Alle Depperten herschauen!

Wahlen sind zwar erst 2013, aber wenn es so läuft wie es läuft, läuft der Zug Richtung Strache und FPÖ.

von Franz Schandl

In den letzten Wochen ließen einige Meinungsumfragen aufhorchen, die von einem Kopf-an-Kopf-Rennen dreier Parteien in der Wählergunst sprechen. SPÖ, ÖVP und FPÖ sollen ungefähr gleichauf liegen. Bei den 14 bis 29jährigen sollen sich bereits über 40 Prozent für die FPÖ begeistern. Tendenz steigend. Stimmen diese Zahlen auch nur annähernd, dann besteht durchaus eine realistische Chance, dass die FPÖ unter Heinz Christian Strache zur Nummer Eins aufsteigt.

Indes hatte es für ihn denkbar schlecht begonnen. 2005, als Jörg Haider die FPÖ verlassen hatte und sein BZÖ gründete, glaubte fast niemand mehr an die Zukunft der Freiheitlichen. Doch Strache gelang es die Partei zu konsolidieren und auch das vorhandene Potenzial wieder an die FPÖ zu binden. Seit Haiders Unfalltod ist er im Spektrum unangefochten, die Nachfolge ist entschieden.

Zentrales Thema ist, wie könnte es anders sein, die sogenannte Ausländerfrage. Da toben Strache und noch mehr seine Unterläufel sich kräftig aus. Österreich sei kein Einwanderungsland, wir haben schon genug von denen, die Zahl der kriminellen Ausländer steige etc.- Vornehmlich geht es jetzt gegen die Moslems, insbesondere gegen Türken. Auf der Parteiakademie sind da ganz harsche Töne zu hören: „Wenn Kardinäle Kinder vergewaltigen, machen sie das trotz der Religion. Muslime vergewaltigen Kinder wegen der Religion.“ Das geht rein. Da klopfen sich die Zuhörer auf die Schenkel.

Dieser Rassismus ist aber kein Problem des rechten Randes, sondern kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Xenophobie beherbergt ein immenses wie gemeingefährliche Arsenal der Vorurteile. Doch das stört die Nutzer nicht, denn es ist nicht das Argument, das zählt. Es sind die gängigen Losungen, die ein gemeiner Menschenverstand sich selbst liefert, um sich vor weitergehenden Überlegungen zu schützen. „Österreichische Arbeitnehmer zuerst“ verlangt Strache: „Unser Geld für unsere Leute“. Der stete Rekurs auf Bruno Kreisky als großen Österreicher, gehört ebenso ins Repertoire wie „Für Mütter, gegen Schmarotzer“. Auffällig ist auch die sozialpopulistische Note, immer stärker hervorgehoben wird.

Zweifellos diktieren die Freiheitlichen bereits heute die Migrationspolitik. Wenn die SPÖ etwa der FPÖ vorwirft, dass unter der schwarz-blauen Regierung von 2000-2006 die Zuwanderung gestiegen sei, sie jetzt jedoch zurückgehe, dann verkündet man nichts anderes, als dass man gewillt ist, die freiheitlichen Forderungen konsequenter umzusetzen als die FPÖ das selbst vermag. Man wetteifert um die besseren Resultate, um die niedrigeren Einwanderungsquoten. Straches Ton ist schriller, in der politischen Praxis aber, da ist nicht viel um.

Rabiat, aber konventionell

Geht es um die Freiheitlichen, dann betonen die allermeisten Politiker und Kommentatoren stets den Dissens und nicht den Konsens. Das ist schon etwas eigenartig, wenn man bedenkt, dass die Leitwerte, also die Bekenntnisse zu Privateigentum und Eigeninitiative, Arbeit und Leistung, Abendland und Marktwirtschaft, sowohl von Strache als auch von seinen Gegnern geteilt werden. Was unterscheidet, ist die rabiate Konsequenz, mit der er manches einfordert und betreibt. Der österreichische Schriftsteller Peter Turrini nannte Haider einst den „Übertreiber der Koalition“. Von Strache ließe sich ähnliches sagen.

Inhaltlich gibt man sich recht konventionell. Im Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm heißt es, dass die Freiheitlichen sich zu einer Kultur bekennen, die auf „der griechischen Philosophie, dem römischen Recht, dem germanischen Freiheitswillen, dem Judentum, dem Christentum und der Weiterentwicklung durch Reformation, Humanismus und Aufklärung“ aufbaut. Nimmt man mal die freien Germanen raus, dann könnte das im Programm jeder etablierten Formation stehen.

Der zu erwartende Wählerruck ist nicht unbedingt ein Rechtsruck. Erstens sind die Strache-Wähler nicht mehrheitlich als rechts oder gar rechtsextrem zu qualifizieren, sondern großteils eine indifferente Masse, die mehr auf die konformistische Rebellion als auf die konformistische Langeweile anspricht. Und zweitens flüchten die meisten Wähler zusehends in den Wahlabsentismus, in die zu Unrecht viel gescholtene Politikverdrossenheit.

Der allerbeschränkteste Ansatz ist wohl der, zu behaupten, dass es sich hier um nichts weniger als modernisierte Nazis handelt. Zweifellos, es gibt dort Leute mit ausgeprägter Nähe zum Faschismus. Diese Referenz ist nicht wegzudenken. Allerdings wäre es fatal, die FPÖ darauf reduzieren zu wollen. Die Freiheitlichen sind um vieles breiter aufgestellt und sind auch viel weniger in Retrospektiven befangen als manche Kontrahenten.

Unheimliche Kompatibilität

Der gelernte Zahntechniker ist tatsächlich der Parvenu der Politik. Der Aufschneider ist der Aufsteiger der letzten Jahre, Ätze in der faden Soße der saturierten Politik. Strache ist ein großer Abstauber. Nichts an ihm ist originell, aber er greift überall rücksichtslos zu. Damit ist jedoch nicht nur er, sondern der geheime Idealtypus des bürgerlichen Subjekts gut beschrieben. Alles verwerten, was verkäuflich ist. So haben wir’s gelernt und so bewundern wir jene, die es beherrschen und umsetzen. Was „für“ Strache spricht, das ist die heimliche wie unheimliche Kompatibilität mit dem Alltagsbewusstsein. Strache ist nicht anders, er ist mehr davon.

Ein Bekannter, der Mitte der Neunzigerjahre in England unterrichtete, erzählte mir folgende Geschichte: Er legte seinen Studenten Werbematerial österreichischer Politiker vor, ohne dass daraus ersichtlich gewesen wäre, welche Partei sie vertreten. Wer oder was spricht am meisten an?, war die Frage. Erraten, fast ausnahmslos tippten sie auf Haider. Was sagt das? Es sagt, dass auf der Ebene der Eindrücke, Symbole, ja Äußerlichkeiten dieser Populismus an bestimmte Haltungen und Konditionierungen unmittelbar andocken kann.

In dieser Eindruckskonkurrenz hat auch Strache die Nase vorne. Da glänzen die pomadisierten Haare, da grinst das ganze Gesicht. Synchronität ist gegeben. Strache entspricht aktuell dem Anforderungsprofil eines postmodernen Politikers am besten. Vor allem die Inszenierung als Popstar und Serienheld kommt gut an. Denn dieser Typus ist kulturindustriell vorprogrammiert, man zappe nur durch die Fernsehsender oder überfliege die Printmedien. Einige Serien wirken wie freiheitliche Belangsendungen. Straches Überlegungen und Kampagnen setzen hier punktgenau an. Er ist dann der Held und der Befreier, als der er sich in seinen Comicstrips ausgibt. Wenn man freilich diese Synchronität als Abnormalität, als Verstoß gegen die Demokratie, diskutiert, denn ist die Analyse schon über die Klippen gestürzt.

„Spaß-befreite politische Mitbewerber sind uns jetzt neidig, dass wir bei der Kommunikation um Lichtjahre voraus sind“, feixt Strache. Konkret geht es dabei um einen nicht ungeschickt gemachten Comic zur Wiener Gemeinderatswahl im vergangenen Herbst. Obwohl sich die SPÖ über diese Infantilisierung der Politik (und es ist eine) mächtig aufregte, lieferte sie selbst in der Endphase des Wahlkampfs einen Comic nach, was absolut von strategischer Ratlosigkeit spricht. Ebenso übrigens die kontrafaktische Abkanzelung Straches als Loser durch führende Sozialdemokraten. So spielt man sein Spiel, aber man spielt es schlechter.

Gerissen und unverschämt

Die meisten Wähler sind reichlich fragmentierte und diffuse Wesen, die auf kulturindustrielle Reflexe trainiert sind, somit gerne Stars anhimmeln und Fans abgeben. Sie begeistern sich für das, wozu das Leben sie zwingt. Ihre Anhänglichkeit und Beschränktheit basiert auf einer ganz spezifischen mentalen Grundkonstitution, sie ist kein gewöhnliches Interesse. Die Anhänger fragen auch nie „Warum?“, sondern stets „Gegen wen?“ Mit dieser Ausrichtung der Politik auf die Feindschaft ist auch schon vieles gesagt. Immer ist jemand Schuld und stets geht es ums Aufräumen und Durchgreifen. Übersetzt heißt das dann: „HC Strache für harte Hand.“

Aber bekommt das Personal des bürgerlichen Systems, also wir, nicht gerade diese Anforderungen mit, prägen nicht Konkurrenz und Kauf, Ausbildung und Arbeit, Unterhaltung und Sport genau diese Muster aus? Kurzum: Worüber gesprochen werden sollte, ist die Formierung oder besser noch Formatierung des (nicht nur jungen) Publikums. Warum neigen sie zu dieser Anfälligkeit? Warum gebärden sie sich als Fans? Warum obsiegt der Kurzschluss dem Gedanken? Warum führt Unbehagen ins Ressentiment und nicht in die Kritik? Das sind Fragen, die nicht gestellt werden, denn sie gingen anders als das billige Strache-Versenken wirklich an die Substanz der bürgerlichen Gesellschaft.

Zwar ist die FPÖ (und das war sie auch unter Haider) stets affärenträchtiger gewesen als die sogenannten Altparteien, geschadet hat ihr das äußerst selten. Im Gegenteil, es erhöhte die Aufmerksamkeit und ließ die Freiheitlichen als Opfer erscheinen. Dass die Fanatiker der Anständigkeit meist den größten Dreck am stecken haben, sollte nicht verwundern. Indes, je größer der Dreck, desto weniger schadet er. Es gibt hier einen Punkt, wo Verachtung in Bewunderung umschlägt. Korruption und Kriminalität auf hohem Niveau werden aufgrund ihrer Gerissenheit und Unverschämtheit nicht bloß akzeptiert, sondern geradezu affirmiert. Haider hat das geschickt genutzt, und auch Strache hat es gut gelernt. Der aktuelle Großmeister in Europa heißt übrigens Silvio Berlusconi.

Apropos Berlusconi. Auch Straches Frauengeschichten sind Gegenstand des medialen Fast food: „FP-Strache flirtet mit Ex-Miss“, heißt es da oder „Blond und jung: HC Straches Beuteschema“ oder für sanfte Gemüter: „Eine Sissy für HC Strache“. Solche elementaren News dienen als Appetizer. Im Gegensatz zu Berlusconi steht Strache jedoch auf reifere Damen. Keine war bisher unter zwanzig.

Die Öffentlichkeit wirkt einmal mehr hilflos. Wie in Haiders besten Zeiten, sind die Gazetten und Sendungen voll mit dem neuen FPÖ-Chef. Wenn Strache schreit: „Alle Depperten herschauen!“, sind ihm die Blicke sicher. Er lebt von der Provokation. Daher lebt er auch für sie. Die Punzierung als böser Knabe bewirkt wenig. Im Gegenteil: Jede Überführung eine Zuführung von Stimmen. Strache erscheint als der einzige ernstzunehmende Gegner des Establishments. Die grüne Opposition wirkt wie ein gestyltes Schoßhündchen der Macht und die Linke jenseits der SPÖ wie ein in die Jahre gekommener Kameradschaftsbund, der außer abstoßenden Streitereien und abgestandenen Phrasen wenig zu bieten hat.

gekürzt erschienen in: Der Freitag, Nr. 6, 10. Februar 2011

Überarbeitete Kurzfassung auch in Der Standard vom 18. Februar 2011

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