Durchlauchten durchleuchten

Großes Herz für große Dealer. Geschichten um das Haus von Liechtenstein

von Franz Schandl

Diese Aufmerksamkeit hat man nicht gewollt. Normalerweise ist es ruhig, und man kassiert. Doch mit dieser Ruhe ist es jetzt vorerst einmal vorbei. Seit dem Megaskandal um die deutsche Postbank steht Liechtenstein im Mittelpunkt des Interesses. Jener nach Australien geflüchtete Landsmann, der dem BND die brisanten Informationen zu Klaus Zumwinkel verkauft haben soll, dürfte in Vaduz als Volksverräter gelten. Indes, die verratenen Bank-Daten verraten nicht nur eine Steueraffäre, sondern vor allem das Unwesen dieses Kleinstaats. Das biedere Steueroptimierungsländle, das ist eine kriminelle Organisation sui generis. Liechtenstein hat ein großes Herz für große Dealer. Vergleichbar mit der Mafia lebt es ganz komfortabel von Schutzgeldern, die es nicht einmal erpressen muss.

Ob die Vorfahren derer von Liechtenstein Raubritter gewesen sind, mag umstritten sein, dass die Nachfahren es sind, steht außer Zweifel. Das österreichische Adelsgeschlecht ist mächtig geworden als Nutznießer des Dreißigjährigen Krieges. Karl von Liechtenstein konvertierte 1599 zum Katholizismus und stand fortan im Dienste der habsburgischen Gegenreformation. Nach der Schlacht am Weißen Berge 1620 leitete er die Exekution der protestantischen Rebellen. Der blutige Statthalter von Prag stieg alsdann sogar zum böhmischen Vizekönig auf. Neben Besitzungen in Niederösterreich, Böhmen und Mähren hat man sich in diesen Tagen auch das Gebiet des späteren Zwergstaates einverleibt. Treu blieb man den Habsburgern auch die folgenden Jahrhunderte – 1719 erhob Kaiser Karl VI. die beiden Herrschaften Vaduz und Schellenberg zu einem Reichsfürstentum mit Namen Liechtenstein. Dass der Name eines Staates von einem Herrschergeschlecht herrührt, ist also keine saudi-arabische Kuriosität.

1806 erlangte das Land seine Souveränität, die es bis heute wahren konnte. Obwohl die Liechtensteiner das Land regierten, kannten sie es kaum. Sie lebten weiterhin in Wien und ließen Landvögte des Amtes walten. Erst 1938 zog das Herrschergeschlecht nach Vaduz. Bereits 1918 – nachdem die Österreicher die Habsburger entsorgten – kündigten die Liechtensteiner die Zollunion mit der neu entstandenen Republik und näherten sich hurtig der Schweiz an, deren Währung sie auch übernahmen.

Während die großen Reiche fielen, blieb Liechtensteins absolutistischer Minimundus unbeschadet. Zwar dürfen seit 1984 die Frauen wählen, aber insgesamt haben die Bürger, die ebenso Nutznießer der ökonomischen Sonderstellung sind, wenig zu sagen. In einem Referendum 2003 stimmten sie sogar mit satter Mehrheit für eine Revision der geltenden Verfassung, um die Vollmachten des Monarchen ausdrücklich zu erweitern. Fürst Hans-Adam hatte erklärt, im Falle einer Ablehnung das Land zu verlassen und nach Wien zu übersiedeln. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Erbprinz Alois sich nach Auffliegen des Skandals etwas wirr in Rage redete, gerade so, als hätten Merkel und Co. beschlossen, den Kleinstaat zu bombardieren. Was das Haus Liechtenstein wohl weniger erschüttern würde als die Offenlegung der Finanzen. Aber Durchlaucht hat durchschaut, dass in Zukunft es nicht mehr ganz so laufen wird wie bisher. Das macht zornig. Durchlauchten durchleuchten, das geht doch wirklich zu weit.

Freitag, 29.2.2008

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