Care-Tätigkeiten

Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen

von Brigitte Kratzwald

Der russisch-deutsche Philosoph Boris Groys unternimmt in seinem jüngsten Buch „Philosophie der Sorge“ den Versuch, philosophische Denktraditionen unter dem Blickwinkel der „unterschiedlichen Arten von Beziehungen zwischen Fürsorge und Selbstsorge“ zu erkunden. Sein Fazit: Wir lebten derzeit in einem totalitären Regime der Sorge mit dem Ziel der Unsterblichkeit des Menschen. Der einzige Ausweg daraus ist laut Groys die Rückeroberung der Sterblichkeit. Nicht etwa die Akzeptanz ihrer Unverfügbarkeit, die eine Grundbedingung des Lebens ist, das wäre der Autonomie des Groys’schen Subjekts abträglich. Seine Proponenten entscheiden sich entweder für Selbstmord oder dafür, ihr Leben für jüngeres Leben zu opfern.

Die Abwertung der Sorgearbeit zieht sich durch das ganze Buch, wenn er auch durchaus erkennt, dass sie die Basis für alle anderen menschlichen Tätigkeiten ist. Gerade das ist ja die existenzielle Kränkung des männlichen Philosophen für den der defizitäre Körper, der immer umsorgt werden will, die volle Entfaltung des Individuums verhindert oder zumindest einschränkt. Vor diesem Hintergrund empfindet er Sorgetätigkeiten als „zutiefst frustrierend“. Ein Problem, das auch jenes von ihm kritisierte Gesundheitsregime lösen will, indem es den Körper mit technischen Mitteln optimiert. Groys hingegen wählt die paradoxe Intervention, das eigene Leben zurückzugewinnen, indem man es zerstört. Auch wenn er das möglicherweise bewusst provokant formuliert, kommt er damit dem Wesen der Sorgearbeit keinen Schritt näher, aber er befindet sich dabei in guter Gesellschaft. Carearbeit wurde und wird noch immer abgewertet und unsichtbar gemacht.

Dem widersprechen feministische Theorien des Sorgens, die mit dem Begriff Care gerade jene Tätigkeiten umschreiben, die notwendig sind, „damit das Leben weitergehen kann“. Dabei gestehen sie durchaus ein, dass unter den derzeitigen kapitalistischen Bedingungen Sorgetätigkeiten mühsam und frustrierend sein können. Trotz dieser schlechten Bedingungen, sei es in der Pflege, im Gesundheits- oder Bildungsbereich, entscheiden sich jedoch immer noch viele junge Menschen dafür, Care-Berufe zu ergreifen. Irgendetwas muss diesen Tätigkeiten also doch anhaften, das sie befriedigend oder sogar lustvoll macht. Feminist*innen geht es daher darum, die Rahmenbedingungen zu verbessern und immer mehr wird klar, dass das innerhalb der kapitalistischen Logik nicht möglich ist.

Bereits 1966 hat der amerikanische Ökonom Baumol nämlich dem Carebereich ein Problem bescheinigt: Er leide unter der Kostenkrankheit. Während man im Industriekapitalismus nach und nach viele Tätigkeiten rationalisieren oder ganz durch Maschinen ersetzen, und dadurch billiger machen konnte, wäre das bei persönlichen Dienstleistungen nicht möglich, wodurch diese im Verhältnis zu anderen Produkten immer teurer werden. Nun ist der Rationalisierungsdruck längst auch in diesen Sektoren angekommen und die dort Beschäftigten können ein Lied davon singen. Trotzdem werden nach wie vor steigende Gesundheits- und Pflegekosten beklagt.

Sorgearbeit mit Wachstumspotenzial?

Mit dem Ende des Industriekapitalismus und der zunehmenden Finanzialisierung des Wirtschaftssystems kam aber eine neue Perspektive dazu. Angesichts der zunehmenden Lebenserwartung erwartet man einen steigenden Bedarf an Pflege und so wurden der Pflege- und Gesundheitssektor als Zukunftshoffnung für Investoren aufgebaut. Was diese Privatisierung grundlegender Bedürfnisse für die Betroffenen bedeutet, wurde schon vielfach ausgeführt. Darauf soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden.

Hier interessiert viel mehr, dass Pflege, Gesundheit und Bildung auch von denen als Hoffnungsträger angesehen werden, denen klar ist, dass auf einem endlichen Planeten kein unendliches Wachstum möglich ist, die sich aber eine Wirtschaft ohne Wachstum auch nicht vorstellen können. Es sollten eben die ressourcenintensiven Sektoren schrumpfen, der Gesundheits- und Pflegebereich hingegen, der könne ja durchaus wachsen, das sei sogar positiv für die Gesellschaft, so die Argumentation. Nun ist es unbenommen, dass die aktuelle Pflegekrise dringend den Einsatz zusätzlicher finanzieller Mittel verlangt. Das Personal im Gesundheits-, Pflege- und Bildungsbereich gehört so aufgestockt und entsprechend bezahlt, dass ein qualitätsvolles Arbeiten möglich ist.

Aber, auch hier gibt es ein Optimum, eine Grenze, bei der das Wachstum kontraproduktiv wird. Es ist ein Trugschluss, davon auszugehen, nur weil Menschen älter werden, werden sie auch kränker, das trifft keineswegs für alle Gesellschaften zu. Gerade in Österreich ist der Unterschied zwischen Lebenserwartung und gesunden Lebensjahren im europäischen Spitzenfeld, Österreicher*innen leben zwar länger als die Menschen in vielen anderen Ländern, aber nur um länger krank zu sein. Das ist vor einigen Jahren sogar der Regierung aufgefallen und sie hat Gesundheitsziele entwickelt, die aber schon vor der Corona-Pandemie wieder schubladisiert wurden. Auf den Punkt gebracht heißt dauerhaftes Wachstum des Gesundheitssystems, dass auch die Patient*innen mitproduziert werden müssen. Gerade die Pandemiemaßnahmen und die darauf folgenden Impfkampagnen standen in krassem Gegensatz zum Konzept der Gesundheitsförderung und waren geradezu ein Musterbeispiel für die Produktion von Patient*innen (hier seien ausdrücklich die ersten Wochen, wo man noch kaum etwas über das neue Virus wusste, ausgenommen).

Die Ursache ist auch hier systemisch: Mit Gesundheitsförderung ist kein Profit zu machen. Eigentlich sollte das Ziel von Gesundheits- und Pflegedienstleistungen sein, sich möglichst überflüssig zu machen, das ist aber nicht mit der Marktlogik vereinbar. Dieses Problem teilt der Carebereich mit der Lebensmittelproduktion. Kleinbäuerliche, ökologische Landwirtschaft, ohne Kunstdünger, mit selbst vermehrtem diversem Saatgut, ernährt zwar einen Großteil der Menschen, ist aber für Investoren uninteressant, daher wird sie immer weiter zurückgedrängt.

Und das führt uns zum Kern der Sache, dem Kapitalismus. Dieser basiert auf einem dualistischen Weltbild, das Geist und Körper, Kultur und Natur, Mann und Frau gegenüberstellt, hierarchisiert und eine Seite davon zur Vernutzung und Verschmutzung freigibt. Nach dieser Logik sind alle Tätigkeiten, die Sorge für Menschen und die nichtmenschliche Umwelt leisten nicht profitabel, werden nicht oder schlecht bezahlt und werden zudem ständig konterkariert. Vielen Menschen ist inzwischen bewusst, dass sie mit nahezu allem, was sie in ihrer Lohnarbeit machen, Menschen oder Umwelt zerstören, nicht umsonst sagt Marianne Gronemeyer „Wer arbeitet sündigt“. In der – ohnehin immer weniger werdenden – Freizeit reparieren sie dann unbezahlt die angerichteten Schäden bis zur Erschöpfung.

Die ersten, die die unbezahlten und dadurch unsichtbaren Tätigkeiten ans Licht holten, waren in den 1980er Jahren die Bielefelderinnen Maria Mies, Claudia von Werlhof und Veronika Bennholdt-Thomsen mit ihrem Eisbergmodell des Wirtschaftens. Damit zeigten sie, dass der Teil der Wirtschaft, der mit Geld funktioniert und im Allgemeinen alleine als „die Wirtschaft“ bezeichnet wird, nur die Spitze eines Eisbergs ist. Diese als wertvoll angesehenen Tätigkeiten basieren jedoch auf der unbezahlten Arbeit von Frauen, auf Subsistenzwirtschaft und natürlichen Ressourcen, die gratis angeeignet werden und dieser Teil macht etwa 80 Prozent aller Wirtschaftsleistung aus, die – wie bei einem Eisberg – quasi „unter Wasser“ und deshalb unsichtbar sind. Sie nannten ihren Blickwinkel „Subsistenzperspektive“ und wurden im wissenschaftlichen Umfeld damit nicht ernst genommen.

Wirtschaft ist Care

In den letzten Jahren wurde das Thema unter dem Begriff „Care“ wieder aufgegriffen. Der Begriff erfuhr dabei einen Bedeutungswandel – von einem spezifischen Wirtschaftssektor zu einem Funktionsprinzip des Wirtschaftens oder einer Haltung, die hinter allem wirtschaftlichen Tun steht. Exemplarisch dafür steht die Bewegung Care Revolution, die aus der Krise des Caresektors entstand, aus den Pflegestreiks und Streiks der Kindergartenpädagoginnen, aber letztlich beim Entwurf eines Wirtschaftssystems landete, bei dem Care im Zentrum steht.

Schon davor stellte die Theologin Ina Praetorius fest: „Wirtschaft ist Care“. Sie beginnt ihren Essay wie Groys mit der griechischen Philosophie, von der das dualistische Denken seinen Ausgang nahm, das seit der Neuzeit zum dominierende Denkmodell des Westens wurde. Da dieses dualistische Denken die Abwertung der Carearbeiten und schließlich die Carekrise, in der wir uns heute befinden, hervorbrachte, sieht sie konsequenterweise die Lösung in einer Abkehr von diesem dualen Weltbild, die sie in verschiedenen Bereichen auch bereits wahrnimmt.

In dem von ihr vorgeschlagenen Modell einer „care-zentrierten Ökonomie“ ist Care nicht ein unterbezahlter, wenn auch unverzichtbarer Sektor in einer kapitalistischen Wirtschaft, sondern wird zum Grundprinzip alles Wirtschaftens. Das bedeutet, dass alle wirtschaftlichen Tätigkeiten der Befriedigung von konkreten Bedürfnissen dienen, das kann auch bedeuten, ein Bett oder ein Haus zu bauen oder einen Bus zu fahren. Die Befriedigung der Bedürfnisse aller ist ja, laut Eigendefinition in Ökonomielehrbüchern, der eigentliche Zweck von Wirtschaft, der aber im derzeitigen Wirtschaftssystem, wie wir alle wissen, weit verfehlt wird. Darum spricht Praetorius auch von der „Wiederentdeckung des Selbstverständlichen“. Wenn Careaktivitäten im Zentrum stehen und die Welt aus einer Care-Perspektive betrachtet wird, verschiebt sich das gewohnte Bild. Es wird „unter anderem die Illusion einer unabhängigen menschlichen Existenz obsolet“.

Und schließlich, auf die alltägliche Praxis bezogen, wenn wir alle Tätigkeiten so erledigen können, dass unsere Bedürfnisse ebenso wie die von anderen dadurch befriedigt werden und wir dabei keinen Schaden anrichten, sind solche Tätigkeiten in sich befriedigend. Praetorius verheißt uns eine „postdualistische Daseinsfreude“ und Freiheit „diesseits unaufhörlicher Optimierungs-, Aktivitäts-, Produktions- und Kaufzwänge“.

Caring with Nature/s – tauschlogikfrei

Mit der Frage, in welchem Verhältnis ökologische Fragen und Care zueinander stehen und wie wir Carekrise und Klimakrise gleichzeitig bearbeiten könnten, beschäftigt sich Daniela Gottschlich. Sie baut dabei auf die Arbeit von Joan Tronto zu „Caring Democracy“ auf. Das auch von Groys angesprochene Problem, dass Careverhältnisse leicht zu Dominanzverhältnissen werden können, dass Sorgetätigkeiten etwas Paternalistisches anhaftet, löst Tronto, indem sie zu dem „Sorgen um“ und „Sorgen für“ das „Sorgen mit“ einführt. Das verändert das Denken von einem hierarchischen, paternalistischen zu einem Denken in relationalen Kategorien. Indem Care im Zentrum steht, richtet sich die Aufmerksamkeit auf „Beziehungen, Verletzlichkeit, Emotionen und konkrete Alltagskontexte“. Gemeinsam sorgen wir dafür, dass alle Bedürfnisse erfüllt werden, alle beteiligen sich dabei an der Aufgabe, die Bedürfnisse aller zu befriedigen, in verschiedenen Lebensphasen in verschiedenen Rollen und verschiedenem Ausmaß, aber alle können Caregeber*innen und Careempfänger*innen sein.

Eine solche Haltung, so finden Gottschlich und ihre Kollegin Christine Katz, könnte auch geeignet sein, um den Umgang mit Natur (die von ihnen immer in der Mehrzahl, als Natur/en gedacht wird), neu zu gestalten. Um die nichtmenschliche Mitwelt in ein solcherart demokratisiertes Carekonzept einzubeziehen, ist es notwendig, die Menschen aus der Rolle der „Krone der Schöpfung“ zu lösen und als ein Lebewesen unter anderen zu sehen. Sie nennen dieses Konzept „Caring with Nature/s“. Auch sie gehen von einer feministischen Kritik des Naturverständnisses und der vorherrschenden Ökonomie aus und wenden sich vom Bild des autonomen Subjekts ab. Sie verorten dieses jedoch nicht nur in einem sozialen, sondern in einem sozial-ökologischen Kontext.

„Sorgen mit“ bedeutet in diesem Kontext, „für Bedingungen zu sorgen und diese zu erhalten, die es ermöglichen, dass Natur sich zum großen Teil selber überlassen bleibt, ,sein‘ und sich ohne Einmischung und Steuerung von außen entwickeln kann“. Solch ein relationales Naturverständnis orten sie bereits jetzt bei solidarischer Landwirtschaft oder naturnaher Waldbewirtschaftung. Der Ansatz „Caring with Nature/s“ ist keineswegs nur eine individuelle Handlungsethik, sondern taugt auch als Anregung zu kollektivem Handeln und demokratische Transformationspraxis.

Alle genannten Autorinnen sind sich einig, dass die Umsetzung einer solcherart care-zentrierten Wirtschaft nicht innerhalb des Kapitalismus möglich ist. Friederike Habermann geht hier noch einen Schritt weiter: Nicht nur den Kapitalismus gelte es zu überwinden, sondern überhaupt die Tauschlogik in jeder Form, da sie immer künstliche Knappheit und Konkurrenz herstelle und der Notwendigkeit bedingungsloser Bedürfnisbefriedigung entgegen stehe. Erst in einer tauschlogikfreien Gesellschaft könnten Caretätigkeiten ihr volles Potenzial entfalten.

Literatur:

Daniela Gottschlich: Warum Blühstreifen politisch sind – die Klimakrise aus feministischer Sicht, in: aep informationen, Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft, 1/2022, S. 50 ff.

Marianne Gronemeyer: Wer arbeitet, sündigt … Ein Plädoyer für gute Arbeit, Primus Verlag, 2012.

Boris Groys: Philosophie der Sorge, claudius Verlag, 2022.

Friederike Habermann: Ausgetauscht – warum gutes Leben für alle tauschlogikfrei sein muss, Ulrike Helmer Verlag, 2018.

Ina Praetorius: Wirtschaft ist Care oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen, Heinrich Böll Stiftung, 2015.

Joan Tronto: Caring Democracy, New York University Press, 2013.

Gabriele Winker: Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, Transcipt Verlag, 2015.

Gabriele Winker: Solidarische Care Ökonomie. Revolutionäre Realpolitik für Care und Klima, Transcript Verlag, 2021.

Eine österreichische Initiative, die sich für eine sorgende Gesellschaft einsetzt ist FAIR sorgen – Wirtschaften fürs Leben: https://fairsorgen.at/

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