(Wider-)Standbein und Spielbein

von Maria Wölflingseder

Solange das gute Leben nicht alltäglich ist, wird Analyse, Kritik und Widerstand notwendig sein. Obwohl es zum ersten Mal in der Geschichte ein Leichtes wäre, dass kein Mensch auf dem Globus Hunger leiden und Mangel erleben müsste, werden wir noch lange damit beschäftigt sein, die Not zu wenden. Zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit klafft also ein riesiger Abgrund – so bleibt uns nur eine Welt, in dem der ganz normale Wahnsinn regiert. Das ist jedoch kein Grund die Flinte ins Korn zu werfen oder Trübsal zu blasen.

Um in dem unwirtlichen Dasein die Balance nicht zu verlieren, versuche ich mich im bewussten Wechsel zwischen (Wider-)Standbein und Spielbein. Der, ob der sich verschlimmernden Verhältnisse drohenden Logik von noch mehr Sitzungen, noch mehr Veranstaltungen, noch mehr Demos, noch mehr darüber Lesen und noch genauer Bescheid Wissen, begegne ich mit regelmäßigem „Abschalten“. Wer nicht genießt, ist ungenießbar! Ein Leben ohne Sinnlichkeit, Leidenschaft, Kunst, Humor und Ironie ist keines. (Dem oft zitierten Hedonismus fröne ich allerdings nicht – so wie keinerlei Ismen. Denn Trauer wird immer auch zum Leben gehören.)

Die Sphäre des Intellekts braucht als Gegengewicht die Sphäre der Sinnlichkeit. Aber unter der Diktatur des prompten Konsumierens haben es Sinnlichkeit und Erotik schwer. Konrad Paul Liessmann hat dieses Phänomen beschrieben: „Erotik“ bedeutet „Spiel der Umwege“, „Spiel der Distanzen“, „Spannung zwischen zwei Polen“. „Die Kunst des Erotischen besteht darin, diese Spannung kunstvoll auszubauen und aufrecht zu erhalten. Meine Diagnose der Gegenwart ist, dass das Erotische deshalb zu verschwinden droht, weil wir keine Kultur des Umwegs mehr sind.“

Ich seile mich trotzdem oft ab von den kritischen Höhenflügen in den Garten der Lüste…

Übrigens, wer Sinnlichkeit (er-)lebt, wird nicht dauernd nach Sinn suchen (müssen).

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