Vey, der für die "Arbeitsgruppe Buchenwald" zeichnet, in einem Artikel "Über das Geld", daß es "wider seine Natur zur Eigentumsbildung und damit zur Machtbildung mißbraucht" werde, daß es daher darum zu tun sei, "die Krebsgeschwüre der Welt (das … Geldkapital), die überall auf Kosten des Ganzen wuchern", zu bekämpfen, um so das Geld auf "das Ganze des sozialen Organismus" zu verpflichten (in: „Allerdings“, hg. von der Linken Liste/Friedensliste Freiburg, Nr. 3 (Dezember 1996), S. 2). — Wenn schon die mutmaßlich Linken der "Arbeitsgruppe Buchenwald" die nazistische Geldtheorie so entschieden vertreten, daß nur noch Name und Anschrift des Parasiten fehlen, braucht man sich um die zukünftige, wenn nicht: Wahrheit, so doch: Richtigkeit der Thesen Goldhagens keine Sorgen zu machen.

    33 Goldhagen, Das Versagen der Kritiker, a. a. O.

    34 Siehe Ulrich Enderwitz, Antisemitismus und Volksstaat. Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung, Freiburg 1991.

    35 Siehe Wolfgang Pohrt, Theorie des Gebrauchswerts, Berlin 1995.

    36 Vgl. William G. Niederland, Folgen der Verfolgung. Das Überlebenden-Syndrom Seelenmord, Frankfurt 1980.

    37 Karl D. Bredthauer, Grenzen einer deutschen Normalisierung. Die konstitutive Bedeutung des Bruchs von 1945/49, in: „Blätter für deutsche und internationale Politik“, Heft 4/1997, S. 407. Auch die im folgenden zitierten Festreden von Jürgen Habermas, Über den öffentlichen Gebrauch der Historie. Warum ein "Demokratiepreis" für Daniel Goldhagen? (408-416) und Jan Philipp Reemtsma, Abkehr vom Wunsch nach Verleugnung. Über "Hitlers willige Vollstrecker" als Gegenstück zur historischen Erklärung (417-423) sowie Daniel Jonah Goldhagens Dankesrede, Modell Bundesrepublik. Nationalgeschichte, Demokratie und Internationalisierung (424-442) finden sich hier. Heft 5/97 dokumentiert das Presseecho.

    38 Eine Schlagzeile des „Badischen Tagblatts“ (10.5.1997) gibt den Tenor des Anti-Goldhagen-Backlash vor: Historikerin liefert Goldhagen-Kritikern neuen Stoff. Deutschstämmige Wissenschaftlerin Ruth Birn entdeckt handwerkliche Schwächen in "Hitlers willige Vollstrecker": Aus zehntausenden von Dokumenten habe er nur 200 benutzt — die "Deutschstämmigen" haben eben eine chronische Abneigung gegen Einseitigkeit.

    39 Paul Feyerabend, Erkenntnis für freie Menschen, Frankfurt 1980, S. 68.

    40 Sigmund Freud, Hemmung, Symptom und Angst (1926), zitiert nach J. Laplanche/J. -B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt 1972, S. 58.

    41 Siehe zum Beispiel Wolfgang Wippermann, Wessen Schuld? Vom Historikerstreit zur Goldhagendebatte, Berlin 1997. Wippermann ist ein akribischer, fast pedantischer Theoriesortierer und -vergleicher — siehe nur seinen Klassiker Faschismustheorien. Zum Stand der gegenwärtigen Diskussion (Darmstadt 1995) —, dem vor lauter Material das Hören, das Sehen und das Begreifen vergangen ist. Die Theorien verhindern Theorie; und so kommt er in seinem neuesten Buch auf den Gedanken, alles hinge davon ab, "wer den Diskurs bestimmt, die Begriffe besetzt" (Wessen Schuld, S. 8), d. h. er hält es, aller Faschismusforschung zum Trotz, für möglich, Begriff, Ideologie und Sache der Nation alternativ und von links zu besetzen: Die Forschung wird so zur Barrikade vorm Begriff.

    42 Siehe Initiative Sozialistisches Forum(Hg. ), Schindlerdeutsche. Ein Kinotraum vom Dritten Reich, Freiburg 1994.

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