Rauch- und Gewaltfreiheit

Streifzüge 63/2015
von Dominika Meindl

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Heute Morgen überkam mich folgender Gedanke: Mitmenschen, die durch Schmauch meine Kleidung zum Miachteln bringen, möchte ich künftig mit nicht besonders teurem Parfüm besprühen. Wenn ihnen das missbehagt, verweise ich auf den Genuss, den mir das mache, und dass es meine Freiheit beschränke, wenn ich darauf verzichten müsse. Jetzt, nach dem Frühstück, geniere ich mich. Gewaltfrei ist solches Denken nicht. Die Raucher werden auf Flughäfen ohnehin schon in Plexiglaskäfige gesperrt, mit dem totalen Rauchverbot in Lokalen geängstigt und von Personalchefs als disziplinlos abgewertet. Außerdem sollten wir an globale Konzerne denken. Wenn wir Rauchwaren kriminalisieren, verklagen die uns vor einem transnationalen Gericht auf 234 Trilliarden Dollar Investitionsschutz.

Ich frage mich, ob ich radikalisiert worden bin. Wir leben ja gerade in zänkischen Zeiten. Ich würde nicht wagen, meine Parfümideen in den „sozialen“ Netzwerken zu äußern. Schnell hat man entfacht, was der Amerikaner „Gacksturm“ nennt. Zum Glück darf ich darauf hoffen, dass die LeserInnen der Streifzüge mit devianten Einfällen umgehen können. Am schönsten ist, dass mich niemand von Ihnen mit Schusswaffen heimsuchen wird, wenn ich schreibe, dass mich das Gaststättengerauche schön langsam nervt. Wahrscheinlich darf ich sogar sagen: Meinetwegen ginge es im Witzmilieu auch ohne nackte Prophetenärsche, vom Stilistischen her, aber lasst uns alle weiter Worte wie „Prophetenärsche“ verwenden.

Huch, habe ich mich verzettelt, hallo! Was ich eigentlich sagen wollte: Jeder Mensch hat das Recht auf ein bisschen Selbstzerstörung, also soll das Rauchen meinetwegen erlaubt bleiben. Aber bitte irgendwo ganz weit weg von mir. Das gilt besonders für die zwei Nachbarn, die mir den Gang vollpofeln. Hoffentlich lesen sie diese Kolumne, denn bei ihnen anzuklopfen und mich direkt zu beschweren, traue ich mich nicht.
D.M.

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