Warum ich keine Wertkritikerin bin (obschon ich den Wert kritisiere)

EinWurf von der Seite

von Friederike Habermann

Aus dem Tiefschlaf gerissen gefragt, ob ich dabei sein wolle, wenn der Kapitalismus zusammenbricht – ohne dass ich hierzu nähere Informationen erhielte, wie das aussähe -, ob mir da nicht ein erschrockenes Nein über die Lippen käme, kann ich nicht beschwören.

Denn wie sollten wir als Menschen, die im Kapitalismus leben, die durch Waren- und Tauschlogik, durch Kapitalismus-Sexismus-Rassismus-Antisemitismus-etc. konstituiert sind – wie sollten wir fähig sein, eine gänzlich andere Welt aufzubauen, ja, sie auch nur denken zu können? Norbert Trenkle hat mehrfach darauf hingewiesen, dass selbst Utopien – meist auch erst sichtbar aus dem historischen Abstand – mehr oder weniger die Verlängerungen der eigenen Gesellschaften sind (u. a. Trenkle 1996).

Das eben macht die Wertkritiker(innen) sympathisch, dass sie zu den wenigen Linken gehören, die nie behauptet haben, diejenigen zu sein, mit denen morgen nach der Krise alles besser würde. So schreibt Ernst Lohoff in „Determinismus und Emanzipation“ (Lohoff 1996) m. E. richtig, dass „es sich bei dem uns vertrauten Gegensatz von ´Revolutionären´ und ´Reformern´ um den Binnenkonflikt einer abgeschlossenen Epoche handelt. Wer heute noch sein eigenes Selbstverständnis an diese überkommene Frontstellung knüpft, könnte ebensogut seine Identität gleich von den Todfeindschaften des 30jährigen Krieges ableiten und mit der Parole ´Nieder mit der katholischen Liga, es lebe die protestantische Union´ in die Kämpfe des 21. Jahrhunderts ziehen“.

Soweit ich das beobachten konnte, haben sich Wertkritiker(innen) in der Vergangenheit auch nie viel Mühe gegeben, als jene zu erscheinen, bei denen alles gut würde. So entsinne ich mich daran, wie mein Mitbewohner Ende der 1990er Jahre von einer Krisis-Tagung zurückkam wie aus einer blutigen Schlacht – die PoststrukturalististInnen (und damit nicht nur er, sondern fast die gesamte damalige junge Generation) waren aus der Krisis geworfen worden. Und dies geschah augenscheinlich nicht nach dem Motto: „Du, wir haben da ein Problem mit Euch… „.

Seltsam aber eigentlich, dass Lohoff nach diesem Ereignis noch so ungebrochen formulieren kann (im Anschluss an das obige Zitat): „Diese Einsicht scheidet den wertkritischen Ansatz von den Überresten des linksradikalen Bewusstseins. Während die Wertkritik davon ausgehen muss, dass ein neues Emanzipationsdenken sich seine eigene Basis erst noch neu zu schaffen hat, finden die Restbestände des landläufigen Linksradikalismus ihre konstitutive Grundlage im identifikatorischen Bezug auf die heute gegenstandslos gewordenen Kämpfe einer vergangenen Epoche“. PoststrukturalistInnen dürften sich eigentlich nicht wiederfinden in dieser Beschreibung; oder fasst Lohoff sie generell nicht als linksradikal?

Solche Beobachtungen der Spezies Wertkritiker(innen) haben mich jedenfalls immer auf Distanz gehalten. Auch der Fakt, dass noch vor zehn Jahren (wohlgemerkt Ende des 20. Jahrhunderts) auf Krisis-Tagungen weibliche Menschen selten und weibliche Sprechakte höchstens von einer Person gekommen sein sollen (so bestätigte ein Mann auf der diesjährigen April-Tagung meine damaligen Ahnungen), trug dazu bei. (Übrigens schreibe ich sonst stets mit ´großem I´, doch in diesem Fall scheint mir die Klammer mit kleinem ´i´ als Ausdruck der Ausnahme weiblicher Präsenz angebrachter).

Auch schien ich nicht die einzige zu sein, die diesen Eindruck von Krisis-Angehörigen gewonnen hatte, denn in Anerkennung des gelungenen Einbaus einer langen Geschichte feministischer Erkenntnisse als ´Wertabspaltung´ in die Kritische Theorie erinnere ich mich, wie ich Roswitha Scholz (welche im Verdacht steht, eben jene sprechende weibliche Person zu sein) zu einer Konferenz einladen wollte – aber von meinen Mitorganisatorinnen mit dem Verweis auf deren Diskussionsstil davon abgehalten wurde.

Trotzdem: Schade eigentlich – so fand ich irgendwie immer, und nun meine ich ein ähnliches Bedauern bei Roswitha Scholz herauszulesen, wenn sie in ihrem neuen Buch Differenzen der Krise – Krise der Differenzen schreibt: „… lässt sich an Habermanns Überlegungen, wie eingangs schon angedeutet, trotz aller notwendigen Kritik am soziologisch verkürzten Kapitalismusbegriff eine gewisse strukturelle Nähe zur Wert-Abspaltungstheorie feststellen; gerade hinsichtlich des Verhältnisses von Allgemeinheit und Besonderheit, von Kritik des Ganzen und dennoch Berücksichtigung von Differenzen. Es bieten sich hier also für eine Wert-Abspaltungskritik praktische Anknüpfungspunkte“ (2005: 259).

Als ich dies las, erinnerte mich das an etwas: Denke ich doch schon seit Jahren, dass sich bei Roswitha Scholz´ Überlegungen, trotz aller notwendigen Kritik am soziologisch verkürzten Kapitalismusbegriff, eine gewisse strukturelle Nähe zum Poststrukturalismus feststellen lässt. So stellt sie in ihrem Buch Das Geschlecht des Kapitalismus (2000) die These auf, dass das bis zur Aufklärung geltende Ein-Geschlecht-Modell (u. a. herausgearbeitet von Thomas Laqueur in Making Sex, 1995) modifiziert wiederkommt – eine These, die ich ebenso vertrete, schließlich wird der homo oeconomicus zum hegemonialen Ideal für alle. Bei Scholz aber ist die Begründung, so sie denn theoretisch belegt werden soll, leicht verwirrend: Einerseits lehnt sie die Bedeutung kultureller oder gar diskursiver Veränderungen ab, andererseits finden nach ihrer eigenen Aussage (zu diesem Thema am 17.01.2001 in Hamburg) derzeit keine ´grundlegenden materialistischen Veränderungen des warenproduzierenden Patriarchats´statt. Wie kommt es nun also zur Veränderung?

Da sind wir schon mitten im Salat. Noch mal zu Lohoff und seinem Text Determinismus und Emanzipation: „Der Vormarsch der Warenlogik war nicht nur ein gewaltsamer Prozess, er lässt sich auch als eine determinierte Entwicklung beschreiben. Es wäre sicherlich absurd, wollte man sämtliche einzelnen geschichtlichen Ereignisse und Resultate aus den gegebenen historischen Voraussetzungen lückenlos und folgerichtig ableiten. Nachdem die kapitalistische Entwicklungsdynamik aber einmal eine bestimmte Schwelle (Anm. von E. L. : Es fällt schwer, den geschichtlichen ´point of no return´ genau anzugeben. Er dürfte irgendwo zwischen der großen Pestwelle in der Mitte des 14. Jahrhunderts und der Französischen Revolution anzusiedeln sein. ) überschritten hatte, lagen die großen Trends eindeutig und unumkehrbar fest“. Okay, ich sehe ja ein, ob ich jetzt meine Hand zur Tasse Tee neben mir bewege oder nicht, muss vielleicht nicht determiniert sein, aber solche gravierenden Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen könnten doch davon betroffen sein. Bevor jetzt im Kopf schon der Gedanke lauert: ´Ist doch nicht soooo gravierend, wie das Geschlechterverhältnis sich gestaltet´, möchte ich die Frage allgemeiner stellen: Wo hört das Determiniert-Sein auf? Und bevor der Verdacht entsteht, solche Widersprüchlichkeit ließe sich nur bei Roswitha Scholz finden, möchte ich darauf verweisen, dass es für mich einfach spannender ist, ihre Texte zu lesen, als solche von Menschen, die sich noch nie die Mühe gemacht haben, sich mit feministischer oder antirassistischer Theorie näher zu befassen, sofern sie nicht explizit wertkritisch formuliert ist (und davon gibt es ja nicht viel).

Also, noch mal zu Lohoff: Finale Krise; und dann? „Die Wertkritik steht .. vor der Aufgabe, historische Zwangsläufigkeit selber als etwas Geschichtliches und damit Endliches zu begreifen. Eine Theorie des Determinismus muss den logischen und historischen Gültigkeitsbereich abstecken, innerhalb dessen von determinierten Prozessen überhaupt die Rede sein kann. Die Emanzipation von der Form beinhaltet auch das Ende der Determination in der Historie; sie bedeutet, um die Marxsche Diktion zu bemühen, den ´Abschluss der Vorgeschichte´ und den Eintritt in eine menschliche Geschichte, in der die Menschen nicht nur ihre Geschichte selber machen, sondern auch wissen, was sie da tun. “

Schön, die Frage, wo zwischen Hand-zur-Teetasse über Geschlechterverhältnisse bis hin zum globalen Kapitalismus die Determinierung zur Zeit gilt oder nicht gilt, wird sich eh irgendwann auflösen – ich muss also nur abwarten, bis die Determinierung ihr zeitliches Ende hat, die irgendwo zwischen Pestwelle und Französischer Revolution ihren Anfang nahm.

Kein Wunder, wenn in den Streifzügen (3/2003) Franz Schandl „3000 Anschläge gegen die Dummdreistigkeiten des Oliver Marchart“ loslässt, der auf der Theorie von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau aufbauend umgekehrt davon ausgeht, dass trotz aller Kritik an der Aufklärung zu dieser Zeit durch die emanzipatorischen Bestrebungen eine qualitative Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten einsetzte und emanzipatorische Politik heute darauf aufbauend die unabgegoltenen Potenziale der demokratischen Revolution reaktivieren müsse. Und doch bin ich verwirrt. Ist es nur die mit Ablehnung einer Diskussion verknüpfte „Verwünschung“, die mich irritiert – zumal Schandl nur ein Jahr später (32/2004) die Kampfesform „nach der Zahl der ausgeteilten Schläge und geführten Schlachten, nicht aber nach den ausgelösten Denk- und Handlungsprozessen“ verurteilt? Oder bin ich verwirrt, weil Marcharts Gedanke so unähnlich nicht ist zu dem Text von Ernst Lohoff, wenn dieser sagt: „Eine neue fundamentale Kritik der bürgerlichen Gesellschaft kann nur zu sich finden, indem sie sich selber geduldig aus den Überresten der überkommenen Emanzipationsideen herausschaufelt und immer wieder realisiert und beseitigt, was sie selber noch an formimmanenten Momenten mitschleppt“?

Schon klar, WertkritikerInnen behaupten nicht, die netten Menschen zu sein, welche anderen sagen, wie es später weitergeht; aber warum sind sie eigentlich vor dem gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang so gefeit? Lohoff: „Auch Menschen, die sich als gesellschaftskritisch verstehen, fällt es schwer, der Übermacht des selbstverständlich Gewordenen zu widerstehen. Sie neigen ebenfalls oft genug dazu, spezifisch bürgerliche Kategorien und Verhältnisse zu ontologisieren, und ihre Emanzipationsvorstellungen bleiben regelmäßig in diesem Kral, der die Welt zu bedeuten scheint, eingesperrt“.

Bevor ich nach der Erleuchtungsmythologie des ersten Wertkritikers frage, mal ernsthaft: Ich bin mir bewusst, dass es bereits immer wieder Versuche von PoststrukturalistInnen gab, in konstruktive Diskussionen mit Wertkritiker(innen) zu kommen, und finde auch gar nicht, dass alle Menschen PoststrukturalistInnen werden müssen. Aber sie sollten Antworten haben. Denn es ist müßig, immer und immer wieder den Fehler des ´Doppelschrittes´ (Eric Borg) zu wiederholen: In den Analysen zwischen Determinismus und Voluntarismus hin- und herzuschwanken – sei es nun, dass vor der Französischen Revolution alles determiniert war oder danach. Während in vielen Marxismen häufig davon ausgegangen wird, alles und alle sind determiniert, doch plötzlich gibt es eine Verschwörungselite, die alles nach ihrem Willen frei steuern kann, so handelt es sich bei den Wertkritiker(innen) um die zweite Erscheinungsform: Alles und alle sind determiniert, doch wir (das heißt ausschließlich der eigene kleine Theorieklüngel) durchschauen alles, weil wir wunderbarerweise bzw. aufgrund unserer außergewöhnlichen Analysefähigkeit uns davon zu befreien vermögen. Dies wiederum zerfällt in die Unterformen:

a) ´Alles ist determiniert, also lege ich mich jetzt vor den Fernseher/ aufs Sofa/ ins Bett… ´.

b) ´Da wir als einzige durchschauen, was abgeht, ist es unsere heroische Aufgabe, die Menschheit zu retten´.

Beides, so habe ich gelernt, wird in der Kritischen Theorie ´Anti-Politik´ genannt. Gerade Wertkritiker(innen) haben dabei besonderes Geschick in der Synthese entwickelt, nennen wir diese

c) ´Alles ist determiniert, und (wir und insbesondere) ich als einziger durchschaue, was abgeht, also denunziere ich jetzt alle anderen und ihre armseligen Versuche, etwas zu analysieren oder gar zu verändern´.

Doch halt: Auch Anti-Politik kann Handeln bedeuten. Franz Schandl formulierte auf der Krisis-Tagung im April 2006: „Das Subjekt muss gegen das Subjekt aufgestachelt werden. Es geht um die Entsubjektivierung der Menschen, um eine Ablösung von den Rollen und Charaktermasken … Politik heißt, auf die Interessen von Charaktermasken zu setzen und auf sie abzustellen, Anti-Politik heißt, Menschen gegen ihre sozialen Zwangsrollen zu aktivieren“.

Was kann ich also tun, um mich oder andere der Charaktermaske zu entledigen? Mich oder dich in die stille Kammer setzen und warten, bis sie abfällt? Wer dies als den Unsinn ablehnt, der er ist, muss eingestehen, dass eine grundlegende Verbindung zwischen dem Menschen und den gesellschaftlichen Verhältnissen besteht, das heißt, zwischen dem Subjekt und seinem Kontext. Das tut die Wertkritik zwar insofern, als alles vom Wert abhängt und die finale Krise den Wert ins Wanken bringt und damit die Determinierung – aber wie sollte sich in diesem Moment mein ´wahres Ich´ aus mir herauslösen können, das vorher gar nicht existent war? Das bedeutet doch nichts anderes als die Auferstehung des abendländischen Subjekts der Aufklärung.

Es gibt keinen nicht-verdinglichten Rest in Menschen. Mir kam zu Ohren, dies sei mal als Libido in der Krisis diskutiert worden – das abzulehnen heißt aber nicht, es gäbe keine Libido. So wie es mich gibt; aber es gibt mich nicht in nicht-weiblich, nicht-weiß, nicht-im-20. -Jahrhundert-geboren etc. – das alles kann ich nicht einfach von mir abziehen. Das betrifft auch meinen Körper. Er sieht so und so aus, weil ich mich mit meiner Identität lebe. Bart zupfen und lange Haare haben ist noch leicht zu verändern. Beim Körperbau, durch langfristige Essgewohnheiten geformt, wird es schon schwieriger, und ganz zu schweigen von den vielen männlichen Hormonen, die bei Frauen, die sich in traditionell männliche Bereiche – Krisis! – vorwagen, laut Wissenschaft zu Haarausfall und Beinbehaarung führen. Aber zu Hause sitzen bleiben oder diesen Artikel nicht schreiben wird auch keinen ´natürlich´ weiblichen Körper produzieren – es gibt keinen Zustand, in dem mein Körper natürlich sein kann – und doch gibt es ihn. So wie es mich nur als mich gibt.

Das heißt ja nicht, ich sei nicht veränderlich. Oder mein Körper. Wenn ich viel esse, vielleicht ins Sportstudio gehe oder mir Haupthaare schneide und die Barthaare wachsen lasse, verändert er sich. Manche würden mich vielleicht nicht mehr wiedererkennen. Andere vielleicht schon – denn völlig umformbar ist weder mein Körper noch mein Selbst, meine Persönlichkeit, mein Menschsein.

Natur ist ja nicht das unbeschriebene Blatt. Sagt, wohlgemerkt, Judith Butler – der der Vorwurf, sie ginge davon aus, Identitäten seien einfach wechselbar, seit 15 Jahren zum Hals heraushängt. Und wo sie Recht hat, hat sie Recht – wenn sie davor warnt, die moderne Trennung von Kultur und Natur zu wiederholen. Etwas, was wir als Libido bezeichnen, aber nie vollständig erfassen können, ist Teil von uns. Sie war nicht vor uns da, und wir waren nicht vor ihr da. Es besteht eine Gleichursprünglichkeit. So wenig, wie wir bis heute und vielleicht für immer nicht nur Libido, sondern auch Liebe zu erfassen vermögen (für die Gattungserhaltung wäre die sexuelle Anziehung ja durchaus ausreichend), so wenig können wir wissen, was Natur ist. Wer den Urknall für eine Antwort hält, der hat im Einstein-Jahr in Deutschland die großen Plakate und in Österreich die Botschaft der Wiener KinderUni verpasst: Nie aufhören, Fragen zu stellen!

Franz Schandl brachte es in der anschließenden Diskussion seiner Thesen selber auf den Punkt, als er es als falsch ablehnte, zu fragen, ob es bei einer gesellschaftlichen Transformation erst den großen Wurf oder erst die menschliche Veränderung geben müsste. Genau. Das eben sagen ja auch Jacques Derrida, Ernesto Laclau oder Judith Butler – und natürlich erzählen auch viele andere, die als PoststrukturalistInnen oder gar Postmoderne bezeichnet werden, Quark. So wie umgekehrt ja auch die Bahamas oder das isf Quark erzählen. Aber wenn mensch das mal beiseite lässt, liegen Poststrukturalismus und Kritische Theorie ´soweit nicht auseinander, wie schon oft wiederholt wurde, u. a. von dem jour fixe 2000 in ihren ´theoretischen Lockerungsübungen´). Und ohne bestreiten zu wollen, dass sich auch in den Theorien der oben genannten TheoretikerInnen Fehlstellen finden lassen, so bleibt mir dennoch die Frage, wie die Determinierung und das Handeln, die Strukturen und das Subjekt befriedigend theoretisiert werden können in der Wertkritik, ohne auf die poststrukturalistische Erkenntnis zurückzugreifen, dass wir immer im Ringen mit den (nicht trennbar materiellen/diskursiven) Strukturen stehen, und uns nur schrittweise daraus befreien können.

„Der Mensch ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“, sagte bekanntlich Karl Marx – aber was ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse? Es ist geformt durch und wird konstruiert durch die Resultante der gesamten menschlichen Handlungen; der gesamten Vergangenheit, und gleichzeitig im alltäglichen Handeln wiederholt, aber nie identisch, denn das ist nicht möglich – die beständige Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse lässt auch uns Menschen andere sein. Und wir wiederum machen Geschichte, verändern die gesellschaftlichen Verhältnisse. Das ist nicht gleich Voluntarismus, denn Strukturen (verfestigtes Handeln) werden im Poststrukturalismus ja nicht verneint, sondern diese entwickeln Eigendynamiken. Insbesondere im Kapitalismus. Dies hat Auswirkungen, welche nicht zuletzt durch die Wertkritik herausgearbeitet wurden.

Gebrauchte Althusser das Bild eines Hauses mit ökonomischer Basis und zwei Etagen für den politischen und den kulturellen Überbau, so will ich versuchen, mit dem Bild eines Hauses dieses poststrukturalistische Verständnis zu beschreiben: In einem Haus ist nichts unveränderlich, doch ist davon auszugehen, dass gewisse Elemente wie Tassen sehr leicht ihren Ort wechseln oder ausgetauscht werden können, während dies für Teppiche schon schwerer der Fall ist und viel seltener geschehen wird. Noch schwerer und seltener wird dies bei den Wänden des Hauses. So gibt es einen fließenden Übergang von beispielsweise dem täglichen Essen über Stühle bis hin zu den tragenden Mauern, ohne dass dies hieße, alles würde oder könnte beständig verändert werden. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass – geraten einmal die Grundmauern ins Wanken oder werden versetzt – die weniger festen Gegenstände im Haus nicht davon unberührt bleiben können.

Nun bleibt in einem Haus eine Tasse auch dann an ihrem Ort, wenn sich kein Mensch in diesem Haus befindet. Wird jedoch von einem bewohnten Haus ausgegangen, so lässt sich vielleicht sogar miterfassen, dass die Tassen und Stühle nur an ihren Ort zurückfinden, weil sie dort täglich wieder hingestellt werden – wenn auch nie ganz genau auf exakt denselben Platz; dass die Wände nur deshalb so dauerhaft sind, weil ihr Standort akzeptiert wird – während sie umgekehrt sicherlich einschränkende und ermöglichende Vorgaben für die BewohnerInnen darstellen. Was dagegen Ernst Lohoff sagt, ist: Seit die Mauern stehen, ist alles Wesentliche determiniert, und erst wenn sie fallen, wird wirklich etwas Neues möglich sein.

Ein anderes Bild umfasst das gesamte Universum: So wie sich letztlich alles aus kleinsten Teilchen zusammensetzt, so sagt dies doch nichts darüber aus, wie fest oder veränderlich Luft, Wasser, ein Baum, ein Stein, ein Planet sein können. Auch hier gilt: In fließenden Übergängen verändert einiges sehr schnell seine Form, anderes nur in Millionen von Jahren. Doch letztlich gilt auch hier: Todo cambia – Alles verändert sich.

„Die Wurzel für den Menschen ist der Mensch selbst“ (Marx). Der Mensch kann sich nur in Artikulation mit dem Kontext verändern, und letztlich kann nur der Mensch den Kontext verändern: „Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber nicht unter selbst gewählten Umständen“. Darum fallen letztlich die Mauern. Der argentinische Aktivist und Theoretiker Ezequiel Adamovsky bezeichnet es als ´magisches Denken´, dass sich nach dem Kollaps der Moderne, vom Kapitalismus befreit alles automatisch zum Guten wende. Oder auch nur vom Wert ab. Nicht der Glaube an eine Automatik der Asambleas, also der Räte, kann die neue Gesellschaft zaubern, sondern nur das mühevolle Erarbeiten neuer Wege. Darum dürfe die Linke auch nicht nur destruktiv sein in ihren Analysen (Adamovsky 2006). Das heißt auch, den Begriff der Demokratie nicht nur mit Kritik zu überziehen, sei sie auch berechtigt, sondern die Alternative dazu zu entwickeln. Und sich meinetwegen einen besseren Begriff dafür dann auszudenken.

Der brasilianische Aktivist und Ex-Wertkritiker Orlando Costa schreibt: Es gibt nicht den Ort, an dem die neue Welt verwirklicht wird, sondern sie sitzt zersplittert überall, sie ist in den Aufbrüchen und den Zusammenschlüssen. So sind die Bemühungen in Argentinien, irgendwo und auch in Deutschland, auszuprobieren, ohne Wertlogik zu leben, nicht als Armutsökonomie oder Kindergarten abzutun. Es gibt zahlreiche solcher Ansätze inzwischen, ohne Tauschlogik und damit ohne den dazwischen geschobenen Wert zu teilen: Umsonstläden, Finanzkoops, in Berlin Austausch unter den linken Projekten. Eine junge politische Generation lebt (möglichst) wertfreie Räume. Hier eröffnen sich neue, zersplitterte Zwischenräume. Der Prozess, aus der Not eine neue Welt zu basteln, ist mühevoll und Spaß zugleich. Und besser als Rumnörgeln.


Literatur:

Adamovsky, Ezequiel (2006):

Costa, Orlando (2006): Private E-mail-Korrespondenz im Vorfeld des Krisis-Seminars im April 2006.

Lohoff, Ernst (1996): „Determinismus und Emanzipation“, in: krisis 18. S. 52-66.

Schandl, Franz (2003): „Horizontale Andacht. 3000 Anschläge gegen die Dummdreistigkeiten des Oliver Marchart“, in: Streifzüge 3/2003, S. 34.

Schandl, Franz (2004): „Denunziation! „, in: Streifzüge Nr. 32, S. 44.

Schandl, Franz (2006): „Populismus als Politik im Zeitalter der Simulation. Thesen“; Paper auf dem Krisis-Seminar in Ipsheim, April 2006.

Scholz, Roswitha (2000): Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats, Bad Honnef.

Scholz, Roswitha (2006): Differenzen der Krise – Krise der Differenzen. Die neue globale Gesellschaftskritik im globalen Zeitalter und der Zusammenhang von „Rasse“, Klasse, Geschlecht und postmoderner Individualisierung, Bad Honnef.

Trenkle, Norbert (1996): „Weltgesellschaft ohne Geld. Überlegungen zu einer Perspektive jenseits der Warenform“, in: krisis Nr. 18, S. 67-92

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