Pomatologische Politologie

Streifzüge 49/2010
von Martin Scheuringer

Ich gesteh’ es: Emanzipatorische Praxis ohne Pädagogik reizt mich, Seminare zur Wertkritik sind nicht meins. Ich bitte um Nachsicht.
Ich habe also ein kleines Experiment in den Alltag meiner Kollegen gepflanzt – und hoffe ganz vermessen, dass diese das bürgerliche Bewusstsein an seine Existenzangst bringende Intervention Spuren in den eingeschliffenen Bahnen konformen Denkens hinterlässt. Ganz ohne Ehrfurcht gebietendes Pathos eines Großtheoretikers, weil ich Wurm da sowieso zwischen der Skylla nicht darstellbarer Paradiesphantasien samt zugehöriger Epiphanie und der Charybdis, alles Bestehende in destruktiver Manie verderben zu sehen, zerrissen würde, ohne je der Kraft des nostos so folgen zu können wie mein geliebter Odysseus.
Ein schlichter Korb mit Obst war meine Idee. Alle sollten sich mit gleichen Beiträgen beteiligen, aber nach individuellem Bedarf zugreifen. So wollte ich die Fetischisierung des Objekts durchbrechen. Der Körper signalisiert Bedarf und ich kann ihn ohne Umweg befriedigen. Kein Tauschakt mehr. Bedürfnisbefriedigung, bar der Realabstraktion. Miteinander reden, statt über das Tauschgeschäft verhandeln. Gemeinschaft wird nicht durch eine Summe von Tauschakten hergestellt, sondern ist der Kommunikation über die gemeinsame Organisation der Bedürfnisbefriedigung vorausgesetzt.
Denkste. Der Widerstand war groß. Die meisten haben Angst, von anderen übervorteilt zu werden. Es hagelt mit Bedauern geäußerte Absagen. Man befürchtet, auf genau jenes Stück Obst verzichten zu müssen, das man eigentlich gerne hätte. Der Glaube an den homo oeconomicus stellt den Wahn des knappen Gutes her. Die Angst gebiert den Ruf nach dem Leviathan, und ausgerechnet ich sollte den spielen, eine objektive Instanz, die mit Souveränität und Kompetenz die scheinbar unendlichen Begierden zügelt. Mit Tabellen, Kalkulation und richterlicher Entscheidung. Ich habe die Flucht ergriffen. Immerhin fand ich doch sechs Menschen, die sich den Herausforderungen dieses waghalsigen Experiments stellen. Wir essen unsere Äpfel und reden freundlich miteinander. Alles Staatsfeinde im Herzen aber noch nicht im Denken. Wie kann man sich selbst nur so falsch erkennen?

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