Niko Paech: Gute Teilkritik, fragwürdige Analyse, schlechte Alternative

Welt ohne Geld statt heimattreuer Illusionen

von Andreas Exner In der Wachstumsdebatte sticht er hervor: Niko Paech. Seine Wachstumskritik konzentriert sich vor allem auf die ökologische Seite. Da ist sie gut. Die Probleme beginnen bei den vermeintlichen Alternativen. Die sollen den Markt fortschreiben. Dabei ist der die eigentliche Wachstumsursache – und nicht die Arbeitsteilung, wie Paech meint. Er setzt zudem wie der Neoliberalismus auf die Unternehmer und moralisiert die Konsumfrage. Eine Kritik mit Sympathie im ersten Drittel. Dabei nehme ich Niko Paechs Beitrag im neuen VSA-Sammelband “Ausgewachsen! Ökologische Gerechtigkeit. Soziale Rechte. Gutes Leben.” (Rätz et al., 2011) zur Vorlage [1]. Auf Niko Paechs zutreffende Kritik des Mythos der Entkoppelung zwischen Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch gehe ich nicht weiter ein, weil hier der gute Teil seiner Wachstumskritik liegt, das heißt solange es um technisch-ökologische Aspekte geht. Ihn zeichnet auch ein waches Verständnis der Funktionsweise etablierter Akteure im Diskurs der Nachhaltigkeit oder seit Neuestem des Postwachstums aus. So bemerkt Paech:

Nun wenden sich die Vertreter/innen der neuen Wachstumskritik mit erfrischender Eindeutigkeit gegen den Entkopplungsmythos. Aber ziehen sie auch die notwendigen Konsequenzen in Form einer Aufgabe landläufiger Wohlstandsversprechungen? Es wird spannend zu beobachten sein, welche Richtung der wachstumsskeptische Zug, auf den derzeit Teile der Nachhaltigkeitsszene – zumindest dem Lippenbekenntnis nach – eiligst aufspringen, am Ende nimmt. Denn das Kunststück, eine konsistente Postwachstumsökonomie zu fordern, ohne das geneigte Publikum mit unbequemen Wahrheiten zu überfordern, entspräche einer Quadratur des Kreises. Nicht nur deshalb spricht vieles dafür, dass dem Gros der neuen Wachstumskritiker lediglich eine Art Entkopplungs-Update vorschwebt.

Das steht durchaus zu vermuten. Allerdings liegen die “unbequemen Wahrheiten”, die Paech gern verbreiten möchte, ganz woanders. Nicht in der Zurückschraubung der Arbeitsteilung und im Verzicht, sondern, im Gegenteil, in der Ausweitung der Kooperation und in einem Zugewinn an Lebensqualität. Diese Wahrheiten sind freilich nur deshalb unangenehm, weil sie der Befehlsgewalt des Kapitals und dem System der Geldwirtschaft entgegen stehen. Das Kapital kommandiert in Gestalt des Managements die Tätigen und, wenn diese ihren Arbeitsplatz verlieren, in Gestalt des Staates und seiner Arbeitsagenturen. Das System der Geldwirtschaft, dem wir uns unterwerfen, weil wir nicht über die Produktionsmittel verfügen, koppelt eine fragliche Lebensqualität an Warenkonsum. Aber schauen wir uns das einmal näher an.

Wachstumsursachen: eine, zwei, drei, viele?

Zu Anfang dieses Beitrags, der seine Position umreißt, stellt Paech zweierlei fest:

Solange die Hoffnung, dass ökonomisches Wachstum bei hinreichend innovativen Technikentwicklungen von Ressourcenverbräuchen und Umweltschäden entkoppelt werden kann – also ein so genanntes qualitatives, entmaterialisiertes oder dekarbonisiertes Wachstum prinzipiell für möglich gehalten wird –, nicht als Schimäre entlarvt ist, besteht für die Akzeptanz, geschweige denn Durchsetzbarkeit wachstumskritischer Positionen nicht der Hauch einer Chance.

Und weiters:

Ohne vorherige Analyse und Systematisierung von Wachstumsursachen kann eine Postwachstumsökonomie nicht als fundiertes, in sich geschlossenes Konzept entwickelt werden.

Die erste These suggeriert, dass in der Ökofrage vor allem die Vernunft das Ruder führt. Das ist mit Sicherheit nicht der Fall. Zwar spielt der Diskurs um die Frage der Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch eine Rolle zur Legimitation der herrschenden Naturverhältnisse, das heißt, der Art, wie und was wir produzieren. Allerdings wäre es weit übertrieben, auf eine rationale Einsicht zu hoffen, dass die Entkoppelung nicht gelingen kann. Würde die Ratio im Sinne einer verantwortlichen Vernunft im Kapitalismus eine entscheidende Rolle spielen, so hätte sie dazu seit 150 Jahren gleich mehrere Möglichkeiten gehabt. In der ökologischen Frage jedenfalls spätestens in den 1970er Jahren. Da wir aber stehen, wo wir stehen, spielt Vernunft in der ökologischen Debatte zwar eine Rolle, aber keine entscheidende. So kommt auch der Analyse der Entkoppelung oder besser: ihrer Unmöglichkeit, eine zwar wichtige, aber keine entscheidende Bedeutung zu. Die liegt ganz woanders, nämlich in den sozialen Kämpfen für ein gutes Leben und in den – durchaus vernunftgeleiteten – Debatten um die Frage, worin das bestehen kann und soll.

Damit wären wir schon beim Thema der Alternativen. So gut die Kritik Paechs ist, wenn es um den Mythos der Entkoppelung geht, so sehr fällt sie ab, wenn sie sich daran macht, ein anderes, besseres, eben ein gutes Leben für alle zu entwerfen. Diese Schwäche hängt mit der zweiten Anfangsthese von Niko Paech zusammen. Demnach bedarf eine Postwachstumsökonomie einer Analyse und Systematisierung der Ursachen des Wachstums. Bei Paech spielt ein ganzes Bündel an unterschiedlichen Faktoren die Rolle der Wachstumsursachen: Industrielle Arbeitsteilung, Fremdkapitalzinsen, Gewinnerwartungen, Innovationswettbewerb, schrankenlose Geldschöpfung der Geschäftsbanken, kulturelle Steigerungslogik und Materialisierung moderner Freiheitsbegriffe, soziale Wachstumslogik in der Politik, Expansion als institutionelle Legitimation, Verzichtsangstsyndrom, Bevölkerungswachstum. Wer sich mit den Ursachen des Wachstums einmal näher beschäftigt hat, kennt das Problem: Auf den ersten Blick gibt es eine fast unüberschaubare Fülle möglicher Variablen, die für das Wachstum relevant erscheinen. Bleibt man dabei stehen, kann man sich dem Wachstumsproblem zwar annähern. Auf die Spur kommt man ihm dabei aber nicht. Die braucht man allerdings, um Alternativen zu entwickeln.

Doch eine Wachstumsursache? Arbeitsteilung?

Strukturelle Wachstumsabhängigkeit resultiert aus einer perfekten Verzahnung von industrieller Arbeitsteilung auf der Angebotsseite und vollständiger Fremdversorgung auf Seiten der Haushalte,

stellt Niko Paech fest. Ein ganzes “Fremdversorgungssyndrom” sei es, das die Menschen “schicksalshaft” einer “geldspeienden Wachstumsmaschine” ausliefere. Warum aber sind “Fremdversorgungssysteme”, wie Paech meint, die Ursache des strukturellen Wachstumszwangs?

Weil sie darauf beruhen, die Distanz zwischen Verbrauch und Produktion zu vergrößern. Dies ist nötig, um die quantitativen sowie qualitativen Steigerungspotenziale einer arbeitsteiligen Wertschöpfung zu entfesseln und in Zuwächse der Güterversorgung zu transformieren.

Es ist die Arbeitsteilung, die Paech als den Schuldigen ausmacht und worauf er das Wachstum zurückführt. Sobald eine Produktion, die vormals an einen Standort gebunden war, in einzelne Fertigungsschritte zerlegt und internationalisiert wird, komme es zu “Spezialisierungsgewinnen”. Diese führen zu sinkenden Stückkosten. Weil aber jede Fertigungsstufe Fremdkapital investieren muss (für die Fertigungsanlagen etc.), fallen auch auf jeder Stufe Zinsen an.

Das dazu benötigte Fremdkapital kostet Zinsen; Eigenkapital verlangt nach einer hinreichenden Rendite. Folglich muss in jeder Periode ein entsprechender Überschuss erwirtschaftet werden,

heißt es bei Paech, und weiter:

Das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche Wachstum steigt also mit zunehmender Spezialisierung, das heißt mit der Anzahl eigenständiger Betriebe und dem notwendigen Überschuss, um das Risiko des Investors mindestens zu kompensieren. Dieses Risiko steigt obendrein mit zunehmender Komplexität, also Anzahl, Distanz und Anonymität der Produktionsstätten. Daraus lassen sich Ansatzpunkte für eine Milderung von Wachstumszwängen ableiten

Die ganze Erklärung spießt sich: Arbeitsteilung, Risiko, Zins

So formuliert, bleibt unklar, warum Unternehmen in einer Geldwirtschaft überhaupt produzieren. Paech spricht zwar aus, dass Kapital eine Rendite verlangt und dass daraus der Zwang, einen Überschuss zu produzieren, folgt, darin also der Schlüssel zum Wachstum liegt. Warum das so ist und ob das so sein muss, bleibt jedoch außerhalb seines Blickfeldes. Man wird nicht schlau, worin die genannten “Steigerungspotenziale einer arbeitsteiligen Wertschöpfung” bestehen, außer dass sie sich in “Zuwächse der Güterversorgung transformieren”. Produzieren Unternehmen also, damit es möglichst viele Güter gibt? Das ist falsch, wie wir alle wissen und auch Paech sagt. Unternehmen produzieren nicht, damit Leute ein Dach über dem Kopf haben oder nach Honolulu fliegen können. Unternehmen produzieren, um ihr Kapital zu vermehren. Sie machen aus Geld mehr Geld, Profit. So klar diese Wachstumsursache auf der Hand liegt, so sehr wird sie in Paechs Ursachendschungel unter einer Fülle zweitrangiger, aus der Profitmaschinerie abgeleiteter Variablen begraben.

Kein Wunder, dass Niko Paech eine reichlich komplizierte und gewagte Hypothese braucht, um das Wachstum letztlich doch auf eine Ursache zurückzuführen, die den Dschungel etwas lichtet. Diese Ursache der Ursachen soll eigenartigerweise darin bestehen, dass sich die Produktion auf internationale Wertschöpfungsketten aufteilt. An diesem Punkt wird alles unklar. Weil der Begriff des Wachstums nicht analysiert worden ist, weiß man noch immer nicht, was wächst: der Warenoutput, der Profit, der Stoff- und Energieverbrauch? Das, was (auch immer) wächst, tut dies jedenfalls mit zunehmendem “Risiko”, wie Paech meint. Und dieses “Risiko” wachse seinerseits mit zunehmender Zerlegung der Produktion in einzelne Fertigungsschritte, die sich weltweit verstreuen.

Da stellen sich gleich mehrere Rätsel. Erstens: Wenn das Wachstum aus der Internationalisierung der Produktion resultiert, die erst mit der Globalisierung seit den 1990er Jahren wirklich weltumgreifend wird, warum wuchs die Wirtschaft, warum wuchsen einzelne Branchen schon vor ihr? Noch dazu zum Teil viel rasanter als seit der Internationalisierung der Produktion? Wie wir wissen, waren die Wachstumsraten des BIP in den drei “goldenen Jahrzehnten” nach dem Zweiten Weltkrieg, die von hoher Stabilität, Planbarkeit, sicheren Binnenmärkten und einer internationalen wirtschaftlichen Regulation mit strengen Kapitalverkehrskontrollen geprägt waren, bei weitem höher als sie seit den 1990er Jahren sind. Hier spießen sich die Tatsachen nicht nur mit der Erklärung von Wachstum durch die Internationalisierung der Produktion, sondern auch mit der dadurch angeblich bewirkten Erhöhung des Risikos. Das war damals nämlich viel geringer.

Das Risiko kann freilich zweitens schon deshalb keine Wachstumsursache sein, weil hohes Risiko Investitionen der Tendenz nach einschränkt. Die Rendite riskanter Investitionen ist zwar hoch. Die Investitionsneigung insgesamt leidet jedoch unter eben diesen Bedingungen. Alles andere wäre auch ziemlich irrational, sogar rein kapitalistisch gedacht. An der falschen Einschätzung des Zusammenhangs von Risiko und Investition schließt sich ein falsches Verständnis des Zinses an. Während Paech glaubt, dieser führe zu einem Wachstumszwang, ist es genau umgekehrt: Der strukturell vorgegebene Zwang und Drang des Kapitals, Profit zu produzieren, erzwingt im zweiten Schritt die Aufnahme von Fremdkapital. So können die engen Grenzen des Eigenkapitals ausgedehnt werden und damit der Profit. Hohe Zinsen würgen deshalb das Wachstum des Kapitals dezidiert ab, wie wir alle aus den Wirtschaftsnachrichten wissen. Der Zins ist kein Wachstumstreiber [2].

Die wahren Wachstumsursachen

Die wahren Ursachen für das Wachstum des Kapitals liegen dort, wo Paech nicht hinschauen will.

(1) Wachstumsdrang. Da Geld sich von sich selbst nur der Menge nach unterscheidet und “nicht satt macht”, bewirkt es einen Wachstumsdrang: aus 100 Euro 100 Euro zu machen ist sinnlos, 101 Euro ist schon besser, 102 allemal und 10.000 ist toll. An sich selbst findet die Geldvermehrung, die Akkumulation von Kapital, keine Grenze. Weil Geld per definitionem die alles dominierende Form von Reichtum ist, “Reichtum schlechthin”, pure soziale Macht, gilt auch der Vermehrung von Geld das Hauptaugenmerk. Alles andere wäre sinnlos. Wenn man das nicht will, muss das Geld weg, nicht die Arbeitsteilung.

(2) Wachstumszwang. Weil erst Geld die Menschen verbindet und sie in dieser Gesellschaft zu Menschen macht, konkurrieren auch alle darum. Sie müssen das tun. Ein Unternehmer, der keinen Gewinn macht, wird gegenüber einem anderen, der profitabel wirtschaftet, das Nachsehen haben. Der Konkurrent kann in neue Maschinen, den Aufbau von Know-How, Werbung etc. investieren, danach mehr zu geringeren Kosten produzieren und alle anderen, die das nicht tun, ausbooten. Wenn man das nicht will, muss das Geld weg, nicht die Arbeitsteilung.

(3) Schrumpfungsverbot. Das Geld macht auch eine sozial verträgliche Schrumpfung der Wirtschaftsleistung unmöglich. Da Geld die allgemein gültige Form von Reichtum darstellt, ist eine Schrumpfung, die keine schwere Rezession ist, undenkbar. Weniger Warenoutput = weniger Geld = Verlust, Krise, Elend. Würde man alle Autowerke der Welt zusperren, was notwendig ist, so freut sich niemand über den positiven Klimaeffekt. Im Kapitalismus ist das eine Katastrophe. Wenn man das nicht will, muss das Geld weg, nicht die Arbeitsteilung.

Die wirkliche Arbeitsteilung

Paech analysiert nicht nur die Wachstumsursachen, sondern auch die Arbeitsteilung falsch. Er übersieht, dass zwischen Arbeitsteilung und Geld kein logischer Zusammenhang besteht. Und unterschlägt, dass auch im Kapitalismus Arbeitsteilung zwei Ebenen hat: (1) die innerbetriebliche Arbeitsteilung, (2) die zwischenbetriebliche. Paech spricht nur von der zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung, die im Kapitalismus, der eine Geldwirtschaft ist, über Geld läuft: Unternehmen kaufen, was sie benötigen, und verkaufen, was sie produzieren.

Die innerbetriebliche Arbeitsteilung ist bereits ein schlagendes Argument gegen die notwendige Verknüpfung von Geld und Arbeitsteilung, die Paech fälschlicherweise herstellen will. In einem Konzern kooperieren tausende von Menschen ohne die Dazwischenkunft von Geld. Es gibt zwar eine Tendenz, innerbetrieblich einen Markt zu simulieren, indem Profitcenter definiert werden etc. Doch ist das erstens eine ziemlich neue Tendenz, zweitens nicht konzernprägend. Die Kooperation im Betrieb erfolgt grundsätzlich ohne Geld. Sie beruht auf der Eigenmotivation und der Fähigkeit der Selbstorganisation der dort Tätigen – wie ohnehin alle wissen, die mal in einem Betrieb gearbeitet haben. “Dienst nach Vorschrift” ist eine Drohung. Daran sieht man, dass die Kooperation im Betrieb auch nicht von oben verordnet wird.

Auch zwischenbetrieblich gibt es freilich globale Kooperation. Sie besteht in Lieferbeziehungen ohne Dazwischenkunft des Geldes. Der so genannte Intrakonzernhandel umfasst rund ein Drittel des Welthandels. Dabei handelt es sich um bloße Buchungen, die wie normale Markttransaktionen erscheinen. Tatsächlich ist das schlicht der auf Kooperation beruhende Ressourcenfluss in einem Unternehmen.

Wenn man den Blick weitet und sich nicht auf “Betriebe” fixiert, ist auch leicht zu erkennen, dass die freie Software-Produktion und digitale Gemeingüter wie Wikipedia eine unglaublich komplexe Arbeitsteilung darstellen, die ohne Geld entsteht. Also: komplexe Arbeitsteilung hängt nicht von Geld ab.

Paech: den Tatsachen entgegen

In der Sicht von Paech steigt das Wachstum – entgegen den Tatsachen – sogar:

Das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche Wachstum steigt also mit zunehmender Spezialisierung,

heißt es. Was soll damit anderes gemeint sein als ein Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate, eine anwachsenden Steigerungsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP)? Das lässt sich ja leicht überprüfen. Die Wachstumsrate des BIP steigt nicht, sondern sinkt in den reichen Ländern seit vielen Jahrzehnten. Der wirtschaftliche Zuwachs bleibt absolut gesehen langfristig konstant. Bei zunehmender Größe der Volkswirtschaft ergibt sich daraus eine abnehmende Wachstumsrate. Dieser Befund ist der dritte Punkt, warum sich die vermeintliche Wachstumsursache nach Niko Paech als wenig tauglich erweist, um zum Verständnis des Wachstums beizutragen. Diesem Punkt kann man auch nicht mit der denkmöglichen Ausflucht begegnen, dass ja, wie alle sehen, der von Paech im Zitat genannte “Gesamtprozess” – was auch immer darunter genau zu verstehen ist – seit 2008 eben nicht mehr “stabilisiert” werden kann. Erstens schreibt Paech nichts darüber, zweitens behauptet er ja eine allgemeine Gültigkeit seiner Wachstumserklärung. Die kann also nicht erst seit 2008 eingesetzt haben.

Man könnte die These, wonach, wie Paech schreibt,

das zur Stabilisierung des Gesamtprozesses erforderliche Wachstum (…) also mit zunehmender Spezialisierung (steigt), das heißt mit der Anzahl eigenständiger Betriebe und dem notwendigen Überschuss, um das Risiko des Investors mindestens zu kompensieren

empirisch relativ leicht überprüfen. Dazu müsste man die Anzahl der Betriebe mit der Wachstumsrate vergleichen. Das wäre allerdings aus den erwähnten Gründen eine undankbare Aufgabe. Theoretisch gesehen kann gar kein Zusammenhang bestehen (und wenn doch, dann nur ein zufälliger). Darüberhinaus deutet kein einziges Indiz auf so einen Zusammenhang. Die größten Profite machen Konzerne, die zugleich aufgrund ihrer oligopolistischen Position unter den geringsten Risiken leiden und die Weltwirtschaft bestimmen. Das Kapital konzentriert und zentralisiert sich fortschreitend, anstatt einer “blühenden” wirtschaftlichen Kleingartenlandschaft mit einer “wachsenden Anzahl eigenständiger Betriebe” Raum zu geben, was ja auch allseits beklagt wird. Was da wächst, ist die Zahl an Schuhputzern, Ich-AGs und Elendsunternehmerinnen.

Die Struktur solcher Konzerne ist überaus komplex und gehorcht dem Prinzip der Auslagerung. Ein Unternehmenskern, der das Management einer weltweit zergliederten Wertschöpfungskette in der Hand behält, ist von einer riesigen Peripherie an Zulieferern umgeben. Das macht Ikea so, das macht Ford so, das machen alle Konzerne so. Heißt das, dass damit der Gewinn insgesamt steigt? Natürlich nicht. Diese Strategie der Internationalisierung dient dem Unternehmenskern, dem Headquarter, der Konzernzentrale dazu, die Gewinne zu steigern. Aber nicht, weil das Risiko steigt aufgrund der “Komplexität, also Anzahl, Distanz und Anonymität der Produktionsstätten”, wie Paech glaubt. Auslagerung erlaubt schlicht eine Steigerung der Produktivität der Arbeit und zudem, die Arbeitskräfte der Zulieferer unter Druck zu setzen, indem man sie gegeneinander ausspielt und verhindert, dass sie die ganze Produktion lahm legen, wie das bis zum Ende der 1970er Jahre häufig der Fall war.

In einer höchst unklaren Weise drückt sich bei Paech das Moment der wirklichen Wachstumsursache aus: die kapitalistische Konkurrenz, das heißt die unausweichliche Konkurrenz um den Profit, die der Markt zwischen den Betrieben setzt. Das hat aber nicht mit der Arbeitsteilung zu tun, die Paech ganz oberflächlich analysiert, sondern mit der Geldwirtschaft, dem Markt. Das war bereits zu sehen.

Falsche Analyse, schlechte Alternative

Paech versteht die Arbeitsteilung als solche als ein “Fremdversorgungssyndrom”. Nicht nur, dass diese Konzeption, wie zu sehen war, darin versagt, das Wachstum zu erklären. Sie macht auch ein ganz falsches Bild der Kooperation im gesellschaftlichen Maßstab auf und ihr unterliegt ein ebenso falsches Bild des Menschen.

Während bei Paech die Leute wieder mehr Gemüse im Schrebergarten anbauen und ihr Dach selber reparieren sollen, hat das in der Tat ganz und gar nichts damit zu tun, dass man sich dann plötzlich wieder “selbst versorgt”. Nach wie vor werden ja wohl Saatgut, Holz, Werkzeuge und Wissen benötigt werden, die ein beinahe unendliches “System der Fremdversorgung” bedeuten. Und das ist auch gut so. Ja, es ist gerade überhaupt nicht einzusehen, warum alle dazu vergattert sein sollen, das, was kooperativ viel besser, lustvoller und rascher erledigt werden kann, dem Paechschen Konzept der “Selbstversorgung” entsprechend zu erledigen. Paech selbst sieht das ja wohl letzlich auch so, wenn er Gemeinschaftsgärten als Positivbeispiel erwähnt. Dann aber bitteschön auch Gemeinschaftsfabriken. Die Blumen und die Bienen können ja wohl nicht der entscheidende Unterschied sein, der in einem Garten gleichberechtigte Kooperation möglich, in einer Werkstatt, einem Büro oder einer Fertigungshalle aber mit einem Schlag vollkommen unmöglich machen.

Die Wahrheit ist: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Es gibt keine “Fremdversorgung”. Ein solcher Begriff ist auch ziemlich unglücklich aufgrund seiner heimattreuen Schwingung. Ebensowenig wie klein notwendigerweise schön ist oder gut, ist lokal notwendigerweise besser. Die Einschränkung auf das Lokale schneidet, ganz im Gegenteil, wichtige Widerstands- und Freiheitsräume ab. Und es beschränkt unseren Horizont und unsere Perspektive.

Die Ansatzpunkte einer Alternative zur Wachstumsökonomie sieht Niko Paech in fünf Schritten:

(1) Suffizienz. Darunter versteht Paech, dass manchen Konsumaktivitäten ersatzlos entfallen können. Dazu ist nichts zu sagen, denn das ist richtig.

(2) Subsistenz. Davon hat Paech einen eigenwilligen und sehr eingeschränkten Begriff. Anstatt unter Subsistenz das zu sehen, was sich dem Markt entzieht, egal ob in der freien Software oder im Gemeinschaftsgarten, will er dies auf individualisierte und nur scheinbar von anderen unabhängige Tätigkeiten einschränken.

(3) Regionalökonomie. Dazu schreibt er:

Viele Bedürfnisse ließen sich durch regionale Märkte bis hin zu einer Community Supported Agriculture (CSA) (www.entrup119.de) befriedigen. Regionalwährungen könnten Kaufkraft an die Region binden und damit von globalen Abhängigkeiten befreien. So würden die Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung weiterhin genutzt, jedoch innerhalb eines ökologieverträglicheren und krisenresistenteren Rahmens.

Da geht gleich mehreres durcheinander. Erstens ist Community Supported Agriculture kein Markt, auch kein regionaler, sondern direkte Kooperation zwischen Produzent*innen und Konsument*innen in einer Weise, die den Unterschied noch dazu aufhebt (durch Mitarbeit der Konsument*innen bei Arbeitsspitzen, Planung der Produktion etc.).

Zweitens sind Regionalwährungen in keiner Weise eine Alternative zum Markt. Regionale Währungen, die man zum Einkauf in einer bestimmten Stadt oder einem bestimmten Einkaufszentrum verwenden kann, sind altbekannt. Auch die DM war mal eine schöne Regionalwährung, oder, wer’s lieber nett und klein hat: der österreichische Schilling. In einem Regionalwährungsring wirken Konkurrenz und Geldakkumulationsdrang ganz genauso wie sonst auch. Sofern man diese Aspekte der Wachstumsursache “Geldwirtschaft” stilllegt, so nur durch Kooperation, wie sie ja schon zum Aufbau einer Regionalwährung notwendig ist. Dann aber bitte gleich den Schmied und nicht den Schmiedl.

Drittens ist ganz unklar, was nun die “Effizienzvorteile einer geldbasierten Arbeitsteilung” sein sollen. Ressourceneffizienz kann nicht gemeint sein. Was aber dann? Tatsächlich ist die Geldwirtschaft (deren Arbeitsteilung, wie zu sehen war, gerade nicht geldbasiert ist) nur in einer Sache effizient: aus Geld mehr Geld zu machen. Die Ökonomie drückt das in der Profitrate aus, dem Effizienzkriterium des Kapitals. Also eine Alternative ist das nicht.

Viertens stellt sich die Frage, warum eine lokalistisch gedachte “Regionalökonomie” krisenresistenter sein soll. Solange sie von modernen Infrastrukturen abhängt, wird sie auch von einer Krise des Weltmarkts erfasst. Da gibt es ein Entrinnen nur durch möglichst breite Kooperation über das Konstrukt der so genannten Region hinaus. Auch ein “regionales” Krankenhaus wird auf medizinische Geräte, Pharmazeutika, Wissen und sonst noch einiges angewiesen sein, was weder lokal noch regional produziert und organisiert werden kann.

(4) Stoffliche Nullsummenspiele. Darunter versteht Paech eine Halbierung der Normalerwerbsarbeitszeit und einen Umbau der Produktion auf langlebige Güter hin. Dazu ist nichts zu sagen, weil auch das ein wichtiges Element einer Alternative ist.

(5) Institutionelle Innovationen. Hier wird’s wieder schwierig. Paech umreißt den Inhalt dieser Neuerungen so:

Boden-, Geld- und Finanzmarktreformen würden systemimmanente Wachstumszwänge mildern. Regionalwährungen könnten mit einer das Zinsniveau gegen Null senkenden Geldumlaufsicherung versehen werden. Veränderte Unternehmensformen könnten die Gewinndynamik dämpfen. Der Subventionsdschungel könnte durchforstet werden, um gleichermaßen ökologische Schäden und öffentliche Verschuldung zu reduzieren. Ein Bodenversiegelungsmoratorium und Rückbauprogramme für Infrastrukturen wären sinnvoll. Insbesondere Industrieparkanlagen, Autobahnen, Parkplätze und Flughäfen wären zu entsiegeln und zu renaturieren. Ansonsten können dort Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien installiert werden, um die katastrophalen Flächen- und Landschaftsverbräuche dieser Technologie zu reduzieren. Weiterhin ließen sich Rebound-Effekte eindämmen, wenn der dehnbare Nachhaltigkeitsbegriff endlich durch individuelle CO2-Bilanzen konkretisiert würde. Jede Person hätte ein Anrecht auf dasselbe jährliche Emissionskontingent (ca. zwei bis vier Tonnen), das übertragbar sein könnte. Unternehmen wären zu verpflichten, alle Produkte mit dem CO2-Footprint entlang des gesamten Lebenszyklus zu kennzeichnen.

Während die rein technischen Vorschläge gut sind, eine “Durchforstung des Subventionsdschungels” sinnvoll und die Idee, auf Verkehrsflächen PV- und Windkraftanlagen zu installieren, nicht nur originell, sondern praktisch ist, fehlt den anderen die Bodenhaftung.

Keine Alternative sind Regionalwährungen, Tauschringe oder dergleichen. Das ergibt sich aus der Analyse der Wachstumsursachen. Die liegen im Geld, das für ein System verallgemeinerten Tausches notwendig wird (auch eine Tauschkreiswährung ist Geld, egal ob es so genannt wird oder nicht). Regionalwährungen setzen diese Absurdität nur unter neuem Label fort. Das zeigt sich schlagend in einer Krise. Die Tauschkreise, deren Zahl in Argentinien nach 2000/2001 explosionsartig zunahm, schafften es nicht, den Menschen das zu geben, was sie sonst auch nicht ausreichend bekommen, zum Leben aber ganz dringend brauchen: Nahrungsmittel. Haarschnitt gegen Bücher zu tauschen ist zwar nett, eine kooperative Krisenbewältigung kommt dabei aber nicht heraus.

Dass der Zins keine “Umlaufsicherung” ist, sondern der Preis von Geldkapital, das Unternehmer am Geldmarkt nachfragen, um noch mehr Geld damit zu produzieren, sei nur angemerkt. Worin die “veränderten Unternehmensformen”, zur “Dämpfung” der “Gewinndynamik” bestehen, bleibt unklar. Offensichtlich geht es bei Paech nicht darum, eine gleichberechtigte Kooperation im Betrieb umzusetzen, das heißt das Management (das Kapital) abzuschaffen und im Anschluss daran den Markt durch Kooperation zwischen den Betrieben zu ersetzen. Das wäre das notwendige Projekt einer Solidarischen Ökonomie, die auf Gemeingütern basiert und Gemeingüter produziert. Das will Paech zumindest in diesem Artikel nicht.

Individuelle CO2-Bilanzen verfehlen das Problem und verhindern eine solidarische Lösung der Umweltproblematik. Ebensowenig wie wir “fremdversorgt” sind, sondern erstens soziale Wesen und zweitens ja selbst die Produzent*innen – wenngleich nicht im Besitz der Produktionsmittel –, machen “individuelle CO2-Bilanzen” Sinn. Das machte nur Sinn, wären Wachstum des Kapitals und Ressourcenverbrauch unsere individuelle Verantwortung. Das sind sie aber mitnichten. Die individuelle Verantwortung besteht darin, sich mit anderen zusammenzuschließen, zu kooperieren, und sich die Produktionsmittel anzueignen, um stilllegen zu können, was unnötig und schädlich ist.

Demonetarisierung: Abgestufte Kooperation ohne Geld statt heimattreue Illusionen

Um ein Resümee zu ziehen: Aus einer falschen Analyse der Wachstumsursachen und der problematischen Annahme, dass “klein” auch “fein” sei, ergibt sich eine Scheinalternative. Paech glaubt, dass der Weltmarkt, wenngleich eingeschränkt, fortbestehen kann und die kleinen feinen Regionalwährungen auch schön in Ruhe lässt. Nachdem der Weltmarkt, wie wir wissen, einer Expansionsdynamik unterliegt, ist vollkommen unklar, wie er sich nun mit einem Mal mit einem gleichbleibenden, auf ewig konstanten Umfang bescheiden soll? Das spießt sich auch vollständig mit der Wachstumsursache, die Paech, wenngleich verschüttet unter einer falschen Interpretation der Arbeitsteilung, kennt: der Gewinndynamik. Diese liegt in der von der Geldwirtschaft, dem Markt, (1) strukturell erzwungenen Jagd nach dem Profit (Wachstumszwang) begründet sowie (2) in der Logik des Geldes selbst: in der Dynamik des rein quantitativen Wachstums eines konkret-stofflich gesehen sinnlosen “Produkts” namens Profit (Wachstumsdrang). Geld kann man nicht essen und daher wird man davon auch nicht satt. Warum der Weltmarkt die Paechschen Regionalwährungen auf Kosten seines Profits verschonen soll, wissen wir nicht.

Während Paech richtig darauf hinweist, dass nicht zuletzt aufgrund von Peak Oil das “Kartenhaus” der Geldwirtschaft vermutlich ohnehin vor dem – wenigstens teilweisen – Einbruch steht, hängt er der Illusion an, dass dies den übrig bleibenden Teil des Weltmarkts irgendwie verschonen wird. Dem ist nicht so, gerade weil die Weltwirtschaft, wie Paech ja richtig sieht, komplex vernetzt ist. Dies verstärkt die Kollapsgefahr. Logischerweise kann die Lösung nur darin bestehen, überregionale Kooperation aufzubauen und das an Kooperation weiterzuentwickeln, was sowieso die zweite, unsichtbar gemachte Seite des Kapitalismus ausmacht neben der ersten, sichtbaren – der Geldwirtschaft.

Kooperation bedeutet dabei klarerweise nicht, dass ständig alle mit allen über alles reden. Es geht vielmehr um eine abgestufte Kooperation in Gremien der direkten Stoffwechselsteuerung. Was lokal produziert werden kann, soll auch lokal produziert werden. Vieles kann aber nur in überregionaler, manches vermutlich nur in kontinentaler Kooperation hergestellt werden. Kooperation bedeutet, den Markt und den Tausch von “Wertgleichem” – ein Konstrukt der Geldwirtschaft – durch Lieferbeziehungen zu ersetzen. Diese können zwischen Stadt und Umland, einzelnen Projekten oder Regionen bestehen. Solche Lieferbeziehungen sind kein Naturaltausch im Sinne von “Du gibst mir Äpfel und ich Dir Birnen”. Sie sind vielmehr eine relativ stabile Form der Kooperation zwischen Commons (Gemeingüter) und den dafür verwantwortlichen Commoners. Eine solche solidarische Ökonomie würde mit Hilfe von Commons, Gemeingütern an Maschinen, Infrastrukturen, Wald und Weide, mehr Commons erzeugen. Dies kann nur gelingen, wenn man dem Markt – Regionalwährungen von Chiemgau bis zur EU alike – fortschreitend den Boden entzieht und die Arbeitsteilung aus dem Griff des kapitalistischen Managements und von der Geldwirtschaft befreit.

Dazu braucht man keine Untermauerung durch “Befunde der Glücksforschung” oder eine Einsicht in die “sozialen Ambivalenzen der Wachstumslogik”, sondern lediglich die tägliche Erfahrung des Kommandos im Betrieb und der Zwänge der Geldwirtschaft, die uns auf Träger*innen einer Geldbörse reduzieren. Die Konsumfrage zu moralisieren im Sinne von “soll doch auch der Philosophieprofessor mal Karotten pflanzen”, wie Paech das sinngemäß tut, ist abzulehnen. Ebensowenig ist die weitere Individualisierung gesellschaftlicher Verantwortung zu unterstützen und der Rückfall auf ein Elendsniveau von “Eigenarbeit”, das wie im Frühkapitalismus der fortlaufenden Wachstumsdynamik des Weltmarkts die Bahn frei halten soll. Im Grunde skizziert Paech eine gefährliche Entwicklung. Er hält sie für eine Alternative.


Lesetip

In “Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern” (Exner, Lauk, Kulterer; 2008, Ueberreuter) haben wir diese Argumentation breiter ausgeführt.

Fußnoten

[1] Ich beziehe mich auf die Druckfahnen des Buches, ergänzt um die Rezeption zweier Vorträge von Paech (Wien, Berlin)
[2] Das ist lediglich bei der Staatsschuld anders. Darüber spricht Paech in dem Zusammenhang aber nicht.

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