Fiktion gegen Fiktion

Streifzüge 52/2011 – Kolumne Dead Men Working

von Maria Wölflingseder

Erstaunlich, wie unterschiedlich sich Fiktionen in den verschiedenen Sphären unseres Daseins auswirken. Im Reich der Kunst und der Sinnlichkeit, auch in der ganz alltäglichen Lebenskunst und Lebenslust sind Fiktionen das Um und Auf. Was wäre das Leben, wenn wir uns nichts vorstellen könnten? Was wären wir ohne Träume, Phantasie und Poesie? In diesem Reich ist die Fiktion zu Hause, hier gehört sie her. Und das soll auch so bleiben. Hingegen im herrschenden Reich des Wirtschaftens beschert uns die Fiktion einen wahren Alptraum.

Die Mechanismen, die zu diesem Alptraum führen, werden in den Streifzügen vielfach beleuchtet. Die Auswirkungen sind eklatante gesellschaftliche Widersprüche, die nicht wie in der Kunst zauberhaft aufgehoben werden können. Trotzdem wird die Illusion geschürt – sie ist Teil dieser Fiktion –, das multidimensionale, multimediale Spektakel der Perversionen geschehe zu unserem Besten. Im Reich der Kunst und der Sinnlichkeit wirkt Fiktion befreiend. Sie hat unendlich viele Facetten, die von allen entworfen werden dürfen. Im ökonomischen Reich indes wird uns allen eine einzige aufgeherrscht – ganz subtil, möglichst unbemerkt. Und wir machen uns notgedrungen, aber erstaunlich freudestrahlend untertänigst zu Sklaven dieser tödlichen Logik, dieser tödlichen Fiktion, die einem Dogma gleichkommt. Sie wird zwar selten benannt und erkannt, aber sie wirkt umso unausweichlicher. Tagein, tagaus sind wir mit purem Nonsens beschäftigt, um den Irrationalismus, um die verkehrte Welt am Leben und am Laufen zu halten.

Zum Beispiel: Warum gibt es einerseits ein Überangebot an warenförmigen, denaturierten Nahrungsmitteln, während andererseits ein großer Teil der Menschheit hungert und verhungert? Oder warum zerstören wir weltweit unsere ökologischen Ressourcen? Warum vermüllen wir unseren Planeten mit Warenschrott der giftigsten Sorte? Nur weil auf diese Art mehr Geld gemacht werden kann? Dass alle lebensnotwendigen Güter zum ersten Mal in der Geschichte ohne großen Aufwand und ökologisch verträglich und langlebig hergestellt werden könnten, ist keine Fiktion. Die Her- und Bereitstellung der materiellen, sozialen und gesundheitlichen Voraussetzungen eines guten Lebens für alle kann aber nur Wirklichkeit werden, wenn wir mit dem Wirtschaftssystem, dem auf Sand gebauten Luftschloss brechen. So bliebe uns jenseits der Grundversorgungstätigkeiten, die dann sicher auch keine so freudlose Angelegenheit wären, viel Zeit, um uns einander und dem Spiel zu widmen, den Künsten und der Philosophie, dem Gartenbau und der Landschaftspflege, dem Handwerk und der Esskultur, dem Naturschauspiel und dem Reisen.

Das Reich der Kunst wäre keines, wenn Fiktionen aus einem einzigen Dogma abgeleitet würden. Hier ist Vielfältigkeit die condicio sine qua non. Sogar gegen Eindeutigkeiten verwehrt sich hier alles. Oscar Wilde vertrat die Theorie, dass in der Kunst unter Wahrheit dasjenige zu verstehen sei, dessen Gegenteil ebenfalls zutreffe. Meisterhaft verstand er es, paradoxe, mehrdeutige und widersprüchliche Gedanken zu artikulieren. Überdies war Wilde mit einer großartigen menschlichen Begabung ganz besonders ausgestattet: mit Einfühlungsvermögen und Feinfühligkeit. Diese bei Künstlern, Liebenden und Heilenden wirksamen Fähigkeiten sind wesentliche Voraussetzung für ihre Fiktionen, für ihre Vorstellungen, Schöpfungen und Wirkungen. Im Bannkreis der Konkurrenzverhältnisse jedoch können sich diese Fähigkeiten kaum entfalten. Hier sind sie kontraproduktiv. Da gedeihen Vorbehalte, Verdächtigungen, Auf-der-Hut-Sein und das Prinzip des Jeder-gegen-Jeden.

Oscar Wilde, der größte Erzähler seiner Zeit, veränderte je nach Gegenüber ein und dieselbe Geschichte. Er rührte Salons voller Menschen mitten im geschäftigen Paris zu Tränen. Schmerzgeplagte wurden gesund. Sterbende wollten oft nur noch ihn sehen und hören. Besonders gekonnt setzte Wilde ironische Effekte mit seiner Stimme, indem er Komisches in getragenem, feierlichem Ton erzählte, Phantastisches dagegen, als ob er von Alltäglichem berichten würde. (Oscar Wilde – Tischgespräche, hg. von Thomas Wright, München 2002)

Während Ironie in der (Lebens-)Kunst Wunderbares vollbringt, würde sie im Reich der Ökonomie sogleich zum Zynismus mutieren. Und während Fakten im Reich der poetischen Fiktion ein willkommener Spielball sind, wird im Reich des Faktischen der Mensch zum Spielgeld der Fiktion.

In der Kunst ist Fiktion Wirklichkeit und Wahrheit oder sogar „mehr als Wahrheit, nämlich Dichtung“ – wie es am Ende des Films Goethe! heißt. Im Reich der Ökonomie hingegen wird jedes Lügenmärchen millionenfach blutige Realität.

„Bei der Fiktion handelt es sich um eine bedeutende Kulturtechnik, die in weiten Teilen der Kunst zum Einsatz kommt.“ (Wikipedia) – Wenn sich aber die Sphäre der materiellen und sozialen Lebensvoraussetzungen in eine „eigene Welt“ verwandelt, zieht sie sich selbst den Boden unter den Füßen weg. Da wird diese „bedeutende Kulturtechnik“ zu einer Kultur- und Naturvernichtungstechnik.

Auch die Rollen der „Akteure“ könnten entgegengesetzter nicht sein. Hier alle Gestaltungsfreiheit, alle Phantasie, alle Macht. Dort kein Entrinnen. Das Skript lautet für alle gleich: Produzieren und Konsumieren bis zum Umfallen und die aufgetischten Märchen für bare Münze nehmen.

Vieles deutet darauf hin, dass das Erzählen, das Erfinden von Geschichten ein anthropologisches Merkmal ist. Die Seemänner taten es, während sie mit ihrem Garn hantierten. Später wurde das Erzählen und Flunkern selbst nach dieser Tätigkeit benannt. Die Bäuerinnen taten es beim Spinnen und Weben. Nicht zufällig leiten sich die Wörter „Text“ und „Textil“ vom Lateinischen textum – Gewebe, Zusammenfügung – her. Die Rollen von Erzähler und Zuhörer können stets wechseln. Alle können ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Alle können alle Kunstwerke genießen und sich von ihnen wiederum inspirieren lassen. Das Reich der rationalen Irrationalität dagegen hat keinen guten Boden für ein fruchtbares Miteinander.

Schließlich: Während aus künstlerischem Schaffen und aus dem Genuss von Kunst auf vielfältige Weise Selbstbestätigung des Menschen erwächst, ist in der Sphäre der Wertverwertung Selbstverleugnung das Nützlichste. Damit kommt man hier noch am ehesten heil davon.

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