Der Kampfmarkt und sein Konkurrenzprinzip

Streifzüge 56/2012

von Mladen Savić
So wie im Mittelalter Gott alle Lebensbereiche des Menschen durchdrungen hat, bestimmt nun Geld mehrfach das, was man allgemein das Leben nennt, während man das Geldverdienen meint. Mehr noch: ein gelungenes oder gescheitertes Dasein wird mit dem finanziellen Auf- und Abstieg gleichgesetzt. Und fast scheint es, als wäre es nie anders gewesen! Wenigstens in den Köpfen ist die Verbindung von Warenwirtschaft und Lohnsystem längst zur ewigen Natur verbrämt. Die Vorstellung, Geld müsse unbedingt sein, hält sich zäh, ganz im Gegensatz zum Gedanken einer Gütergemeinschaft. Dieser klingt irgendwie fremd und geradezu sündig, als wäre er gegen die Naturgesetze höchstpersönlich. Natürlich stimmt das nicht, weil weder Gott noch die Natur das Geld erfunden haben, sondern der Mensch auf einer bestimmten Entwicklungsstufe, aber davon lässt man sich in der Regel nicht weiter einschüchtern. Eingesickert – abgestanden. Man ist außerstande, sich Güter nicht als Waren vorzustellen oder Grund und Boden nicht als Liegenschaft, geschweige denn die Arbeit ohne einen Chef. Wie einstmals Gott, so hält jetzt das Geld die Welt im Innersten zusammen. Sein Umschlagplatz ist das, was man gemeinhin als Markt bezeichnet, wo man selber arbeitend oder mit fremder Arbeit Handel treibend die meiste Lebenszeit verbringt. Ohne Geld jedenfalls – kein Leben. Der Abdruck des Wirtschaftlichen macht vor keiner Türe halt, denn sein Druck ist gottähnlich allgegenwärtig.

Die Art und Weise, wie einerseits gearbeitet wird, in einem Dienstverhältnis nämlich, und wie andererseits gewirtschaftet wird, nämlich auf der Grundlage sogenannter freier Märkte und privater Produktion, hat aus dem Austauschmittel Geld schließlich das Befehlsmittel Kapital gemacht. Wer es hat, befiehlt; wem es fehlt, fügt sich und buckelt. Die Aufteilung in Besitzende und Besitzlose vorausgesetzt, bedeutet jedes Dienstverhältnis für den Einzelnen: zu arbeiten als Diener von Bedienten . Ebenso haben der freie Markt, wo alles eine Ware und daher käuflich sein kann, und die private Produktion, wo man unabhängig von Bedarf und Notwendigkeit drauflos produziert, ihre inhaltlichen Feinheiten: frei sind sie als Freiheit zur Menschenanmietung und privat nur im Sinne der unmittelbaren egoistischen Interessen. Das Geld, zwingend zahlenverhaftet, fließt in dieser Arbeitsart und Wirtschaftsweise ständig und wechselt ungleichmäßig die Besitzer. Außer der Summe der Zeit, die für die Bereitstellung einer Ware oder Dienstleistung verwendet worden ist, bietet sich jedoch kaum ein vernünftiges Maß an, um diese oder jene Arbeit tatsächlich zu vergleichen, objektiv zu bewerten und auf eine Zahl zu reduzieren. Jede Ware, auch die Arbeitskraft, hat ihren Preis, die für einen den Profit, für den anderen höchstens einen Lohn ausmacht. Kapital als Verhältnis unter Menschen: man kann den Ursprung des darin enthaltenen Vergehens mehr als nur etymologisch aufspüren. („Capital“ bedeutet auf Lateinisch übrigens – todeswürdiges Verbrechen, oder schlicht todbringend, verderblich.)

In dieser Wettbewerbswirtschaft herrschen, wie der Name schon verrät, ganz bestimmte Prinzipien und Verhaltensregeln vor, die Ausdruck von gewissen Eigentumsverhältnissen sind, in erster Linie jene der Gegnerschaft und insofern des gegenseitigen Kampfes. Eigentum beschützt zweifellos, aber Eigentum muss auch geschützt werden, vor denen ohne eines und gleichzeitig vor denen mit mehr davon. Das Kämpferische, im Eigentumsbegriff enthalten, findet im Wettbewerb seine organisierte Form. Das Übertrumpfen, der Verfügungsgewalt des Eigentums entspringend, wird da zielgerecht zu einem Übernehmen, und zwar als Aneignungsmacht des jeweils neuen Besitzers. Kurz, die Identifizierung mit dem Haben führt gewissermaßen zur Personifizierung des Nehmens. Die hierbei passenden Bilder des Markierens, Kämpfens und Entreißens wecken wenig zufällig Assoziationen aus dem Tierreich. Dementsprechend ist das Fortbestehen des Stärkeren auch die sozialdarwinistische Leitlinie einer solchen Marktwirtschaft: Konkurrenz als heute unhinterfragbares Verhaltensprinzip ist nichts anderes als das Buhlen und Streiten um die besten Produktions- und Absatzbedingungen am Markt.

Zwinkern aus dem Überbau

Bloß, Vorsicht mit den Begriffen! Denn es wird unter Produzent nicht der Lohnarbeiter verstanden, der wirklich etwas produziert, sondern sein Verwalter und gleichzeitiger Besitzer der Produktionsmittel. Auch werden diese Produzenten, obwohl sie fremde Arbeit nehmen, Arbeitgeber oder Unternehmer (aktiv), die Arbeiter selbst aber Arbeitnehmer schaft (passiv) geheißen. Dadurch zeichnet die Sprache jenen Kampf um Anerkennung der in den Waren verkörperten privaten Tätigkeit (Faktor Kapital ) als Teil der sozial notwendigen Gesamtarbeit (Faktor Arbeit ) nach. Diese ideologische Linguistierung übrigens, im Sinne einer offiziellen Sprache samt all ihren terminologischen Realitätseingriffen, begleitet die politische Anpassung eines jeden ökonomischen Systems an den Druck der sozialen Realität selbst, und zwar als Verfallserscheinung, wenn das System bereits gezwungen ist, irgendwen von seiner Naturwüchsigkeit zu überzeugen. Die Tatsachen müssen dann eben zu Hause bleiben, weil sie in einer Ideologie von Anfang an nur Störfaktoren bei Legitimierungen darstellen.

Die allgemeine Konkurrenz der Unternehmer untereinander verwandelt, sofern dieselbe Produktionssphäre von Gütern und Dienstleistungen betroffen ist, die jeweiligen Warenwerte in Marktwerte. Und da am freien Markt privat und insofern blind produziert wird, entzieht sich das große Theater, worin alles nur Mittel zum Zweck namens Kapital ist, einer befriedigenden sozialen Kontrolle. Manchmal muss für ein sinnloses Produkt überhaupt erst das Bedürfnis geschaffen und propagiert werden, um es erfolgreich verkaufen zu können. Hauptsache: die Kapitalisierung findet statt! Doch auch Arbeiter und Angestellte und Bauern konkurrieren untereinander, bloß nicht für ihren Profit, sondern zum Lebensunterhalt. Halten sie dem Sturm nicht stand, sei es von anderen Arbeitsbewerbern, sei es von nächst größeren bäuerlichen Betrieben, steigen sie auf der sozialen Leiter abwärts. Sogar Kleinunternehmer aus den Mittelschichten reiben sich im Risiko der internationalen Konkurrenz schnell auf und landen dadurch, dass keine Unsummen an Kapital hinter ihnen stehen, nicht selten im finanziellen Ruin.

Darüber hinaus meint man immer öfter, dass das wirtschaftliche Konkurrenzprinzip vorbehaltlos auch in völlig andersartige Lebensbereiche getragen werden kann, mit entsprechenden Folgen wie bei jeder schematischen Übertragung. So zum Beispiel in jenen der Kindererziehung, wodurch in der Haltung der heutigen Kinder und Jugendlichen ein weiter Bogen gespannt wird von Bezugslosigkeit und mangelnder Empathie bis hin zu Loyalitätsverlust und geistiger Isolation; ebenso in jenen der Universitätsbildung, wo die akademische Produktivität im Eiltempo den forschenden Intellekt zu verdrängen droht, abgesehen von den bildungsfeindlichen Versuchen, eine Universität wie ein lukratives Unternehmen zu leiten; am schädlichsten ist dieses Konkurrenzprinzip allerdings in der Weltpolitik, denn die betrifft Milliarden Menschen. Nichtsdestotrotz, der Geldgott hat gesprochen, und im Anfang steht bekanntlich sein Wort…

Da, wie gesagt, im Ringen um die günstigsten Verwertungsbedingungen die verschiedenen Unternehmer und Kapitalien nicht in ihrem Dorf bleiben, sind sie gezwungen, einen Großteil ihres Profits zu akkumulieren, ihn in der Produktion wieder zu verwenden. Dies macht das heutige Geldwesen und seinen weltumspannenden Verkehr erst zur Marktwirtschaft bzw. zum Kapitalismus. Es führt zu Wachstum, unkontrolliert, aber effektiv. Was zugleich wächst, ist die Konzentration des privaten Kapitals und der von ihm abhängigen Produktion, besser bekannt als Monopolisierung in den Händen großer Eigentümer wie der Banken und Konzerne. Der heutzutage etwas beliebtere Ausdruck A&M (Übernahme und Verschmelzung) bedeutet ein und dasselbe, er verbirgt bloß die generelle Monopolisierungstendenz durch noch eine ideologische Linguistierung. Am Weltmarkt erhält dieser Konkurrenzkampf eine menschlich kalte, mathematische Erscheinungsform: man kämpft, ungeachtet aller menschlichen und ökologischen Verluste, tagaus tagein um Absatzgebiete, Billigarbeitskräfte, Produktionsvorteile, Rohstoffquellen, Straffreiheit, Möglichkeiten der Kapitalanlage und letztendlich – um die wirtschaftlich territoriale Aufteilung der Welt unter die Monopolverbände und ihre sie schützenden Großmächte. Endprodukt sozusagen der bislang geschilderten Verknüpfung von anarchisch privater Produktion einerseits und der ökonomischen Konkurrenz andererseits ist die vollendete Tatsache ungleichmäßiger Entwicklung, sei es von Staaten, Schichten oder Individuen, sowohl finanziell als auch intellektuell und technisch.

Zwicken aus dem Zwielicht

Das Irrwitzige an dieser Gesamtlage ist, dass die praktische Überwindung und Unterbindung von Kapitalismus bei voller Beibehaltung aller technischen Errungenschaften auch als Möglichkeit geleugnet, als eine Art von Ketzerei betrachtet wird, die dem neuen Geldgott seine Bedeutung abspricht. Etwa weil sie den Menschen stattdessen in den Mittelpunkt stellt?! Es kann doch nicht sein, dass die Menschheit ohne das Kapital grundlos alle Kenntnisse und Fähigkeiten verliert, nicht mehr zu rechnen, zu bauen, zu arbeiten weiß, den Computer zu bedienen und die Chemikalien zu mischen verlernt, dass die Brücken dann alle einstürzen, keine Motoren mehr funktionieren usw. Man sollte panische Bilder wie diese als einen Ausbruch von Panik deuten, keineswegs als mehr! Sie ist es nämlich, die man vorfindet, wenn man die Selbsterklärungen des Geldes beim Wort nimmt: es sagt in seinen propagandistischen Organen überall, es sei das Höchste und Wichtigste, kann aber, wie im Falle einer hohen und unaufhaltbaren Inflation, zum Nichtigsten werden. Gottes Allmacht wackelt schließlich als Konzept. Die finanziellen Institutionen sind mit ihrem Dogma von der Notwendigkeit einer Konkurrenzwirtschaft (als Diktatur des Kapitals) in einen modernen Klerikalismus gerutscht: sie üben doch nur Gottes Willen aus, in Vertretung, versteht sich, wie die Kirche im Mittelalter, als sie noch Macht besessen hat.

Allgemein wird nun der Wettbewerb, insbesondere der wirtschaftliche, als passende Antwort auf die biologischen wie kulturellen Anforderungen des Menschen gehandelt: jeder gegen jeden ! Die Natur, verantwortlich für den angeborenen sozialen Instinkt, und die Kultur, verantwortlich für die technisch immer höhere Abhängigkeit der Menschen voneinander, sträuben sich. Die Wirtschaft aber besteht trotz aller ihrer Mängel und offenbar zyklischen Krisen darauf, der Wettbewerb selbst sei absolut und unantastbar. Man sucht – kein Scherz! – und sucht vergeblich nach dem Wall-Street-Gen und einer biologistischen Wunschrechtfertigung für die gegenwärtigen Produktionsverhältnisse und deren Profitmaximen. Dass das Konkurrenzprinzip in letzter Konsequenz sogar unökonomisch ist, nicht nur als Leitfaden zu Ressourcenverschleiß, Parallel- und Überproduktion, sondern in seiner industriellen Form auch als Weltmarkt der Umweltzerstörung und Ort der Gattungsbedrohung, gehört heutzutage schon zum ökologischen Trivialwissen. Das ändert gar nichts. Gegeneinander statt miteinander, der Wirtschaft zuliebe !

Geistige Spurensuche

Doch Wettbewerb, das ist mehr als nur eine Tätigkeit, die einen Ablauf hat, er ist ein Ereignis, das zudem eine Grundbedeutung hat und deshalb eine Einschätzung verdient. Als Verhaltensweise zieht der Wettbewerb eine ihm entsprechende Geisteshaltung nach sich, welche ihn zum Prinzip macht. Dieses hat notwendig regulative Aufgaben: ein bestimmtes Benehmen hervorzubringen – es formt den Menschen, der ihm folgt, in seiner Art und Beschaffenheit. Man sehe sich den Wettbewerbsgedanken genauer an, und man wird alsbald merken, dass seine Vorzüge weder formal noch substanziell die Nachteile wettmachen. Zunächst zeigt der Wettbewerb eine formale Ähnlichkeit mit dem Spiel, doch reicht es nicht zur inhaltlichen Verwandtschaft: spielen kann man auch ohne Regeln, wetteifern wohl kaum. Aber auch sonst erscheinen die Folgen eines Spiels viel harmloser als die eines Wettbewerbs. Die Freiheit und Freude im einen stehen kontrastreich zum Reglement und zur Anstrengung im andern.

Ebenfalls lässt sich auf formaler Ebene schlussfolgern, der Wettbewerb setze einerseits einen Zweiten voraus, wolle ihn andererseits zugunsten eines Ersten eliminieren. Das Verhältnis zur Zweisamkeit oder Gemeinschaft ist dadurch nicht etwa in sich gespalten oder gar widersprüchlich. Der mögliche Erste betrachtet den hoffentlich Zweiten im Vorfeld schon als Mittel zum Zweck, sozusagen als vorübergehendes Eingeständnis seines Werts, der durch den Sieg der Gegenseite wieder abgewertet wird. Das im Wettbewerb enthaltene Projekt, es gehe nun um etwas , erweist sich aus dem Winkel des Unterlegenen als ein geregeltes Ausscheidungs- und Abwertungsverfahren, so sehr er es auch selbst in Kauf nehmen mag. Aber das Projektartige daran, diese zum Wettbewerb gehörende Gewissheit, dass am Ende eines solchen Ereignisses ein Resultat stehe, ist bloß noch Anschein, nichts als Einbildung: niemand bleibt für immer Erster , wodurch der Sieg sich wieder relativiert und die dauerhafte Unabgeschlossenheit des Wettbewerbsprozesses sich erst wirklich manifestiert. Das Resultat, das anfangs in Aussicht stand, zerfließt in seinem Fluss.

Sieg als das oberste Ziel dieses Prinzips bleibt hingegen inhaltlich undefiniert, und der Ansporn, den der Wettbewerb durchaus geben kann, wird von der Eitelkeit im Siegeseifer verzehrt. Aus Sicht des Gewinners nämlich ist die Tatsache, Erster zu sein, eine persönliche Anerkennung und dahingehend eine Aufwertung, welche, wenn oft genug wiederholt, zur Überhöhung des Ichs führt, zu einer besonderen, insofern im Keim schon angelegten Eitelkeit. Wiederkehrend hier, diesmal vom Inhaltlichen her aufgerollt: das tendenziell überhöhte Ich schließt ein geselliges Wir aus , denn die Eitelkeit lässt sich, wie der Individualpsychologe Adler feststellt, mit dem Gemeinschaftsgefühl nicht vereinbaren, da sich eins dem andern nicht unterordnen möchte. Das Zerfallen der Gemeinschaft in Sieger und Verlierer bedeutet – hinsichtlich der darin sich vollziehenden vertikalen Staffelung – jedoch, dass neben der moralischen Fragwürdigkeit dieses Prinzips auch noch sein Maßstab selbst zur Debatte steht.

Im Wettbewerb wird die Andersartigkeit eines jeden Ich, streng genommen, niemals in erster Linie nach seinen Qualitäten gemessen, sondern stets nach äußeren Quantitäten, kurz, nach einem meist auf nur eine einzige Sache reduzierten Maßstab, an den man sich anzupassen hat. Es wundert indes kaum, dass ein solches allgemeines Opfer der Qualität zugunsten der Quantität und der Substanz für die Form wesentlich zum Wettbewerbsprinzip gehört. Nun ist der fremde Maßstab, den man anwendet, in den Regeln bereits fixiert, also nicht debattierbar, sondern gleichsam vorgegeben. Das heißt, nachdem der Mitmensch zu einer Gegenseite geworden ist und dann beide einer ihnen äußerlichen Größe nacheifern, welche noch dazu fremdbestimmt ist, darf der Sinn einer derartigen Reduktion nicht mehr angezweifelt werden. Sonst gäbe es keinen Wettbewerb, bloß Willkür. Wer demnach seinen Sieg verschenkt, hat nicht nur die Regeln gebrochen, er hat auch anschaulich vorgeführt, dass er den hier verwendeten Maßstab grundlegend missachtet: des Nächsten Nachteil als eigenen Vorteil !

Einsam im Hamsterrad

Dies ist und bleibt gewissermaßen die Quintessenz des Konkurrenzprinzips. Ein Belohnungssystem, das auf solchen Denkmustern aufbaut, muss, so maßgeblich es in einer Gesellschaft auch sein mag, über kurz oder lang daran scheitern, dem Menschlichen im Menschen gerecht zu werden. Es verdient, weil es zudem ein soziales Dispositiv ist, die nachhaltige Stigmatisierung. Aber leider nicht in dieser Welt der wirtschaftlichen Allmacht, im Gegenteil! Dabei leuchtet jedermann sofort ein, dass im Innersten des Wettbewerbsprinzips, worin Menschen sich nicht zur Seite stehen, sondern einander entgegensetzen, der Egoismus als beabsichtigte treibende Kraft liegt, als sein eitles Urprinzip, von dem eine fundamental feindselige Haltung ausgeht. Der freie Wettbewerb erscheint in seiner gelebten Form also als ungezügelte Selbstsucht, welche sich schon seinem Wesen nach, den anderen Menschen vorab als Widersacher zu behandeln, gegen den angeborenen sozialen Instinkt wendet – und all das, wohlgemerkt, bei steigender sozialer Abhängigkeit der Menschen von einander in einem immer arbeitsteiligeren Kulturschaffen.

Die Zugrundelegung des Wettbewerbs in egoistischen Antrieben ist aber ebenso fragwürdig als Rechtfertigungsversuch wie auch als Endergebnis einer so ausfallenden sozialen Praxis. Die daran angelehnte Regelung zwischenmenschlicher Verkehrsformen bringt selbige zur Degeneration. Da finden sich einerseits eine philosophische Unausgegorenheit, wie denn Menschenfeindliches die Menschen anleiten könne oder solle, und andererseits ein innerer Widerspruch in der besonderen Organisiertheit der zweifellos nötigen Arbeitsteilung. Wenn die soziale Reproduktion des Lebens im vollen Umfang gewissen asozialen Impulsen unterstellt wird, sind Probleme auf allen Ebenen vorprogrammiert: das Ich, das in ein Wir hineingeboren wird, welches ihm faktisch vorangeht, ihn ja bedingt, um zu werden, was und wer er ist, wird libidinös und antirealistisch in seiner Ablehnung des Wir. Zustande kommt dabei ein gedanklicher Irrgarten, unreif im Lichte seiner geschichtlichen Anforderungen und schädlich für die Psyche eines Individuums, mit dem Anstrich eines verherrlichten Kraftakts, dessen gewaltige Möglichkeit aber nichts erklärt, begründet oder löst.

Bliebe noch die Frage, wie man überhaupt mit so einer Kritik aufwartet? Es gibt freilich keine Generalmethode dafür. Die Sache ist aber ganz einfach: man verkleinere ein Phänomen zuerst bis zum expliziten Hauptgedanken und vergrößere es dann bis zu seinen impliziten Wirkkräften, um dessen essentiellen Wesenszug in aller Blöße vorzuführen. Anschließend muss man die Behauptungen nur noch empirisch auf ihre Richtigkeit prüfen – einstweilen eine bewährte Methode!

image_pdfimage_print