Friends will be Friends

Streifzüge 48/2010

von Annette Schlemm

Wie armselig muss Paris Hilton sein, wenn sie sich ihre „Beste Freundin“ in einer Fernsehshow aussuchen muss. Nein, sie sucht sie nicht aus – sie „eliminiert“, und alle Anwärter_innen unterwerfen sich entwürdigenden Ritualen, die Freundschaft von vornherein ausschließen – ohne irgendeine Reaktion der Empörung.

Was ist es dann aber, von dem ich spüre, dass es die Luft ist, die meine Seele aufatmen lässt in all dem Gestank? Ich kann mich an Zeiten erinnern, da war ich mit mir selbst alleine in einer fremden Welt – die Gesellschaft unendlich weit entfernt. Vielen scheint dann nur die Liebe als ein Weg zur erfüllenden Gemeinsamkeit. Die wird bald zu eng, und das Ausbrechen führt dann wiederum zur Vereinsamung in einer beziehungslosen Welt, oft auch zu einem unbefriedigenden Hin und Her zwischen dem Streben nach Verschmelzung und Isolierung. Vielleicht ist Freundschaft die Gemeinsamkeit, die nicht so sehr auf die Pelle geht wie Liebe und nicht so weit weg ist wie die Gesamtgesellschaft.

Für Aristoteles ist wahre Freundschaft das Schätzen der anderen Person um ihrer selbst willen anstatt zum eigenen Nutzen. Hegel knüpft sie zudem noch an ein „gemeinsames Werk“, das gemeinsam getan wird, „denn Freundschaft, wenn sie auch noch so gemütreich ist, fordert doch einen Gehalt, eine wesentliche Sache als zusammenschließenden Zweck“. – Insofern sind politische Zusammenhänge, die sich für die Emanzipation von Menschen einsetzen, geradezu prädestiniert, Freundeskreise zu sein. Solche Gruppen können das in uns bewahren und stärken helfen, was dem kapitalistischen Verwertungszwang widersteht. Sonst führt der Anpassungsdruck entweder zur Assimilation oder zum Rückzug in verbitterte Isolation. Ein Nein zu den alltäglichen Zumutungen lässt sich auf Dauer ohne Schaden nur aushalten, wenn wir eine Gruppe gleichgesinnter Menschen im Hintergrund haben, die ein vertrauensvolles Gespräch über politische Themen möglich macht, in der der Gegendruck aufrecht erhalten werden kann. Damit daraus keine reine Kuschelfraktion wird, müssen die Grenzen nach außen offen bleiben und die Widersprüche dosiert hereingelassen werden.

Wie im Lernzonenkonzept:
In der Komfortzone fühlen wir uns wohl, sicher und stark – in der Panikzone sind wir dagegen vor Angst und Panik fast handlungsunfähig. Dazwischen liegt daher die Lern- oder Wachstumszone. Welche Lebensbereiche und Praxen für wen in welcher Zone liegen, ist sehr unterschiedlich. Eine Komfortzone haben, Ausflüge in die Lernzone machen und von dort aus immer mal wieder in die Panikzone gehen – gestärkt von Freunden, die mitkommen und uns auffangen, wenn etwas schief geht. Meine erste Blockade vor den Castortransporten habe ich mutiger überstanden, als ich mir je zugetraut hätte – weil durch die Bezugsgruppen Rückzugsorte da waren. Das Wissen darum ließ mich mehr Schritte durch die Polizeisperre gehen, als ich alleine je geschafft hätte. Dazu verhilft ein Freundeskreis. Gleichzeitig ändert sich dadurch auch die Form des Agierens. Wer als Einzelkämpfer_in ständig in der Panikzone agiert, zeigt häufig Verbissen- und Verbiestertheit. Eine „Zwischenzone“ im Freundeskreis kann mehr Gelassenheit ermöglichen, in ihm die vertretenen Inhalte mit entwickeln, was einen starken Rückhalt gibt. In einer Kultur der Freundschaft können auch Dissonanzen besser so bearbeitet werden, dass sie alle Beteiligten voranbringen. Es wäre schon ein politischer Erfolg, der Kälte von Individualisierung, Flexibilisierung, Mobilisierung und Virtualisierung eine wärmende Gegenströmung abzugewinnen, zwischen Rückzugsnischen in fauler Harmonie und verbiestertem Einzelkämpfertum einen Vorschein emanzipativer Menschlichkeit erlebbar zu machen. Kampf wäre dann nicht nur Aufopferung, sondern erfülltes und beglückendes Leben.

Ich danke besonders meinen Freundinnen und Freunden von der „Zukunftswerkstatt Jena“ für unsere lange, bereichernde Freundschaft.

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