Ein Leben in einer Welt – Wie Kritik wirksam werden kann (1)

Streifzüge 40/2007

von Lorenz Glatz

Der bekannte Astrophysiker Stephen Hawking will das öffentliche Interesse für die Raumfahrt steigern: „Ich denke, die Menschheit hat keine Zukunft, wenn sie nicht ins Weltall fliegt.“ Auf der Erde werde es nämlich angesichts des Klimawandels, des Atomkriegrisikos oder der Gefahr eines gentechnisch erzeugten Virus zu gefährlich. Weniger betuchte Leute, die sich vieles nicht vom Leib halten können, was dem gelähmten, aber wohlhabenden Hawking eher fern bleibt, werden da noch einige Gründe hinzufügen können, warum sie nicht übertrieben hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. An andere Planeten werden sie aber kaum denken können, auch wenn die Astronomen eben erstmals einen erdähnlichen in nur 20 Lichtjahren Entfernung gefunden haben. Die Auswanderung wird wohl nicht leistbar sein, und selbst was man in der einschlägigen Sci-Fi-Literatur in Buch- und Filmformat darüber findet, beginnt ja regelmäßig mit dem Untergang der übergroßen Mehrheit und höchstens mit der Rettung einer winzigen Elite. Wir werden also auf unsere blaue Kugel angewiesen bleiben.

Wir wissen, dass wir unser Leben ruinieren, …

Dass aber das Leben der Menschen auf diesem Planeten von uns selbst durch unsere fortschrittliche Lebensweise geschädigt wird wie noch nie in der Geschichte, wird inzwischen – zumindest was den Klimawandel angeht – kaum noch von Wissenschaftlern, Regierungen oder Medien von größerer Bedeutung ernsthaft bestritten. Von den Massenmedien werden die vorgelegten Erkenntnisse neuerdings sogar vehement transportiert, das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Alpenrepublik z. B. hat daraus unlängst eine Schwerpunktwoche gestaltet, mit einem Programm von Katastrophenfilmen über Politikerdiskussionen bis zu Expertisen renommierter Fachleute. Und die Großen der Welt setzen Klimaschutz auf die Agenda ihrer Treffen, George W. Bush hat diesbezüglich sogar neue Ghostwriter bekommen.

Wie es in solchen Fällen vorkommt, hat es auch hier sozusagen einen medialen Overdrive gegeben. In Österreich jedenfalls ist auf der Klimawelle eine „Plattform Footprint“ überraschenderweise in die beste Sendezeit und auf gute Platzierungen in den Printmedien getragen worden. Eine Initiative, die neben den großen Umwelt-NGOs Greenpeace, WWF und Global 2000 auch die halbstaatliche Initiative „Klimabündnis Österreich“ als Mitglied und das „Lebensministerium“ (so nennt sich das Landwirtschaftsministerium) als Partner hat. Sie bezieht ihre Kritik über die Klimakatastrophe hinaus auf den ganzen ökologischen „Fußabdruck“, den unsere heutige Lebens- und Arbeitsweise auf der Erde hinterlässt: Wenn der hiesige Lebensstil global würde, die „Entwicklungsländer“ also das tun sollten und könnten, wozu sie schon in ihrer Bezeichnung unablässig aufgefordert werden, dann müssten wir drei Planeten wie die Erde haben, wenn die nächsten Generationen weiter so leben können sollten wie die heutigen. Und das ist wahrscheinlich eher das Minimum, denn andere respektable Wissenschafter reden von fünf Planeten, die wir für unsere Konsumgewohnheiten zur Verfügung haben müssten. Mangels weiterer Erden haben wir aber nur die Wahl, den Ressourcenverbrauch in den nächsten Jahren auf ca. 20 bis 30 Prozent herunterzufahren oder ziemlich auszusterben. Naja, da aber dank der Marktwirtschaft ein großer Teil der Menschheit aus Habenichtsen bis Hungerleidern besteht und dadurch gleichzeitig auch weniger Gelegenheit zur Umweltzerstörung hat, liegt der Raubbau der Menschheit insgesamt „nur“ bei so 20, 30 Prozent. Für ein mittleres Inferno reicht das aber allemal.

Dass die drohende Klimakatastrophe überhaupt in so hohem Ausmaß ins öffentliche Bewusstsein gerückt wird, hat jedoch nicht bloß mit den unübersehbaren Gefahren zu tun. Ein ganz wesentlicher Grund ist auch, dass in den Industrieländern mittlerweile eine sozusagen grün-alternative Kapitalfraktion herangewachsen ist. Und die macht mit neuen Technologien für relativ weniger CO2-Ausstoß und Energieverbrauch ihr Geschäft (auch wenn in absoluten Zahlen durch das Gebot des Wirtschaftswachstums beides weiter steigt). Dem grünen Auftritt hat sich in der Klimafrage ironischerweise die alteingesessene, seit Harrisburg und Tschernobyl in die Defensive geratene, nun aber als Schützer vor dem Treibhauseffekt auftretende Atomindustrie angeschlossen, und die Versicherungswirtschaft sieht eine Chance, ihre Katastrophenprämien upzudaten. Getrennt marschierend ergeben sie inzwischen zusammen mit den klassischen Umweltschutz-NGOs eine durchsetzungsfähige Lobby, deren marktschreierische Vereinfachungen und Verdrehungen zu Recht schon wieder Unmut erregen.

Das Auftreten dieser Lobby erfüllt geradezu idealtypisch die Voraussetzung, unter der in Demokratie und Marktwirtschaft ein Problem allein gelöst werden kann: dann nämlich, wenn damit Geschäft gemacht oder Geschäft gesichert werden kann. Problemlösungen müssen sich umsetzen lassen in profitträchtige Investitionen oder in Infrastrukturen, die solche ermöglichen. Anders können Probleme gar nicht wahrgenommen werden. Populärer ausgedrückt müssen Arbeitsplätze geschaffen, gesichert oder umgeschichtet werden, damit eine Problemlösung als eine solche gelten, ja damit ein Problem überhaupt ernstlich formuliert werden kann. In welchen ausweglosen Widersprüchen sich so eine ökologische Marktwirtschaft oft von vornherein bewegt, zeigt etwa das aktuelle Beispiel der überraschend hohen Lkw-Mauterhöhung auf Österreichs Schnellstraßennetz. Diese wird in einem Atemzug als Großtat des Klimaschutzes abgefeiert und als günstige finanzielle Voraussetzung für den weiteren Ausbau der Autobahnen dargestellt, Einschränkung und Ausweitung des Verkehrs und der Schäden, die er anrichtet, in einem. Über die finsteren Aporien solcher Systemfrömmigkeit auch in anderen ökologischen Fragen als der Erderwärmung kann in dieser Nummer (Exner/Galow-Bergemann) und in früheren Heften (Exner/Schriefl u. a. in 3/2003 30/2004 und 31/2004) Erhellendes nachgelesen werden.

… aber was Besseres haben wir nicht gelernt

Manche nehmen sozusagen reflexartig an, dass die ökologischen Risken der Klimaerwärmung im Sold der interessierten Industrien übertrieben werden. Allerdings wurden bis vor kurzem ganz im Gegenteil die Warnungen davor im Interesse der Öl- und Autowirtschaft heruntergespielt. Es besteht tatsächlich kaum Grund zur Annahme, dass nicht wenigstens den bestallten Experten, höchstwahrscheinlich aber auch vielen Politikern und Meinungsmachern vor dem graust, was Freedom and Democracy da als mögliches „Ende der Geschichte“ bereithalten. Besser wird es auch für die Reichen und Mächtigen nicht, wenn Trinkwasser zur Preziose wird und Not und Wut die Mauern der Luxusgettos übersteigt. Viele von ihnen wollen vermutlich ihr Möglichstes tun, um dem gegenzusteuern. Bloß, so viel ist da nicht möglich, denn wer ernsthaft vorhat, die Probleme anzugehen, ja sie auch nur umfassend darzustellen, lässt sich auf einen schweren Bruch mit den herrschenden gesellschaftlichen Wertvorstellungen ein. Schließlich sind es die „Fleißigen und Tüchtigen“ samt den „Kreativen“, die Sützen der Gesellschaft also, die allesamt die Arbeitsplätze schaffen und/oder innehaben, von denen eins lebt. Und genau damit, nämlich mit ihrem unermüdlichen Einsatz, ihrer angestrengten Arbeit und ihrem geistigen Höhenflug ruinieren sie die Welt, direkt oder indem sie dem Ruin zuarbeiten. Und die Seele des Kapitalismus, das Investieren um der Geldvermehrung willen und das beständige Wachstum – fraglose Folge und Voraussetzung von Arbeit und Arbeitsplatz – entpuppt sich als Krebsgeschwür am Leib der Menschheit und der Natur. Schlimmer noch und hoch unmoralisch: Es sind die Loser, die Arbeitsscheuen und Minderleister, die zu kurz Gekommenen und Gescheiterten, die im globalen Wettlauf auf der Strecke Gebliebenen, die Unterkonsumierer und Armen, die den menschlichen „Footprint“ auf der Erde in Größen halten, die der Menschheit noch eine Frist verschaffen, um das Steuer vielleicht doch noch herumzureißen. Doch wer soll das tun, wenn die einen ihre soziale Existenz und Anerkennung sowie ihre Macht den Arbeitsplätzen verdanken, die nicht wenige Teile der Welt unbewohnbar zu machen drohen, und wenn die andern von der Logik der Gesellschaft noch vor der Welt kaputt gemacht werden?

Was bleibt uns, wenn wir so bleiben?

Tatsächlich lässt sich heutzutage wesentlich leichter der Ruin der natürlichen Voraussetzungen menschlichen Lebens vorstellen als ein Bruch mit den etablierten Grundgegebenheiten des gesellschaftlichen Lebens im Kapitalismus, mit dem tief gestaffelten System von Geld, Arbeit, Konkurrenz, Markt, Staat etc. Nicht mehr auf diesen Grundlagen agieren zu können, macht nach vierhundert Jahren Gewöhnung an die Dominanz des Gelds und nach ein paar tausend Jahren Herrschaft schnell ratlos. Es ist gar nicht so, dass z. B. die antikapitalistischen ökologischen Argumente so kompliziert und schwer nachvollziehbar wären, sie sind in ihren Grundzügen gar nicht so wenigen Menschen recht gut bekannt und finden nicht selten ihre Zustimmung, auch Wissen um die Tragweite und um die Folgen ihrer Nichtbeachtung ist oft erstaunlich weit verbreitet. Sogar die illusionäre Zuversicht, dass die Probleme mit politischer Entschlossenheit und neuen Geschäftsfeldern und -methoden auch ökonomisch schon wieder in den Griff zu kriegen sein werden, ist bei vielen Menschen von Skepsis angefressen. Bloß, was soll so eine Monade, die eins in dieser Gesellschaft nun einmal darstellt, gegen die überwältigende Macht der Verhältnisse anfangen? Bewusster einkaufen, auf das eine oder andere verzichten und da und dort spenden – das ist sicher weitaus besser als das Gegenteil, auch sicher gut für das Gewissen, eventuell auch für das Selbstbewusstsein, aber dass wir die Welt so wirklich ändern, ist doch nicht recht zu glauben. Und wenn alle „sich zusammentun und nur noch gute Produkte kaufen“, nur noch das, was anderen Menschen gegenüber ethisch vertretbar ist und die Natur nicht schädigt, dann wäre dies nicht die Rettung der Warenwelt, wie Greenpeace Österreich auf seiner Homepage in einem witzigen Spot hoffen machen will, sondern eher ihr Tod an Schwindsucht. Es wäre schlicht eine weltwirtschaftiche Katastrophe, der Zusammenbruch der bestehenden sozialen und wirtschaftlichen Ordnung, die mit der ganzen Aktion doch saniert werden sollte.

In der Hauptsache läuft eins also wohl oder übel mit der Schar, liebt seine Kinder und Freunde herzlich – und tut notgedrungen mit bei der Zerstörung ihrer Zukunft, oft auch schon der eigenen. Dieses Meistern des Heute, indem eins das Morgen zerstört, ist für die kapitalistische Lebensweise charakteristisch. Nicht nur ökologisch, sondern auch ganz binnenwirtschaftlich: So ist heutzutage der Mensch als Lohnarbeiter für sein Einkommen auf einen Arbeitsplatz angewiesen, als Einleger seiner als Investor agierenden Pensionskassa aber darauf, dass er vielleicht demnächst schon wegrationalisiert und auf die Straße gesetzt wird. Tendenziell wird der Abstand zwischen Jetzt und Dann bei vielen Problemen tendenziell kürzer. Die Ahnung, dass es uns ergeht wie Kafkas Fabel-Maus, die auf ihrem Lauf vor der Katze schon im letzten Zimmer ist und dort nur noch die Falle in der Ecke sieht, beflügelt das Nachdenken kaum. Eher wird vermieden, sich die Widersprüche unserer Lebensweise so recht bewusst zu machen, geschweige denn über sie gründlich zu reflektieren. Verdrängen ist die gängigste Umgangsform mit derlei. Wir machen es ein bisschen wie die Lemminge: Weiterschwimmen ist die Devise, das ist Anstrengung genug, wer hat schon Zeit und Energie für die Frage, ob es noch ein Ufer gibt? Das ins Unbewusste abgeschobene Gefühl der Sinn- und Aussichtslosigkeit der Lebensweise, von der die ökologische Seite ja wahrlich nur ein Ausschnitt ist, kehrt wieder als psychische Störung, von Depression und Indolenz bis hin zum Amoklauf.

Kritik ist mehr als theoretisch. Kritik ist sinnlich

Zugegeben: Hinschauen, Analyse und Formulierung von Kritik an den Verhältnissen heißt für sich allein nicht unbedingt, dass eins sich den Verhältnissen auch wirklich stellt. Die menschliche Denkfähigkeit schafft es nämlich in erstaunlich hohem Maß, das, was sie erkennt, von sich fernzuhalten. Sie ist Subjekt, das Erkannte ist bloßer Gegenstand – die Gesellschaft, die Welt, die Anderen, das Andere eben. Der Denker (maskulin ist dafür typisch) ist existenziell von seinem Gegenstand nicht betroffen, selbst wenn er sich selber zum Thema nimmt. Gleichgültig, ob er ein origineller Denker ist oder ob er bloß rezipiert. Selbst wenn etwas einem als Menschen durch Mark und Bein geht, hat der Geist den Anspruch, ganz sachlich und unb/gerührt zu bleiben. Denn auch meine Gefühle taugen für mein Denken bloß zum Objekt. Wenn das Denken nämlich jene in sich reinlässt, wird es unrein. Gefühle machen das Denken nur trüb, sagt man. Dummerweise sind es aber gerade Emotionen – Begehren und Frustation, der Wunsch nach einem guten Leben und sein Scheitern -, die kritisches Denken auslösen und grundsätzlich immer sein Antrieb und Maßstab sind. Bleibt es beim Denken und beim Reden, ist Kritik bald einmal der reine Frust. Bloß dass man so klug ist, schafft vielleicht noch ein wenig (Ersatz-)Befriedigung. Der Geist mag sich ja, wenn er in Fahrt kommt, unsterblich und sich selbst genug vorkommen, der Mensch aber braucht ein gutes Leben, bevor er stirbt. Nur Denken ist da auf Dauer ein schwächelnder Ersatz für alles andere, was ein Herz begehrt.

Kritik der Verhältnisse zielt nun einmal nicht bloß auf deren Erkenntnis, sondern vor allem auf deren Veränderung. So ähnlich ist es von Karl Marx noch auf seinem Grabstein zu lesen: „The philosophers have only interpreted the world in various ways; the point, however, is to change it.“ Die Änderung der Verhältnisse ist der Prüfstein der Wahrheit der Kritik, und wozu soll ich schon Missstände erkennen, wenn Veränderung nicht drin ist? Kritik ist nicht Theorie im Wortsinn von Kontemplation, staunender Betrachtung der Welt, die in der Freude am Wissen ihren Sinn und Zweck schon in sich selber hat. Kritik fasst nicht den Kosmos ins Auge, um dessen Bau und Lauf zu erkennen, zu interpretieren, allenfalls zu nutzen. Kritik fokussiert auf die Welt der Menschen, die Verhältnisse ihrer Gesellschaft, die zu verändern sind, und die zu verändern begehrt, wer kritisiert.

Diese Verhältnisse sind das Geflecht der Einrichtungen, das aus den Beziehungen der Menschen entsteht und das diese Beziehungen zugleich trägt, nahe legt, erzwingt, lenkt, beschränkt, verbietet und überwacht. Auch die Verfahrensweisen, die Möglichkeiten und die Grenzen des menschlichen Umgangs mit der Umwelt, von und mit der die Gesellschaft lebt, werden davon abgesteckt. Es geht uns damit besser oder schlechter. Eher schlechter, sagen uns selbst die täglichen Fernsehnachrichten, wenn wir schon keine Zeit, Kraft oder Lust haben, auf uns selbst zu horchen. Mit dem Glück ist es nicht so weit her, so wie eins heute lebt. Wen das wurmt, magerlt, empört, dem liegt es nahe zu kritisieren: zu widersprechen, zu sagen, was warum zu ändern sei, und Neues, den Menschen Angemesseneres zu suchen, zu erproben, durchzusetzen. Kritik hängt am Leben, dem noch nicht alles wurscht ist, sie will es zum Guten ändern, und zwar im Hier und Jetzt. Trotz aller Abwege, auf die sie geraten mag – das macht Kritik sexy und attraktiv. Und wenn Kritik beim Denken dahin kommt, dass sie nicht mehr bloß Einzelheiten meint, sondern das Prinzip, den Wert selbst, die Schaltzentrale der herrschenden destruktiven „Ordnung“ als Übel denunziert? Ja, dann wird es wirklich lohnend, denke ich, doch zugleich gilt sie dann leicht als „zu schön um wahr zu sein“. Solche fundamentale Kritik hat es also oft weniger damit schwer, dass keine(r) sie für verführerisch und attraktiv hielte, eher damit, dass sie – wie im alten Märchen das Mädchen Psyche – so schön ist, dass alle sie nur bewundern, statt sich auf sie einzulassen.

Was also ist des Pudels Kern?

Was passiert, wenn wir uns an eine grundsätzliche Kritik des gesellschaftlichen Zusammenhangs nicht heranwagen, mit ihr nicht Ernst zu machen trauen (wobei das Vorgänge sind, die meistens nicht einmal bewusst ablaufen)? Tja, wenn die Übel beim besten Willen nicht mehr einfach wegzustecken sind und mit den herkömmlichen Mitteln von Staat und Ökonomie der Malaise nicht (mehr) abzuhelfen ist, aber eine Kritik des Ganzen für nicht umsetzbar gilt – dann bleibt nur noch Verzweiflung. Und die macht passiv, oft blöd, doch meistens Schlimmeres. Denn im Inneren dieser Gesellschaft von konkurrierenden Vereinzelten staut sich Gewalt. Sie wird gespeist von der Unterdrückung und Verdrängung alles dessen, was ein Mensch so braucht, worin eins aber in diesem Leben, in dem bald nichts mehr gratis zu haben ist als der Tod, zu kurz kommt. Vor allem sind das in dieser Gesellschaft, in der eins immer auf dem Prüfstand steht: fraglose Zuwendung und bedingungslose Anerkennung. Die destruktive Energie aus diesem Dauerstress und Frust wird vom Imperativ der Geldvermehrung auf Arbeit, Konsum und Politik, auf Leistung und Macht gelenkt. Wenn die Kapitalverwertung und ihre Verarbeitungsform regelrechter Staatsgewalt auf die eine oder andere Art großflächig außer Tritt geraten, dann entwickeln sich anomische Zustände wie sie in Slums, Banlieus und (Banden-)Kriegsgebieten herrschen, nicht nur in der Dritten Welt, sondern zunehmend auch in den Metropolen. Angesichts der Erschöpfungserscheinungen der Weltgendarmerie spricht kaum etwas dafür zu glauben, dass diese Erscheinungen auf Dauer isoliert, wieder abgebremst und in Law and Order von Freedom and Democracy reintegriert werden können. Vor allem aber sind wir für eine andere Antwort auf das sich anbahnende ökologische und soziale Desaster als eine herrschafts- und gewaltförmige nicht trainiert, denn diese ist die Fortsetzung dessen, was wir schon tagaus tagein tun, bloß mit schärferen Mitteln und unter krasseren Umständen.

Natürlich ist Analyse der und Aufklärung über die drohenden Entwicklungen weiter dringend nötig, doch das reicht nicht, für sich allein verpufft das, bleibt unfruchtbar und verkümmert selbst im Denken. Für eine Perspektive raus dem Schlamassel braucht es entscheidend mehr. Was im kritischen Bemühen gern übersehen wird: Der Kern des Problems ist gegen Denken, Erkenntnis und Wissen resistent. Der Kern sind die Beziehungen unter uns, die wir uns gegenseitig im Herrschaftssystem von Geld & Co. tagtäglich aufdrängen, die spezifischen Verhaltensformen, emotionalen Möglichkeiten und Verkrüppelungen, die uns daraus erwachsen, die Hilflosigkeit durch Isolierung und Einsamkeit, die Ideologie und Praxis des autonomen, selbstverantwortlichen Subjekts, das auf niemanden angewiesen ist und daher auch kaum wen hat, der oder die ihm helfen könnte. Hilflosigkeit gegen die Gewalt der Verhältnisse samt der (verdrängten) Angst davor, es sich mit ihr anzulegen, schüchtert ein und hemmt. Nicht nur das Handeln, auch das Denken. Wenn wir uns als Menschen zu nahe kommen, ist das delikat und geht schnell einmal schief. Sachlichkeit, am besten Geld stabilisiert den Umgang miteinander, menschliche Beziehung mag erwünscht sein, ist aber ein Risiko. Strenge Rechnung, gute Freunde. Leistung ist das Erfordernis, Menschlichkeit eine kurz gehaltene Infrastruktur. Das ist die fürchterliche Macht der Gewohnheit, die auch die Phantasie fesselt, die sich kaum vorzustellen wagt, was denn im Hier und Jetzt schon anders möglich wäre. Ganz unter uns. Das allerdings ist die unabdingbare Subversion, die uns erst wirklich weiterdenken und -handeln lässt. Das gilt auch für die Champions im Denken der Kritik.

Es geht also darum, was zu lernen und zu tun, das noch nicht da ist, noch keinen Platz hat (auf griechisch Utopie heißt), erst im Experiment entsteht, sich bewährt oder vergeht. Etwas, von dem wir vor allem wissen, was und wie es nicht sein soll, bei dem wir erst herausfinden müssen, was möglich ist. Utopieren heißt Probieren. (So betitelte Friederike Habermann ihren nüchternen Aufsatz in: C. Möller, U. Peters, I. Vellay, Dissidente Praktiken. Ulrike Helmer Verlag 2006. – So viel Werbung muss noch sein! ) Was haben wir, wovon können wir ausgehen, woraus vielleicht was Besseres machen?

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