Detroit Summer

Soziale Anomie und emanzipatorische Gegenbewegungen in einer dekapitalisierten US-Metropole – Teil 1

Streifzüge 36/2006

von Andreas Exner & Irina Vellay

Dieser Beitrag ist ein leicht veränderter Vorabdruck aus dem Buch „Zwischen Konkurrenz und Kooperation. Analysen und Alternativen zum Standortwettbewerb“, hg. von Attac, ( Mandelbaum-Verlag, Wien, erscheint voraussichtlich im Juni 2006. Nähere Infos unter www.mandelbaum.at

„The first domino to fall“, so charakterisierte 1990 die ABC-Reporterin Diane Sawyer Detroit in Hinblick auf die Zukunft der US-Städte. Detroit, das ist Mythos und Spiegel der US-Nation zugleich: Geburtsstätte der Automobilindustrie und heute immer noch im Bannkreis der „Big Three“ – Ford (Dearborn, nahe Detroit), Daimler-Chrysler (Auburn Hills/Michigan & Stuttgart) und General Motors (Detroit) -, in den 1930er Jahren das Terrain von außergewöhnlich heftigen Arbeitskämpfen, ein Kulminationspunkt des Black Power-Movement in den 1960ern, ein Zentrum der Soulmusik in den 1970er und Ursprung des Techno in den 1980er Jahren.

Am Zenit der US-amerikanischen Autoindustrie im ersten Nachkriegsjahrzehnt zählte Detroit knapp zwei Millionen Menschen. Im Jahr 2000 waren es weniger als 900.000. Die Bevölkerung sank in den 1970er Jahren um mehr als 20%, in den 1980er Jahren um 15%, und nach dem U. S. Census 2000 in den 1990er Jahren um 7,5%. In der gegenwärtigen Dekade verliert Detroit jährlich gut 10.000 Menschen, was bedeuten würde, dass sich der Bevölkerungsschwund mit der ökonomischen Krise seit der Jahrtausendwende wieder beschleunigt hat. Nach dem U. S. Census 2000 sind die EinwohnerInnen von Detroit zu 81,6% African American, nur 12,3% sind Weiße.

Mit dem Niedergang der Autoindustrie im Verlauf der 1970er Jahre setzte ein Exodus der überflüssigen Arbeitskräfte ein, die einstige Vorzeigestadt des American Way of Life verwandelte sich in den Vorposten eines Krisenprozesses von ungeahnter Dimension. Heute gleicht Detroit in vielem einer Geisterstadt. Der „amerikanische Traum“ scheint ausgeträumt. Ganze Stadtviertel verbrachen, tausende Häuser stehen leer und verfallen. Seit den 1950er Jahren hat Detroit etwa 100.000 Wohngebäude verloren (vgl. S. Rhea, Detroit Renaissance, 2003, www.yesmagazine.org), in den vergangenen 5 Jahren verschwanden etwa 2.600 pro Jahr gegenüber dem Neubau von ca. 870 jährlich (vgl. www.semcog.org). 90.000 Grundstücke in der Stadt liegen brach oder wurden wegen nicht gezahlter Grundsteuern von der Stadtverwaltung enteignet. Die „Shrinking City“ steht im Banne eines sozialen Zerfalls, der selbst in den USA nach seinesgleichen sucht. So nimmt es wenig Wunder, dass Detroit im Ranking der unsichersten US-Städte den zweiten Platz belegt (www. morganquitno. com), und im nationalen Vergleich der Mordraten an dritter Stelle liegt. 2004 kamen rund 42 Morde auf 100.000 Menschen (a. a. O. ). Unter der Armutsgrenze leben 33,6% der Bevölkerung (American Community Survey 2004, http://factfinder.census.gov). Damit ist Detroit die US-Stadt mit dem höchsten Anteil von in Armut lebenden Menschen. Die Armut hat 2005 nicht nur endemische Ausmaße angenommen, sondern vielfach die Grenzen sozialer Existenzweisen überschritten. Die Michigan State Housing Development Authority (MSHDA) bezifferte im November 2005 die Zahl der Obdachlosen in der Stadt auf 11.000 jede Nacht, 6.000 davon lebten auf der Straße. Im Hunger and Homelessness Survey der Conference of Mayors wird 2005 in Detroit ein Anstieg der Nachfrage für Notunterkünfte von insgesamt 21,7% ermittelt, bei den Familien sind es 15%. Unter den Obdachlosen sind 9,75% Familien, 45,30% Männer, 20,45% Frauen und 24,47% Kinder und Jugendliche. Zeitgleich ist die Nachfrage für die Notversorgung mit Lebensmitteln mit 30% gegenüber 2004 drastisch angestiegen. Die andere Seite des Dramas der Marginalisierung spiegelt sich in der höchsten Erwerbslosigkeit (Stadt Detroit) in den USA. Sie betrug 2004 18,9% für alle über 16-Jährigen (vgl. U. S. Census Bureau 2004, http://factfinder.census.gov).

Der Absturz

Die Verschränkung ökonomischer und sozialer Krisenprozesse im Raum Detroit ist beispielhaft für viele Weltregionen. Ausgelöst durch weltwirtschaftliche Krisentendenzen und eine intensivierte internationale Konkurrenz wanderte das Kapital seit den 1970er Jahren in Billiglohnregionen ab. Im selben Maße, wie die Dynamik der kapitalistischen Akkumulation nachließ, schwand auch die Grundlage systemimmanenter Kämpfe. Denn nur wenn das Kapital Menschen zum Zwecke der Profitproduktion in Lohnarbeit setzt, existiert auch eine Arbeitendenklasse. Erst dann sind systemimmanente Kämpfe führbar, in denen dem Kapital unter bestimmten Voraussetzungen Zugeständnisse abgerungen werden können, solange sie den profitablen Zweck der ökonomischen Veranstaltung nicht gefährden. Doch nicht allein die Formierung und Durchschlagskraft von Klassenkämpfen, auch die Gestaltungsmöglichkeiten von nationalen und kommunalen Regierungen stehen und fallen mit der Akkumulation des produktiven Kapitals. Denn das politische Handeln hängt ab sowohl von Steuereinnahmen als auch von einer gewissen Fähigkeit des Kapitals, Menschen in den Produktionsprozess zu integrieren und seine Herrschaft auf diese Weise zu legitimieren. Beides ist auf Dauer nur durch eine funktionierende Realakkumulation zu leisten, wo Profite durch Ausbeutung von Arbeitskraft in der Warenproduktion erzielt werden. Diese aber ist seit den 1970er Jahren nicht allein in Detroit, sondern weltweit in eine tiefe Krise geraten; in der Hauptsache nicht aufgrund von „wirtschaftspolitischen Fehlern“, sondern aus politökonomisch-strukturellen Gründen (vgl. R. Brenner, Boom & Bubble, Hamburg 2002 u. v. a. ).

Die Geschichte Detroits zeigt also in extremis und deshalb anschaulich, auf welche systemischen Beschränkungen immanente Kämpfe stoßen. Zugleich ist Detroit als Sinnbild für den Zerfall eines ganzen Produktionsmodus zu verstehen, der wesentlich auf dem Automobil, der entsprechenden infrastrukturellen Zurichtung der Lebenswelt und einem ökologisch destruktiven Energieverbrauch beruht; eines Produktionsmodus zugleich, der eine zerstörerische Vereinzelung und Konkurrenz hervorbringt, deren negative soziopsychische Folgewirkungen der Warenkonsum bloß unzureichend und für verhältnismäßig kurze Zeit kompensieren konnte. Mit seinem Niedergang gerät nicht nur eine ganze Lebensweise, wie sie für die kapitalistischen Metropolen typisch war, in die Krise, sondern auch Form und Ziel der daran gebundenen sozialen Auseinandersetzungen. Die USA zeigen der EU in dieser Hinsicht bloß das Bild ihrer eigenen Zukunft. Und Detroit ist dafür eines der bemerkenswertesten Menetekel.

Doch dies ist nur die eine Seite. Dem Abschwung der traditionellen sozialen Kämpfe in der einstigen Arbeiter- und Black Power-Hochburg Detroit ist in den letzten Jahren eine vielfältige emanzipatorische Gegenbewegung gefolgt, die in den sozialen und physischen „Leerstellen“ die kreativen Orte einer post-kapitalistischen Gesellschaft erkennt und zu Ausgangspunkten innovativer sozialer Praxen macht. Menschen, die Krise und Zerstörung nicht als Naturschicksal akzeptieren, definieren die Auflösung der alten Ordnung als einen Gewinn an Raum für neue Möglichkeiten.

Widerstand, Integration und Kapitalflucht

Die Produktionsmethoden, die Henry Ford in seinen Werken in Detroit in großem Stil ab den 1920er Jahren etablierte, setzten die Standards einer ganzen Epoche. Jenseits von schierem Zwang wollte Ford die Kooperation im Prozess der Profitproduktion durch warenförmige materielle Gratifikationen sicher stellen. Diese Leitideen nahmen nicht nur wesentliche Elemente von Faschismus und Stalinismus, sondern auch die dominierenden Politikmuster der Nachkriegsjahrzehnte vorweg. In der kritischen Sozialwissenschaft wurde Henry Ford deshalb namengebend für eine historische Form des Kapitalismus, die, vereinfacht gesagt, auf Massenarbeit, Massenproduktion und Massenkonsum ruhte, den Fordismus. Diesen Produktionsmodus charakterisierten enorme Produktivitätszuwächse, die entsprechende Reallohnsteigerungen möglich machten, ohne den Profit zu gefährden. Je mehr die Integration der Produktion mit dem fordistisch-tayloristischen System der Fließbandfertigung voranschritt, wuchs allerdings auch deren Anfälligkeit für Störungen (B. J. Silver, Forces of Labour, Berlin/Hamburg 2005). Lokale Arbeitsniederlegungen an strategischen Punkten konnten so die Produktion empfindlich treffen. Inmitten einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit und der Repression gewerkschaftlicher Organisierungsversuche zum Trotz gelang es einer kleinen Gruppe militanter Arbeiter im General Motors-Werk in Flint (Großraum Detroit), ihre Produktionsmacht auszuspielen und in den 1930er Jahren eine der historisch bedeutsamsten Wellen von Arbeiterunruhe auszulösen, die in weit reichende Verträge zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft mündete (vgl. z. B. das frühe Renteneintrittsalter der AutomobilarbeiterInnen).

Das Kapital reagierte umgehend. Investitionen wurden aus den Gewerkschaftshochburgen abgezogen und vermehrt für arbeitssparende Prozessinnovationen verwendet. Zugleich begannen die Arbeitgeber eine „verantwortungsvolle Gewerkschaftspolitik“ zu fördern (Silver, a. a. O. : 70f. ). Basiskämpfe am Ende der 1960er Jahre drängten die Autoindustrie schließlich zu einer weitgehenden Produktionsverlagerung, zuerst in den Süden der USA, später, als auch dort Tarifverträge erkämpft worden waren, in Regionen außerhalb der USA. „In den achtziger Jahren brach die durch jahrzehntelange Umstrukturierungen bereits geschwächte Macht der US-amerikanischen Automobilarbeiterschaft vollends zusammen“ (Silver, a. a. O. : 71).

Aufstieg und Niedergang des Fordismus

Der Fordismus der Zwischenkriegszeit, wie er paradigmatisch im Großraum Detroit entstand, trug zwar schon die materiellen Voraussetzungen und die negative gesellschaftliche Utopie für einen neuen Produktionsmodus in sich, doch konnte er als solcher nicht auch die politischen Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die kapitale Rechnung von vermehrter ArbeiterInnenkontrolle einerseits und vermehrtem Warenabsatz andererseits auch aufging. Vorderhand geriet deshalb die wachsende Produktivität in Widerspruch zu den beschränkten Märkten und katapultierte den Kapitalismus in die Große Depression. Erst der darauf folgende Zweite Weltkrieg schuf die institutionellen wie die ökonomischen Grundlagen des kurzen „Goldenen Zeitalters“ von „Sozialstaatlichkeit“ und hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten, die eine keynesianische Wirtschaftspolitik an der Oberfläche moderierte und ideologisch stützte.

Ab dem Ende der 1960er Jahre zeigte das fordistische System der kapitalistischen Metropolen erste Krisenerscheinungen aufgrund sich verteuernder Produktivitätszuwächse, der Sättigung zentraler Märkte und der Ausschöpfung von Wachstumspotenzialen. Mit den wachsenden Profitabilitätsproblemen gerieten die sozialstaatlichen Regulierungen zunehmend zu einem Klotz am Bein der Akkumulation. Die Krise verschärfte sich noch durch die neuen sozialen Bewegungen, die wesentliche Momente der fordistischen Regulationsweise heftig kritisierten. Im Verlauf der 1970er Jahre reifte ein neues technologisches Paradigma heran, das sowohl die soziale Kontrolle als auch die Profitabilität wiederherstellen sollte. Diesen postfordistischen Produktionsmodus kennzeichnen Just-in-Time– und Lean-Production. Er breitete sich seit den 1980er Jahren weltweit aus. Die riesenhaften fordistischen Produktionsstätten wurden radikal verschlankt und durch Subunternehmersysteme mit flexiblen, vielfach prekären Beschäftigungsverhältnissen ersetzt. Detroit steht wie ein Sinnbild für diese Entwicklungen (M. Revelli, Die gesellschaftliche Linke, Münster 1999: 55, 57f. ). So war etwa das in den 1920er Jahren eröffnete Ford-Werk River Rouge mit 1.115 Hektar Oberfläche und bis zu 105.000 Beschäftigten die größte Fabrik ihrer Zeit. Ende der 1990er Jahre beschäftigten die – im Kontext einer allgemeinen, systemischen Rationalisierung – geschrumpften Niederlassungen nur mehr jeweils rund 10.000 Menschen. Sie sind mittlerweile in ein „Spinnennetz“ von mehreren tausend kleinen und kleinsten Zulieferfirmen eingebunden, an die Ford über die Hälfte der Produktion von Einzelteilen ausgelagert hat. Mit der Auflösung des Fordismus ist die soziale Basis der (traditionellen) Gewerkschaften, eine vom Kapital zentralisierte und vermasste Arbeitskraft, ebenso erodiert, wie sich ihre politökonomischen und ökologischen Halterungen – eine rasch steigende Produktivität, hohe Profite in der Warenproduktion und scheinbar unbegrenzte Akkumulationsmöglichkeiten auf Basis von (billigem) Rohöl und einem vermeintlich bodenlosen „globalen Abfalleimer“ – gelockert haben.

Detroit – Reform oder Transformation?

Detroit hat alle Phasen der Ausdehnung von Warenbeziehungen bis in die letzten Winkel der Gesellschaft und ihren anschließenden Verfall durchlebt – die endlose Aneinanderreihung von Arbeiter-Einfamilienhäusern ebenso wie deren Rückzug – und hat nun mit der Hinterlassenschaft der „verbrannten Erde“ zu kämpfen. Bereits in den 1950er Jahren hatte die Trendumkehr eingesetzt. Die systemische Rationalisierung führte zunehmend zur Entkoppelung von Beschäftigung und Produktivitätszuwachs. Mit der Globalisierung seit den frühen 1970er Jahren hat die Entwertung der lebendigen Arbeit, die vor dem Hintergrund rassistischer Diskriminierungen in besonderer Weise die „People of Color“ traf, den dramatischen Niedergang der Stadt bis zur Agonie getrieben.

Als in den 1980er Jahren Coleman Young, der schwarze Bürgermeister der Stadt, in einem finalen „Rettungsversuch“ der Wirtschaft durch die Ansiedlung einer Casino-Industrie neues Leben einzuhauchen versuchte, wandte sich eine Koalition kritischer BürgerInnen aus allen Schichten gegen die Glücksspielökonomie. Jimmy (James) Boggs, einer der profiliertesten Linken in der Stadt, antwortete auf die Herausforderung des Bürgermeisters, Alternativen zu benennen, mit der Rede „Rebuilding Detroit“ (1988): „… to rebuild Detroit, we have to think of a new mode of production based upon serving human needs and the needs of the community and not upon any quick get-rich schemes. (… ) We have to get rid of the myth that there is something sacred about large scale production for the national and international market. (… ) We have to begin thinking of creating small enterprises which produce food, goods and services for the local market, that is, for our communities and our city“ (vgl. G. L. Boggs, Living for Change, Minnesota 1998: 220f. ).

In den 1990er Jahren entwickelten sich aus diesen Ideen unterschiedliche Ansätze, gemeinsam mit den BewohnerInnen Zeichen gegen die fortschreitende Zerstörung ihrer Lebenswelt zu setzen. Die brachliegenden Flächen und Strukturen wurden als Herausforderung für die Gestaltung des Neuen angenommen. Inmitten der endzeitlichen Zerstörung entfalten sich seither Visionen einer im weiteren Sinne post-kapitalistischen Gesellschaft; mühsam zwar, doch gewinnen sie an Kraft. Ausgehend vom Impuls des Peoples Festival of Community Organizations 1991 wurde ein Jahr darauf Detroit Summer – „a Multicultural, Intergenerational Youth Movement to rebuild, redefine and respirit Detroit from the ground up“ – gegründet. Dieses Projekt ist ein dynamisches Zentrum im Feld der Versuche einer Wiederaneignung der Stadt. Detroit Summer hat mit jungen Menschen im Alter zwischen 14 und 25 aus Detroit und anderen Gegenden der USA in Community Gardens gearbeitet, Wohnhäuser saniert, Kinderspielplätze hergerichtet und Wandbilder in den Quartieren gemalt. Mit Workshops und generationsübergreifenden Dialogen zum Wiederaufbau der Stadt wurde die Kreativität der Jugendlichen herausgefordert. Mittlerweile gibt es Detroit Summer als ganzjähriges Angebot und die jungen Menschen haben selber neue Projekte wie den Poetry for Social Change Workshop und Back Alley Bikes begonnen. Heute können mit der kollektiv betriebenen Back Alley Bikes-Fahrradwerkstatt Detroiter Jugendliche durch die Reparatur von gespendeten Gebrauchträdern ein eigenes Rad bekommen. Sie erhalten auf diese Weise Zugang zu selbstbestimmter Mobilität.

Detroit Summer antwortet mit einem „Freedom Schooling„-Konzept, das an die „Freedom Schools“ der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre im Süden der USA anknüpft, auf die verheerenden Folgen der neoliberalen Globalisierung. Denn die Jugendlichen der innerstädtischen Unterklasse reagierten Mitte der 1980er Jahre auf die brutale Vernichtung jeglicher Perspektive der Teilhabe an der Reichtumsentwicklung der Gesellschaft mit der Hinwendung zur „Drogenökonomie“ und einer Eruption der Gewalt. Nicht von ungefähr kam zeitgleich Crack als Droge mit besonders hohem Suchtpotenzial auf. 1986 wurden 365 Jugendliche und Kinder in der Stadt angeschossen und 43 getötet. Die Quartiere verwandelten sich immer mehr zu „Kriegszonen“ rivalisierender Gangs (Boggs, a. a. O. : 210).

Mit der Vertiefung der ökonomischen Krise wuchs im Laufe der 1990er Jahre die Quote der SchulabbrecherInnen in Detroits öffentlichen Schulen dramatisch. Heute ist die Quote jener, die ohne High School-Abschluss die Schule verlassen, auf über 50% gestiegen (G. L. Boggs, Opt-Outs, not Dropouts. Michigan Citizen, 11.12.2005). Die Jugendlichen haben begriffen, dass das Bildungs- und Erziehungssystem, das sie für ein Erwerbsleben mit fremdbestimmter Lohnarbeit vorbereiten sollte, in einer Realität, die kaum noch Lohnarbeit anzubieten hatte, dysfunktional geworden war. So gibt der American Community Survey 2004 für Detroit die Jugendarbeitslosigkeit der 16- bis 19-Jährigen mit 38,3% und der 20- bis 24-Jährigen mit 39,6% an. Die Erwerbstätigkeit liegt nur bei 21,5% bzw. 43,8%. Die Verweigerung gegenüber der „schönen neuen Welt“ des Neoliberalismus ist ein Reflex auf den Ausschluss von den Lebenschancen der Mehrheitsgesellschaft. Dieser Ausschluss erreicht ein finales Stadium, wenn ein Großteil vor allem der männlichen Jugendlichen aufgrund von Straftaten oder der Kriminalisierung von Bagatellvergehen im Gefängnis landet.

Projekte und Vernetzungen

In den 1990er Jahren haben sich aus den kleinen Interventionen in den Quartieren Kontakte zu anderen Aktiven ergeben, die sich in der direkten Aneignung der Stadt engagieren. Die Gardening Angels – ältere, noch aus den Südstaaten stammende Frauen, zumeist African-Americans – bewirtschafteten ihre Gärten und brachliegende Grundstücke zur eigenen Selbstversorgung wie der ihrer Nachbarn und arbeiteten mit der Pfadfinder-Organisation 4H in den Gärten, um Jugendlichen traditionelles Wissen zu vermitteln. Die Catherine Ferguson Academy wiederum ist ein Angebot für minderjährige Schwangere und Mütter, trotz der Doppelbelastung durch das Kind den High School-Abschluss zu erwerben. Dafür wurde ein besonderes Curriculum entwickelt, das u. a. den Anbau von Obst und Gemüse, die Haltung von Farmtieren und den Bau einer Scheune umfasste. Im Ergebnis erreichen ca. 80% der Schülerinnen trotz der Mutterschaft den Schulabschluss. Die Kwanza Garden Cooperative -bestehend aus LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen – arbeitet mit der angrenzenden Howe Elementary School zusammen, um den Kindern ganzheitliche Zusammenhänge und Alltagspraktiken zu vermitteln und eine gesunde Ernährung anzubieten. Aber auch das Kapuziner Kloster und die Capuchin Soup Kitchen – ein Notangebot für die Armen – haben mit dem Earthworks Garden eine „Selbstversorgung“ aufgebaut und darüber hinaus 2004 ca. 4 Tonnen biologisches Gemüse in den umliegenden Kirchengemeinden verkauft. Aus einer losen Unterstützungsgruppe für die im Stadtgebiet verstreuten Initiativen der AktivistInnen und für Organisationen wie die Hunger Action Coalition entwickelte sich in den 1990er Jahren das Detroit Agricultural Network (DAN). DAN versucht „Urban Agriculture“ als Teil einer Revitalisierungsstrategie in der Stadt zu etablieren. Mehr als 1.000 Freiwillige und SchülerInnen bzw. StudentInnen arbeiten heute stadtweit aktiv in „Urban Agriculture„. Das Engagement bleibt jedoch bei den größeren Projekten bislang auf Spenden angewiesen, um die Kosten zu decken.

Ging es zunächst darum, Zeichen gegen die materielle Zerstörung zu setzen, die jungen Menschen als AkteurInnen des sozialen Wandels in der Stadt zu gewinnen und dies in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, stellten sich seit der Jahrtausendwende neue Aufgaben. Sehr früh hatten sich persönliche Kontakte zu MitarbeiterInnen und ProfessorInnen der lokalen Universitäten entwickelt, die sich vor allem auf Ernährungssicherheit, die Wiederaneignung des öffentlichen Raumes und das politische Geschehen in der Stadt bezogen. Umgekehrt wurden Aktivitäten von Detroit Summer in die Lehrinhalte integriert. Im Jahr 2000 ging aus einer Kooperation von Detroit Summer mit ArchitekturstudentInnen der University of Detroit Mercy der Entwurf für ein Modellgebiet als alternative Vision zur Zukunft der Stadt von 2,5 Quadratmeilen in Detroits East Side und das Netzwerk Adamah („von der Erde“, hebräisch) hervor. Dieses Milieu aus Praxisprojekten, Aktivisten, politischem Engagement, Wissenschaften und Kunst einerseits und der projektweisen Zusammenarbeit mit dem Non-Profit-Sektor andererseits hat mit dem Sustainable Detroit-Netzwerk (2004) ein neues Niveau der Kooperation erreicht. Als soziale Bewegung mit einer kulturell alternativen Vision geht es nun zunehmend darum, die „Leerstellen“ der von der kapitalistischen Warenproduktion aufgegebenen Bereiche der Stadt als Herausforderung anzunehmen. Beispiele gebrauchsorientierter Sicherung der Existenzbedingungen der BewohnerInnen und unmittelbarer Kooperation sind Prozesse des Lernens und der Selbstvergewisserung ebenso wie sichtbare Gegenwart post-kapitalistischer Kristallisationspunkte.

Detroit war als Experimentierfeld sozialer Bewegungen für junge Menschen und WissenschaftlerInnen, national wie international, schon früher interessant. Ein Beispiel ist die 1990 von Nina Simons und Kenny Ausubel ins Leben gerufene Bioneers Conference (www. bioneers. org ), ein Forum für wissenschaftliche und soziale Erneuerer, die an visionären oder praktischen Beispielen der Wiederherstellung von „Earth“ und „Communities“ arbeiten. Mit einer pragmatischen Strategie, eingebettet in soziale Gerechtigkeit, soll eine Kultur der Lösungen für die menschengemachte, globale ökologische und soziale Krise entfaltet werden. 2005 hat eine erste regionale Bioneers Conference in Detroit stattgefunden. Die lokale soziale Bewegung ist auf diese Weise vielfältig mit den Bewegungen andernorts im Land vernetzt. Der Kern all dieser Versuche ist die Ausrichtung auf die BewohnerInnen. Denn die Vision einer Gegenkultur zum selektiven Ausschluss aus der Warengesellschaft muss sich auf die Inklusion aller Menschen in der Stadt beziehen.

Eine neue Sozialität

Das Machtgefälle zwischen dem globalisierten Kapital und den „zurückgelassenen“ BewohnerInnen könnte größer nicht sein. Die Eingriffe „von unten“ sind daher eher minimalistisch. Die kleinen, alltäglichen gesellschaftlichen Interventionen, die sich ausdrücklich nicht auf Warenbeziehungenstützen, sondern sich am Konzept des „gemeinsamen Haushaltens“ mit den Prinzipien Reziprozität und Redistribution orientieren, zielen darauf, die Kooperationsfähigkeit der Menschen – das wichtigste gesellschaftliche Potenzial – unter neuen Regeln zu entwickeln.

Die gebrauchsorientierte Kooperation in der sozialen Bewegung erlaubt es, die vorhandenen Möglichkeiten und Ressourcen nutzbar zu machen, um gemeinsam bessere Lebensbedingungen zu erreichen. Raum und Menschen gibt es hierfür in Detroit trotz der dramatischen EinwohnerInnenverluste genug. Die Kooperation für den Gebrauch gewinnt, je mehr Menschen sich daran beteiligen und einbringen. Sie lebt mit und von der lebendigen Arbeit: alle Menschen, die handlungsfähig sind, können nach ihren Möglichkeiten mitmachen. Die Ergebnisse werden kollektiv verteilt. Dabei geht es weniger um Leistung als um Teilhabe. Damit ist allerdings das ständig wachsende Problem der sozial und gesundheitlich völlig deprivierten Menschen nicht gelöst, die gar nicht mehr für sich, geschweige denn für andere sorgen können. Hier muss man teilen. Das geschieht z. B. über die Zusammenarbeit mit „Emergency Food Providern„, die regelmäßig einen Teil der Ernte aus den Gärten, u. a. der Gardening Angels, erhalten.

Frauen bestimmen als Aktivistinnen das Bild. Sie sind meistens erwerbstätig. Doch als Hauptverantwortliche für die soziale Reproduktion engagieren sie sich auch als erste für die Rehabilitation ihrer Alltagswelt. Sie können dabei aus ihren Erfahrungen mit gebrauchsförmiger Kooperation in der Familie und mit FreundInnen schöpfen. Die kollektiven Anstrengungen, wieder die Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen zu erlangen und nicht jeden Tag durch die unterschiedlichen Formen von Ausgrenzung (Erwerbslosigkeit, Armut, Vertreibung aus dem angestammten Wohnquartier, politische Repression etc. ) gefährdet zu sein, zielen darauf, ein möglichst dichtes soziales Netz in gegenseitiger Verantwortung für die unterschiedlichsten Anforderungen und Bedürfnisse zu „weben“. Eine wichtige Aufgabe ist dabei die Achtsamkeit gegenüber „anderen“ und den Lebensgrundlagen. Dieses Selbstverständnis richtet sich gegen die unbegrenzten, und in diesem Sinne „krebsartigen“, Wachstumsvorstellungen kapitalistischen Wirtschaftens (G. L. Boggs, Think globally, act locally, Minneapolis 2004).

Die Frauen sind durch ihre zahlenmäßige Dominanz und ihren reichen Erfahrungsschatz in gebrauchsorientierter Kooperation die Katalysatoren der sozialen Erneuerung. Männer sind dagegen in den Community Based Organizations (CBO’s) weithin unterrepräsentiert. Seit den 1970er Jahren bezeichnen CBO’sauf lokale Territorien wie Quartiere oder Stadtteile bezogene BürgerInneninitiativen, die zumeist den Status der Gemeinnützigkeit haben und häufig öffentliche Zuwendungen bzw. private Spenden erhalten. In diesen vor allem auf den Zusammenhalt der Alltagswelt gerichteten Organisationen finden sich Männer nur vereinzelt in „Führungspositionen“. Der Zerfall des fordistischen Reproduktionszusammenhangs, der Männer auf die Rolle des „Bread Winners“ festlegte und sie vor allen Dingen für den Verkauf ihrer Arbeitskraft und den Warentausch sozialisierte, hat ihre Position im Geschlechterverhältnis und ihre soziale Funktion in der Familie untergraben. Eine Lösung könnte sein, von den Frauen zu lernen, wie man zur Bewältigung der Alltagsanforderungen in gebrauchsförmigen Kontexten kooperiert und diese sozialen Netze aufrechterhält. Aber das würde auch bedeuten, sich als Gleiche mit Frauen zu erkennen. Dies anzunehmen fällt vielen Männern schwer, bedeutet es in ihren Augen doch eine weitere „Abwertung“. Es ist eine tiefenkulturelle Prägung, den eigenen „Wert“ daran zu messen, inwieweit man auf andere herabschauen kann. Nicht zuletzt werden auf diese Weise jene Kränkungen kompensiert, die hierarchische Arbeitsverhältnisse, das permanente Gegeneinander in den Marktbeziehungen sowie die strukturelle Kluft zwischen dem Reichtumsversprechen und der enttäuschenden Realität des „Warenuniversums“ mit sich bringen. Männer werden so durch ihre Geld- und Lohnarbeitsidentität oft daran gehindert, geradezu lebensrettende „Anpassungen“ der Strategien zur Lebensbewältigung zu vollziehen. Sie fallen viel häufiger als Frauen aus allen stützenden sozialen Zusammenhängen heraus und enden als Obdachlose auf der Straße.

Der zweite Teil dieses Artikels erscheint in den Streifzügen Nr. 37/2006

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