Im Puff und im Krieg

Streifzüge 45/2009

von Maria Wölflingseder

Viel wird über die Wirtschaftskrise berichtet – überwiegend Nonsens, selten Richtiges. Vor dem Hintergrund der medialen Gesundbetmühle lässt die Feststellung eines Psychologen aufhorchen: Nachrichten über eine Katastrophe werden zuerst vehement verdrängt und viel später erst leidvoll wahrgenommen – oft verbunden mit aggressivem Verhalten. – Auch vor dem zu erwartenden starken Ansteigen der Arbeitslosigkeit wurden bis dato die Augen verschlossen. Aber angesichts der Zahlen der offiziellen österreichischen Februar-Statistik (die wie stets eine geschönte ist) wird weiteres Verdrängen schwer fallen: in Oberösterreich Erhöhung um 44 Prozent im Vergleich zu Februar 2008, 30 Prozent in der Steiermark, ca. 24 Prozent im Bundesdurchschnitt. – Nichtsdestotrotz dürfen Langzeitarbeitslose weiterhin ungestraft von KursleiterInnen beschuldigt werden, mit ihren Bewerbungsschreiben und -strategien stimme etwas nicht; sonst wären sie ja nicht so lange ohne Job. Auch AMS-Chef Johannes Kopf persönlich sondert auf die Frage, warum AkademikerInnen zum wiederholten Mal zu einem (meist fünfwöchigen) Bewerbungskurs oder IT-Fachleute zur Absolvierung des PC-Führerscheins gezwungen werden, dieselbe dümmliche Worthülse ab (Radiokolleg Ö1, 3.3.2009, Thema: Lebenslanges Lernen). Würden Arbeitslose als vollwertige Subjekte gelten, könnten dann hier nicht mehrere Tatbestände des ABGB ins Auge springen? Etwa üble Nachrede, Ehrenbeleidigung, Ruf- und Kreditschädigung?
In das Konzept der Verdrängung passt auch folgende Sendung des bei der mainstream-kritischen Intelligenzia so beliebten Radios Ö1. Petra Bock aus Berlin durfte ausgiebig PR für sich und ihr neues Finanzcoaching-Buch machen: Nimm das Geld und freu Dich dran. Wie Sie ein gutes Verhältnis zu Geld bekommen. Insbesondere Frauen stünden sich finanziell meist selbst im Weg, denn ob man wenig oder viel Geld hat, sei angeblich vor allem auch eine Frage der eigenen „Denkmuster“. Bock verrät „den Weg zu einem authentischen Wohlstand“. Dieser fängt bei einem „guten, tabulosen und entspannten Verhältnis zu Geld“ an, führt über unser „Selbstwertgefühl und unsere Haltung der Welt und dem Leben gegenüber“ zu einem ganz persönlichen, neuen „Geldbewusstsein“. Dass das nichts mit Esoterik zu tun habe, muss bei einem Buch des Kösel-Verlags – spezialisiert auf Ratgeber, Spiritualität und Religion – schon extra im Klappentext vermerkt werden.
Was würde wohl die Unzahl der neuerdings von Armut Betroffenen zu dieser angebotenen Heils(irr)lehre sagen? Oder umgekehrt gefragt: Glaubt die gute Frau Bock-Gärtnerin wirklich, dass, wenn alle ihre Ratschläge befolgen würden, das Geld wieder flächendeckend üppig zu spießen begänne? – Welche Tricks würde Finanzcoach Bock jenen jungen Frauen verraten, die sich in immer größer Zahl – nicht mehr nur in den so genannten unterentwickelten Ländern und in Osteuropa, sondern immer mehr auch in Westeuropa oder den USA – gezwungen sehen, sich als Prostituierte zu verding(lich)en, um überleben zu können? Oder all jenen jungen Männern – etwa in der südliche Hälfte Italiens –, denen als einzig legaler Job (Stichwort: Mafia und Camorra) nur der Militär-, sprich der Kriegsdienst bleibt? Die allgemeine Verdrängungsleistung gegenüber der sich immer durchgeknallter gebärdenden „Arbeitswelt“, sprich: Lebensmöglichkeit, scheint sich aus einem unerschöpflichen Reservoir an Pferdestärken zu speisen. Sogar weite Teile der feministischen Bewegung fordern ja lediglich, „Sexarbeit“ als „normale“ Arbeit anzuerkennen und „gerecht“ zu entlohnen! Ganz nach dem Motto: Dem Arbeitsgott opfern wir unseren Körper, unsere Seele, und wenn’s sein muss auch unser Leben.
Zwei Studentinnen, aus Deutschland bzw. Frankreich, und eine Akademikerin aus den USA haben ihre Erfahrungen, ihren „Werdegang“ als Hure in Büchern veröffentlicht. In Frankreich verdienen etwa 40.000 Studentinnen (und in geringerer Zahl Studenten) ihren Unterhalt im Escort Service, als Callgirls und -boys und im Puff. Auch in Deutschland und Österreich scheint diese Art von Studentenjob immer öfter zum Rettungsanker zu werden. Die Scham der Betroffenen und die Verdrängung dieses Themas in der Öffentlichkeit sind eine ideale Kombination für die Simulation des Business as usual.
Erste Einblicke gewähren folgende drei Bücher: Meine lukrative Exkursion in das älteste Gewerbe der Welt (Goldmann Verlag 2004). Jeannette Angell konnte mit ihrer Teilzeitstelle als College-Lehrerin weder ihren Lebensunterhalt bestreiten noch ihre Schulden abstottern – dies gelang nur mittels Zweitjob als Callgirl. – Die Französin Laura D. geriet über ein Internet-Angebot eines „reifen Mannes“, das sie als einmalige Verdienstmöglichkeit wahrnehmen wollte, in die einschlägige Branche (Mein teures Studium: Studentin, 19 Jahre, Nebenjob: Prostituierte, C. Bertelsmann Verlag 2008). – Sonia Rossi, Italienerin aus „gutem Hause“, sah sich genötigt, ihr Mathematik-Studium in Berlin via Sex-Chat, nackt vor der Webcam, im Massagesalon und schließlich im Puff zu finanzieren (Fucking Berlin, Ullstein Verlag 2008).
Eine geradezu mörderische (sic!) Verdrängungsleistung wird – vor allem in den USA – von Staats wegen verordnet, wenn es darum geht, die hohe Zahl an getöteten, verkrüppelten und schwer traumatisierten SoldatInnen ja nur nicht aufs Tapet zu bringen. Das Ausladen der 5000 Särge mit den Gefallenen aus dem Irak und aus Afghanistan durfte bis dato nicht gefilmt oder fotografiert werden. Jetzt erst wurde dieses Verbot aufgehoben. – Dass den meisten jungen Süditalienern keine andere legale Geldquelle bleibt als an den blutigen Fronten der westlichen „Friedensmissionen“, ist weder in Norditalien geschweige denn anderswo bekannt. Roberto Saviano beschreibt in seinem schmalen, aber umso eindrucksvolleren und wunderbar poetischen Band Das Gegenteil von Tod (Hanser 2009) die „Gegend, die voll ist mit Kriegsheimkehrern“ aus „vielen Schichten“ von Kriegen; über Soldaten, die aus Bosnien, aus Mosambik, aus Somalia, aus dem Kosovo, dem Irak und aus Afghanistan heimgekehrt sind oder die schon im Libanon waren; über „Soldaten, von denen nur ihr Körper heimgekehrt ist, verbrannt, verstümmelt, zerstückelt“, heim zu den jungen Frauen, die oft vor der Hochzeit schon zu Witwen geworden sind.
Wahrlich ein glorreiches Wirtschaftssystem, in dem immer mehr junge Leute nur noch im Puff oder im Krieg ihren Lebensunterhalt verdienen können!

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