Das Traummännlein

Fiction live I

von Martin Scheuringer

Wirklich anwesend bin ich selten. Ich mag zwar physisch da sein, aber ich bin nicht in meiner Physis. Nicht einmal in meiner Noesis verwirkliche ich mich. Dem Eindruck, mir passiere mein Leben, kann ich mich nicht entziehen. Die Tage, Wochen und Monate gehen dahin ohne bewusste Erinnerung an sie. Es gibt weniges, das sinnvollerweise memoriert werden müsste. Das, was aber im Gedächtnis bleiben sollte, hat auf Grund des Lern-Drucks der Berufswelt keinen Platz mehr.

Mein Denken und Handeln ist größtenteils durch die Anforderungen der sozialen Umwelt bestimmt. Meine Erkenntnis ist auf Sachverhalte gerichtet, die mich ohne den stummen Zwang der Verhältnisse bestimmt nicht beschäftigen würden. Mein Handeln erledigt Probleme, die ich ohne den stummen Zwang der Verhältnisse gar nicht haben würde. Ich arbeite.

Die meisten Menschen verfolgen ihr Arbeitsleben wie ein bürgerliches Trauerspiel als mitfühlende Zuschauer. Sie passen sich in die Arbeit ein und spielen den vorgegebenen Part. Sie sehen sich zu, ohne sich jenseits der Regieanweisungen zu gestalten. Sie begreifen nicht einmal, dass sie in einem großen Trauerspiel Rollen übernommen haben, sie geben sich der Fiktion hin, dieses Stück sei ihr wahres Leben.

Der freie Wille mag in einer philosophischen Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit von menschlichem Handeln eine wesentliche Rolle spielen, bei einer sozio-psychologischen Analyse der gebräuchlichen Begründungsmuster wird in unserer Gesellschaft große Homogenität zu finden sein. Eine im Freiheitsbegriff mitschwingende Diversität ist nicht zu finden. Die Darsteller sind gleich in Bezug auf das Denken, Handeln und Begründen, wenn es um die großen Fragen der Darstellung – Arbeit, Geld, Politik, Markt, Konkurrenz, Freiheit, Eigentum – geht.

Durch das Studium der Kritik vermochte ich mich zeitweise theoretisch aus der Rolle befreien und nahm das Stück ins Visier, dessen Regisseur und Autor ein fiktiver Prozess ist, der Denken und Handeln strukturiert. Dieser Prozess entsteht durch den Glauben an den ökonomischen Wert von Dingen und Handlungen. Die ökonomische Eigenschaft projizieren wir in Dinge und Handlungen hinein, weil es alle so machen. Ein gigantischer Begründungszirkel, der Münchhausen vor Neid erblassen lässt.

Was stelle ich nun in diesem bürgerlichen Theater dar? Ein ordentliches Mitglied einer demokratisch verfassten Gesellschaft mit Verwaltungsapparat und in freier Marktwirtschaft organisierten Unternehmen. Ich handle stets rational-technisch, begründe Entscheidungen ökonomisch und vertreibe meine Freizeit mit politischen Visionen. Wir alle spielen diese gleiche Rolle. Die Dialoge sind schlecht und platt, die Handlungen repetitiv und anstrengend.

Diese Fügung ins Fiktive bleibt nicht ohne Wirkung, es ist mir zu viel der Anpassung. Mir bleibt kaum Zeit, die Differenz zur Maske aufrechtzuerhalten. Diese freie Zeit wird zusehends ein unerreichbarer Wunsch, nur mehr ein Fluchtpunkt am Horizont, an den ich mich klammere um das Arbeitsleben durchzustehen. Voll im fiktiven Diesseits zu sein, ist ein Trauerspiel.

Gerne träume ich von meiner Verwirklichung, ich träume von mir im Kommunismus, in dem ich mich gemeinsam mit anderen ausprobieren und entfalten kann. In diesen Fantasien bin ich wirklich, da spüre ich mich, mein Begehren, im wachen Zustand, den ich in der durch die Fiktion strukturierten sozialen Wirklichkeit verbringe, bin ich nur scheinbar anwesend.

Ich will nicht mehr träumen müssen, um wirklich ich sein zu können.

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