Sarrazin und seine Feinde

Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung

von Peter Klein

Wenn man voraussetzt, dass die in stets wachsendem Umfang stattfindende Geldvermehrung der Zweck einer Gesellschaft ist, dann sind Herrn Sarrazins Ausführungen, von den rassistischen Seitenhieben einmal abgesehen, durchaus plausibel. Jeder Mensch ist gerechtfertigt, sofern er über Geld verfügt oder über die Fähigkeit, es zu verdienen. Ob er dies als Pornodarsteller tut oder als Anlageberater oder als Bauarbeiter bei einem infrastrukturellen Großprojekt wie „Stuttgart 21“, ist vom Standpunkt der Geldbewegung aus unerheblich. Jede Tätigkeit macht Sinn und ist nützlich, wenn sie nur dem vom Kapital vorgegebenen Anforderungsprofil entspricht. Wer in dieser Hinsicht nichts vorzuweisen hat und nur einfach lebt und Kinder bekommt, ist überflüssig.

Das Kapital aber ist keine Person, sondern ein einfaches logisches Kriterium: Welche Fähigkeit ich auch immer zu Markte trage, sie muss auf eine zahlungskräftige Nachfrage treffen. Es muss jemanden geben, der glaubt, meine Fähigkeiten zur Geldvermehrung nutzen zu können. Selbst noch das Alt- und Kranksein lässt sich in dem Maße, in dem es als zahlungsfähige Nachfrage auftritt, kapitalistisch verwerten und als Gesundheits- und Pflegeindustrie organisieren. In den USA gibt es privat organisierte Kirchen, die wunderbar als Profit-Center funktionieren, und auch die hiesigen Kirchen lernen es immer besser, sich als Player auf dem Markt der Sinnangebote zu verstehen. Auch die Integration von Ausländern ist, solange sie öffentlich oder privat finanziert wird, geeignet, eine entsprechende Infrastruktur von allerlei Sprachkursen und Schulungsprojekten zu generieren, in denen brave Menschen ihr Geld verdienen, das sie wiederum für kapitalistisch produzierte Autos, Kühlschränke und Smartphones ausgeben können. Diese Lage der Dinge ist es, die der liberale Betrachter als „komplex“ bezeichnet und die Herrn Sarrazin als „gefährlichenVereinfacher“ erscheinen lässt. Zumal ja auch der „soziale Frieden“ als ein nicht zu unterschätzender Standort-Vorteil gilt.

Gleichwohl spiegelt sich in Herrn Sarrazins Ausführungen etwas objektiv Gültiges. Nämlich die Tatsache, dass der überaus große Magen der kapitalistischen Verwertungslogik, der im Verlaufe seiner zweihundertjährigen Expansionsgeschichte für so ziemlich jede menschliche Macke Verwendung fand, wieder einmal und vielleicht zum letztenmal Verdauungsprobleme hat. Die kapitalistische Krise bereitet dem Menschenrechts-Tralala, wonach jeder Mensch ohne Unterschied der Sprache, Religion oder Herkunft der Segnungen der Zivilisation wert ist, ein Ende. Gerade die unverfrorene Offenheit und Schamlosigkeit, mit der Herr Sarrazin vom „Menschen“ verlangt, dass er nützlich sei im Sinne der kapitalistischen Marktgesetze, muss das Herz des Kapitalismuskritikers erfreuen. Sie kann sich in einem von Herrn Sarrazin ganz und gar nicht gewünschten Sinn als nützlich erweisen. Denn es bietet sich an, die Frage nach dem Nutzen umzudrehen und an ein dogmatisches Denkschema zu richten, das noch jeden nervenzerrüttenden und umweltzerstörenden Blödsinn, mit dem wir unsere Zeit vertun, für gerechtfertigt erklärt, wenn er nur, und sei es zum Schein (wie in der vor allem Schulden verwaltenden Finanzindustrie), der Geldvermehrung dient.

Angesichts der breiten Angriffsfläche, die die Sarrazinsche Nützlichkeits-Erwägung der Kapitalismuskritik bietet, will es mir so vorkommen, als sei die rassistische Komponente in seinen Ausführungen – wer glaubt schon, dass für das Herbeten der einfältigen Formel vom „Wachstum“ ein Intelligenz-Gen vonnöten ist – für die liberalen Kritiker eine willkommene Ausrede, die es ihnen erlaubt, die zentrale Frage nach der kapitalistischen Rechtfertigungslehre zu umgehen.

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