Home Stories

Aus den gezinkten Märchenbüchern der Streifzüge-Redaktion

von Maria Wölflingseder, Martin Scheuringer, Severin Heilmann, Ricky Trang, Lorenz Glatz, Petra Ziegler, Franz Schandl

Schreiben hilft

von Maria Wölflingseder

Ja, so etwas! Neben dem Gründer der Streifzüge, Franz Schandl, bin ich von den aktuellen Mitarbeitenden die einzige, die von Anbeginn dabei ist. Franz kannte mich aus der Weg und Ziel-Redaktion, in die er von Julius Mende eingeladen wurde, und in der ich die Koordination machte.

1996 wurde ich Streifzüge-Redakteurin, weil ich bereits seit zehn Jahren publizierte. In den letzten zehn Jahren publizierte ich jedoch fast nur noch, weil es die Streifzüge gibt.

Die Geschichte meines Publizierens spiegelt geradezu ein plakatives Sittenbild wider. 1987 arbeitete ich an meiner Dissertation zum Thema Analyse und Ideologiekritik esoterischer, neo-religiöser und biologistischer Strömungen. Diese überschwemmten damals den Markt und die Köpfe der Menschen. Sie lösten die weitläufigen, im Zuge der 68er-Bewegung entstandenen, vielfältigen, kritischen und emanzipatorischen Ansätze endgültig ab. Letztlich waren sie Wegbereiter und Folge des Neoliberalismus.

Nach der Veröffentlichung einer dreiteiligen Artikelserie riss das Interesse an meiner Arbeit über zehn Jahre lang nicht mehr ab. Damit hatte ich weder gerechnet, noch geplant, mich mit diesem Thema so lange zu beschäftigen. Aber es folgte aus dem In- und Ausland Einladung um Einladung, Artikel und Buchbeiträge zu schreiben, Vorträge zu halten und Vortragsreihen zu organisieren: Heute schier unvorstellbar für eine junge unbekannte Wissenschaftlerin – zumal all diese Anfragen ohne jegliches Zutun meinerseits passierten. – Eine letzte Regung kritischer Wissenschaft?

Im Jahr 2000 erfolgte ein radikaler Schnitt. Nicht nur die dot-com-Blase platzte, auch mir wurde der Teilzeitbrotjob gekündigt und für die wissenschaftlichen Tätigkeiten gab es plötzlich weder Geld noch Bedarf. – Seit 2004 schrieb ich über Arbeit, Arbeitslosigkeit, Armut und den menschenverachtenden Umgang mit jenen, die von der Möglichkeit zur Lohnarbeit abgeschnitten sind. In den Mainstream-Medien war es mir, nun erfahrene Publizistin, jedoch trotz großer Bemühungen verwehrt, Kritik an diesen heißen Eisen zu äußern. Mein Einblick in die (Selbst-)Zensur der Medien, den ich gewann, spricht Bände. Eine grundsätzliche Analyse der Praktiken des AMS (Arbeitsmarktservice) darf genauso wenig vorkommen wie die Infragestellung der herrschenden Wachstumslogik, die ungebrochen als Rettung aus der Krise beschworen wird.

Da ich in den letzten zehn Jahren mit dem Arbeitsamt und mit den Brotjobs (die das Überleben jedoch auch nur notdürftig sichern) vollauf beschäftigt und an die Umsetzung meiner literarischen oder anderen Wunschprojekte nicht zu denken war, habe ich wenigstens dreimal jährlich den Streifzüge-Lesenden meine Erfahrungen, Entdeckungen und Erkenntnisse kundgetan. – Schreiben hilft immer: Gegen die wissenschaftlich nachgewiesene Verblödungsgefahr durch existenziellen Stress. Gegen die Dominanz meiner ohnehin hyperaktiven rechten Hirnhälfte (also jener, die Intuition, Kreativität, Gefühle u.ä. steuert), die durch den Stress – getoppt von jahrelangem ständigem Höllenbaulärm im und vorm Haus – noch aktiver wird. – Dank der guten Streifzüge-Lektoren und -Lektorinnen konnte ich dabei auch mein Formuliervermögen verfeinern.

Ob unser Schreiben auch gegen die grassierende grenzenlose Dummheit, gegen den Opportunismus und gegen die herrschende Lähmung angesichts der rasenden Fahrt in die falsche Richtung hilft, sei dahingestellt. Notwendig ist es umso mehr!

In den letzten zwanzig Jahren wurden zahlreiche kritische Zeitungen und Zeitschriften eingestellt. Erstaunlich, dass die Streifzüge in der dünnen Luft existieren können, und den fleißigen Redakteuren und Redakteurinnen die Luft noch nicht ausgegangen und die Lust noch nicht vergangen ist. Danke Euch!

Öffnung

von Martin Scheuringer

Aporie. Angst. Abschottung. So, würde ich meinen, sieht es gerade bei vielen Menschen aus. Angesichts der Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Nachbarschaft ereilt sie ein kalter Schauer. Versteinert in einer Schockstarre nehmen sie zur Welt eine rein beobachtende Haltung ein. Gefangen in der Schau der makabren Show. Ein unfreiwilliger bios theoretikos. Viele tappen in die Falle des privaten Schneckenhauses, in dem sich gemäß der modernen Mythologie die heile Welt aufrechterhalten lässt.

Blöderweise lähmt die rückziehende Einzäunung das Streben nach dem guten Leben, indem sie das Ausmaß des Zusammenlebens verkleinert. Dies in einer historisch nie da gewesenen Lage, in der die Menschheit durch das gerechte Tauschen ohnehin schon in Elemente ohne empathische Bindung zerlegt ist. Aus Angst wird konformistisch die vom Markt vorgegebene Vereinzelung gewählt und eins versorgt sich anonym über Geschäfte, statt sich kooperativ zu verschwistern und gemeinsam die Reproduktion für den Alltag in die Hand zu nehmen.

Auf der Ebene der Theorie hindert die Angst das Lernen begründender Gedanken, da für einen Lernprozess Offenheit und Kooperation notwendig sind. Zwei Menschen gehen eine Verbindung ein und verständigen sich über ein Thema. Beide müssen für den anderen offen sein, wenn auch scheinbar das Wissen nur in eine Richtung transferiert wird. Doch Letzteres ist der Wissenden Illusion. Durch die Fragen des Lernenden muss der Lehrende sein Wissen reorganisieren und unter neuen Aspekten präsentieren. Genau diese Aufgabe fördert das Erkennen und die Beziehung. Genau diese Leistung ist in praktischer Hinsicht notwendig, um Neues in die Welt zu setzen. Genau das ist der Theoretikerin aber mühsam, sie strengt sich lieber mit dem weißen Papier an – also mit ihren eigenen Problemen als mit den Fragen der Anderen.

Wertkritiker öffnen sich zu selten den sich dieser Theorie öffnenden Menschen. Unsere Abonnentinnen fluktuieren, aber so genau wissen wir das gar nicht, denn wir kommen kaum in persönlichen Kontakt mit euch. Wollt ihr das so? Wollen wir das so? Ich hab ein wenig Angst vor euch. Vermutlich. Ich weiß es aber gar nicht so genau. Ich hab mirs in der Theorie bequem gemacht.

Das ist schade und erstaunlich. Festzuhalten ist nämlich: Die „beste“ Theorie, warum Menschen in derartig bescheidenem Ausmaß Glück empfinden, macht aus ihren Verbreitern und Entwicklerinnen isolierte Theoretiker, die sich schwertun, mit anderen in Kooperation zu treten.

Manchmal hab ich folgenden Eindruck: Wertkritikerinnen wollen für ihre geistigen Ergüsse von den Lesern geliebt und bewundert werden, oder formulieren wir es anders: Sie wollen ihr Wissen in die Gehirne der Leserinnen transferieren und die sollen dann machen. So funktioniert Lernen aber nicht. Transformation schon gar nicht.

Diese Differenz zwischen Lernendem und Lehrendem bleibt immer erhalten. Auch bei denen, die Kritik vier Tage in der Woche betreiben und daher so etwas wie einen Expertenstatus erlangt haben und also was zu schreiben haben. Salopp formuliert: Die besten Theoretikerinnen wollen von den zweitbesten bewundert werden. Und der allerbeste betreibt immerwährende Nabelschau. Eine sehr intime Sache also, und daher ist psychische und soziale Gewalt oft sein Mittel, wenn die Ergebnisse seiner neuesten inneren Schau nicht so begeistert rezipiert werden wie vor drei Jahren.

Mit der Enttäuschung also, wenn die Schreibenden ihre begründeten Visionen preisgeben und dann Ablehnung erfahren, vermögen sie oft nicht sinnvoll umzugehen. Kränkungen, zerbrochene Freundschaften, Distanzierung, Stille, Verachtung – das passiert uns.

Hätte Wertkritik als eine ihrer großen Stärken nicht die Funktionsweise der Identifizierung von Mensch und sozialer Struktur ausgemacht? Könnten wir nicht genau an der Stelle ansetzen und über unsere Beziehungen und uns selbst in diesen Beziehungen sorgsam und achtsam nachdenken und in einem geeigneten Setting reden? Wo sind wir noch ident mit der Struktur, wenn wir auch noch so gut in der Theorie sind? Diese in theoretischer Hinsicht kognitiven Differenzen müssen im Dialog mit den lernenden Menschen behutsam deutlich gemacht werden. Die Lehrende sollte die Identifizierungen beim Lernenden mit Empathie benennen. Einem Menschen seine Objekte der Identifizierung wegnehmen ist zwar vorderhand ein befreiender Akt, doch wenn man das im Diskurs nicht so hinkriegt, dass derjenige selber die fetischistischen Fesseln seiner Individualität abwirft, dann ist es ein Akt der Gewalt.

Die wertkritische Theorie ist daher nur als ein freundschaftliches Angebot zu präsentieren. Eine Einladung, über die Welt in konsequent begründender Manier nachzudenken und sich selbst in die Analyse einzuschließen. Ein zwanghaftes Überzeugen Andersdenkender mit Strategien, Spielchen und Taktik passt nicht in diese Kritik der Welt. Egal ob beim ersten Kontakt mit der Wertkritik oder nach zehn Jahren Übung. Doch diese Beziehungsmuster durchziehen die Gruppen der Wertkritikerinnen. Eine Reflexion über uns als Gruppe im Rahmen der Reproduktion von Theorie gibt es nicht in ausreichender Qualität. Dies ist unser blinder Fleck.

So wie die kritische Reflexion den schwärzenden Zusammenhang von Ware, Staat, Wachstum usw. zerreißt, so zerreißt sie oft auch die Vertreter der Kritik. Mit Kreativität sollten wir aber die weißen Gegenbegriffe Kooperation, Entfaltung, Individualität nun mit farbigem Inhalt füllen und für uns als Gruppe Beziehungen finden, in denen dies ohne Angst vor Demütigung geleistet werden kann. War eine aufnehmende Offenheit für das Lernen und Lehren der kritischen Theorie die Bedingung, um seine Identität mit der Gesellschaft aufspüren zu können, so ist eine gebende Offenheit die Bedingung, um etwas gutes Neues für die Welt zu schöpfen. Diese Offenheit erfordert sehr viel Mut und ein Netz der Geborgenheit, in dem Fehler erlaubt sind.

Konzept. Mut. Offenheit. So, würde ich meinen, sollte es in uns aussehen.

Sturzfolge

von Severin Heilmann

Vor sieben oder acht Jahren machte ich infolge eines Sturzes von der Dachkante meines Hauses Bekanntschaft mit den Streifzügen. Schwer zu sagen, ob ich über kurz oder lang auf andere Weise in dieses theoretische Jenseits gestolpert wäre, hatte ich doch schon in Schulzeiten das geringste Interesse an Politik und Wirtschaft; lediglich die Arbeit war mir immer schon ein Dorn im Auge. Karl Marx dagegen ist mir spätestens seit meinen Studienjahren durch das Vorbeifahren am Gemeindebau selbigen Namens ein Begriff.

Der Sturz also trug mir einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt ein, der mir Zeit zum Lesen bot und auch eine Verfassung, wie sie einem nur die Opiatgabe einer wohldosierten Schmerztherapie bereitet: eine Melange aus bester Laune und, gleichzeitig, behaglicher Gleichgültigkeit; was mir die Lektüre des von Muttern zugedachten Zinsknechtklassikers von M. Kennedy erst ermöglichte. So zäh sich mir die Thematik auch gab, irgendwas daran ließ mich nicht mehr los. Und so folgte ich einige Windungen jenem Weg, den viele gehen beim Versuch, sich über unsere Verhältnisse, deren Unverhältnismäßigkeiten, ein wenig Klarheit zu verschaffen. Ich begegnete Grund- und Bodenreformern und Schwärmern von bedingungslosem Grundeinkommen, Gesellianern, welche Freigeld fordern (und nicht etwa, wie ich zuerst dachte, Geselligkeit), geriet an Tauscher und Färber. Kurzum, meine Erkundung brachte mehr Wirrsal denn Klärung.

Mein diesbezügliches Pfingsterlebnis hatte ich trotzdem noch, aufgrund einer lapidaren Bemerkung, die derartig naiv war, dass sie mir nicht mehr aus dem Sinn wollte. Jemand meinte im Gespräch über bedingungsloses Grundeinkommen tatsächlich, dass die ganze Erbsenzählerei mit Geld und Tausch ohnedies überflüssig sei, wo doch gewiss für alle genug da wäre. Einigermaßen verdutzt startete ich selbigen Abends noch eine fieberhafte Google-Schlagwortsuche nach „Welt ohne Geld“ oder so. Ich musste wohl gleich an die richtige Adresse geraten sein, denn einige Tage später belohnte mich meine Recherche bereits mit der Probenummer eines Magazins, welches sich hinsichtlich Seriosität und Klarheit von allem bisher Gelesenen und Gehörten in angenehmster Weise abzuheben schien, ja sogar eine handschriftliche Widmung enthielt.

Ihrem Verfasser und einem jüngeren, wenngleich nicht jungen Kollegen lief ich kurz drauf im Rahmen einer Lafargue-Lesung in der Roten Bar des Volkstheaters in die Arme. Nach herzlicher Begrüßung und in allgemeiner Verwunderung über diesen Zufall lud man mich zum baldigen Trafo-Heurigen ein und ließ mich nicht ohne weitere Druckschriften ziehen. Trafo-Heuriger … schien mir seltsam, aber dem Wortklang nach durchaus nicht unerfreulich. Tatsächlich fand ich dann in einem Außenstadtheurigen eine durchwegs sympathisch heitere Runde Mahl halten. Da waren nun also die Streifzüge versammelt, Redaktion und Gefolgsleute, in anregendem, bacchantischem Dunst, der mir nicht den geringsten Hinweis auf die konzeptionelle Strenge und die gewisse Extravaganz ihres Druckerzeugnisses bot.

Spätestens nach Sperrstunde begann sich mir der sogenannte Trafo-Heurige auch semantisch aufzuschließen, als der jüngere Ältere gemeinsam mit seiner liebenswürdigen Gefährtin der Einladung folgte, zum Nachtrunk abermals die Rote Bar aufzusuchen: Vermittels einer leichtfertig im Wagenfond verwahrten Wodkaflasche hatte der Redakteur seinen Zustand unterwegs wirksam transformiert; die Bar haben wir noch erreicht, dann kollabierte die Situation.

Das alles machte unmittelbar einen ganz kommoden Eindruck auf mich und nun folgte ich meinerseits bedenkenlos der Einladung, bei der nächsten Sitzung vorbeizukommen, ohne freilich damit gerechnet zu haben, bei der Gelegenheit gleich als Ganzes in die Redaktion inkorporiert zu werden. Meine Verwunderung darüber ist bis heute nicht ganz gewichen – kaum etwas an mir lässt mich für das redaktionelle Feld und seine Obliegenheiten geeignet scheinen; zudem mangelt es mir nach wie vor an Überblick über die relevanten historischen wie philosophischen Bezüge, von Einblick ganz zu schweigen. Und da das materialistische Korsett immer schon zu unangenehm eng an mir saß, mochte jemand vielleicht gar einen verkappten Idealisten in mir argwöhnen. Doch es half alles nichts, ich werde hier wohlgelitten.

Auch wenn den Redaktionssitzungen keineswegs jene muntere Ausgelassenheit des Heurigensymposions anhaftet, so sind sie doch nicht wenig mit geistreichen, launigen Einschlüssen durchsetzt. Außerdem werden die feinsten Suppen kredenzt, zuweilen Erdäpfel, der Wein seltener. Nachdem sich dazuhin mit den Jahren in der Runde eine unerwartet innige freundschaftliche Verbundenheit herausgebildet hat, geh ich denn auch freudig immer wieder hin!

Omphaloskepsis

von Ricky Trang

Der Begriff der Nabelschau ist laut Duden gewöhnlich mit einer negativen Bewertung verbunden, denn er vermittelt die Vorstellung einer übertriebenen, unfruchtbaren Beschäftigung mit der eigenen Person oder Gruppe, die von wichtigeren Aufgaben ablenkt und eine nötige Hinwendung zur Umwelt verhindert. Etwas, das mir als Theoretiker nur absurd erscheinen kann.

Und doch … Umso mehr sich meine Gedanken zur Wirklichkeit drängen oder vielmehr umso mehr die Wirklichkeit meine Gedanken bedrängt, umso mehr die Wirklichkeit zur materiellen Gewalt wird, die nicht die Massen ergreift, sondern die ebenso die Massen ist wie die Waffen der Kritik, einer Kritik, die nur insofern radikal ist, als sie den Gegenstand ihrer Kritik, also sich selbst, nicht kennt, umso blasser der Gedanke, der zur Verwirklichung drängt, umso mehr verschwindet die Idee einer Wirklichkeit, die zu irgendeinem Gedanken drängen könnte.

So lande ich, es mutet fast schon mystisch an, indem ich die Nabelschau laut Duden negiere und aufhebe, erst recht wieder bei der Omphaloskepsis, die ganz offensichtlich ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Jedenfalls ist sie auch Teil der kontemplativen Gebetspraxis des Hesychasmus, vom griechischen hesychia (ἡσυχία hēsychía). Mit hesychia verbinden sich die Vorstellungen von Gelassenheit und innerem Frieden. Wir Hesychasten machen die Erlangung und Bewahrung solcher Ruhe zum Ziel intensiver systematischer Bemühungen. Dazu wiederholen wir über lange Zeiträume das Jesusgebet, welches heutzutage auch durch das mantraartige Rezitieren der Wertgesetzlichkeiten ersetzt werden kann. Einzig, die angestrebte Gelassenheit und der innere Frieden wollen sich nicht einstellen. Was jedoch kein Grund ist, vom rechten Weg abzukommen, denn die Fähigkeit von uns Menschen zum Selbstbetrug ist unermesslich, sie ist so gewaltig wie unsere Begierde nach Sinn. Und da unser Leben keinen hat, erfinden wir ihn.

Und so werden wir, die Herren des Gedankens, die Damen mögen verzeihen, wie alle Domänen ist auch diese hauptsächlich männlich, die wir als Einzige unser Eigentum eifersüchtig hüten und verteidigen, gegen alle anderen und gegen die Wirklichkeit, in deren Mitte wir selbst längst angekommen sind, zum besten Beispiel, zur Erklärung, die ohne Gedanken auskommt, dafür, warum die Welt so ist, wie sie ist.
Und vielleicht ist diese Welt, der warre of every man against every man, in dem nothing can be unjust, tatsächlich unausweichlich, der Gedanke, dass der Zustand, der der Illusion bedarf, aufgegeben werden könnte, ebenso eine Illusion wie der Gedanke, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes und ein verlassenes Wesen ist; eben weil der Mensch dazu neigt, ein verächtliches Wesen zu sein?

Meine Streifzüge

von Lorenz Glatz

Meine Welt-Anschauung war, seit ich mich erinnern kann, sehr stark von Schrift geprägt. Ich würde heute sagen, dass das viel mit Magie und Dogma zu tun hat. Auf jeden Fall hat sich das in acht Jahren katholischer Internatsschule noch beachtlich verstärkt, ja ich würde sagen, dass das Meiste, was ich da an „Stärke“ im Milieu aufbieten konnte, darauf beruht hat. Als ich dem „Knabenseminar“ entwachsen war, zeigte sich diese Kraft in einem Philologie- und Philosophiestudium gut aufgehoben, eine frühe Ehe mit Kind schien feste Schienen in die Zukunft zu legen.

Die Ordnung bekam aber im Zug der Studentenbewegung Risse. Die setzten an bei den Dogmen der heiligen Kirche und führten mich zum Austritt. Ich fantasierte in jugendlichem Überschwang den Umsturz der ganzen Lebensweise. Der zaghafte Versuch, die festgefügte Lebensordnung mit Marx-, Freud-, Reich- und Fromm-Texten in der Hand materiell und in den persönlichen Beziehungen durch das Zusammenleben in einem Eltern-Kinder-Kollektiv anzutasten, brachte mich zeitweilig so ekstatisch „aus der Fassung“, dass ich wahrscheinlich versucht hätte, mein Leben wirklich umzukrempeln, hätte nicht das Realitätsprinzip gerade die Gruppe zersetzt. Ich willigte ein, eine Arbeit als Lehrer anzunehmen. Nachlaufen hat man einer Stelle damals nicht müssen.

Und politisiert habe ich mich. Arbeiterbewegung, Marxismus – viel Schriftliches. Alles in schöner Ordnung mit vielen Dogmen, aber jetzt ganz auf der Spur von Fortschritt. Eine Art Ausschluss deretwegen – sie haben meine Ketzerei einfach nicht mehr auf die TO gelassen. Aber mit anderen Leuten ist es noch lange in dieselbe Richtung weitergegangen. Politik in der „Bewegung gegen den Krieg“, Auftreten gegen den EG-Anschluss. Bis da wieder Risse waren, ja Allergieerscheinungen gegen Dogmatik überhaupt. Ich war auf dem Weg zu den Streifzügen, habe es aber noch nicht gewusst.

Im Frühjahr 1995 habe ich erst einmal im konkret eine Auseinandersetzung zwischen Trampert/Ebermann und Kurz gelesen. Der Ton war grauslich, aber den war ich von der Linken her gewohnt, hab ihn auch selbst immer wieder einmal angeschlagen, hatte das Gefühl, dass eins sonst nicht ernst genommen wird. Aber da war auch etwas ganz Erhellendes. Dass aus den sozialistischen Revolutionen schließlich nur eine Variante des Kapitalismus geworden ist, war eh ein Lehrsatz auch des Mao-angelehnten Marxismus, bloß war er da nur mit einer Serie von Verrat zu erklären. Aber Wert und seinen Fetischismus als Ausgangspunkt einer Fundamentalkritik des Kapitalismus zu nehmen und dem Klasseninteresse und dem Klassenkampf des Proletariats emanzipatorische Wucht abzusprechen, ja sie als Integration in die bürgerliche Gesellschaft zu sehen, war dem Marxismus aller Parteien und Sekten ein No-Go. Und es stieß ein Tor des Denkens auf.

Denken ist bei mir selten geradlinig. Ich höre oder lese etwas, das mir gegen den Strich geht. Ich stelle es beiseite, suche es eventuell, so gut es geht, zu integrieren, kann es auch jahrelang „vergessen“, bis es wieder auftaucht, weil es Unbegriffenes, das sich aufdrängt, zugänglich macht. Vergessen war diesmal nicht angesagt, integrieren zum kleinen Teil nur möglich. Aber drüber reden wollte ich, bloß die „maßgeblichen“ Leute nicht. Sie haben mich ausgeschlossen. War eh besser. Außerdem haben sie sich bald drauf aufgelöst.

Knapp vor 2000 jedenfalls, ich war schon über 50, bin ich auf ein krisis-Seminar gefahren. Sehr gescheite Vorträge, darunter einer von einem kranken, völlig heiseren Franz Schandl. Ich habe viele Gedanken mitgenommen vom Seminar, menschlich war es aber recht kühl. Immerhin keine persönlichen Hacheleien. In meinem Kreis „Mensch statt Profit“ sprachen wir (und schrieben auch ein wenig) über Themen wie Arbeitswahn, Proletenkult, „Antiimperialismus“.

2001 nach dem Angriff auf die Twin Towers in New York hat mich Franz Schandl, den ich inzwischen ein paarmal getroffen hatte, in die Redaktion der Streifzüge eingeladen. Die „Antideutschen“ hatten nach ihrer militaristischen Wendung die Redaktion verlassen, und er hatte zu Recht nicht geglaubt, dass ich mit denen gekonnt hätte. Ich schrieb einiges und genoss die Abwesenheit einer „politischen Linie“. Und – ich war zwar der mit Abstand Älteste, aber konnte als einziger „html“ buchstabieren – ich bastelte und betreute also die erste Version von www.streifzuege.org.

Diskussionen über unsere (unterschiedlichen) Auffassungen gingen mir ab. Eine erste solche – just auf einem krisis-Treffen aber durchaus redaktionsintern – ging schief und erinnerte mich sehr an alte Zeiten. Inzwischen gibt es sie wieder, in einer recht guten Atmosphäre. Die Vorgänge bei und nach der krisis-Spaltung von 2004 erschütterten nachhaltig meine hohen Erwartungen von einem professionellen Theoriebetrieb. Da gab es einen Gestus, der die Probleme, die die konkret zusammensitzenden Theoretiker miteinander als Menschen dieser Gesellschaft haben, als „nicht inhaltlich“ von Reflexion praktisch ausschließt, und dann einen, in dem Leute, die eben noch als Freunde galten, in Pamphleten mit Jauche überschüttet wurden. Zwischen denen wollte und will ich mich nicht mehr entscheiden.

Dass wir als grundlegende Richtung der Streifzüge Kritik um Perspektive ergänzten, halte ich für einen Fortschritt. Meine Gedanken und schriftlichen Andeutungen kreisen um die Frage, wie unser unvermeidlicher „Teilzeitidiotismus“ beschränkt werden kann und wie wir in Konvivialität, in vielen kombinierten „Reichweiten“ Gedanken und Handlungen zugleich entwickeln können, mit denen wir aus der herrschenden Malaise der „Wertvergesellschaftung“ herauskommen mögen. Die Unbeschwertheit und vor allem der Schwung der Jugend, den ich bei meinem ersten Versuch vor fünfzig Jahren hatte fehlt mir freilich, aber etwas klüger und weniger illusionär bin ich schon. Ich suche nach Möglichkeiten auch außerhalb der Redaktion in praktischen Zusammenhängen wie meiner Familie und ein paar Freund_innen, bei „Gemeinsam Landwirtschaften“ oder in der alten Friedensorganisation „Servas“. Ich finde, ich habe noch zu tun. Solang es halt geht.

Ausgleichsübung

von Petra Ziegler

Es ist natürlich ein Ärgernis. Kurz bevor so eine neue Ausgabe in die Druckerei geht, also drei Mal im Jahr, liegen die Nerven blank. Wir haben kein Cover, dafür unsinnige Formatierungen in den Texten, in anderen Beiträgen finden sich selbst nach mehrfachen Korrekturdurchläufen haarsträubende Fehler. Das Programm zum Layoutieren der Zeitung verweigert sich hartnäckig der Zusammenarbeit mit den Produkten freier Software. Mal verschwinden einzelne Absätze, dann ändern sich Schriften, plötzlich und ohne ersichtlichen Grund mitten im Text, praktisch bei jeder Nummer findet sich – mit Glück vor Drucklegung – irgendetwas anderes Rätselhaftes. Ich hab die Schnauze voll und schrei am Telefon den Schandl an, weil der Sevi wieder mal seinen Text nicht rechtzeitig (wir haben drei Wochen nach Redaktionsschluss!) abgegeben hat. Der Sevi wird abgeben. Im letzten Moment. Und weil ich seine Artikel gerne lese (und er das nächste Mal auch zeitgerecht abgeben wird, ab sofort ganz bestimmt …), versöhnt mich das auch wieder.

Glaube niemand, dass mir alles gefällt, was sich hier in den Heften findet. Stilistisch nicht, inhaltlich nicht. Ich gebe zu, manchmal frustriert mich das. Weil ich zumindest gefühlt mehr Zeit und Energie aufwende, mir unliebsame Beiträge abzuwehren oder bei Texten nachzubessern, die ich selbst in dieser Form niemals abgeben würde. Weil ich die eigene Schreiberei darüber vernachlässige, oft, weil dann schlicht keine Lust mehr dazu da ist. Weil ich die Leute nicht mit „Lesestoff“ versorgen will, sondern ein Stück emanzipatorischer Veränderung mit auf den Weg bringen will, und das sollte möglichst klar und unmissverständlich rüberkommen und nicht beliebigen Interpretationen Tür und Tor öffnen.

Ich hab noch nie den Nachmittag versäumt, an dem wir die druckfrischen Streifzüge versenden. Drei Mal im Jahr, seit ich eben dabei bin. Wird bei uns alles noch händisch gemacht – Etiketten kleben, Absenderstempel drauf, kuvertieren, und bei den Abos nach Deutschland kleben wir sogar die Marken. So ein Heft geht also, bevor es uns Richtung LeserInnen verlässt, im Schnitt durch die Hände von vier RedakteurInnen. Sollte das jemand nicht ausreichend zu schätzen wissen, braucht er oder sie uns auch nicht zu bedauern, könnte aber bei nächster Gelegenheit zur Unterstützung vorbeikommen. Danach geht’s zum Heurigen. Manchmal. Und manchmal wird der Abend auch länger, nicht einmal ohne polizeiliche Strafanzeige muss das abgehen.

Wir sind uns innerhalb der Redaktion nicht immer einig, immer uneins sind wir uns allerdings auch nicht. Und wir werden besser, wenn es darum geht, mit Konflikten und Unstimmigkeiten umzugehen, inhaltlicher wie atmosphärischer Natur. Wir diskutieren mehr miteinander oder lassen auch zwei Meinungen nebeneinander stehen. In Zukunft wird das verstärkt auch in der Zeitschrift seinen Niederschlag finden. Ohne die Streifzüge „hätte mein ‚beschädigtes Leben‘ eine Delle mehr“, hat Lorenz Glatz einmal in einem „Einlauf“ geschrieben. Das, würde ich sagen, gilt auch für mich.

Twenty years im Eilzugstempo

von Franz Schandl

Gegründet wurden die Streifzüge ja nie. Sie sind einfach entstanden. Mitte der Neunziger gab es in Wien einige Interessierte, die sich mit der Wertkritik auseinandersetzten, und so kam es zur Etablierung des Kritischen Kreises, der in öffentlichen Sitzungen sich anschickte, über den Wert und die Krise zu diskutieren. Die Streifzüge waren zuerst nur ein halbinternes Zirkular, das auf billigste Weise hergestellt wurde und nicht mehr als 12 oder 16 Seiten umfasste.

Während die monatlichen Treffen bald abflauten und vor allem auch aufgrund beträchtlicher Obskuranz des Publikums eingestellt wurden, erfreute sich das Informationsblatt einer gewissen Beliebtheit, sodass das Zirkular sich sukzessive erweiterte und sich auch ein Abosystem herausbildete. Ein Cover bekam die Zeitschrift erst 2004, einen Schwerpunkt gibt es seit 2009. Die Homepage wurde 2003 eingerichtet und sie ist trotz aller Schwankungen nicht schlecht besucht.

2001 kam es im Gefolge von Nine Eleven zu einem größeren Zerwürfnis in der Redaktion (siehe Streifzüge 3/2001). Der Konflikt führte rasch zum Ausscheiden der Antideutschen (vor allem Gerhard Scheit und Stephan Grigat wären hier zu nennen, sie prägten die ersten Jahre entscheidend mit) aus dem Kritischen Kreis. Die Positionen waren unvereinbar geworden und die Trennung unvermeidlich. Der antideutsche Weg endete ja auch in der offenen Affirmation des westlichen Kapitalismus.

Alles andere als unvermeidlich war allerdings die Spaltung der krisis 2004, die auch die Streifzüge in Mitleidenschaft gezogen hat. Die Jahre ab 2001 waren gekennzeichnet von einer sehr fruchtbaren Zusammenarbeit mit den Nürnberger Wertkritikern, 2003 wurde beschlossen, dass krisis und Streifzüge als Theorie- und Interventionsorgan eine wesentliche Einheit bilden und gemeinsam koordiniert werden. Das startete auch ganz gut, verunglückte dann aber sehr bald an dem ausschließlich von Robert Kurz und Roswitha Scholz betriebenen Crash der alten krisis. Wir haben hier in Wien diesen Streit öffentlich nur wenig aufbereitet. Im unmittelbaren Umfeld der Wertkritik mag das auch geschadet haben, darüber hinaus war es aber wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, ohne permanente Nabelschau die Existenz des Organs zu sichern.

Inzwischen ist auch unser Verhältnis zur krisis lädiert. Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass auch die krisis-Gruppe nie einen Schritt weg vom alten Modell monologischer Theorieverkündungspolitik getan hat und so ebenfalls alles abstoßen musste, was scheinbar nicht kompatibel gewesen ist. Das ist schade. Die Differenzen sieht man dort wohl um einiges fundamentaler und inhaltlicher als bei uns. Wir verorten sie eher auf der mentalen Ebene. Nachdem es fast zehn Jahre nicht gelungen war, die Spannungen abzubauen, müssen wir wohl zur Kenntnis nehmen, dass der enge Konnex der Vergangenheit angehört. Es war nicht einmal möglich, jemanden aus dem engeren krisis-Kern dazu zu bewegen, einen Beitrag für unsere NABELSCHAU-Ausgabe zu verfassen. Auch das ist schade.

Nicht bloß deswegen, aber wohl auch deshalb sind die Streifzüge über die zwei Jahrzehnte hindurch ein kleines Nischenprodukt geblieben. Alle Versuche, sie auszubauen oder gar größeres Terrain zu gewinnen, waren nur mäßig erfolgreich. Mehr als die jeweilige Stabilisierung mochte nicht gelingen. Aber vielleicht ist das unmittelbar auch nicht wenig.

Unsere Geschichte ist somit auch eine Geschichte des Scheiterns, eines Scheiterns, das uns jedoch bis jetzt keineswegs erledigt hat. Immer wieder ist es gelungen, neue Autorinnen und Unterstützer zu gewinnen, insbesondere auch Leute kennenzulernen, die uns sonst entgangen wären. Auch die Menschen, die die Zeitung machen, können ganz gut miteinander. Ein Teil unseres Vermögens ist wohl auch das Mögen. Zweifellos haben wir noch einiges vor.

Die Zwischenbilanz fällt wie vor zehn Jahren (siehe Streifzüge 36/2006) wiederum sehr zweischneidig aus. Einerseits ist es eine wohl nicht zu unterschätzende Leistung, dass es das Projekt gibt, dass es zwanzig Jahre durchhalten konnte und ein Ende vorerst nicht in Sicht ist. Andererseits konnte aber der Status des Geheimtipps nie überwunden werden, von kontinuierlicher Steigerung des Einflusses kann nicht die Rede sein. Auch meine halbernsten Versuche, mich aus der organisatorischen Tätigkeit zurückzuziehen und auf das Schreiben zu konzentrieren, sind kläglich gescheitert. Bestimmte logistische Patzer gehen auf meine Kappe, aber ich bemühe mich redlich. Die Lust auf einen Redaktionsputsch einer jüngeren Belegschaft ist mir zwar noch immer nicht vergangen, sehen tue ich den allerdings nicht.

So bin ich weder zufrieden noch unzufrieden. Kontinuität und Professionalität sind dem Produkt kaum abzusprechen, wenngleich es manchmal mühsamer ist, als das Resultat verrät. Vieles gibt es jedoch nur, weil es die Streifzüge gibt. Man stelle sich bloß vor, wir hätten 500 statt 250 Abos oder die Zahl der Unterstützenden wäre 100 und nicht 50. Was man da nicht alles zusätzlich anstellen könnte. Aber wer weiß, was die Geschichte nicht noch alles vorhat mit uns.

image_pdfimage_print