Starke Fragen

von Andreas Exner

Es tut sich was. Studierende besetzen Unis. Gewerkschaften erklären sich solidarisch. Pensionisten finden’s auch gut. Eine Debatte ist entbrannt. Mehr Geld für die Unis ist ihr kleinster Nenner. Freie Bildung ohne Zugangsbeschränkungen ist beinahe Konsens. Einige wollen Ausbeutung abschaffen, andere ein Grundeinkommen durchsetzen. Was tut sich da?

Komisch eigentlich: Die Studierenden als Studierende sind recht besehen machtlos. Anders als ein Streik in einer Fabrik tut die Besetzung des Audimax niemandem weh. Warum entfalten sie dennoch Wirkung? Unmittelbar treibt sie die Wut über miese Studienbedingungen. Der Bologna-Prozess empört sie, sie sind frustriert von Gängelung. Doch dies ist nur die eine Seite. Der Kontext ist die andere: das Gefühl der Perspektivlosigkeit, ja der Bedrohlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung.

Die breite Öffentlichkeit nimmt diese Koppelung von unmittelbarem Motiv und mittelbarem Rahmen nur unterschwellig wahr. Kommentare in den Massenmedien zeigen sich in dieser Hinsicht zum Großteil ignorant. Unter den Studierenden ist die Problemsicht gespalten. Während einige klar im Auge haben, dass der Zustand der Universität Teil gesellschaftlicher Zwangsstrukturen ist, frönen viele andere der Illusion, man könne das Anliegen als eines „der Universität” irgendwie isolieren. Sie klagen nur die eigene Konkurrenzfähigkeit ein. Man führt Beschwerde über fehlende Mittel, weil man sich fit für den Arbeitsmarkt machen will, das heißt: für das Kapital und seinen Staat.

Schon immer war es eine Illusion, durch den vermeintlichen Nachweis der eigenen verwertungskonformen „Nützlichkeit” wesentliche Verbesserungen zu erreichen. Das kann nur scheitern. Oder mündet darin, die Selektion in Verwertbare und Wertlose zu verhärten. Eine kapitalismuskritische Position gegen Lohnarbeit, Markt und Staat einzunehmen ist für die Studierendenbewegung, anders als für Lohnkämpfe, geradezu lebenswichtig.

Denn sie bezieht ihre Attraktivität und ihre symbolische Macht gerade daraus, dass sie ein zwar diffuses, jedoch verbreitetes Unbehagen am Kapitalismus artikuliert. Ihr oft zaghafter, zeitweise jedoch durchaus bestimmter Versuch, die herrschenden Normen von gesellschaftlicher Entwicklung grundsätzlich zu hinterfragen, ermutigt viele, die am neoliberalen Paradigma zu zweifeln begonnen haben.
Wo der universitäre Unmut Menschen in anderen gesellschaftlichen Sphären ansteckt, die von der kapitalistischen Entwicklung nachhaltig verunsichert sind, dort kann Bewegung in die vielfachen Risse der Herrschaft des Sachzwangs kommen. Solche Resonanzböden für die Bewegung an den Universitäten gibt es in einem gewissen Maß. Man kann den Kontext der Proteste erweitern und bereichern, indem man diese Böden in Schwingung bringt.

Soziale Kämpfe kommen auf dem Terrain des Gegners nicht voran. Dort müssen sie scheitern. „Finanzierbarkeit”, „Wettbewerbsfähigkeit”, die Selektion der „Leistungswilligen” bilden das Terrain des Gegners. Wer sich darauf einlässt, hat verloren.

Die Potenz der Bewegung liegt darin, das Terrain der Debatten zu verändern: Schuften für Profit oder ein gutes Leben leben? Auf Finanzierung hoffen oder das, was stofflich-konkret machbar ist, auch machen? Sich für den Konkurrenzkampf zurichten oder in Solidarität kooperieren?

Der kapitalistische Kanon von Profit, Finanzierbarkeit und Konkurrenz ist Nonsens. Eine „Solidarische Universität“, die Schluss damit macht, ist nötig. Die Fragen stellen wir.

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