Fetisch Überleben

von Annette Schlemm

Nein, es geht diesmal nicht darum, ob die menschliche Zivilisation als Ganzes die Wirrnisse des Klimawandels und des Peak Everything zu überleben vermag. Es geht nur um mich und um Dich in unserm ganz gewöhnlichen Alltag. Hier ist uns die Überlebensfrage so nahe gerückt, dass das Klimaproblem hinterm Horizont verschwindet. Es geht ums wirtschaftlich-soziale Überleben: Woher kommt das Geld für die Miete, die neuen Schuhe, den Wochenendeinkauf?

Wer der Hartz IV-Hetze entronnen ist, findet sich wieder im dauernden Überlebenskampf der Arbeitswelt. Vorbei sind die Zeiten, als ich unter der Monotonie der täglichen Arbeitsroutine litt, dass mit der Berufsausbildung auch die Lebenslaufbahn festgeschrieben war. Wer sein Leben flexibler gestalten wollte, musste immer wieder ausbrechen. Selbständigkeit, Autonomie, das Leben in die eigene Hand nehmen, selbst entscheiden. Was für einige Pioniere befreiend war, wird nun für immer mehr Lohnarbeitende zum Normalzustand. Um die Jahrtausendwende waren es bereits ca. ein Fünftel der Arbeitenden, die nicht mehr direkt diszipliniert werden müssen, die sich nicht mehr für Karriereknicke im Lebenslauf entschuldigen müssen. Sie können und sollen die wachsenden Unwägbarkeiten auf dem Arbeitsmarkt nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance zur ständigen Neuerfindung. Gegenüber den auch heute noch repressiv zur Arbeit Gezwungenen ist diese Arbeitsweise durchaus eine Privilegierung.

Aber sie darf auch nicht übersehen lassen, was an neuen Trends auf uns zukommt und wo aus der Privilegierung eine neue Falle wird: Die Studie „Arbeitskraftunternehmer. Erwerbsorientierung in entgrenzten Arbeitsformen“ von Hans J. Pongratz und G. Günter Voß (von 2003) beschreibt den „Trend weg von verberuflichten Arbeitsformen hin zu Formen des ,Arbeitskraftunternehmertums‘“ nicht nur als Wachstum von Chancen sondern vor allem aus der Sicht von steigenden Anforderungen und Belastungen. Früher vermietete ich meine Arbeitskraft und überließ das Risiko und die Sorge dem Unternehmer. Es ging darum, meine Stunden abzuarbeiten, die geforderten Aufgaben zu erfüllen, der Rest des Lebens war meins. Heute jedoch grüble ich noch in den Nächten darüber nach, wie ich meine Arbeit morgen hinkriege, was ich mit wem noch organisieren muss, wem ich welche Zuarbeit abfordern muss und wie ich den Meckereien der Kollegen, die von mir etwas wollen könnten, zuvor kommen kann. Ich bin es, die tagtäglich beweisen muss, dass sie dem Unternehmen was bringt. Es reicht nicht, einfach meine Arbeit zu machen, sondern ich muss dafür sorgen, dass mir meine Arbeit auch bleibt, ich muss sie mir direkt auf den Tisch ziehen, damit ich meine Existenz- und Arbeitsberechtigung in dieser Firma immer wieder beweisen kann. Es ist der Kollege, vor dessen zurechtweisender Kritik ich Bammel habe, den Chef braucht das nicht zu kümmern.

Der hat ja andere Sorgen: Seit 20 Jahren erlebe ich im Territorium der früheren DDR den andauernden Überlebenskampf der jungen Firmen. Es ist ja tatsächlich so, dass mein Job davon abhängt, ob „meine“ Firma überlebt. Wenn wir nicht ranklotzen, Innovationen auf Teufel komm raus hervorzaubern und uns auf dem Markt durchsetzen, war’s das mal wieder mit dieser Arbeitsstelle. Ich selbst sehe, was notwendig ist, und will natürlich, dass alle ihre vollen Kräfte einsetzen, damit unsere Firma sich durchsetzt. Es wäre ja zu blöd, wenn meine Anstrengung umsonst wäre, nur weil da ein paar Kollegen ihrer Frau nicht klarmachen können, dass das Abnahmeprotokoll für das auszuliefernde Gerät wichtiger ist, als das Kind von der Kita abzuholen. Denn wenn’s die eine nicht erledigt, muss der andere ran. An dem Gerät hängt die Quartalsbilanz, es muss pünktlich raus. Wir alle wissen das und verhalten uns danach – da braucht’s keinen Druck vom Chef. Nur ganz junge Leute glauben noch daran, dass dieser Stress irgendwann, nach dem übernächsten Gerät, nach einigen Wochen, Monaten oder wenigen Jahren doch noch in ein normales Leben einmündet, das man sich dann verdient zu haben glaubt.

Meine Existenz und die der Kolleg_innen hängt tatsächlich vom Überleben „unserer“ Firma ab. Das redet uns keiner nur ein, das ist nicht nur Ideologie. Darin bestätigt sich Marxens Konzept vom gesellschaftlichen Fetisch. Unter kapitalistischen Verhältnissen erfahren wir den gesellschaftlichen Charakter unserer Arbeit nicht unmittelbar als Gesellschaftlichkeit, sondern als Beziehung von Dingen: Geldstücken und Waren. Die Bewegungsgesetze dieser Dinge steuern und koordinieren unser Verhalten. Dass wir uns ihnen zu unterwerfen haben, ist weder Lüge noch Schein, sondern wird davon bestimmt, dass ich tatsächlich nur meine Arbeitskraft als Ware verkaufen kann und das auch muss, um vermittels Geld an Lebensmittel zu kommen. Das kann ich nur, wenn ich einen Unternehmer finde, der mir die zur Arbeit nötigen, aber mir fehlenden Produktionsmittel beistellt. Zu den Produktionsmitteln gehörte früher auch die Kompetenz, Fähigkeit und Möglichkeit zur Organisierung, Koordination und Steuerung der Arbeitsprozesse. Früher organisierte der Unternehmer die Arbeit und wies mir dann meine Arbeitsaufgaben zu. Er besorgte das Kapital für nötige Investitionen und die Vermarktung des von mir Hergestellten. Ich war nur ein Rädchen im Getriebe. Die Funktion der Organisation, Koordinierung und Vermarktung hat er uns nun auch noch aufgedrückt. Wir sind selbst verantwortlich für das Überleben der Firma und spüren das tagtäglich und unmittelbar. Wir übernehmen Unternehmensinteressen und finden Klassenkampf völlig überholt, denn wir alle in einer Firma, ob Kapital- oder Arbeitskraftunternehmer_in, kämpfen ja gemeinsam ums Überleben der Firma und nicht etwa gegeneinander.
Unser Verhältnis zueinander als gesellschaftliche Wesen wird immer noch von verdinglichten Verhältnissen geprägt, auch wenn die neuen Managementformen unsere Bedürfnisse nach Autonomie und Selbstorganisation besser befriedigen als die fremd- oder selbstdisziplinierenden früheren Formen.

Den Zwang zum wirtschaftlichen Überleben, so sehr er als natürlicher und damit unumgänglicher erscheint, gibt es überhaupt nur in kapitalistischen Verhältnissen. Ich könnte mich auch einfach mit anderen Menschen zusammen tun, um die fürs Leben nötigen Dinge herzustellen, wenn wir denn nicht getrennt wären von den Produktionsmitteln. Um diese nutzen zu können, dürfen wir nicht selbst entscheiden, wie wir vernünftigerweise die für unsere Bedürfnisbefriedigung nötigen Produkte herstellen, sondern es schiebt sich das Profitmotiv zwischen unser Tun und unsere Bedürfnisse, und immer mehr sind auch unsere Bedürfnisse von diesen Verhältnissen bestimmt. Der Produktionsmitteleigentümer zwingt uns nicht nur aus beliebig veränderbaren Wünschen heraus, dass wir für ihn Profit erzeugen, sondern er bleibt nur dann Produktionsmitteleigentümer, wenn er im Überlebenskampf der Unternehmen gegeneinander besteht, d.h. wenn er durch die Anstellung von Arbeitenden ausreichend Profite generiert. Diese sich gegenüber den wandelbaren Wünschen aller Beteiligten verselbständigende Logik zeigt sich als „Fetisch“.

Dass sie sich derzeit so offen zeigt, dass wir sie im Arbeitsalltag bewusst erfüllen müssen, kann auch eine Chance sein. Das gesellschaftliche Zwangsverhältnis verbirgt sich nicht mehr hinter persönlich zuschreibbaren Disziplinierungen, sondern offenbart sich als Herrschaft „des Marktes“, der Ökonomie über das Leben. Es geht offensichtlich nicht mehr darum, gegen andere Menschen (z.B. die Unternehmer) zu kämpfen, sondern die Verhältnisse abzuschaffen, in denen alle Menschen nur noch als „Charaktermasken“ ihrer ökonomischen Funktion gelten und damit der Entfaltung anderer menschlicher Potentiale beraubt sind.
Außerdem zeigt es sich, dass wir die Unternehmer zumindest in ihrer früheren Organisierungs- und Steuerungsfunktion gar nicht mehr brauchen. Das machen wir inzwischen eh selber. Es sind tatsächlich unsere eigenen produktiven Kräfte, die zu Produktivkräften des Kapitals werden (MEW 26.1: 365). Wozu brauchen wir dann noch das Kapital?

P.S.: Ich habe diesen Text eines Morgens um vier Uhr geschrieben, nachdem ich mal wieder schlaflos über die Arbeitsprobleme des kommenden Tages nachgegrübelt hatte. Wem aber gehört meine Lebenszeit? Wenn ich schon nicht schlafen kann, sollte wenigstens dieser Text entstehen…

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