Nix Kultura oder: Politik der Antipathien

8. Mai. Die Befreiung 1945 wurde lange Zeit als Niederlage empfunden. Inzwischen findet eine Mehrheit es immerhin gut, dass das Dritte Reich den Weltkrieg verloren hat

von Franz Schandl

Stunde Null. Neubeginn. Schnelles Vergessen. Der kurzfristig angeordnete Antifaschismus mündete bald in den Antitotalitarismus und entpuppte sich als Antikommunismus, der die Zweite Republik zumindest bis 1990 prägte. Die eigentliche Bedrohung, das war der Bolschewismus oder einfacher noch: Die Russen. Spätestens 1947, zu Beginn des Kalten Krieges, war man wieder auf der richtigen Seite. Nicht der Antifaschismus bildete den Staatskonsens, sondern der Antikommunismus.

Dass die Russen über uns gekommen sind, das war nach 1945 das schlimmste Unglück, das „wir je mitgemacht haben”. Wer kennt sie nicht diese Sprüche der Entwehrmächtigen und der ihnen nachfolgenden sich wieder ermächtigenden Generation des Wiederaufbaus. „Russ“ war hierzulande als Schimpfwort durchaus gängig. Wollte man etwa in meiner Zeit als Präsenzdiener, das war 1978/79, jemanden wirklich beleidigen, dann stand „Russ“ gleichauf mit „fickriger Affenscheisse“ auf dem ersten Platz. Kaum eine Institution war in diesen Jahrzehnten noch so nazistisch geprägt wie das österreichische Bundesheer. Aber nicht nur dort pflegte man diesen groben Ton. Primitivität, so diese primitive Annahme, ist eine russische Charaktereigenschaft. Nix Kultura. Dass man damit die völkischen Abschätzigkeiten des Dritten Reiches prolongierte, störte nicht.

In der unseligen Ostmark gab es mehr Nazis als sonst wo. Bis 1945 gebärdeten sich die meisten Österreicher als die Bergdeutschen schlechthin. Die Juden wollten sie los sein und den Krieg wollten sie gewinnen. Es ist gar nicht verwunderlich, dass es bis Kriegsende kaum Widerstand gegeben hat und auch nachher den meisten Tätern jede Reue betreffend der Taten abging. Doch plötzlich kamen die einstigen Superdeutschen als Antideutsche daher. Bis zur Waldheim-Affäre 1986 funktionierte das auch glänzend.

Schon in die Unabhängigkeitserklärung von 1945 phantasierte man sich als Unschuldslamm. Es sei eine „gescheiterte Katastrophenpolitik“ gewesen, die „das macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt hat, den kein Österreicher jemals gewollt hat, jemals vorauszusehen oder gutzuheißen instand gesetzt war, zur Bekriegung von Völkern, gegen die kein wahrer Österreicher jemals Gefühle der Feindschaft oder des Hasses gehegt hat.“

Dicker könnte man auf die Tränendrüse nicht drücken. Dass die Österreicher 1938 gejubelt haben und der Sozialdemokrat Karl Renner, Autor dieser Zeilen und erster Bundespräsident der Zweiten Republik, selbst den Anschluss freudig begrüßt hat, das sind wohl übelmeinende Gerüchte. So konnten sich die vielen österreichischen Täter hinter den deutschen verstecken. Wir doch nicht. Und von den Alliierten wurde dieser Standpunkt aus taktischen Gründen nicht nur toleriert, sondern forciert. Zweifellos gab es ganz unterschiedliche Interessen Österreich als unschuldiges Opfer darzustellen. Dies offenbarte sich schon in der Moskauer Deklaration von 1943, wo es den Alliierten vor allem darum ging, Österreich für alle Zukunft von Deutschland zu trennen („Anschlussverbot“).

Jeder historische Zusammenhang wird in solchem Denken ausgelöscht. Es herrschten zielgerechte Abneigung, die sich primär an den wirklichen wie vermeintlichen Schlechtigkeit der anderen aufbaut. Darauf kann jedoch nur die Konfrontation blühen, und das tut sie auch. Daran hat sich nichts Grundsätzliches geändert. Über eine Politik der Antipathien ist man bis jetzt noch nicht hinausgekommen. Wer sich selbst nicht mag, kommt nur durch, indem er die anderen noch weniger mag. Man entfernt sich zusehends von einem gemeinsamen Haus Europa. Die Russen gelten jedenfalls derzeit von der Wertegemeinschaft ausgeschlossen. Es riecht noch immer oder schon wieder nach minderwertigen Untermenschen.

Geopolitik ist angesagt und Österreich ein etwas zögerlicher aber doch braver Mitläufer. Für die Alpenrepublik sprach lediglich, dass es in seinen bilateralen Beziehungen stets etwas schlampiger gewesen ist. Da wurde Putin auch noch empfangen, wo er in anderen westlichen Hauptstädten schon zur Unperson erklärt worden ist. Doch auch das scheint passé. Bundespräsident Heinz Fischer hat sich schnell entschieden, nicht zu Feiern nach Moskau zu reisen. Am Weltkriegsgedenken am 8. Mai, nimmt er, wie seine westeuropäischen Kollegen, demonstrativ nicht teil. Die Kritik es zu tun, wäre zweifellos größer gewesen als die Kritik es zu lassen. Die Niederlage des Dritten Reichs mit aktuellen Konflikten zu junktimieren, die doch eine völlig andere Qualität aufweisen, ist freilich ein klassischer Affront.

Wer heute nicht mit den liberalen Wertekriegern heult, läuft Gefahr, von ihnen dem rechten Mob zugeschlagen und dort auch willkommen geheißen zu werden. Das ist eine ungute Situation, weil in ihr jedes Argument nicht nur auf die Stichhaltigkeit zu prüfen ist, sondern auch auf das schräge Echo, das es auslösen kann. Schnell befindet man sich in schlechter Gesellschaft. Manchmal hat man das Gefühl, es gebe überhaupt nur noch schlechte Gesellschaft. Und wahrscheinlich ist das sogar richtig, denn was soll es in einer schlechten Gesellschaft geben außer schlechte Gesellschaft. Ausnahmen ausgenommen.

Die meisten Sympathien, die Putin gegenwärtig entgegengebracht werden, rühren indes ja nicht aus einer antifaschistischen Verbundenheit, eben nicht aus einer späten Kenntnisnahme der Befreiung Österreichs durch die Rote Armee, sondern primär aus einem autoritären Reflex. Man sieht in ihm einen starken Mann, den einige auch hier gerne hätten. Das macht die westliche Frontpropaganda, die zweifellos eine kriegerische ist, natürlich nicht besser. Nicht differenzierte Kritik ist ihre Absicht, sondern blanke Diskreditierung.

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