Hart arbeiten?

von Franz Schandl

Völlig unbeeindruckt herrscht in der politischen Arena der Jargon der Arbeit. Ob das der ehemalige niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll ist, der in der ihm eigenen Penetranz stets „Hart arbeiten“ plakatieren ließ, oder Kurzzeitkanzler Christian Kern, der im abgelaufenen Wahlkampf nicht müde wurde, euphorisch von den „hart arbeitenden Menschen“ zu schwadronieren. Wir haben nicht nur zu arbeiten, wir haben hart zu arbeiten.

Die Figur des hart arbeitenden Menschen ist restriktiv, weil sie die edle Sorte der hart Arbeitenden gegen jene ausspielt, denen unterstellt wird nichts zu tun. Diese Figur und ihre Figuren treten nach unten und spucken nach oben. Wobei Spucken in diese Richtung schon das höchste der Gefühle darstellt, meist buckeln sie und lassen sich dann die Wintermärchen der Mehrwertigen reindrücken. Leistung muss sich lohnen, schreien auch die Minderwertigen. Die, die gar viel haben, sind tüchtig, denn sonst hätten sie nicht gar so viel.

Die permanente Verdächtigung, dass wir zu wenig leisten und uns rechtfertigen müssen, wo wir doch insbesondere durch Produktion und Produkte den Planeten gefährden, Menschen, Tiere, Pflanzen, Dinge ruinieren, ist absurd, ja debil. So denken Konformisten im Koma. Arbeiten meint schuften. Hart arbeiten meint sich blöd zu schuften. Hart arbeiten ist keine Tugend, sondern gemeingefährlicher Unsinn. Ein Fluch.

Hart ist die Arbeit. Hart ist das Leben. Hart. Hart. Hart. Was wie triviale Lyrik klingt, ist allerdings grausame Realität. Die Folge diverser Härtungen sind verhärtete Subjekte, die wenig bis nichts mehr spüren. Das Ziel der hart Arbeitenden ist ja nicht, dass es allen, also auch den anderen, besser geht – wo kämen wir da hin? – , nein, den anderen hat es gefälligst so zu ergehen wie einem selbst. Besser geht es einem nur, wenn es dem anderen noch schlechter ergeht, behauptet die dümmste aller Logiken. Doch sie regiert. Missgunst, Neid und Gier zeichnen die bürgerlichen Subjekte.

Hart Arbeiten ist eine Zumutung. Arbeit und Leistung, Karriere und Konkurrenz sind schwere Infektionskrankheiten des Kapitalismus. Ihnen zu entkommen ist schwierig. Wenn ich von mir sagen könnte, ich hätte mein Leben lang nie hart gearbeitet, dann wäre das durchaus fein. Leider ist dem nicht so. Zwar habe ich mich vor der Arbeit so oft wie möglich gedrückt, aber meine Möglichkeiten waren zu begrenzt, um mich dem schöpferischen Müßiggang, der emanzipatorischen Tätigkeit und sonstigen Leidenschaften und Lüsten hinzugeben. Es ist mir viel entgangen und viel weniger gelungen als für ein gelingendes Leben notwendig wäre. Derweil bin ich noch gut dran.

Wir leben in finsteren Zeiten: Die Angst vor dem Sozialmissbrauch ist größer als die Angst vor dem Sozialabbau. Dass der Sozialmissbrauch, was die finanzielle Dimension betrifft, absolut vernachlässigbar ist, resp. andersrum viel weniger Sozialleistungen abgeholt werden als abholbar wären, interessiert diese Neidgenossenschaft nicht. Bluten sollen die andern. Über die Einschränkung sozialer Leistungen für Asylwerber besteht jedenfalls Konsens der eingeborenen Ausgeburten weit über die Wählerschaft von FPÖ und ÖVP hinaus. Bedrohte Menschen verhalten sich zueinander keineswegs solidarisch, sondern feindselig.

So ist der Weg Richtung Hartz IV auch hierzulande nicht ausgeschlossen, befeuert und begrüßt auch von jenen, die am meisten gefährdet sind, aber es partout nicht schnallen wollen. Wenn es Asylwerbern schlechter geht, geht es Arbeitslosen nicht besser und wenn Arbeitslose schlechter gestellt werden, werden die schlecht bezahlten Arbeiter nicht besser gestellt. Die Vorletzten treten auf die Letzten so gerne hin wie die Vorvorletzten auf die Vorletzten.

„Unser Leben ist der Mord durch Arbeit, wir hängen 40 Jahre lang am Strick und zappeln, aber wir werden uns losschneiden“, schreibt Georg Büchner in Dantons Tod. Befreiung besteht darin, sich nur anzustrengen, wenn man sich anstrengen will. Kreativität und Muße haben Arbeit zu ersetzen. Dass wir dann nichts mehr tun, ist Humbug. Die Arbeit ist das Irrlicht der Moderne. Schalten wir es ab.

image_pdfimage_print