qualitätszertifiziert & lösungsorientiert?!

 Kolumne Dead Men Working

von Maria Wölflingseder

Der große, alles dominierende Geldfetisch gebiert ständig neue kleine Fetische. Möchtegern-Zaubermittelchen, um all den Wahnsinnigkeiten des alltäglichen Lebens Tarnkappen aufzusetzen, um all die Idiotie mit adretten Mascherln zu verkleiden.

Zum Beispiel flammt in regelmäßigen – immer kürzer werdenden – Abständen ein Lebensmittelskandal auf. Oft müssen ungeheure Mengen an (Lebend-)Ware vernichtet werden. Und das, obwohl es in Österreich 91 Gütesiegel und Markenzeichen für Lebensmittel und die stets beteuerten „strengen Kontrollen“ durch die AGES, die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH, gibt. All die Aufgaben in den Bereichen „Ernährungssicherung, Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheit, öffentliche Gesundheit, Medizinmarktaufsicht“ und viele andere sind auf www.ages.at detailreich beschrieben. Demnach müssten ökologisch-paradiesische Zeiten längst angebrochen sein. Diese breit angelegten Maßnahmen können jedoch all die G’schmackigkeiten nicht verhindern: von Analogkäse bis Klebefleisch, von Pestiziden, Herbiziden, Fungiziden in Obst und Gemüse bis zu Hormonen und Antibiotika im Fleisch, vom Rostschutzmittel im Paprikapulver bis zu Uran im Wasser und gepanschtem Alkohol.

Ein anderes Beispiel: Alle Elektrogeräte werden nach Stromverbrauch klassifiziert und mit „Green Labels“ zertifiziert. Immer detailreichere Energieeffizienz-Klassen werden kreiert: A, A+ A++ A+++. Umtauschaktionen werden initiiert: alte Kühlschränke, Waschmaschinen oder Autos sollen vernichtet und neue, sparsamere angeschafft werden. Was die Erzeugung der neuen an Umweltbelastungen mit sich bringt, wird jedoch nicht einkalkuliert. Aber nicht nur deshalb wird dem Ökomascherl immer weniger getraut. Auch die Haltbarkeit von Autos, Elektrogeräten und elektronischem Equipment wurde seit deren Erfindung kontinuierlich kürzer. Ganz zu schweigen davon, dass immer seltener Service und Reparaturen angeboten werden, und dass es kaum Ersatzteile zu kaufen gibt. „Das zahlt sich ja nicht aus.“ All diese systemlogischen Profit-Notwendigkeiten fallen langsam auch den inbrünstigsten Marktgläubigen unangenehm auf. So wurde etwa www.murks-nein-danke.de „gegen geplante Obsoleszenz“ initiiert.

Kein Produkt, kein Unternehmen, das sich heute nicht mit unzähligen „Labels“, also mit Prüf-, Güte- und Qualitätssiegeln schmückt. Nur „kundenfreundlich“ zu sein, reicht heute nicht mehr aus. Um im knallharten Konkurrenzkampf zu punkten, braucht es mehr: Verschiedenste – oft zweifelhafte – Nachhaltigkeitslabels, etwa bei Verpackungen, über CSR (Corporate Social Responsibility) bis hin zur ISO (International Organization for Standardization)-Zertifizierung. Das CSR-„Pickerl“ wird von Unternehmen aber allzu offensichtlich meist nur zur Image-Politur verwendet, zum „Greenwashing“. Auch ein „Ablasshandel“ wird von Kritikern konstatiert: Um entsprechende Gesetze zu verhindern, wird beteuert, ohnehin „ethisch korrekt“ zu wirtschaften. – Und wer sich die acht Grundsätze des „standardisierten Qualitätsmanagements“ der ISO zu Gemüte führt und sie mit den tatsächlich herrschenden Zuständen vergleicht, kann sich ein Bild vom wahren Ausmaß eines Tarnkappenbombardements der etwas anderen Art machen: „Kundenorientierung, Verantwortlichkeit der Führung, Einbeziehung der beteiligten Personen, Prozessorientierter Ansatz, Systemorientierter Managementansatz, Kontinuierliche Verbesserung, Sachbezogener Entscheidungsfindungsansatz, Lieferantenbeziehungen zum gegenseitigen Nutzen.“

Unangenehme Bekanntschaft mit einer Mogelei, mittels derer sich Unternehmen im Ranking nach oben schummeln, machte eine Tiroler Alleinerzieherin. Eine große, österreichweit tätige Firma brüstete sich mit einem Betriebskindergarten. Dieser schließt allerdings mangels Bedarf an Nachmittagsbetreuung zu Mittag. Als die Frau ihren kundtat, wurden sie und das Kind nach allen Regeln der Kunst gemoppt.

Offenbar ist immerzu Vorsicht geboten, sobald etwas besonders hervorgehoben und angepriesen wird. Der Schein, der Blöff, die Attrappe haben sich etabliert. Das potemkinsche Dorf hat sich weltweit in immer mehr gesellschaftlichen Sphären durchgesetzt. In der Politik sowieso. Besonders beliebt ist auch die Political correctness. Wie praktisch: „richtig“ zu sprechen ersetzt die grundlegende Veränderung der Verhältnisse. Besonders skurril das Ansinnen, alle historischen Kinderbücher akribisch nachzukorrigieren. Insbesondere die Wörter Neger und Zigeuner.

Mit ausnehmend viel Aufwand und hohen Kosten vermitteln, kontrollieren, überwachen und prüfen staatliche Einrichtungen wie Mediationen, Bioethikkommissionen oder die Volksanwaltschaft – zum Schein! Denn letztlich gehen die sogenannten „Wirtschafts- oder Staatsinteressen“ vor. Von allen Beschwerden an die Volksanwaltschaft werden gerade einmal fünf Prozent positiv erledigt. Und Bioethikkommissionen und Mediationen dienen in erster Linie der geordneten Durchsetzung von Kapitalinteressen. Nicht viel anders verhält es sich mit den staatlich geförderten und gelenkten Umwelt- und Konsumentenschutz-Einrichtungen.

Das hippe Softskill-Adjektiv „lösungsorientiert“ ist also nichts als ein Rohrkrepierer – sowohl in genannten Vermittlungseinrichtungen als auch in Unternehmen. Letztere haben die Lösungsorientiertheit in Callcenter outgesourct. Dort dürfen sich desorientierte Youngsters mit den Lösungsversuchen herumschlagen.

Aber die Hauptsache ist, man kann mit all den Tarnkappen, Mascherln und Kulissen Profit machen. Vergegenwärtigen Sie sich doch nur den gigantischen Aufwand, mit dem einerseits getarnt und getrickst wird und andererseits – oft nur zum Schein – versucht wird, das Tarnen und Tricksen hintan zu halten. Quasi eine „Doppelmühle“. So kann bei jedem Zug beim Gegner ein Stein abgeräumt werden. Aber das Leben ist kein Brettspiel. Warum setzen wir dem globalen absurden Theater kein Ende? Stellen Sie sich all die verschleuderte menschliche Energie und all die vergeudete Zeit vor! Höchste Zeit die Scheuklappen, die mit den Tarnkappen und Mascherln stets frei Haus mitgeliefert werden, abzunehmen. Hinter der Maskerade lauert nichts weniger als die Apokalypse.

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