Blech und Prestige

von Birgit v. Criegern

Wieder der Blechkultur-Wahnsinn auf der Straße, wenn ich mit dem Rad in Berlin-Kreuzberg unterwegs bin, zum Beispiel Wrangelstraße. In Mehrreihen-Formation parken die Wagen von Gewerbe-Leuten, AnwohnerInnen oder TouristInnen. Da mußt du Augen überall haben und besser nicht pokern wie manche Autofahrer. Durch den freien Fahrraum beweg ich mich slalom-artig, da geht es zwischen einem einparkenden Wagen auf der rechten Spur und einem in zweiter Reihe geparkten in der linken hindurch. Dennoch rauscht ein großer Mercedes-Kombi auf mich – in Mitte der Straße – zu, möchte nicht abbremsen. Die Message: Der Stärkere hat Vorfahrt (trotzdem hier auch, zu allem Überfluss, Spielstraße mit Tempo 30 gilt) und du, Radlerin, drück dich gefälligst aus der Bahn. Bei seinem Pokerspiel muss ich mich nach rechts in Richtung manövrierendem Einparker retten, mache eine wütende absenkende Handbewegung zum Raser, der an mir vorbeisausend etwas Unfreundliches aus dem offenen Fenster schnauzt.

Radfahren ist lebensgefährlich, bei einem Lärmaufgebot von Null Dezibel und einem Schadstoffausstoß von Null Abgasen: bescheiden, klimafreundlich und prekär. Auch in Berlin, das mit etlichen Radwegen als Vorbild gilt, bin ich auf der Hut bei jeder verengten Fahrspur aufgrund einer Baustelle, bei jedem aggressiven Auto-Fahrstil. Cool fahr ich gewiß nicht, ich verhalte mich lieber wie eine Schnecke mit Hirn, zumindest hierbei.

Zum Lachen find ich aber Umweltschutz-Predigten: Nachhaltigkeits-Moden, Toleranz-Sätze. Es geht um Zaster, wenn immer mehr Autos produziert werden, und es geht um Prestige und Bauaufträge, wenn etwa in Kreuzberg eine Autobahnzufahrt A 100 gebaut wird, für die Bäume gefällt und Gartenlauben niedergewalzt werden. Müsste nicht für Naturfreundlichkeit ein gut Teil Statusdenken umgeworfen werden, das den Blechpanzern und ihrer PS-Stärke anhaftet? Wer sozial und naturfreundlich fahren will, braucht den Mut, „Schlußlicht“ zu sein.

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