Kopfwendungen

von Bernd Mullet

Plötzlich geht, was vorher unmöglich schien. Plötzlich will auch die Wirtschaft angeblich nichts mehr von Atomkraft wissen. Die Aktien von Atomenergie-Gesellschaften rauschen in den Keller. Die Welt um uns herum scheint aufgewacht, aber in der Politik muss man bei solchen Kopfwendungen vorsichtig sein. Sicher hat Fukushima einiges ermöglicht, wonach Atomkraftgegner bereits seit Harrisburg drängen: Weg von der Atomenergie. Aber eine Kehrtwende im Denken wäre zu traumhaft um wahr zu sein.

Gerade in der Atomkraft-Frage offenbart sich derzeit, worum es seit deren Einführung ging: ums Geschäft. Trotz massenhafter Berichte über Störfälle brauchte es eine Katastrophe wie Fukushima, damit sich die Politik der Staatsführungen ändert, so scheint es. Aber ist es tatsächlich ein Umdenken? Haben sich diese tatsächlich von der Fehlerhaftigkeit menschlicher Technik und von der gewaltig gigantischen Stärke der Urkräfte überzeugen lassen?

Mit der Liberalisierung des Strommarktes hoffte man, dass es zu mehr Stromanbietern und damit zu mehr Wettbewerb, mehr Handel kommen würde. Denn wie bereits Marx sinngemäß schreibt, vermehrt sich nur das Kapital, das sich im Fluss befindet. Sicher gab es augenscheinlich mehr Firmen, mehr Namen, welche Energie angeboten haben. Hinter dem bunten Vorhang von Marketing und Markennamen blieb jedoch alles weitgehend beim alten. Energieriesen bildeten Tochterunternehmen, welche mit den Mutterunternehmen nur scheinbar nichts zu tun hatten. Wer, der sich nicht damit beschäftigt, vermutet hinter einem Namen wie „Yello“ schon die EnBW (Energie Baden-Württemberg AG) Für den Verbraucher schien es, als wären über Nacht neue Energieanbieter gewachsen, die nun den Strom billiger anbieten. Tatsächlich fließen und flossen die Gewinne weiterhin in die alten großen Töpfe der großen Energiekonzerne. Damit besitzen die Energieriesen doch eine gewisse Macht im Land. Insbesondere in einer Gesellschaft, in der jedes Tun und Lassen, jedes Wohl und Weh vom Geld, vom Handel abhängt. Und wenn man dann ein Lebensnotwendiges Gut wie Energie besitzt, die andere von einem kaufen müssen, hat man eine enorme Macht.

Aber es kann sich halt nicht einfach so jemand mal schnell ein Atomkraftwerk, ein Wasser-, oder Kohlekraftwerk in den Garten oder aufs Feld stellen, und wenn die Märkte noch so liberal sind. Wohl aber kann man sich mit Solarzellen, Windkraft und vielleicht einem Biomeiler recht unabhängig von den Energieanbietern machen.

Mit der Förderung von erneuerbaren Energien könnten die Karten neu gemischt werden – theoretisch. Aber in einer Gesellschaft, in der nicht nur fast jede Leistung kaufbar, sondern fast jede Leistung nur noch kaufbar ist, hat derjenige die besten Karten, der das meiste Geld besitzt. Energieriesen haben nicht nur das technische Wissen, sondern auch das Kapital hier die Zügel nicht aus der Hand geben zu müssen.

Mit neuen Energiequellen ergeben sich aber nicht nur neue Möglichkeiten für potenzielle wie existierende Unternehmer, es ergeben sich auch wieder neue Absatzmöglichkeiten, neue Märkte, neuen Nahrung für den Kapitalismus. So gesehen kommt die Katastrophe in Japan wie gerufen. Aber um jeglichen Verschwörungstheorien vorzubeugen: zur Zeit ist es mit heutigen technischen Mitteln nicht möglich, eine solches Szenario künstlich zu erzeugen. Die CIA oder der BND haben damit, aller Wahrscheinlichkeit nach, nichts zu tun. 😉

Und noch ein weiterer Stein fällt ins Gewicht: Wählerstimmen.

Das Festhalten an der Atomenergie zum Zeitpunkt der andauernden Katastrophe wäre politisch unklug. Dennoch ist kaum anzunehmen, dass die CDU plötzlich „grün“ geworden ist. Viel zu oft wurde propagiert, dass man ja ohne Atomkraft nicht auskommt, sie sei eine saubere, sichere und billige Energiequelle usw. (Wir kennen diese Statements.) Die wahren Kosten, inklusive Nachsorge, wurden einfach weggelassen. Selbst als Deutschland durch Tschernobyl direkt betroffen war, wurde an der Atomenergie festgehalten: „Unsre Atomkraftwerke sind sicher!“

Etwas grüner ist jedoch die Bevölkerung geworden. Der Atomkraft schon immer etwas skeptisch, hier und da doch etwas zweifelnd gegenüberstehend ist mehr und mehr davon überzeugt, das Atomkraft die Energieprobleme nicht lösen kann. Zumindest so lange, bis diese Katastrophe aus den Köpfen verschwindet. Wählerstimmen sichern die Position der Regierung und somit auch deren Einkünfte, womit wir wieder beim Thema wären: Geld.

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