Von der Beichte zur Talk-Show – Selbstthematisierung in unserer Zeit

Streifzüge 37/2006

von Berthold Unfried

Aus: Berthold Unfried, „Ich bekenne“. Katholische Beichte und sowjetische Selbstkritik, Campus, Frankfurt am Main-New, York 2006, 388 Seiten, 44,90 Euro.

In einem kleinen Exkurs soll eine Perspektive auf die Selbstthematisierung in Fernseh-Talk-shows im Lichte der historischen Erfahrungen von Beichte und Selbstkritik gegeben werden. Es handelt sich dabei um jene in Europa relativ neue Form von Talk-shows, die als Affekt-talk-Formate bezeichnet werden. 1 Das sind Sendungen mit dem Anspruch, reale Gefühle durch Selbstdarstellung eingeladener Gäste abzubilden. Im Rahmen dieser Sendungen kommt es zu Selbstdarstellungen, im Zuge derer einer oder mehrere Eingeladene „aus dem Volk“ intime Details aus ihrem Leben dem Moderator, dem anwesenden Studiopublikum und der weiteren Fernsehöffentlichkeit präsentieren. Diese Form der medialen Selbstthematisierung von Durchschnittsmenschen ist treffend als confessional talk bezeichnet worden, und das Format, in dem sie stattfindet, als Bekenntnisshow. 2 Durch diese Formate sei der Bildschirm zu einem öffentlichen Beichtmedium geworden, meint dazu eine französische Soziologin. „Le petit écran est devenu un grand confessionnal public. Crises conjugales, détresse psychique, malaise existentiel ont envahi les plateaux. Désormais, les secrets d’alcôve se racontent face à la camera… „3 („Der kleine Bildschirm ist zum großen öffentlichen Beichtstuhl geworden. Ehekrisen, seelische Nöte, existentielles Unbehagen werden in Fernsehstudios ausgebreitet. Man erzählt jetzt Schlafzimmergeheimnisse vor der Kamera. „)

Gelegentlich tritt in diesen Sendungen ein Spezialist dazu, ein Psychologe, Verhaltenstrainer, Paarberater oder ähnliche Fachleute, der die Rede des Gastes kommentiert. Das schafft unterschiedliche Rahmenbedingungen für die Frage, was damit beabsichtigt oder erreicht wird zwischen Unterhaltung, der Erzeugung von Moral und der öffentlichen Präsentation und Abtestung von Verhaltensregeln. Der Spezialist kann als eine Art von Lebensratgeber gesehen werden, der Verhaltensweisen, wie sie der Gast durch Selbsterzählung vorstellt, approbiert oder, viel seltener, verwirft.

Es handelt sich um Selbstthematisierung in der medialen Öffentlichkeit, nicht mehr in der Teilöffentlichkeit der Parteisitzung oder der Psychogruppe. Die Selbstthematisierung in der Talk-Show kann nicht als habituelle, irgendwie verbindliche Praxis bezeichnet werden. Sie ist eher als ein Phänomen interpretierbar, das Veränderungen im Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft ausdrückt. In dieser Hinsicht kann man die Selbstthematisierung einfacher Menschen im Fernsehen als Demokratisierung der exemplarischen Veröffentlichung von Heiligen, Helden oder Stars sehen. Jeder bekommt seine Chance, über die Veröffentlichung seines Lebens, so banal es auch sei, „vom Tellerwäscher zum TV-Star“ zu werden. Das ist die Selbstthematisierung in einer Gesellschaft, in der die Vorstellung vorherrscht, dass ein jeder seinen Erfolg, insbesondere seinen materiellen Erfolg, in der eigenen Hand hat. Darin sind Talk-shows wirklich ein aussagekräftiger Ausdruck der Kultur der Selbstpräsentation unserer Zeit. Das Leben eines Jedermann wird interessant, um den Preis, dass üblicherweise als peinlich und unsagbar empfundene Dinge veröffentlicht werden. Jeder hat das Recht auf Selbstdarstellung und den damit verbundenen narzisstischen Gewinn, das ist die Botschaft dieser Talk-shows.

Wichtigstes Thema bei solchen Talk-shows ist der Komplex der Beziehungsprobleme. Im Zusammenhang damit findet auch eine Veröffentlichung von Problemen aus dem Bereich der Sexualität statt. In der Talk-show ist die Veröffentlichung des „Unsagbaren“ (wie es noch Foucault bezeichnet hat) in einem Entertainment-Zusammenhang Alltag geworden.

Die meisten Beichtväter wären wohl über die Bekenntnisfreudigkeit in den Talk-shows erfreut oder entsetzt gewesen. So gesprächig waren ihre Sünder im Beichtstuhl wohl selten. Dass viele Selbstreden in den Talk-shows wohl einstudiert sind, ändert nichts an diesem Befund an Bekenntnisfreudigkeit. Denn spontan sind auch die meisten Beichten nicht gewesen.

Bekenntnisse in Talk-shows sind Enthüllungen von Privatem in der medialen Öffentlichkeit. Diese Enthüllungen kündigen sich schon in den Motti der einzelnen Sendungen an: „Ich bin Hure und trotzdem eine gute Mutter“; „Ich bin Transvestit und Du weißt es nicht“. Diese Enthüllungen sind das Kernstück von Biographiefragmenten, die der Selbstdarsteller erzählt. Sie finden vor einer doppelten Öffentlichkeit statt. Eigentlicher Adressat, oft ist es eine Adressatin, der Bekenntnisse in der Talk-show ist nicht der/die Talk-master/in, sondern das im Studio anwesende Publikum und im Weiteren die mediale Öffentlichkeit der Fernsehzuschauer. Explosion des Privaten in die Medienöffentlichkeit: Darin erscheint der über seine Ehe- und Potenzprobleme in der Talk-show redende Mensch wie die Menschen, die ihre häuslichen Gespräche über das Mobiltelephon in den öffentlichen Raum hineinreden, oder jene, die in der Öffentlichkeit im Trainingsanzug oder mit Lockenwicklern erscheinen, als Teil eines Trends, in dem die Grenzen zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum verschwimmen. Die Talk-shows bringen eine Neudefinierung der Räume von privat und öffentlich zum Ausdruck, indem via Bekenntnisse Intimes in der Medien-Öffentlichkeit thematisiert wird und die Medien in den Intimbereich eindringen. 4

In der Talk-show erscheint eine alte Forderung der Frauenbewegung realisiert: das Private und damit die Unterdrückung der Frau im Privatleben öffentlich zu machen. In der Talk-show treten hauptsächlich Erniedrigte und Beleidigte auf. Ihre Hauptthemen sind Beziehungsprobleme, Probleme des Zusammenlebens, Gewalt gegen Frauen, soziale oder körperliche Auffälligkeiten. Sexualität im engeren Sinn ist wegen des in der Regel nachmittäglichen Sendetermins weniger zentral. Doch gehören mittlerweile auch Bekenntnisse à la „Ich treib’s mit Deinem besten Freund“ zum Standard von Bekenntnisshows. 5

In den Talk-shows wird ein therapeutischer Diskurs in die Öffentlichkeit transportiert. Dies zumindest in jenem Sendungstypus, in dem „Experten“ einen präsentierten Fall kommentieren. In einer von Elementen eines psychotherapeutischen Diskurses durchsetzten Gesellschaft ist die Veröffentlichung von Betroffenheit über Intimes nichts Ungewöhnliches. 6 Das Neue ist, dass er von der Öffentlichkeit der Selbsterfahrungsgruppe in die mediale Öffentlichkeit gerückt ist. Diese Öffentlichkeit erscheint den „Bekennenden“ anonym wie den Protagonistinnen einer Peep-show das zahlende Publikum. Anonymer als den Beichtenden der Beichtstuhl.

Kann das Selbstbekenntnis in der Talk-show in die Tradition der Beichte gestellt werden? Genealogisch dürfte diese Verbindung nicht zu ziehen sein. Denn die dramatisierte Veröffentlichung von emotionalen Problemen des Gemeindemitglieds vor der Gemeinde ist eine Tradition protestantischer Erweckungsbewegungen7 und nicht der katholischen Beichte. Die Talk-show ist denn auch ein Importprodukt der US-amerikanischen Fernsehindustrie. Doch werden einige Funktionen, die seinerzeit im katholischen Kulturkreis die Beichte hatte, heute vom Bekenntnis in der Talk-show aufgenommen.

Welche Funktionen könnten die Selbstthematisierungen in Talk-shows haben?

* Eine Funktion dürfte Identifikationsgewinn sein. Identifikation durch Sprechen über sich selbst: Darin ähnelt die Selbstdarstellung in der Talk-show Beichte, Selbstkritik, Geständnis vor Gericht, Psychotherapie. Alle diese Formen des Sprechens über sich selbst haben einen Aspekt der Normierung, der Anpassung des Individuums an Normvorstellungen. Solche Normvorstellungen werden zwar in den Talk-shows nicht als solche entwickelt. Schon gar nicht werden sie von einer Institution bereitgestellt. Vielmehr erfolgt Identifikation durch Vergleich mit dem vom Gast Präsentierten seitens der Zuschauer und wohl meist durch Abgrenzung davon. Dabei mag noch die Thematisierung einer Normabweichung, wie sie in den Talk-shows häufig vorkommt, die eigene Normalität definieren. 8 In den Talk-shows wird ausgelotet, was öffentlich thematisierbar und darstellbar ist. Es wird nicht mehr dargestellt, was gut und böse ist, sondern allenfalls, was „normal“ und was therapiefällig. Innerhalb dieses Rahmens können sich die Zuschauer positionieren. In manchen Formaten mit mehreren eingeladenen Gästen können Zuschauer das Dargebotene der Gäste direkt durch ihr Wahlverhalten befürworten oder sanktionieren. 9 Wenn ein Experte (Psychologe, Pädagoge, Mediator) auftritt, dann kommentiert er das vom Gast Dargebotene und ordnet solcherart Wege der Identifikation für das Publikum. Das erfolgt nun nicht mehr primär in Form direkter Identifikation des Zusehers mit der Selbstdarstellung des Gastes, wie sie in Prominentenshows erfolgen mag. Die Definierung der Bandbreite an Normalität, innerhalb derer sich der Zuschauer positionieren kann, erfolgt eher von den Rändern her. Diese Ränder markieren die von Alltagsmenschen bekenntnishaft vorgestellten Geschichten, Probleme, Lebensweisen. In diesem Sinne kann die Selbstdarstellung in der Bekenntnisshow als diskursive Technik der Sozialisierung interpretiert werden.

* Eine Funktion von Beichte und Selbstkritik, in deren Tradition die Talk-show gestellt werden kann, ist Mediation. Im Anschluss an das Bekenntnis eines Teilnehmers tritt ein/e Beteiligte/r aus seiner Geschichte auf, also beispielsweise eine Geliebte auf Abwegen, und die beiden werden von der Moderatorin vermittelnd zusammengeführt. Das Bekenntnis war Vorspiel zur Versöhnung: Darin liegt es in mittelbarer Tradition des Beichtbekenntnisses.

* Welche Art der Subjektivierung bringt die Selbstthematisierung in Talk-shows zum Ausdruck?

Der Einzelne steht der Masse der Fernsehzuschauer gegenüber, die er aber nicht sieht. Im Vorgang der Selbstthematisierung hat er den Talk-master, das Studiopublikum und möglicherweise andere geladene Selbstdarsteller vor sich. Star der Sendung ist vordergründig der jeweils eingeladene Selbstdarsteller. Der Regisseur aber ist der Talk-master, eine „Mischfigur aus Therapeut, Priester, Sozialpädagoge und bisweilen Sensationsjournalist“. 10 Seine Funktion dem Selbstdarsteller gegenüber kann man, wenn man will, mit der eines säkularisierten und öffentlich agierenden Beichtvaters vergleichen, der das Bekenntnis registriert, nicht direkt Vergebung spendet – das wird auch gar nicht verlangt – und keine Buße auferlegt. Auch wäre es ein Show-Beichtvater und ein Einweg-Beichtvater, der sich in der nächsten Sendung wieder mit jemand anderem beschäftigt. Die Enthüllungsbereitschaft des Selbstdarstellers steigert er gezielt mit den Methoden des klientenzentrierten Gesprächstherapeuten, ohne dessen Ziel, einen Prozess der Selbsterkenntnis einzuleiten. Das wäre in der einmaligen Sendung mit Wegwerfcharakter auch gar nicht möglich. Ein Medientheoretiker nennt den Talk-master in solchen Bekenntnisshows deswegen auch einen „falschen Therapeuten“. 11 Also nutzt der Talk-master aus der Psychotherapie entlehnte Methoden der Gesprächsführung, um den eingeladenen Selbstdarsteller vorzuführen. Dieser gibt sein individuelles Bekenntnis, das standardisiert ist von Vorgaben, die ihm in der Regel vom Regisseur der Vorstellung gegeben werden, sowie von den in den Medien herrschenden Redensarten und Bildern. Kern des Bekenntnisses ist ein Problem, das vorgestellt wird, ein Biographiebruchstück. Es werden keine Lebensgeschichten geliefert, sondern Episoden. Es gibt keine institutionellen Vorgaben der Rede über sich selbst außer den Regeln der jeweiligen Show und den Auswahlkriterien, nach denen der „Bekenner“ ausgesucht worden ist. In diesem Rahmen kann er ganz individuell über sich sprechen. Das setting der Talk-shows erscheint ganz frei. Der oder die Eingeladenen scheinen frei von der Leber weg zu reden, als Menschen wie du und ich. Doch wirken die Dialoge oft eingelernt und die Themen ebenso ausgesucht wie die auftretenden Menschen. Die freie Form der Veranstaltung erweist sich als Inszenierung. Darin erscheint die Talk-show als perfekte Illustration der Situation des Subjekts in der „reflexiven Moderne“. Das Subjekt wird im Fernsehen mit Authentizitätsanspruch vorgespielt. Individualität ist eine eingelernte Rolle.


Anmerkungen

1 Begriff nach Gary Bente/Bettina Fromm, Affektfernsehen, Opladen 1997, 21-30, 320. Alle Begrifflichkeiten werden im Folgenden in der Originalsprache wiedergegeben, weil es sich um Begriffe und Formate handelt, die aus den USA stammen.

2 Lothar Mikos, Die Inszenierung von Privatheit: Selbstdarstellung und Diskurspraxis in Daily Talks, in: Herbert Willems/Martin Jurga (Hg. ), Inszenierungsgesellschaft. Ein einführendes Handbuch, Opladen 1998, 438; Klaus Plake, Talkshows: die Industrialisierung der Kommunikation, Darmstadt 1999, 33-34.

3 Dominique Mehl, La télévision de l’intimité, Paris 1996.

4 Siehe dazu Regina Köpl, „Im Abendland ist der Mensch ein Geständnistier geworden“: Technologien des Selbst und Politik der Lebensstile am Beispiel von der Welt in Orange, in: Eva Flicker (Hg. ), Wissenschaft fährt „Taxi Orange“: Befunde zur österreichischen Reality-TV-Show, Wien 2001, 85.

5 Siehe dazu: Georg Christoph Tholen, Selbstbekenntnisse im Fernsehen. Eine neue Variante im panoptischen Diskurs der Kontrollgesellschaft, in: Sabine Flach (Hg. ), Fernsehperspektiven. Aspekte zeitgenössischer Medienkultur, München 2000, 144-161.

6 Mikos, Inszenierung, 442-443.

7 Darauf weist Rainer Krause, Die Bedeutung öffentlicher Bekenntnisse aus klinisch-therapeutischer Perspektive, in: Peter Winterhoff-Spurk/Konrad Hilpert (Hg. ), Die Lust am öffentlichen Bekenntnis. Persönliche Probleme in den Medien, St. Ingbert 1999, 24, hin.

8 So Bente/Fromm, Affektfernsehen, 330.

9 Siehe dazu die Darstellung der einzelnen Formate bei Bente/Fromm, Affektfernsehen, 349-387.

10 Tholen, Selbstbekenntnisse, 145. Ein bekannter Talk-master ist übrigens der (protestantische) Pfarrer Fliege im ARD – Bente/Fromm, Affektfernsehen, 355-357.

11 Plake, Talkshows, 71-75.

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