Arbeit in der Science-Fiction – Teil I

von Dieter Braeg

Als Isaac Marximov – pekuniär unterstützt von Larry Nivenengels – im London des vorigen Jahrhunderts folgenden Text veröffentlichte, der mit den Worten begann: „Es geht ein Gespenst um in Europa – das Gespenst des Sciencefictionismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Reich-Ranicki, französische Radikale und deutsche Polizisten. Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als sciencefiktisch verschrieen worden wäre…“, begann ein Elend, dessen Ende nicht abzusehen ist.
Sie kennen Larry Nivenengels nicht? Das ist der Mann, der mit seiner Fabrikationsanlage für billige Unterhaltungsliteratur in Wuppertal megaviel Zaster verdiente und damit den armen Marximov unterstützte, der in London herumsaß, dort eine trockene Semmel befeuchtete, weil seinem Tun nicht Ruhm und Geld zuteil wurde. Vielmehr brachte ihm seine Tochter auch noch einen Schwiegersohn ins Haus, der ganz schreckliche Dinge zu Papier brachte, und auch von ihm will ich hier eine kleine Textkostprobe vorstellen. Nun zum Zitat des Herrn Paul Lafargue, dessen Texte vor allem in unserer heutigen Leistungsgesellschaft nicht gern gehört werden:

„Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht, eine Sucht, die das in der modernen Gesellschaft herrschende Einzel- und Massenelend zur Folge hat. Es ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen. Blinde, und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verflucht hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht.“

Ich weiß, so sollte man sich dem Thema nicht nähern, es ist wirklich aus der falschen Richtung, aber ich suche nun schon einige Zeit die Arbeit in der Science-Fiction und … finde sie leider nicht, oder viel zu selten.
Wer wie ich mit Science-Fiction groß wurde, braucht meist nicht lange, um sich die entscheidenden Fragen zu stellen.
1) Wo bleibt der Sex in dieser Literatur?
2) Wo bleibt die Arbeit oder die Beschreibung der Arbeit in der Science-Fiction?

Hat die Sexualität zum größten Teil inhaltlich die Qualität eines Ficks des Försters vom Silberwald mit der Großmutter aus dem Märchen „Rotkäppchen“ der Gebrüder Grimm, ist es mit dem Thema Arbeit doch anders, da bietet die Science Fiction ein wenig mehr, aber den Anspruch, den Begriff der „gesellschaftlichen Arbeit“ in diese Literatur einzuführen, erfüllen die Autorinnen und Autoren nicht. Würde man die Realität der Utopien an ihren Arbeitsweltinhalten messen – es klingt schon verrückt da von Realität zu sprechen – man müsste die meisten verwerfen.
Aber die „Arbeit“ ist auch in der gängigen Literatur nicht unbedingt ein gern beschriebenes Thema. Es wäre sicher lohnend zu klären, warum dies so ist. Böse Zungen behaupten einfach, dass die Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ihrem Leben schlechte Erfahrungen mit der Arbeit machten, oder gar keine … es sei denn als Produzenten schlechter Literatur.

Lassen wir aber zunächst doch einige Beschreibungen der Arbeit aus Vergangenheit und Gegenwart auf uns wirken. Arbeit ist immer Mittelpunkt aller bisherigen Gesellschaften gewesen.
Hier der Bericht eines Arbeiters, der in den Schlachthöfen von Chicago in den Achtzigerjahren des vorvorigen Jahrhunderts arbeitete:

„Jede Abteilung hatte ihre eigenen Krankheiten, und die Arbeiter der einzelne Abteilungen wiesen sie am eigenen Leib auf. Da waren die Leute, die in den Pökelräumen arbeiteten. Kaum einer von ihnen war von Wunden und Schwären verschont. Man brauchte nur einen kleinen Kratzer zu haben und schon entstand eine Wunde, die den Tod bedeutete: die Gelenke wurden von den Pökelsäuren aufgefressen. Unter jenen die mit dem Messer arbeiteten gab es kaum einen, der einen heilen Daumen besaß, sie schnitten sich oft hinein, dass nur mehr ein Stumpf übrig blieb. Narbenhände ohne Nägel. Tuberkulosebrutstätten im Dampf und Gestank der Küchen. Schlachthausschlepper trugen 100 Kilo schwere Lasten in den Gefrierraum, ab vier Uhr früh. Fünf Jahre hielten selbst stärkste Männer diese Arbeit aus, dann waren sie arbeitsunfähig, von Rheuma zerstört. Wollzupfer verloren ihre Finger noch schneller als die Pökler, denn das Fell der Schafe wurde mit Säure bestrichen, damit die Wolle leichter abgehe. Die Säure fraß sich in die Hände. Arbeiter die an riesigen Fleischbottichen malochten, fielen in dem mit Dampf gefüllten Raum bisweilen in die Bottiche; wurden sie herausgefischt, war nicht mehr viel von ihnen übrig…“

Es gab natürlich auch ein „Bündnis für Arbeit“ in Chicago und nicht nur dort, es wäre ein Lehrstück für die Gewerkschaftsführer am Beginn dieses Jahrhunderts. 1885 stand in der Chicagoer Tribune: „Der einfachste Plan ist, den Arbeitslosen und Bettlern anstatt Butter Arsenik aufs Brot zu streuen. Das bewirkt in kürzester Frist den Tod und ist anderen Bettlern eine Warnung, sich in respektvoller Entfernung zu halten.“

Zurück zu den Arbeitswelten der Vergangenheit und Gegenwart. Wer sich da weiter informieren will, dem sei die Lektüre eines blauen Bandes angeraten – den zweiten Band der Marx/Engels Werke (geschrieben vom September 1844 bis Februar 1846).

„Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ beginnt Friedrich Engels mit folgenden Worten: „Arbeiter! Euch widme ich ein Werk, in dem ich den Versuch gemacht habe, meinen deutschen Landsleuten ein treues Bild eurer Lebensbedingungen, eurer Leiden und Kämpfe, eurer Hoffnungen und Perspektiven zu zeichnen.“

Ich wünschte mir, es gäbe in der modernen Literatur ähnliche Werke, die sich so realistisch und genau mit der Arbeit beschäftigen. Dass die Science-Fiction in keinem Fall mit ähnlichem Lesestoff aufwarten kann, ist ein Ausdruck des Unvermögens dieser Literatur, Probleme zu beschreiben; sie beschränkt sich darauf, galaktische Imperien zu erschaffen, die dem Schöpfungswunder der Bibel gleichen. Wunder über Wunder entstehen da aus Lehm, ohne auch nur ein Tröpfchen Schweiß oder Gehirnschmalz zu vergeuden.

„Der Sekundenzeiger ist ein schneller Zeiger. Gegen Abend begreift der Arbeiter nur noch wenig. In seinem Kopf ist ein Dröhnen und gähnende Leere. Achthundertmal hat er die Hand mit der Exaktheit einer Presse gesenkt und gehoben. Diesmal hat die Hand sich verzögert, – und Blut beschmutzt die vortreffliche Presse. Schon gehorchen die Hände nicht mehr, sie machen unsichere Bewegungen und zittern, – die Säge streift die Hand.“

Dies ist eine kurze Passage aus dem Buch „Das Leben der Autos“ von Ilja Ehrenburg. Eine satirisch makabre Geschichte zum Siegeszug des Autos, geschrieben im Jahre 1929.

 

Lassen wir Günther Wallraff oder Max von der Grün, beide bekannte Vertreter der „Arbeitsweltliteratur“, einmal nicht zu Wort kommen, wenn es um Arbeitsplatzschilderungen und Konflikte geht. Es ist erstaunlich, das sei hier bemerkt, wie sehr sich die Vertreter dieser Literatur, die vor allem im Arbeitskreis „Literatur der Arbeitswelt“ organisiert waren, gegen einen Band „Science Fiction“ zur Wehr setzten. Kriminalstories (Fischer Taschenbuch Nr. 2076 „Kriminalgeschichten“ September 1976) wurden noch nach langen Diskussionen akzeptiert, ein Projekt, sich auch dem Thema Arbeit und Zukunft zu widmen, verschwand immer wieder in einem unergründlichen Zeitloch. Oder wurde per Diskussionstransmitter in einen galaktischen Inhaltslosnebel verbannt.

Paul Celan, der größte Lyriker des gerade vergangenen Jahrhunderts, darf in dieser Sammlung von „Arbeitswelttexten“ mit seiner Fertigungshalle nicht fehlen:

„FERTIGUNGS-
HALLE
Blendeffekte, im Dämmer,
– auf dir, denk,
ruhte die heilende Hand unterm auf-
zuckenden Schein –
das Schutzwort
im Überdruckhelm
ein Zeichen im Satz
als Frischluftgerät.
Schweißung der Seelen, Kurzlicht.
In den Boxen:
Beatmung
des reimigen, schönen
Metallbalgs.“

Nun möchte ich hier noch die leider vergessene Autorin Marianne Herzog zitieren, die in einigen Aufsehen erregenden Büchern die Arbeitswelt beschreibt:

„Das Karussell ist eine Scheibe mit zehn Ausbuchtungen, in die zehn Staubsauger gehängt werden. An jedem Karussell arbeiten zwei Frauen. Im Stehen montieren die Arbeiterinnen am Karussell, das sie außerdem noch drehen. Hier ist die Arbeit am schwersten. Von hier aus gehen die fertigen Staubsauger aufs Band zur Kontrolle. Ruth hat aufgezeichnet, was eine Arbeiterin in einen Staubsauger montiert:
Dichtungsgummischnur einlegen
zwei Schalter und eine Klammer reinknipsen
Gummischlauch reinstecken
Gummiring überstülpen
Motor mit Verbindungskabel reinsetzen
Schaumgummiring drauflegen
Plastikhaube befestigen
Plastikdeckel mit Verbindungskabel verbinden
Lampe mit zwei Verbindungskabel reindrücken
Verbindungshalter mit einem Kabel festknipsen
Schalter anklammern
Deckel mit Rädern festschrauben
Papiertüte und Plastikkorb reinstecken
den hinteren Decken festschrauben
elf Schrauben einbohren.
Dann schieb ich den Staubsauger aufs Fließband.
Das sind 15 verschiedene Teile. Die müssen die Arbeiterinnen aber nicht nur einbauen, sondern auch noch quer durch die Halle an ihren Arbeitsplatz transportieren, und die Motoren und die Kannen sind sehr schwer. Quer durch die Halle laufen wäre ja eine gute Sache, bei unseren Akkordzeiten ist es aber nur Streß. Die Stückzahl pro Tag für zwei Frauen: 190 Stück!“
(Marianne Herzog „Von der Hand in den Mund“, Rotbuch Verlag 1976)

Wer sich mit den Cyberspace Romanen oder gar mit einem „Internet-Roman“ beschäftigt hat (besonders ärgerlich war da der Versuch von Cole Perriman mit dem Titel „Die Stunde des Clowns“), der sollte sich unbedingt den Roman „Jede Minute kostet 33 Franken“ von Emil Zopfi gönnen. Es ist der beste Roman, den ich kenne, der sich mit der EDV-Arbeitswelt beschäftigt. Erschienen im Jahre 1977 im Schweizer Limmat Verlag. Der Leser kann eine ganze Nachtschicht eines EDV-Betriebes erleben. Spannend von der ersten bis zur letzten Zeile beweist Zopfi, dass ein Roman, der sich mit Arbeit beschäftigt, spannend, kritisch und unterhaltsam sein kann. Hier eine kurze Szene aus dem Anfang des Romans. Die Kapitelüberschriften sind jeweils die Zeiten der Arbeitsnacht:

„22.53
Kern erschrickt. ‚GO‘ hat er auf der Konsole gelesen. Darunter die Meldung
** printer not ready
Glauser ist beim Printer. Etwas ist mit dem Papier nicht in Ordnung. Und nun bricht es plötzlich los.
Signallampen glimmen auf. Hunderte gleichzeitig. Lösen sich dann in ein aufgeregt blinkendes Muster auf, das stumpfe Front des Computers belebt. Maschinentakt –
Und die Schreibmaschine hackt mit ihren Stahlfingern aufs Papier ein.
Magnetbandrollen laufen an. Das braune Band spult ruckweise ab, wellt sich und biegt sich in Vakuumkanäle hinein und schlängelt sich schließlich zwischen den Leseköpfen hindurch. Daten fließen ins System. Informationen. Geheimnisse.
Zischende Pneumatikkolben treiben Lesekämme über die Oberfläche von hochtourig kreisenden Magnetplatten hinweg. Im Hintergrund setzt ein schwingendes, melodiös vibrierendes Pfeifgeräusch ein: Der Schnelldrucker, der Printer Nr. 3. Sein Hammerwerk schlägt Zeile um Zeile auf endlos gefaltetes Papier, füllt mit rasender Geschwindigkeit Seite um Seite: der Output. Das tote System ist plötzlich erwacht. Aufgeschreckt. Zur Maschine geworden. Und durch den ohrenbetäubenden Lärm glaubt Kern wieder jenes Geräusch zu vernehmen, das sich irgendwo in seinem Kopf drin festgefressen hat. Schwingendes Sirren von Zahnrädern, Ketten … zischende Hydraulikkolben … stechender Öldampf…Stille – Und der grauenhafte Schrei von Luigi. Eine Sekunde nur. Dann steht er wieder vor der Schreibmaschine und liest die Meldungen ab, die sie auf grün-weiss gestreiftes Papier hämmert –

** job moraves 1 output started 22.53.38

Allmählich beruhigt sich das System. Läuft sich ein. Man gewöhnt sich an den Lärm des Printers und an der Konsole tröpfeln nur noch vereinzelte Zeichen aufs Papier.“

Was unterscheidet diesen Text, der Arbeit beschreibt, von einem Ausflug ins Weltall? Nichts! Die Zeitreise, andere Gesellschaftsformen, neue Planeten, Kriegsgefahren, Abenteuer – all das hat mit Zukunft zu tun. Die Arbeit? Sie bleibt kleben und entwickelt sich nicht weiter. Die Literatur der Zukunft, sie drückt sich vor der Arbeit oder beschreibt sie so, als wäre es abgelaufene, vergangene Geschichte. Produktionsprozesse werden nicht beschrieben oder wenn es in seltenen Fällen vorkommt, dann bleiben diese inhaltlich weit hinter jenen Beispielen zurück, die ich hier schon erwähnte und teilweise zitierte. Die Dramatik der Arbeit, wie sie etwa bei Emil Zopfis „Jede Minute kostet 33 Franken“ erzählt, fehlt, bis auf wenige Ausnahmen, in der Science-Fiction völlig. Wenn überhaupt Tätigkeiten beschrieben werden, so sind es solche, die man mit dem Begriff Abenteuer umschreiben kann. Es wird spioniert, erforscht, erfunden, herumgebastelt, geblastert, erobert, gemordet…

Ist Arbeit ein Stoff im Leben, ohne den es kein Glück gibt, oder ist es ein Teil jener Unterdrückung, mit der die Besitzer der Macht seit Beginn der Geschichte der Menschheit ihr Wohlleben absichern?

 

 

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