Das bolschewistische Plus

Gegen bequeme Distanzierungen und voreilige Schlüsse

Streifzüge 49/2010 (Langfassung)

Von Franz Schandl

Sammelbände. Nicht selten beschleicht einen das komische Gefühl, dass Artikel nicht nach einem Konzept in Auftrag gegeben worden sind, sondern einfach zusammen getragen wurden. So etwas kann durchaus aufgehen, hier jedoch ist das nicht der Fall. Der ganze Band wirkt wenig ambitioniert, so als hätte man ihn veröffentlichen müssen, weil die Serie ein Datum vorgibt. Am Rückencover ist zu lesen: „Wie die symbolische und reale Macht des Staates durch die Souveränität der ihm unterworfenen Subjekte emanzipatorisch ersetzt werden kann, das ist Thema dieses Buchs.“ Doch dieser beachtliche Anspruch kann nicht eingelöst werden, ebenso wenig der anregende Untertitel.

Selbstermächtigung

Am Interessantesten sind die Artikel von Bini Adamczak und Ulrich Bröckling. „Das unternehmerische Selbst ist gerade als Sklave des Marktes eine souveräne Gestalt“ (S. 182), schreibt dieser. Und ganz drastisch: „Kritik als die Kunst, anders anders zu sein, verteidigt also weder eine feste Stellung (die Logik der Opposition), noch überschreitet sie konsequent alle Grenzen (die Logik der Radikalisierung), noch findet sie ihren Platz am Nicht-Ort eines changierenden Dazwischen (die Logik der performativen Vermischung).“ (S. 184-185) Der Protestdiskurs werde so allemal enteignet: „Diejenigen, die Protest artikulieren, sind niemals Souveräne ihrer Aktionen, weder im Hinblick auf die Adressaten noch auf die Botschaften.“ (S. 194)

Das stimmt schon, aber was sagt das? So lange wir in dieser Matrix gefangen sind, sind wir auch befangen im souveränen Schein. Ob wir ihn durchbrechen oder an ihm scheitern, wie sollen wir das wissen. Und selbst wenn letzteres der Normalfall sein soll, dann ist es trotzdem nur möglich, sich auf diesem Terrain zu bewegen und nur von ihm aus über dieses hinaus. Sich darüber lustig zu machen, dass die widerständigen Elemente keine Souveräne seien, ist billig.

Woher die Praxis einer emanzipatorischen Überwindung rührt, keine noch so konsistente Theorie wird das je angeben können. Ihre Stärke liegt in der analytischen Potenz, nicht in der perspektivischen Energie. Was natürlich nicht heißt, dass letztere nicht von ersterer gespeist werden kann, aber nicht im Sinne, dass Praxis eine untergeordnete oder nachgereichte Instanz darstellt. Die Skepsis sagt uns: Alles, was wir tun, ist möglicherweise falsch; nur: nichts zu tun, ist auf jeden Fall falsch. Bei allen Tücken der Selbstermächtigung ist diese noch immer der Selbstentmächtigung, also der subjektiven Doppelung der Ohnmacht vorzuziehen.

Was folgt aus solch hyperkritischer Rede? Dass Widerstand zwecklos ist? Bröckling ist nicht zimperlich, wenn er an einer Stelle schreibt: „Intendiert war die kollektive Klau-Aktion als Empowermentmaßnahme zur Beförderung von Alltagsresistenz, und sie schleppte denn auch die fundamentale Aporie aller Bemächtigungsprogramme mit sich: Der aktivierenden Ermutigung ist stets eine Demütigung eingeschrieben. Wer Ohnmachtsgefühle abbauen will, muss sie zunächst als gegeben unterstellen.“ (S. 196)

Entschuldigung, ist das etwa nicht der Fall? – Und blöde Frage: Ist nicht gerade die Demütigung alltägliches Erlebnis der bürgerlichen Konkurrenz und ihrer Masken? Ist das eine Unterstellung? Ist es nicht vielmehr übelste Ideologie so zu tun, als sei das nicht der Fall. Was will uns der Theoretiker da sagen, wenn er dezidiert auf den „pathetischen Kitsch der Superhelden“ (S. 197) hinweist? Oder ist es ganz selbstverständlich, dass Kritik zur Verachtung der Akteure übergeht und somit ihren Beitrag zur Erledigung der Resistenz leistet?

Ohnmachtsgefühle abzubauen, ist auch möglich durch Ressentiment, durch Sucht, durch Verdrängung. Das sind drei obligate Varianten. Und niemand von uns ist davon frei, ja kann im Interesse seiner Selbsterhaltung frei davon sein. Sieht man sich diese immanenten Alternativen an, dann ist Empowerment ja noch eine Möglichkeit, die emanzipatorischen Gehalt haben oder entwickeln könnte, während alle anderen als bloße Surrogate zu bezeichnen sind.

Kommunismus als Politik

Bini Adamczaks Artikel „Nuancen“ diskutiert noch einmal die scharfe Auseinandersetzung zwischen Karl Kautsky einerseits und Lenin und Trotzki andererseits zum Komplex „Terrorismus und Kommunismus“. Kommunismus und Antikommunismus haben inkommunserabel sein. Da hat Adamczak recht. Indes kommunistische und antikommunistische Politik sind wohl kommunserabel, eben weil Politik keine beliebig funktionelle, sondern eine vorformatierte Größe ist. Hier hat fatalerweise Trotzki recht, wenn er die Gemeinsamkeiten auf den primitivsten Nenner bringt: Reaktionäre erschießen Revolutionäre, Revolutionäre erschießen Reaktionäre. Adamczaks Problem ist, dass sie Politik selbst nicht zum Gegenstand macht, sondern den Begriff verwendet wie es im Alltag üblich ist.

Auch wenn die Autorin die lauten Bekenntnisse zur Gewalt durch die Bolschewiki anprangert, ist ihr zuzustimmen. Allerdings muss berücksichtigt werden, in welcher Zwangssituation die russischen Revolutionäre gestanden sind, welche Erfahrungen sie mit ihren Feinden unmittelbar gemacht haben. Diese Historisierung ist zu leisten, denn sonst folgt der Enthistorisierung des Bolschewismus (in den Kommunistischen Parteien wie in den K-Gruppen) nur eine ebensolche mit umgekehrtem Vorzeichen. An diese Politik anschließen zu wollen, ist grober Unsinn, sie aber aus ihren geschichtlichen Zusammenhang zu reißen und einfach zu verdammen, ebenso. Das hat etwas von einer bequemen Distanzierung. Die Bolschewiki gehören nun einmal zur Geschichte des Kommunismus. Der Bolschewismus hatte 1917 durchaus seine historische Logik und seine Meriten, ganz im Gegensatz etwa zur Bolschewisierung der kommunistischen Bewegung oder der Kanonisierung eines „Marxismus-Leninismus“.

Das Kräfteverhältnis, da liegt Trotzki richtig, ist immer auch ein geschaffenes und kein bloß gegebenes. Es hängt von Energie und Initiative ebenso ab wie von der konstatierten Stärke. Mit List oder Überraschung kann es schon gelingen, sich über so manche objektive Grenze hinwegzusetzen. Kautsky und die Sozialdemokraten der II. Internationale haben das nie verstanden, sie waren völlig befangen in einem Glauben an die Determiniertheit der Geschichte, dass kommen wird, was kommen soll. Indes blamierte sich diese Variante des Sozialismus nicht weniger als die bolschewistische. Letztere hatte allerdings den Mut und die Verwegenheit, aktiv in den geschichtlichen Prozess einzugreifen, nicht sich demütig den Geschehnissen zu beugen. Darin ist noch immer das bolschewistische Plus zu sehen.

Und vielleicht ist deren Voluntarismus auch nur gescheitert, weil die Bolschewiki in Europa keine ebenso willensstarken Partner gefunden haben. Da gab es zu wenige, die sagten: Wir wollen! Unbedingt! Ob etwas nun als geglücktes Wagnis in die Annalen eingeht oder als missglücktes Abenteuer, das können die Akteure nie so genau wissen, das entscheidet sich oft erst nachher, wenn die Konsequenzen offensichtlich werden. Resultate sind nicht nur abhängig vom Akt, sondern von vielen anderen Faktoren, die nicht einfach analytisch vorweggenommen werden können.

Viele Probleme sieht Adamczak durchaus: „Wenn sich herausstellen sollte, dass diese Geschichte Lenin und Trotzkis nicht ausschließlich von autoritären Arschlöchern handelt, sondern dass sich nur die kleinste Möglichkeit einer Sympathie oder gar Identifikation ausmachen lässt, dann lässt sich aus den Verbrechen der kommunistischen Vergangenheit unmittelbar schließen, welche Gefahr uns aus der Zukunft droht.“ (S. 81) Da ist Elementares angesprochen, wenngleich einiges durcheinander geht. Zweifellos, auch wenn die Absage an den Stalinismus inzwischen Konsens zu sein scheint, ist dessen Dynamik keineswegs überwunden, geschweige denn sein Wesen Geschichte. Es gilt dieses System auch jenseits von Terror, Selbstbezichtigung und Einschüchterung zu begreifen. Umgekehrt gilt freilich auch: Die Vergangenheit des Kommunismus ist nicht auf seine Verbrechen zu konzentrieren, nicht einmal die Stalin-Jahre sind darauf reduzierbar.

Bini Adamczaks Beitrag stellt die richtigen Fragen. Diese Intention gilt es in aller Sensibilität aufzunehmen. Bevor der Kommunismus wieder Zukunft haben kann, muss er Trauer tragen, Trauer auch für das, was er sich und den Seinen angetan hat.

Jour fixe initiative berlin (Hg.), Souveränitäten. Von Staatsmenschen und Staatsmaschinen, Münster 2010, 202 Seiten, 16 Euro.

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