Vaterland

Rezension von Hermann Engster

Im Mittelpunkt des vom polnischen (!) Regisseur Paweł Pawlikowski in nüchternem Schwarz-Weiß gehaltenen Films stehen Thomas Mann und seine Tochter Erika. Beide reisen im Sommer 1949 nach Deutschland. In Wirklichkeit reisten damals Thomas Mann und seine Frau Katja. Hier ist es die Tochter Erika, die politisch Reflektierte und Antifaschistin, die nach der Machtübergabe an die Nazis ihrem Vater dringlich zusetzte, ins Exil zu gehen, dies gegen seine Illusion, ihn als weltberühmten Dichter und Nobelpreisträger würden die Nazis in Ruhe lassen. Der Film ist keine historische Dokumentation, sondern ein Kunstwerk eignen Rangs. Der Tausch verleiht dem Film politische und psychische Tiefenschärfe.

Eingeladen sowohl von den Westalliierten als auch von den Sowjets, soll Mann in Frankfurt, Goethes Geburtsstadt, und in Weimar, dem Zentrum von Goethes Schaffen, Reden zu dessen 200. Geburtstag halten und den Goethe-Preis verliehen bekommen. Höchste Ehrungen werden ihm zuteil, allerlei Künstler bemühen sich um seine Fürsprache: Wagners Enkel Wieland und Wolfgang hoffen auf seine Unterstützung für eine Renaissance in Bayreuth, da er ja ein „großer Verehrer Wagners“ sei, worauf er, eingedenk der Rolle Bayreuths in der NS-Zeit, sarkastisch erwidert, dass er diesen Rang an Hitler abgetreten habe. Erika trifft ihren Ex-Mann Gustaf Gründgens. Als dieser sich ihr gegenüber rechtfertigt, nicht er habe sich um Görings Gunst bemüht, sondern dieser sei an ihn herangetreten, schmäht sie ihn einen „Karrieristen“ und verpasst ihm vor aller Augen eine Ohrfeige.

Alle erhoffen sich Manns geistige Begleitung für den staatlichen Neuanfang: der Westen für eine liberal-kapitalistische Demokratie, der Osten für eine sozialistische Gesellschaft im „Geist von Weimar“ als verpflichtendem Erbe. Thomas Mann lässt sich bereitwillig darauf ein, hält gehaltvolle Reden über Humanität und das wahre Deutschland, dessen humanistische Tradition es wiederzuerwecken gelte. Unverbrüchlich glaubt er an die Macht des Wortes.

Alt geworden, von seinem Ruhm zehrend, ist er ein Denkmal seiner selbst, aus dem heraus es tönt. Erika hält es nicht aus, fährt ihm in die Parade, fragt ihn unverblümt, ob er meine, dass seine Worte etwas bewirken würden, und ob ihm nicht klar sei, wofür er benutzt werde. Er schweigt, ahnt es wohl, entgegnet, das sei das Einzige, was er als Schriftsteller tun könne.

Abends allein in ihrem Hotelzimmer, hört sie auf der Straße Betrunkene In einem Polenstädtchen, da lebte einst ein Mädchen grölen, ein Lied aus dem Liederbuch der Wehrmacht, mit dem die deutschen Besatzer sich am Triumph ihres Überfalls auf das Land berauschten. Sie reißt das Fenster auf, schreit wütend ihre Empörung hinunter, muss sich zotige Bemerkungen anhören und bricht weinend zusammen.

Kurz zum Schauspielerischen: Hanns Zischler als Darsteller Thomas Manns in dessen prekärer Denkmalhaftigkeit hat im Grunde den schwierigeren Part, den er überzeugend spielt. Überwältigend in ihrer Schauspielkunst ist aber Sandra Hüller als Erika Mann.

In die sowjetische Zone reisen sie in einem schwarzen Buick, den Erika steuert; im Autoradio hören sie zeitweilig die Comedian Harmonists und den amerikanischen Soldatensender AFN. In Weimar begleiten ihn ein sowjetischer Oberst, der selbstironisch Verse aus dem Faust zitiert – Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft – und der Schriftsteller Johannes R. Becher, ehrerbietig, aber nicht schleimig, Dichter der späteren DDR-Hymne Auferstanden aus Ruinen, die für die Manns zu Ehren von einem Kinderchor gesungen wird; dann auch ein sowjetischer Soldatenchor mit der unvermeidlichen Kalinka, einem fröhlichen Tanz- und Liebeslied. Auch in Weimar hält Mann eine Festrede mit der Beschwörung von Goethes Geist. Erika hält es nicht aus, verlässt während der Rede den Saal und geht auf einen Friedhof. Der Vater findet sie später abgewandt und stumm im Hotelbett liegend vor.

Vaterland lautet der Titel des Films. Was bedeutet er? Aufschlussreich ist der originale englische Titel Fatherland. Laut dem Oxford English Dictionary ist das Wort völlig ungebräuchlich, es bedeutet a person’s native country, im Sinn von Herkunft aus dem Land der „Väter“ oder Vorfahren, hat also nicht die sentimental-pathetisch aufgeladene Bedeutung wie das deutsche Vaterland. (Die englischen Entsprechungen home oder homeland sind erheblich nüchterner; es gibt sogar das aus dem Deutschen entlehnte, aber ironisch gebrauchte Adjektiv fatherlandish.) Der Filmtitel Fatherland /Vaterland meint hier ganz wortgetreu: das Land des Vaters, das Land Thomas Manns. Es ist das Land, das es nicht mehr gibt.

Zwiespältig auch der Begriff „Humanität“. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! / Denn das unterscheidet ihn / von allen Wesen / die wir kennen: So hebt Goethes Gedicht Das Göttliche von 1783 an. Die Verse sind der Inbegriff des Weimarer Klassizismus und der Humanität. Doch es waren damals auch nur Worte. Denn wann wurden sie je Wirklichkeit? Benjamins Engel der Geschichte, vom Sturmwind des Fortschritts in die Zukunft geweht, blickt entsetzt auf den Trümmerhaufen der Vergangenheit zurück.

Die Wahrheit ist konkret“, ritzte Brecht in den Balken seines Arbeitszimmers im dänischen Exil. Das Konkrete war schon bei Goethe ein Problem. Der Dichter der ergreifenden Gretchen-Tragödie – Margarete, geschwängert und sitzengelassen von Faust, bringt aus Verzweiflung ihr neugeborenes Kind um und soll hingerichtet werden – Goethe ist auch Minister des Herzogs Carl August und soll im Geheimen Consilium über den Fall der jungen und ledigen Dienstmagd Johanna Catharina Höhn entscheiden. Diese hat ihr neugeborenes Kind getötet, weil sie sonst auf die Straße geworfen würde und ihren Lebensunterhalt durch Bettelei oder Prostitution sichern müsste. Der Herzog will das Strafrecht reformieren und die Todesstrafe abschaffen, bleibt aber der Sitzung fern. Das Consilium samt Goethe verhängt die Todesstrafe.

Ähnlich auch Goethes Verhältnis zu den Juden. Zu den vornehmen und gebildeten Jüdinnen und Juden pflegt er freundschaftliche Beziehungen, weil sie ihm als Verbreiter seines Ruhms nützen, die übrigen verachtet er als „Schacher- und Wucherjuden“. Den Braunschweiger Finanzrat Israel Jakobsohn, Repräsentanten der jüdischen Aufklärung und Vorkämpfer der Judenemanzipation, der 1806 in einer Schrift die sozialen Ursachen für die negativen jüdischen Eigenschaften benennt und die Emanzipation der Juden fordert, ihn schmäht Goethe als „Humanitätssalbader“. Er hat es tatsächlich getan. (Dazu W. Daniel Wilson: Goethe und die Juden. Faszination und Feindschaft, 2024, und meine Rezension in den Streifzügen, Herbst 2024.) So viel zu Weimar.

Ebenso konkret nun zurück zu Thomas Mann. Sein Sohn Klaus, damals in Cannes lebend, soll ihn auf der Reise begleiten, lehnt es aber ab; als Kämpfer gegen den Nationalsozialismus und ehemaliger Soldat der US-Army will er nicht zurück „ins Land der Mörder“. Drogenabhängig und depressiv, begeht er Suizid. Die Nachricht erreichen die Manns auf ihrer Reise. Der Vater verfügt, der Sohn Michael solle die Beerdigung organisieren, er nennt Klaus einen labilen drogenabhängigen Menschen, dem es stets nach Anerkennung verlangte. Erika, die ein enges Verhältnis zum Bruder hat, will ihn dazu bewegen, zur Beerdigung zu fahren, doch der Vater will seine Reise nicht unterbrechen, weil seine Mission hier ihm wichtiger ist.

In Weimar stürmt nachmittags ein Mann ins Hotelzimmer der beiden, berichtet, dass die Sowjets im KZ Buchenwald hunderte Menschen gefangen hielten, Menschen, die keine Verbrechen begangen hätten, sondern politische Dissidenten seien, und beschwört Thomas Mann, sich für diese einzusetzen. Kaum hat er geendet, stürzen zwei Agenten herein, packen den Mann und zerren ihn hinaus. Thomas Mann tut nichts. Auf die Idee, das KZ Buchenwald, wenige Kilometer von Weimar entfernt, zu besuchen, ist er zuvor ohnehin nicht gekommen.

(Zum Hintergrund: Nach Kriegsende hatten sich in der Sowjetzone zahlreiche Initiativen gebildet, die Konzepte diskutierten, wie eine sozialistische und entschieden freiheitliche Gesellschaft aufzubauen sei. Gegen diese Initiativen setzte sich schließlich die stalinistische Richtung unter Walther Ulbricht mit Intrigen und Repression durch. Im Oktober 1949 kam es dann zur Gründung der DDR. Hinsichtlich der Inhaftierung in den KZs verfuhren die Westalliierten übrigens nicht anders, da für die unzähligen Nazi-Täter die vorhandenen Gefängnisse nicht ausreichten.)

Bei ihrer Rückreise halten Thomas und Erika Mann an einer halbzerstörten Kirche an. Sie betreten sie, ein Organist prüft die Orgel, und als er sieht, dass er Zuhörer hat, spielt er den Bach-Choral Jesus bleibet meine Freude. Stumm sitzen Vater und Tochter beieinander, ihm kommen die Tränen, er ergreift die Hand der Tochter, sie hält seine Hand fest. Nicht Wagners Musik erklingt zum Schluss, sondern die von Bach. Auch „sehr deutsche“ Musik.

Humanität. Nicht nur die Wahrheit, auch die Humanität ist konkret. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, lautet ein oft zitiertes und oft missverstandenes Diktum von Adorno in den Minima Moralia. Denn auch im falschen Leben gäbe es wahre Momente, Momente, in denen es darauf ankäme, das Richtige zu erkennen und zu tun. Vielleicht in der Weise, wie Albert Camus‘ Sisyphos in der Revolte dem Absurden einen Moment des Glücks abringt.

Erschütternd ist die Sequenz des Filmabspanns. Es erklingt ein Schlager der Comedian Harmonists:

Irgendwo auf der Welt
gibt’s ein kleines bisschen Glück
und ich träum’ davon in jedem Augenblick.
Irgendwo auf der Welt
gibt’s ein bisschen Seligkeit
und ich träum’ davon schon lange, lange Zeit.

Ist es das, was im falschen Leben noch übrigbleibt?

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Vaterland
Regie: Paweł Pawlikowski
Drehbuch: Paweł Pawlikowski, Henk Handloegten
Originaltitel: Fatherland
Produktionsländer: Polen, Deutschland, Frankreich, Italien
Erscheinungsjahr 2026

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