Arbeit und Arbeitslosigkeit

Zusammenhang – Identität – Differenz – Konkretion

von Franz Schandl

Was als Differenz gedacht wird, sollte auch als Identität gedacht werden. In den Grundrissen hat Karl Marx die Grundkonstellation Lohnarbeit-Kapital so beschrieben: „Die Arbeit ist nicht nur der dem Kapital gegenüberstehende Gebrauchswert, sondern sie ist der Gebrauchswert des Kapitals selbst. Als das Nichtsein der Werte als vergegenständlichter ist die Arbeit ihr Sein als nichtvergegenständlichter, ihr ideelles Sein; die Möglichkeit der Werte und als Tätigkeit die Wertsetzung. Dem Kapital gegenüber ist sie die bloße abstrakte Form, die bloße Möglichkeit der wertsetzenden Tätigkeit, die nur als Fähigkeit, Vermögen existiert in der Leiblichkeit des Arbeiters. Aber durch den Kontakt mit dem Kapital zur wirklichen Tätigkeit gebracht – aus sich kann sie nicht dazu kommen, da sie gegenstandlos ist – wird sie eine wirkliche wertsetzende, produktive Tätigkeit. (…) Durch den Austausch mit dem Arbeiter hat sich das Kapital die Arbeit selbst angeeignet; sie ist eins seiner Momente geworden, die nun als befruchtende Lebendigkeit auf seine nur daseiende und daher tote Gegenständlichkeit wirkt.“ (MEW 42, 219)

Klasse und Klassenkampf

„Die Proletarisierung ist erst mit der Zerstörung der autonomen Fähigkeiten der Arbeiter, ihre Existenzmittel zu produzieren, vollendet“, schreibt André Gorz (Abschied vom Proletariat. Jenseits des Sozialismus, Frankfurt 1980, 27).„Trennung des Eigentums von der Arbeit erscheint als notwendiges Gesetz dieses Austauschs zwischen Kapital und Arbeit“ (MEW 42, 217), so Karl Marx. Das klassische Proletariat verfügt sodann über keine Produktionsmittel mehr, außer über seine Arbeitskraft, die zu verkaufen es gezwungen ist, um existieren zu können. Die Ware, die es verkauft, ist die Ware Arbeitskraft. „Der Gebrauch der Arbeitskraft ist die Arbeit selbst. Der Käufer der Arbeitskraft konsumiert sie, indem er ihren Verkäufer arbeiten lässt. Letzterer wird hierdurch actu sich betätigende Arbeitskraft, Arbeiter, was er früher in potentia war.“ (MEW 23, 192) „Der letzte Punkt, worauf noch aufmerksam zu machen ist, in der Arbeit, wie sie dem Kapital gegenübersteht, ist der, dass sie als der dem als Kapital gesetzten Geld gegenüberstehende Gebrauchswert nicht diese oder jene Arbeit, sondern Arbeit schlechthin, abstrakte Arbeit ist; absolut gleichgültig gegen ihre besondre Bestimmtheit, aber jeder Bestimmtheit fähig. (…) Andrerseits ist der Arbeiter selbst absolut gleichgültig gegen die Bestimmtheit seiner Arbeit; sie hat als solche nicht Interesse für ihn, sondern nur soweit sie überhaupt Arbeit und als solche Gebrauchswert für das Kapital ist. Träger der Arbeit als solcher, d.h. der Arbeit als Gebrauchswert für das Kapital zu sein, macht daher seinen ökonomischen Charakter aus; er ist Arbeiter im Gegensatz zum Kapitalisten.“ (MEW 42, 218)

„Das Proletariat ist diejenige Klasse der Gesellschaft, welche ihren Lebensunterhalt einzig und allein aus dem Verkauf ihrer Arbeit und nicht aus dem Profit irgendeines Kapitals zieht; deren Wohl und Wehe, deren Leben und Tod, deren ganze Existenz von der Nachfrage nach Arbeit, also von dem Wechsel der guten und schlechten Geschäftszeiten, von den Schwankungen einer zügellosen Konkurrenz abhängt.“ (MEW 4, 363)Der Zusammenhang zwischen der Industrie und dem Auftreten des Proletariats ist laut Friedrich Engels ein ganz enger: „Das Proletariat ist entstanden durch die industrielle Revolution, welche in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in England vor sich ging und welche sich seitdem in allen zivilisierten Ländern der Welt wiederholt hat. Diese industrielle Revolution wurde herbeigeführt durch die Erfindung der Dampfmaschine, der verschiedenen Spinnmaschinen, des mechanischen Webstuhls und einer ganzen Reihe anderer mechanischer Vorrichtungen. Diese Maschinen, welche sehr teuer waren und also nur von großen Kapitalisten angeschafft werden konnten, veränderten die ganze bisherige Weise der Produktion und verdrängten die bisherigen Arbeiter, indem die Maschinen die Waren wohlfeiler und besser lieferten, als die Arbeiter sie mit ihren unvollkommenen Spinnrädern und Webstühlen herstellen konnten. Diese Maschinen lieferten dadurch die Industrie gänzlich in die Hände der großen Kapitalisten und machten das wenige Eigentum der Arbeiter (Werkzeuge, Webstühle usw.) völlig wertlos, so dass die Kapitalisten bald alles in ihre Hände bekamen und die Arbeiter nichts übrigbehielten. Damit war in der Verfertigung von Kleidungsstoffen das Fabriksystem eingeführt.“ (MEW 4, 363f.)

Eine Unterscheidung in eine Klasse an sich und eine Klasse für sich würden auch wir vorschlagen, aber anders als Edward P. Thompson (Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse (1963), Frankfurt 1987, 7ff.) oder Pierre Bourdieu nicht davon ausgehen, dass die reale Klasse erst als „mobilisierte Klasse, Ergebnis des Klassifizierungskampfs ist.“ (Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handeln. Aus dem Französischen von Hella Beister, Frankfurt 1998, 25) Bourdieu behilft sich übrigens damit, dass er zugesteht, dass die Klasse schon vorab „virtuell existieren“ (ebd., 26) muss. Zweifellos, der Kampf erschafft nicht die Klasse, er realisiert sie aber auf ganz bestimmte Weise, vor allem auch, weil er ihr ein Bewusstsein ihrer selbst gibt. Klasse ist also objektiv vorhanden, subjektiv erzeugt wird hingegen der Klassenkampf, in dem die Klassenmitglieder sich auf ihre Sonderinteressen kaprizieren und möglichst viel davon durchsetzen wollen. Das Ziel aller Sonderinteressen ist freilich das Geld, es geht stets um die Quantifizierung der verschiedenen Subjekte am Markt. Solange man die Arbeitskraft verkaufen kann, ist der Status des Klassenangehörigen via erfolgreicher Klassifizierung nicht in Frage gestellt.

Im Modus

Der obligate und grundlegende Modus der Arbeiterklasse ist die Arbeit. Arbeiter arbeiten, um Waren herzustellen und Lohn zu empfangen. Das Ringen um die Bedingungen der Arbeit geht über die unmittelbare Tätigkeit hinaus, gehört ihr nicht unmittelbar an, wenngleich mittelbar dazu. Aktivität und Aktion sind zu unterscheiden. Die Aktivität der Arbeiter ist die Arbeit, aber die Aktion der Arbeiter ist die Auseinandersetzung um die Arbeit, der Klassenkampf, der als Schnittstelle zwischen Ökonomie und Politik gelten kann. Die Arbeiterklasse realisiert sich in der Arbeit. Die Arbeiterbewegung allerdings realisiert sich erst im Klassenkampf. Zeugt Ersteres von objektiver Identität, so benötigt Letzteres eine subjektive Identifizierung mit der Rolle und deren Interessen. „Gegen das Kapital setzt sich das Proletariat affirmativ gerade als das, was das Kapital aus ihm gemacht hat.“ (Gorz 1980, 31)

Die meiste Zeit allerdings kämpft die Klasse nicht, sondern sie arbeitet. Klassenkampf ist auch gar nicht ohne Klassenkooperation zu denken. Das Klassenverhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer ist also auf Kollaboration ausgerichtet. Akkumulation von Kapital ist überhaupt nur vorstellbar in der praktischen Kooperation von Lohnarbeit und Kapital. Kollaboration ist, da mögen Konflikte auch noch so scharf und zugespitzt sein, immer wieder Resultat aller Klassenauseinandersetzungen. Das österreichische Modell der Sozialpartnerschaft hat nun auch versucht, den Klassenkampf zu formalisieren und Konflikte fast ausschließlich und ganz prinzipiell über den Verhandlungstisch zu kommunizieren und zu lösen. Das Spezifische ist übrigens nicht der sozialpartnerschaftliche Aspekt, der ist dem Klassenkampf immanent, sondern die Institutionalisierung desselben in einer Paritätischen Kommission für Preis- und Lohnfragen.

Karl Reitter benennt Widerstand, Flucht und Anpassung (Prozesse der Befreiung. Marx, Spinoza und die Bedingungen eines freien Gemeinwesens, Münster 2011, 122) als drei Strategien des Proletariats, dem Kapitalverhältnis gegenüberzutreten. Indes, diese Aspekte sind schwer oder gar idealtypisch zu scheiden und wohl jeder Proletarier hat schon alles ausprobiert. Diese Momente schließen sich im Konkreten nicht aus, wenn auch die jeweiligen Akzente unterschiedlich gesetzt werden. Indes, alle drei Formen sind immanente, auch der Widerstand ist nicht transzendent. Der Klassenkampf beschreibt lediglich die Oberfläche des Verwertungsprozesses, nicht dessen Fundament. Er kennzeichnet keinen antagonistischen Gegensatz, sondern eine immanente Funktionsentsprechung, die eben auch ihre internen Kollisionen kennt. Er meint vorrangig nichts anderes als die Konflikte, die sich aus diesen Positionierungen entwickeln. In unserem Fall geht es somit um den Kampf zwischen konstantem zu variablem Kapital (c:v) über das Verhältnis von Lohn zu Mehrwert (v:m).

„Die unerlässliche Bedingung für eine passable Lage des Arbeiters ist also möglichst rasches Wachstum des produktiven Kapitals“ (MEW 6, 411), schreiben Marx und Engels. Das Proletariat ist strukturell an das wachsende Kapital gekoppelt, somit auch an den Profit der Kapitalisten. „Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats.“ (MEW 23, 642)Bereits 1849 heißt es unmissverständlich: „Die Interessen des Kapitals und die Interessen der Arbeiter sind dieselben, heißt nun: Kapital und Lohnarbeit sind zwei Seiten ein und desselben Verhältnisses.“ (MEW 6, 411)„Vergegenständlichte Arbeit und lebendige Arbeit sind die beiden Faktoren, auf deren Gegenübersetzung die kapitalistische Produktion beruht. Kapitalist und Lohnarbeiter sind die einzigen Funktionäre und Faktoren der Produktion, deren Beziehung und Gegenübertreten aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise entspringt.“ (MEW 26.2, 148)

Der unscheinbare Begriff des unselbständig Erwerbstätigen offenbart auf entlarvende Weise mehr, als seinen Erfindern je bewusst gewesen ist. Er streicht nämlich den „freien Bürger“ gleich einmal entschieden durch. Er verrät die Unselbständigkeit der Nichtselbständigen. Lohnabhängig sagt aus, dass so definierte Subjekte abhängig sind vom Lohn, sich verdingen müssen, um leben zu können. Man sollte nicht vergessen, dass Menschen in die Lohnarbeit „hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert wurden“ (MEW 23, 765). Unterwerfung und Unterdrückung wurden nicht beseitigt, wie das der Liberalismus unterstellt, sondern lediglich auf eine andere Ebene gestellt. Aus persönlichen Abhängigkeiten wurden strukturelle. Erstere sind damit nicht verschwunden, aber sie agieren primär als Vermittler letzterer.

Verdammung zur Arbeit

Bei der Lohnarbeit stellt sich eine banale, aber meist ungestellte Frage, nämlich: Was passiert mit den Leuten, wenn sie in die Arbeit gehen? Nun, durch die pauschale Abgabe ihrer Arbeitskraft auf eine bestimmte Dauer entledigen sich diese Subjekte ihres bürgerlichen Status. Ihre Rechte werden in dieser Zeit tatsächlich sistiert, sie verlieren sie zwar nicht wie Sklaven oder Leibeigene, aber sie können sie in dieser Phase nicht ausüben, wollen sie ihres Status nicht verlustig gehen. Auf dem Markt ist der Arbeiter zwar ein Bürger, aber in der Arbeit ist der Arbeiter kein Bürger. Während Lohnabhängige ihren Job erledigen, stehen sie unter Kommando und Kuratel. Sie gehören sich nicht, sie gehorchen. Das gilt für die Fabrikhalle ebenso wie für das Büro. Es ist also nicht Übereinkunft und Verbindlichkeit, die dieses Verhältnis regelt, sondern Zwang und Unterwerfung. Arbeit ist Zwangsarbeit zwar nicht formell, aber materiell auf jeden Fall. „Die technische Unterordnung des Arbeiters unter den gleichförmigen Gang des Arbeitsmittels und die eigentümliche Zusammensetzung des Arbeitskörpers aus Individuen beider Geschlechter und verschiedenster Altersstufen schaffen eine kasernenmäßige Disziplin, die sich zum vollständigen Fabrikregime ausbildet und die schon früher erwähnte Arbeit der Oberaufsicht, also zugleich die Teilung der Arbeiter in Handarbeiter und Arbeitsaufseher, in gemeine Industriesoldaten und Industrieunteroffiziere, völlig entwickelt.“ (MEW 23, 446f.)

In der Arbeit ist der Mensch außer sich, ist Teil eines Betriebs, als dessen Glied er installiert ist. „Solange die maschinelle Arbeit glatt, das heißt: ohne Reibung zwischen Mensch und Maschine abläuft; solange der Arbeitende als ,Konvertit‘, als , Rad‘, linientreu mitfunktioniert, solange ist das Ich gar nicht ,bei sich‘, solange ist es überhaupt nicht, jedenfalls nicht als Ich. Erst in demjenigen Moment, da der Konformismus etwas zu wünschen übrig lässt, oder da die Arbeit schlagartig misslingt, kommt das Ich ,zu sich‘, erst dann begegnet es sich: nämlich als etwas Anstößiges: als Versager.“ (Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Bd I. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956, 91) Selbstbegegnung tritt als Störung auf. Als funktionale Dissonanz. Der Arbeiter wird hier als Charaktermaske gesetzt, nicht als Individuum.

Wenn die Leute in die Arbeit gehen, gehen sie aus ihrem Leben. Schon der junge Marx betonte, „dass die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen gehört, dass er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, dass, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher der Mensch sich entäußert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung.“ (Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), Leipzig 1974, 155) Das ganze Arsenal der Arbeitsreligion musste daher aufgeboten werden, diesen Zustand nicht als entfremdeten zu empfinden, sondern als natürlichen. Dabei war der industrielle Block aus Kapital und Arbeit durchaus erfolgreich. Was uns innerlich scheint, lediglich verinnerlicht wurde.

Halten wir kurz inne, auch wenn hier keine elaborierte Kritik der Arbeit folgen kann: Güter werden nicht durch die Arbeit geschaffen, sondern durch ihre Herstellung und Produktion, durch die Arbeit wird nur ihre vergleichende Inwertsetzung ermöglicht, kurzum ein Tauschwert realisiert. Diese Täuschung ist jedoch allen Mitgliedern der Gesellschaft geläufig und selbstverständlich, weil praktiziert und somit praktisch, sie erscheint nicht als analytische Denkleistung, sondern als synthetische Vorleistung, der per Vollzug nachzukommen ist. Sie denken, was sie tun, aber sie denken nicht, was sie tun.

Arbeit ist eben nicht eine konkrete Tätigkeit, die sich vollzieht, sondern die abstrakte Bezüglichkeit entspezifizierter Tätigkeiten zueinander, indem diese in Wert gesetzt werden und nur ihren Zweck erfüllen, wenn sie sich vermarkten oder doch durch ihre Mitgift diese Vermarktung substanziell ermöglichen. Güter sind Folge konkreter Aktivität, Geld ist Folge eines abstrakten Vergleichs. Und doch muss in der Warenwirtschaft das eine immer als das andere erscheinen, diese Verwechslung ist ein Grundpfeiler allen bürgerlichen Handelns und Handels.

Totalisierendes Prinzip

Heute dimensioniert das Formprinzip Arbeit den Inhalt allen Tuns (nicht nur der bezahlten Lohnarbeit!), verleiht ihm sozusagen einen Körper, der als dessen unabänderliche Gestalt erscheint. Was hingegen kreatives Schöpfen sein könnte oder emanzipatorisches Werken, lässt sich nur erahnen, bestenfalls negativ bestimmen, also sagen, was es nicht sein soll. Menschliche Tätigkeit kennt im kapitalistischen System und insbesondere in der deutschen Sprache bloß einen Namen: Arbeit. Das totalisierende Prinzip wird als totale Natur hingenommen. Auch Andrea Komlosy, die in ihrem neuen Band einen breiten Arbeitsbegriff vertritt, schreibt: „Der Begriff ‚Arbeit‘ drang in Bereiche vor, die ursprünglich dem ‚Werk‘ vorbehalten waren.“ (Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert, Wien 2014, 39) Gerade dass in den Arbeitsbegriff immer alles hineingepfercht, also Unzusammengehöriges vermengt wird, ist unabsichtliche Absicht, eine betäubende Leistung des Hausverstands. Die Lust, Holz zu hacken, und der Zwang, im Supermarkt Regale zu schlichten, sind hier eins. Die Differenzierung in „work“ und „labour“ macht durchaus Sinn.

Arbeit strukturiert auch den gesamten Alltag der Arbeiter. Die vorgegebenen Stunden bestimmen die Zeiten des Aufstehens, des Einkaufens, des Kochens und Essens, des Schlafens und der Ruhe und auch der meisten anderen Erledigungen und Unterlassungen, Erschwernisse und Versäumnisse. Der Großteil der Energie der Lohnarbeiter fließt in ihre Arbeit. Da ist nichts mit Freiheit und Aussuchen. Worauf man sich zu konzentrieren hat, ist vorgegeben. Der ganze Tagesrhythmus folgt dem Rhythmus des Kapitals.

Es gibt keine Übereinkunft über herstellbare Produkte oder aufzustellende Leistungen, sondern eine Übereignung durch Abgeltung, aus der das Kapital aber seine Verfügung und Aneignung ableitet. (Vgl. MEW 42, 219ff.) Es zahlt, daher schafft es an. Natürlich kann man einwenden, dass das nicht stimmt, weil eigentlich umgekehrt; doch unsere allgemeine Vorstellungen von Geben und Nehmen ist eben eine verkehrte, das drücken schon die zu Bestimmungen gewordenen Formulierungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aus, wo alles absichtlich verwechselt wird, was nur vertauscht werden kann. In dieser Sprache fungieren die Ausgebeuteten oder Ausgenommen tatsächlich als Nehmer. Das konventionelle wie konsensuale Vokabular bestätigt diesen Unsinn in jeder Aussage. Schon Friedrich Engels verwahrte sich übrigens im Vorwort zum Marxschen „Kapital“ gegen „jenes Kauderwelsch, worin z. B. derjenige, der sich für bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben lässt, der Arbeitgeber heißt, und Arbeitnehmer derjenige, dessen Arbeit ihm für Lohn abgenommen wird“ (MEW 23, 34). Dieser Kauderwelsch beherrscht jedoch die Sprache, nicht nur die des Alltags, sondern auch die der Politik, Medien und sogar der Wissenschaft, auch wenn es sich um totalisierende Nonsensbegriffe handelt. Tendenziell totalitär sind sie deswegen, weil wir uns nicht aussuchen können, sie zu verwenden oder nicht zu verwenden. Sie verwenden uns, weil sie in Verwendung stehen.

Verdammung und Verdummung

Auf jeden Fall meint Lohnarbeit Arbeitszwang. Lohn ist notwendig, um an Lebensmittel zu kommen. Wer Lohn benötigt, ist gezwungen, sich am Markt zu verdingen und in den Fabriken zu schuften. Dieser Druck zeichnet das Proletariat aus, er ist sein Stachel. Arbeit kann daher als ständiger Zwang zur Verdingung gelten. „Eine andre Quelle der Demoralisation unter den Arbeitern ist die Verdammung zur Arbeit“, schreibt Friedrich Engels in seiner klassischen Studie zur Lage der englischen Arbeiterklasse. „Wenn die freiwillige produktive Tätigkeit der höchste Genuss ist, den wir kennen, so ist die Zwangsarbeit die härteste, entwürdigendste Qual. Nichts ist fürchterlicher, als alle Tage von morgens bis abends etwas tun zu müssen, was einem widerstrebt. Und je menschlicher der Arbeiter fühlt, desto mehr muss ihm seine Arbeit verhasst sein, weil er den Zwang, die Zwecklosigkeit für ihn selbst fühlt, die in ihr liegen. Weshalb arbeitet er denn? Aus Lust am Schaffen? Aus Naturtrieb? Keineswegs. Er arbeitet um des Geldes, um einer Sache willen, die mit der Arbeit selbst gar nichts zu schaffen hat, er arbeitet, weil er muss, und arbeitet noch dazu so lange und so ununterbrochen einförmig, dass schon aus diesem Grunde allein ihm die Arbeit in den ersten Wochen zur Qual werden muss, wenn er noch irgend menschlich fühlt. Die Teilung der Arbeit hat die vertierenden Wirkungen der Zwangsarbeit überhaupt noch vervielfacht.“ (MEW 2, 346)

Engels beschreibt die Geschichte der modernen Fabrik als die Erzählung von Schreckenshäusern, wo um des Profites Willen, systematisch Menschen geopfert werden. Karl Marx spricht wiederum ganz drastisch vom „Vampyrdurst nach lebendigem Arbeitsblut“ (MEW 23, 271). Eine Kritik der Fabrik und des Fabriksystems ist unerlässlich. Man braucht heute nur einschlägige Sendungen über die Arbeitsverhältnisse in der indischen oder chinesischen Textilindustrie anzusehen, um zu begreifen, dass solche Zustände noch nicht überwunden sind, sondern sogar zugenommen haben. Die Konkurrenzfähigkeit dieser Betriebe liegt gerade in diesem menschenfeindlichen System. Eine prinzipielle Kritik daran kommt freilich selten aus den traditionellen Arbeiterparteien oder Gewerkschaften, da deren Aufstieg wie auch ihr Bestand direkt an das Fabriksystem geknüpft sind, sozusagen unmittelbare Folge der großen Industrie und der Konzentration der Arbeiterschaft darstellen. Die Arbeiterklasse ist eine, ja die industrielle Klasse. Ohne Industrie kein Proletariat, ohne Proletariat keine Industrie.

Doch nicht nur die Verdammung zur Arbeit spricht Engels an, auch die Verdummung durch die Arbeit ist ihm ein zentrales Thema. „Man kann wirklich keine bessere Methode zur Verdummung erfinden als die Fabrikarbeit“ (MEW 2, 398), schreibt er. „Überall wendet man Maschinen an und vernichtet dadurch die letzte Spur der Unabhängigkeit des Arbeiters. Überall löst sich durch die Arbeit der Frau und der Kinder die Familie auf oder wird gar durch die Brotlosigkeit des Mannes auf den Kopf gestellt; überall liefert die Unvermeidlichkeit der Maschinerie dem großen Kapitalisten das Geschäft und mit ihm die Arbeiter in die Hände.“ (425f.) „Die eigentliche Manufaktur unterwirft nicht nur den früher selbständigen Arbeiter dem Kommando und der Disziplin des Kapitals, sondern schafft überdem eine hierarchische Gliederung unter den Arbeitern selbst. Während die einfache Kooperation die Arbeitsweise der einzelnen im großen und ganzen unverändert lässt, revolutioniert die Manufaktur sie von Grund aus und ergreift die individuelle Arbeitskraft an ihrer Wurzel. Sie verkrüppelt den Arbeiter in eine Abnormität, indem sie sein Detailgeschick treibhausmäßig fördert durch Unterdrückung einer Welt von produktiven Trieben und Anlagen, wie man in den La-Plata-Staaten ein ganzes Tier abschlachtet, um sein Fell oder seinen Talg zu erbeuten. Die besondren Teilarbeiten werden nicht nur unter verschiedne Individuen verteilt, sondern das Individuum selbst wird geteilt, in das automatische Triebwerk einer Teilarbeit verwandelt und die abgeschmackte Fabel des Menenius Agrippa verwirklicht, die einen Menschen als bloßes Fragment seines eignen Körpers darstellt.“ (MEW 23, 381f.)

Stets gilt: Die Arbeiter richten sich nach der Maschine, nicht die Maschine nach den Arbeitern. „Aus der lebenslangen Spezialität, ein Teilwerkzeug zu führen, wird die lebenslange Spezialität, einer Teilmaschine zu dienen.“ (MEW 23, 445) „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus, unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt.“ (MEW 23, 445)

„Während die Maschinenarbeit das Nervensystem aufs äußerste angreift, unterdrückt sie das vielseitige Spiel der Muskeln und konfisziert alle freie körperliche und geistige Tätigkeit. Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt. Aller kapitalistischen Produktion, soweit sie nicht nur Arbeitsprozess, sondern zugleich Verwertungsprozess des Kapitals, ist es gemeinsam, dass nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet, aber erst mit der Maschinerie erhält diese Verkehrung technisch handgreifliche Wirklichkeit. Durch seine Verwandlung in einen Automaten tritt das Arbeitsmittel während des Arbeitsprozesses selbst dem Arbeiter als Kapital gegenüber, als tote Arbeit, welche die lebendige Arbeitskraft beherrscht und aussaugt.“ (MEW 23, 445f.)

Fabrik als Emanzipation

Und doch lässt sich die Proletarisierung breiter Schichten nicht einfach als Abstieg und Verelendung beschreiben, sondern auch als Umstieg und in vieler Hinsicht sogar als Aufstieg.

Vergessen werden darf nicht, dass die Fabrik die Möglichkeit darstellte, der patriarchalen Ganztagsherrschaft in der Landwirtschaft zu entfliehen. Insbesondere für Frauen. Die Fabrik bedeutete in gewissem Maß die Überwindung von ständischen und patriarchalen Verhältnissen. Fabriksarbeit hieß eigenes Geld, das einem monatlich (zuerst per Lohntüte zugesteckt, dann auf das Konto überwiesen) und verlässlich zustand und über das man auch (zumeist) individuell verfügen konnte. Das Lohnverhältnis transformierte die persönliche Abhängigkeit in ein doch sachliches (und vermeintlich stabiles) Geschäftsverhältnis. Es baute auf dem Kollektivvertrag und war nicht auf Bitte und Gnade ausgerichtet, sondern basierte auf Vereinbarungen mit verbindlichem, ja gesetzlichem Charakter.

Die Fabrik stand für eine Rationalisierung der Lebensverhältnisse, die strikte Trennung der Arbeitszeit von der Reproduktionszeit und der Freizeit wurde als sektorale Befreiung wahrgenommen, da man nur noch zu bestimmten Zeiten zur Verfügung zu stehen hatte. Dies war in Zeiten streng geregelter Arbeitszeit sogar ausgeprägter als in Zeiten zunehmender Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Man hatte Anspruch auf Lohn, Urlaub, Krankengeld und bestimmte soziale Sicherheiten. Anders als in der agrarischen, kleingewerblichen und kleinhäuslerischen Sphäre war man außerhalb der Arbeitszeit nicht einem Obrigkeitsverhältnis ausgeliefert, sieht man von obligaten weiblichen Zuordnungen der Reproduktion (Kochen, Putzen, Zusammenräumen, Waschen) und der Kindererziehung ab.

Die Befreiung war aber ganz eigenartiger Natur: Nicht in der Arbeit wurde man durch die Arbeit frei, sondern durch den Verkauf der Arbeitskraft gewann man außerhalb der Arbeit frei verfügbare Zeit, in besonderer Weise wurde man dort unabhängig oder besser vielleicht: individuell disponibler. Die Arbeit befreite also die Leute außerhalb der Arbeit, eben weil sie Lebenswelt und Arbeitswelt strikt trennte. Das Fabriksregime war absolut nur in der Fabrik, darüber hinaus setzte es zwar implizite Dominanzen (vor allem im Konsumverhalten), übte aber keine explizite Macht aus, sondern bot Freizeit als Freiheit (wenn auch primär für den Konsum). So verpflichtete die Fabrik die Arbeiter weder zum Kirchgang, noch verbot sie ihnen bestimmte Genüsse oder Liebschaften. Und sie mobilisierte die Beschäftigten über den kleinen Radius von Scholle und Eigenheim hinaus. Bei aller Ambivalenz war ein bestimmtes Maß an Attraktivität, vergleicht man es mit den vorhergehenden Gepflogenheiten auf Hof und Keusche, nicht abzustreiten. Was der Kapitalismus von seinen Insassen verlangte, nämlich Geld zu haben, das wurde durch das Einkommen in der Erwerbsarbeit gewährleistet. Viele junge Arbeiterinnen und Arbeiter haben das (vorerst) so empfunden.

Lohnabhängig zu sein, heißt auch andere Abhängigkeiten hinter sich zu lassen. Es ist eine Fessel, die von anderen Fesseln befreit, nicht vollständig, aber doch elementar. Man konnte der Familie entfliehen, der angestammten Repression und Autorität, der Gratisarbeit im Stall und auf den Feldern, und schließlich dem Katholizismus und seinem engen, von Verbot und Gebot gezeichneten Verhaltenskodex, der stets schlechtes Gewissen erzeugte. Das Verhältnis zur herrschenden Religion minimierte sich zusehends. Schon lange vor den großen Austrittswellen war die Kirche für die meisten Arbeiter (mehr als für die Arbeiterinnen) nur noch Folklore (Taufe, Hochzeit, Begräbnis).

Der Glaube war kaum noch mit den konventionellen Verpflichtungen und Haltungen (Kirchgang, Beichte, Unauflöslichkeit der Ehe, kein vorehelicher Geschlechtsverkehr) verbunden. Die Lohnarbeit ermöglichte so auch die vom Subjekt vollzogene Auflösung und Überwindung von einst starren mentalen und sozialen Abhängigkeiten. Scheidungen wurden mit der Zeit nicht nur toleriert, sondern zunehmend akzeptiert. Die obligate Diskreditierung von Geschiedenen verlor ihre verächtliche Schärfe. Ebenso führten Schwangerschaften nicht sogleich zu Zwangsheirat und Zwangsehe. Uneheliche Kinder, einst mit Schande verbunden, wurden nun mehr und mehr als gleichwertig akzeptiert. Weiters wurde in dieser Phase die Abtreibung legalisiert.

Vor allem in Perioden, in denen die sozialen Errungenschaften zugenommen haben und die Löhne stiegen, war das Fabriksregime kaum oder besser noch: überhaupt nicht Gegenstand substanzieller Debatten und Ansprüche. Es wurde in keiner Weise in Frage gestellt, man kämpfte nur für bessere Bedingungen innerhalb des Betriebs, für höhere Löhne, längere Urlaube, Fahrzuschüsse, bezahlte Pausen und Arbeitskleidung. In Zeiten der Hochkonjunktur war die Unternehmerseite in vielen Punkten konziliant, nicht primär aus menschenfreundlichen Überzeugungen, sondern aus betriebswirtschaftlichem und sozialpartnerschaftlichem Kalkül, die besagen, dass eine zufriedene Arbeiterschaft zum Gelingen der Betriebsziele durchaus mehr beiträgt als eine, auf die das nicht zutrifft.

„Nur durch kollektives Handeln können Arbeiter eine gewisse wirksame Kontrolle über ihre Ware – das heißt effektiven Warenbesitz – erlangen“, schreibt Moishe Postone (Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg 2003, 479). Das effiziente Handeln ist aber nur möglich, wenn das Kollektiv kollektiv handelt und nicht das Individuum individuell, d.h. wenn dieses System Abweichungen nicht zulässt oder doch minimiert. Das Kollektiv bedarf Rigidität nach innen, um Autorität zu demonstrieren und letztlich Stärke nach außen etablieren zu können. Der solidarische Zusammenschluss folgt also einer Willigkeit, die nicht immer eine Freiwilligkeit darstellt. Ins Wanken geriet dieses Modell nicht aufgrund innerer Demokratiedefizite (mangelnde Transparenz, kaum Partizipation), sondern vor allem aufgrund der mangelnden Effizienz in den späteren Jahren.

Arbeitslosigkeit als Entwertung

Arbeitslosigkeit ist historisch ein relativ junges Phänomen. In allen bekannten Gesellschaften gab es verelendete Gruppen und Personen, aber nicht in allen Gesellschaften gab es Arbeitslose. Sklaven und Leibeigene waren weder Arbeiter noch Arbeitslose. Arbeitslos, das sagt schon der Begriff, ist eng mit der Kategorie Arbeit verbunden, wie sie unselbständig Erwerbstätige auszuüben haben. Arbeitslosigkeit ist somit erst mit Lohnarbeit und Kapital entstanden. Erst wenn es freie Arbeiter gibt, gibt es auch freigesetzte Arbeitslose. Die betroffenen Personen können als potenzielle Arbeitskraftverkäufer bezeichnet werden, die ihren Gebrauchswert nicht verkaufen können, jedoch über kein anderes Produktionsmittel als ihre Arbeitskraft verfügen. In den obligaten Statistiken scheinen sie allerdings nur dann auf, wenn sie Anrecht auf Arbeitslosengeld besitzen.

Der Arbeitslose wird durch den Arbeiter definiert. Aber ein Arbeiter, der seine Arbeitskraft nicht verkaufen kann, ist kein Arbeiter. Aber was ist er dann? Nun, er ist etwas im Konjunktiv. Er ist etwas, weil er etwas nicht ist, was er sein sollte. Arbeitslosigkeit ist Ausdruck der Misere der Arbeit. Arbeitslosigkeit gehört zur Arbeit, die es nun für die Arbeitskraft nicht mehr gibt. Die Unverdinglichkeit des Sich-zu-Verdingenden wird dabei offensichtlich. Und natürlich ist sie ein großes Problem, wenn das Verdingen höchste Pflicht ist. – Allerdings nur dann!

Karl Marx schreibt: „Wachstum in der Anzahl der Fabrikarbeiter ist also bedingt durch proportionell viel raschres Wachstum des in den Fabriken angelegten Gesamtkapitals. Dieser Prozess vollzieht sich aber nur innerhalb der Ebb- und Flutperioden des industriellen Zyklus. Er wird zudem stets unterbrochen durch den technischen Fortschritt, der Arbeiter bald virtuell ersetzt, bald faktisch verdrängt. Dieser qualitative Wechsel im Maschinenbetrieb entfernt beständig Arbeiter aus der Fabrik oder verschließt ihr Tor dem neuen Rekrutenstrom, während die bloß quantitative Ausdehnung der Fabriken neben den Herausgeworfnen frische Kontingente verschlingt. Die Arbeiter werden so fortwährend repelliert und attrahiert, hin- und hergeschleudert, und dies bei beständigem Wechsel in Geschlecht, Alter und Geschick der Angeworbnen.“ (MEW 23, 477)

Von struktureller Arbeitslosigkeit sprechen wir dann, wenn die Repulsion durch die Attraktion am Arbeitsmarkt nicht mehr in absehbarer Frist ausgeglichen werden kann. Strukturelle Arbeitslosigkeit bedingt auch (anders als die friktionale, die konjunkturelle oder die saisonelle) den sukzessiven Zerfall des Klassenzusammenhangs und der geübten Solidarität, sei diese nun Folge von Wille, Einsicht oder auch Zwang. Strukturelle Arbeitslosigkeit zersetzt so auch die substanzielle Kraft jeder aktiven Arbeiterschaft. Strukturelle Arbeitslosigkeit meint, dass das Angebot an Arbeitskräften stets und anhaltend größer ist als die Nachfrage ist. Arbeitslosigkeit ist von einem Randphänomen zu einem Zentralproblem geworden, also von einem akuten Affekt der Wirtschaft zu einem chronischen Effekt der Ökonomie. Arbeitslosigkeit ist keine konjunkturelle, sondern eine strukturellen Größe.

Arbeit wie Arbeitslosigkeit definieren sich durch die Lohnarbeit. Einmal ist sie vorhanden und eingelöst, das andere Mal ist sie abwesend, aber doch bestimmend. Wenn man Arbeit und Arbeitslosigkeit somit nicht als sich wechselseitig ausschließendes Gegensatzpaar hypostatisiert, dann gilt der Tendenz nach zweifellos folgendes: Arbeitslosigkeit konkurrenziert und atomisiert, während Arbeit konkurrenziert und solidarisiert. Arbeit ist nämlich auf Kooperation und Kommunikation angewiesen. Arbeit konstituiert nicht nur konkurrenzistische Subjekte, sondern fördert auch die Anteilnahme am Anderen: Man hilft sich, erkundigt sich, unternimmt auch außerhalb der Arbeit gemeinsam etwas, lernt die anderen nicht nur als Arbeiter, sondern auch als Menschen mit vielfältigen Bedürfnissen kennen. Arbeitslosigkeit hingegen birgt dieses Potenzial kaum, man ist nicht aktiv, sondern erleidet etwas. Arbeitslosigkeit beherbergt so meist eine seltsame Art von Lethargie. Diese Lethargie sollte nicht mit Gelassenheit verwechselt werden.

Arbeitslos bedeutet also nicht, dass man ganz profan nichts zu tun hätte, sondern dass man keiner bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen kann, obwohl man gerade diese benötigt, um den Lebensunterhalt zu sichern. Der Arbeiter, der nicht mehr Arbeiter ist, will Arbeiter sein, weil er Arbeiter sein muss. Der Arbeitslose ist der eben nicht verwertbare Arbeiter, der seines gesellschaftlichen Marktstatus verlustig geht. Da er kein Verkäufer mehr ist, hört er auch auf, Käufer zu sein.

Arbeitslos zu sein, heißt, dass sich ein Warentausch (Arbeitskraft gegen Lohn) nicht oder nicht mehr vollziehen kann. Das Kaufen und das Verkaufen einer Ware hat aufgehört. Die Ware Arbeitskraft verliert somit ihren Warenstatus. Aus der Potenz ist Impotenz geworden, vornehmlich die Impotenz ihrer gesellschaftlichen Träger, der nunmehrigen Nicht-Arbeiter. Gemeinhin wird sodann ein Status des Käufers ohne Verkäufer zu sein durch Alimentierung (Arbeitslosenbezug, Sozialhilfe, sonstige Unterstützungen) wieder notdürftig hergestellt. Arbeitslosigkeit ist also kein Mangel an Tätigkeit, sondern ein gesellschaftlich bedingter Mangel an Kaufkraft, sprich Geld. Man gehört nicht so recht dazu, weil man seine Pflicht als Geldsubjekt, d.h seine Pflicht als Käufer von Arbeitsleistungen und Verkäufer von Arbeitskraft nicht erfüllen kann. Der Arbeitslose ist der entwertete Arbeiter.

Arbeitslosigkeit und Qualifizierung

Einem Mythos muss freilich entgegen getreten werden, nämlich dem, dass Qualifizierung Arbeitslosigkeit verhindere. Ein einzelner mag einen Arbeitsplatz nicht besitzen, weil er zu wenig ausgebildet ist, doch hätte er die nötige Qualifikation, hieße das bloß, dass er den Arbeitsplatz hätte, den nun ein anderer eben nicht mehr hat. Es gibt also keinen Arbeitsplatz zusätzlich, wenn der besser Qualifizierte ihn dem schlechter Qualifizierten wegnimmt. Im Gegenteil, es ist davon auszugehen, dass je mehr dieses Spiel der Konkurrenz gespielt wird, es nicht mehr, sondern insgesamt weniger bezahlte Jobs gibt. Qualifizierung funktioniert als eherner Faktor der Rationalisierung. „Du kannst es schaffen“, ist eine vordergründige Möglichkeit, die aber hinterrücks im Prinzip nichts anderes heißt als „Schaffe es, andere abzuschaffen!“. „Aus Drei mach Zwei, aus Zwei mach Eins, so geht das Hexeneinmaleins.“

Eine Standardaussage wie „Unterdurchschnittlich qualifizierte Arbeitskräfte werden zuerst und unverhältnismäßig stark von Arbeitslosigkeit betroffen“, müsste in ihren Aspekten kritisch überprüft werden. Jene suggeriert, dass, wäre die Ausbildung besser, man weniger betroffen wäre. Doch das stimmt so nicht. Hypothesen dieser Sorte haben zwar vordergründig eine hohe Plausibilität, schrammen jedoch an der Problemlage vorbei.

Nun ist es zwar richtig, dass man weniger betroffen wäre, aber keinesfalls, dass weniger betroffen wären. Wären die Leute nämlich besser ausgebildet, wären realistischerweise nicht diese arbeitslos, sondern andere. Wären aber auch letztere besser geschult, dann hilft allen zusammen die Ausbildung wenig. Im Gegenteil: Je besser sie ausgebildet sind, desto mehr Arbeitsplätze schaffen sie wiederum ab, weil sie produktiver sind. Denn besser ausgebildete Kräfte erledigen in kürzerer Zeit ein größeres Pensum. D.h. aber auch, dass sie sich selbst wegrationalisieren, da man nun für das gleiche Ergebnis weniger Arbeitsleistung und somit Arbeitskräfte braucht. Nach wie vor gilt, dass Produktivität Arbeitsplätze frisst.

Fazit: Wären die Leute insgesamt besser geschult, wäre die Arbeitslosigkeit nicht niedriger, sondern höher, weil produktiver gearbeitet werden könnte. Die Chancen Einzelner erhöhen sich zwar, aber die Chancen aller sinken. Ausbildung ist also immer ein Rationalisierungsmoment, weil die zusätzliche Qualität das notwendige Quantum an Arbeit und Arbeitskraft für dasselbe Produkt oder dieselbe Leistung minimiert. Es werden sodann mehr Verlierer als Sieger kreiert. Indes, tut man nichts, gibt es unmittelbar nur Verlierer. So ist es immanent logisch, solche Aussagen zu treffen und sich so zu verhalten, als wäre es geradewegs so, wie es nicht ist. Insgesamt ist es ein Wettlauf, bei dem es zwar Sieger gibt, aber die Verlierer immer mehr werden.

In der Konkurrenz mag einer oder eine seine oder ihre Haut retten, aber sie wird gerettet, weil sie anderen gegerbt wird. Survival of the fittest heißt, die Schwächeren werden nicht mitgenommen, sie kommen vielmehr unter die Räder. Ausbildung mag dem Einzelnen helfen, am Grundproblem ändert sie gar nichts. Selbst wenn sie an einem Standort überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze rettet oder gar kreiert, heißt das nur, dass sie anderswo vernichtet werden. Auf globaler Ebene kann es übrigens auch sein, dass ein gut Ausgebildeter durch einige schlecht Ausgebildete ersetzt wird, weil diese billiger kommen, also zu einem Bettel arbeiten. Aber das ist nicht die generelle Tendenz. Sie sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Verschwinden von Arbeit und Klasse

Es ist ein doppeltes Verschwinden. Einerseits verschwinden die Arbeiter tatsächlich. Fulltimejobs in den Fabriken und in den Gewerben nehmen ab und auch die damit verbundene Selbsteinschätzung, ein Arbeiter, eine Arbeiterin zu sein. In der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden aber auch jene, die es tatsächlich noch gibt. Die, die man noch sehen könnte, übersieht man geflissentlich. Das Proletariat ist in doppelter Hinsicht keine relevante Klasse mehr. Es wird als gesonderte Identität (Arbeiterklasse, Arbeiterbewegung, Arbeiterpartei, Gewerkschaft) immer weniger wahrgenommen. Auch von sich selbst nicht. Realität und Verdrängung gehen in die gleiche Richtung. Das Hochhalten irgendwelcher Fahnen, Rituale, Muster ist nur noch ein historisches Hintergrundrauschen, ein retrospektiver Bezug, geprägt von einer latenten, aber abnehmenden Nostalgie. Kurzum Folklore.

Die alte objektive Identität ist im Zerbrechen begriffen, und zwar in allen Bereichen. Arbeiter verschwinden reell wie virtuell. Positiv ist heute ausschließlich der Begriff des Bürgers (der nicht nur den Besitzbürger, also den Bourgeois meint) besetzt, der alle umfassen soll, weil auch alle sich ihm zugehörig fühlen wollen. Der Begriff des Arbeiters hingegen hat keine Zugkraft mehr, als Prolet ist er eindeutig negativ besetzt. Daraus ist wieder ein undifferenziertes Schimpfwort für einen ungehobelten und primitiven Kerl geworden. Die Arbeiter werden, auch wenn sie welche sind, nicht mehr als solche klassifiziert. Das gilt für die Außenwahrnehmung wie für die Innensicht. Arbeiter scheint keine tragfähige oder deutlicher sogar: tragbare Kategorie zu sein. Alle sind Bürger geworden und so soll auch nur mehr von solchen die Rede sein.

So verschwinden zwar die Arbeit und mit ihr die Arbeiter, was hingegen nicht verschwindet, ist die Ideologie der Arbeit. Das Bekenntnis zu ihr bleibt unangetastet, ja es mobilisiert auf erschreckend aggressive Weise. Während die Arbeit sich real abschafft, hat sie für alle Zukunft zu gelten. Wird das Leid der Arbeit immer wieder kollektiv verdrängt, so wird das Lied der Arbeit immer noch unisono angestimmt. Dieses ist ja auch nicht nur das Lied einer Klasse, sondern überhaupt der Kanon der bürgerlichen Gesellschaft. Die Arbeiterbewegung hat es nur mit größter Inbrunst angenommen und für sich geradezu in einen kultischen Status überführt.

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