Eine neue Epoche?!

Von Lorenz Glatz

Von einer neuen Epoche schreibt und spricht die im Westen veröffentlichte Meinung, seit das russische Militär in die Ukraine einmarschiert ist. Dass hier ein Land überfallen wird, kann damit nicht wirklich gemeint sein. Das hat schließlich allein in den letzten dreißig Jahren die USA in Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien auch getan. Neu (und brandgefährlich) ist eher das Kriegsziel, das man mit „Hilfe für die Ukraine“ erreichen will: dass nämlich die Atommacht Russland – so der EU-Ratspräsident – „besiegt werden muss“.

Russland ist seit dem Zerfall der UdSSR und dem Übergang von deren europäischen Verbündeten und baltischen Unionsrepubliken zur NATO am Abstieg. Die westlich finanzierte „Orange Revolution und schließlich der Maidan-Putsch gegen alles Russische in der Ukraine und die Aufrüstung von deren Streitkräften durch die NATO waren der nächste Schritt. Moskau, ökonomisch seinen Gegnern weit unterlegen, reagierte mit der militärischen Besetzung und dem Anschluss der großteils von Russen bewohnten Krim sowie mit der Unterstützung von Aufständischen im Donbas.

Russland wird mit einem Beitritt der Ukraine und nunmehr auch Finnlands und Schwedens zur NATO zusammen mit Belarus einer geschlossenen NATO-Front von der Barentsee bis zum Schwarzen Meer gegenüberstehen, etwas, das umgekehrt die USA im ganzen Kontinent „zur Sicherheit“ nie geduldet hat (Monroe-Doktrin). Russland eifert dem nach Kräften nach. Auf die Weigerung der Ukraine, sich von der NATO fernzuhalten, folgte der Angriff und diesem wieder die kriegerischen Gegenmaßnahmen des Westens auf dem Rücken der Ukraine und mit Milliarden $ und € Steuergeldern der EU-und NATO-Länder. „Der Krieg könnte noch Jahre dauern“, sagt der NATO-Generalsekretär.

Die EU habe „ein strategisches Interesse, beim Wiederaufbau der Ukraine eine führende Rolle zu übernehmen“, erläuterte die Präsidentin der EU-Kommission den Wunsch nach einem „Siegfrieden“ mit Russland samt üppigen Kapitalanlagemöglichkeiten. Das scheint umso attraktiver, als die reale Kapitalverwertung weltweit seit den Siebzigerjahren lahmt und – mit einigen großen, schon bedrohlichen Einbrüchen – aus der Realwirtschaft in den Finanzsektor fiktiven Kapitals und zur „Gelddruckerei“ der Notenbanken verschoben wurde – ein Weg, der gerade zu steigender Inflation versumpft, in der auch das Geschäft mit „Green Deal“ und „Kampf gegen die Pandemie“ versinkt. Verschuldung und Raub für Rüstung und Krieg könnten ein letzter, zerstörerischer Umweg zum selben Ergebnis sein.

Und doch: Es ist nicht das Kriegsgeschrei des Westens, das die meisten Menschen beunruhigt. Sogar sonst durchaus gefügige Regierungen der Länder des Trikonts lassen USA, NATO, EU und noch ein paar Länder mit ihrer Politik der Sanktionen schlicht „angelehnt“. Sorgen macht den Milliarden im größten Teil der Welt die mit den Ökokrisen, Seuchen und Kriegen mehr denn je spürbare Abhängigkeit großer Teile ihres Lebens von der zusammenbrechenden Globalisierung, von der Agrar- und Chemieindustrie und der Politik des großen Gelds im globalen Norden.

Im Trikont gewinnt eine Autonomiebewegung der agrarischen Gemeinschaften und der in die Städte und deren Umgebung vertriebenen Menschen und ihre Bemühungen um ein Leben jenseits der und gegen die Kapitalverwertung an Stärke, Erfahrung und Qualität. Widerstand gegen Landraub und Kommerzialisierung steigt. Und selbst in der Ländern des „Zentrums“, deren Bewohner noch an der globalen Kapitalherrschaft ein Stück weit partizipieren, regt sich schon der Gedanke und die Praxis solidarischen Lebens und Wirtschaftens. Den Funktionären des Kapitals mag es in ihrer Blindheit genügen, dass sie die von ihnen „nebenbei“ organisierte Zerstörung unserer Lebenswelt in Krieg und Klimakatastrophe als letzte spüren mögen. Dass sich aber Menschen dagegen nicht nur in Theorie, sondern vor allem auch in freundlich-kooperativer Praxis mit zäher List und Klugheit auflehnen, das könnte wirklich der Vorschein einer „neuen Epoche“ werden!

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