Fassadenschau (2.Teil)

Inspektionsreisen durch Geschichte und Gegenwart eines doch seltsamen Landes

Streifzüge 35/2005

von Franz Schandl

Das Jubeljahr, das sich nun dem Ende zuneigt, erwies sich als Fiasko. Die Inszenierung ist misslungen. Derweil hat man die Fassade so schön herausgeputzt und dann blätterte sie gleich ab, wurden die braunen Flecken sichtbar. Was das offizielle Österreich vertuschen wollte, wurde von den freiheitlichen Kameraden, ob blau oder orange, schonungslos ausgesprochen. Die Verdrängung der Verdrängung, der Schritt von der Lüge zur Verlogenheit hat sich offenbar blamiert. Teile der Fassade sind heruntergefallen. Der Verputz liegt am Trottoir. Es staubt gehörig.

 

9.

Die Vergangenheit ist die Gewalt des Gewesenen, das als Gewordenes auf der Gegenwart lastet. Sie ist unbewältigbar, weil vorüber. Was wir tun können, ist sie zu besprechen, zu beurteilen, sich mit ihr auseinandersetzen. Es geht auch gar nicht um ein Hinter-sich-Lassen, wie es die Bewältigung gleich einem Schlussstrich nahe legen würde, sondern um das Aufbereiten des Vergangenen, um das Gespür für Zusammenhänge – der analytische Aspekt, und um das Gefühl für die Ungeheuerlichkeiten – die emotionale Komponente. Mehr können wir für sie und sie für uns nicht tun, aber wenn wir das tun, ist einiges getan. Das Bewältigbare hingegen liegt vor uns, nicht hinter uns. Bewältigung als soziales Handeln ist immer perspektivisch orientiert, als Veranstaltung, die sich auf Vergangenes kapriziert, ist sie fehl am Platz.

Es geht auch um die richtige Dimensionierung der Debatten. Man kann Verhältnisse zu wenig besprechen, man kann sie aber auch zu viel bereden. Was die österreichische Vergangenheit betrifft, ist beides der Fall, und nur vordergründig widersprechen sich diese Befunde. Wollen die einen vergessen, so sind die anderen geradezu versessen darauf, das Geschehene gegenüber dem Geschehen in den Mittelpunkt zu rücken. Was als unvermittelte Diskrepanz erscheint, ist aber nur Verdrängung unterschiedlicher Zeitebenen, indem man sie gegeneinander ausspielt.

Das Schwelgen in Erinnerungen (seien es gute oder schlechte) ist freilich oft eines, das den Mangel an Perspektive kaschiert. Das Übergewicht (hierzulande nicht nur betreffend Nazizeit und Wiederaufbau, sondern auch und insbesondere die goldene Kreisky-Ära und die ruhigen Vranitzky-Jahre) führt dazu, dass die primäre Aufmerksamkeit nicht bei den aktuellen Ereignissen und Handlungen liegt, sondern bei historischen Auseinandersetzungen. Gegenwart versinkt in der Geschichte. So als gäbe es hier gar keine Probleme mehr. Retrospektiver Überhang und perspektivischer Mangel passen gut zusammen.

Gerade dort, wo die Zukunft keine Optionen mehr zulassen soll, werden vergangene Kämpfe als Historienspiele ausgetragen. Zukunftsbewältigung fällt mittels Vergangenheitsbewältigung aus. Wir leben auch in Zeiten chronischer Gegenwartsverdrängung. Was soll geschehen? Wie geht es weiter? Das sind in allen gegenwärtigen Szenarien nachrangige Fragen. So stehen Gerüstete und Entrüstete am Gerüst des Staatsgebäudes, beide eifrig beschäftigt mit der Fassade. Schon manche sind ob der Differenzen bei diesen Tournieren und Duellen runtergefallen. Manchmal gingen Teile der Fassade mit, aber im Großen und Ganzen hat sie sich gut erhalten.

Die nützlichste Variante der Vergangenheitsbewältigung ist die Gegenwartsrechtfertigung. Tatsächlich ist zu beobachten, dass gerade von etablierter Seite die Vergangenheit zusehends dafür herangezogen wird, Gegenwart zu legitimieren und Zukunft nur als deren Verlängerung gelten zu lassen. Ja, es ist davon auszugehen, dass je größer die anstehenden Probleme werden, desto stärker eine Konzentration auf die Vergangenheit einsetzt, insbesondere auch bezogen auf den Nationalsozialismus, gibt er doch eine treffende negative Folie ab. Ja, man wird sogar soweit gehen, missliebige Kritik taxfrei des Nazismus zu verdächtigen. Dieser argumentative Totschläger wird ähnlich funktionieren wie der Kommunismus-Vorwurf in der Vergangenheit. Dass heute kein Krieg mehr geführt werden kann, ohne dass auf Auschwitz verwiesen wird, ist bezeichnend. Keine Parallele, die nicht konstruiert werden kann. Der Boden der Ignoranz ist offen für jede Denunziation.

10.

Organische Terminologie geht vor analytischen Begriffen. Nicht selten erscheint der Faschismus als Schicksal, als Heimsuchung, ja als Naturkatastrophe. Natur ist halt etwas, gegen das man nicht ankann. Worte verraten meist mehr, als sie offiziell aussagen sollen. Man muss sie nur richtig begreifen und deuten, sich nicht bloß ihrem oberflächlichen Gebrauch hingeben. Man stoße es leicht und schon verstößt das Vokabular gegen seine Konvention. Man denke nur an die heimtückischen Wiederworte im Wiederland: Wiederaufbau, Wiedergeburt, Wiederauferstehung, Wiedergutmachung. Immer wieder wieder. „Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich“, ist inzwischen der Schlachtgesang in Rot-Weiß-Rot. Zweifellos, 1945 hat es keinen Bruch, sondern einen Zusammenbruch gegeben, keinen Aufbau, sondern einen Wiederaufbau. Nichts Neues, sondern nur eine Erneuerung.

„Die Wiedergeburt Österreichs“ redet uns ein, dass etwas einfach verschwunden war, einige Jahre weg gewesen ist, um dann urplötzlich in einer Art Geburtsakt Wiederauferstehung zu feiern. Die Formel der Wiedergeburt ist bezeichnend. Geburt weist schon als Terminus auf Unschuld hin. Uns hat es ja gestern nicht gegeben, weder als Land und daher auch nicht als Leute. Flugs waren die Nazis einfach nur noch Österreicher. Nur zufällig steckten sie in den gleichen Körpern, was sie verkörperten, war auf einmal etwas ganz anderes. Frisch, freiheitlich, freigesprochen. Mit der Formel der „Wiedergeburt“ lässt sich Kontinuität wie Diskontinuität behaupten, je nachdem, wie man es braucht. Diese Österreicher sind Phantome der Geschichte: Einssein und Keinssein im Dasein und Wegsein.

Dass der Nationalsozialismus über die Österreicher gekommen ist, ist schon auch richtig, aber in gemeiner Rede dient dieses Argument als Entschuldigung und Entlastung. Die viel wirkmächtigere Wahrheit freilich ist, dass jener aus ihnen herausgekommen ist. In der Ostmark gab es mehr Nazis als sonst wo. Bis 1945 gebärdeten sich die meisten Österreicher als die Superdeutschen schlechthin. Die Juden wollten sie los sein und den Krieg wollten sie gewinnen. Das macht verständlich, warum es bis 1945 kaum Widerstand zu erwarten war und auch nachher den meisten Tätern jede menschliche Regung betreffend der Taten abging. Reue ist nur möglich, wenn es Einsicht gibt. Und Einsicht ist wiederum nur möglich, wenn sich die Sichtweise ändert. Da hat sich aber nichts geändert.

Auch Wiedergutmachung ist ein doppelbödiger Begriff. Er bedeutet A) etwas wieder gut zu machen und B) etwas wieder gut machen. B meint Selbstbestätigung der konkreten Tätigkeiten: gestern haben wir das gut gemacht, heute dieses, morgen jenes. Da wird immer wieder alles gut gemacht. Aber auch die Variante A führt nicht viel weiter, unterstellt sie doch, eine Möglichkeit, die es nicht gibt, nämlich das Angerichtete wieder gut zu machen. Aber gegen den nüchternen Begriff der Entschädigung strahlt Wiedergutmachung Wärme aus, wenn auch falsche. Auf jeden Fall können Sprechen und Hören unterschiedliche Assoziationen aufmachen. Wie der gesamte Jargon leidet das Wort an multiplem Suggestionismus. Zu diskutieren wäre bloß, ob es sich um einen zufälligen Verlegenheitsbegriff oder um einen bewussten Verlogenheitsbegriff handelt.

11.

Die Stunde Null verdeutlicht einerseits kontextloses Denken, das die österreichische Geschichte eben mit der Besatzung und der Vertreibung (etwa der Sudentendeutschen) anfangen lässt. Andererseits verkündet die Stunde Null eine Wahrheit, aber eine ganz andere als propagiert. Die Stunde Null war nämlich eine Stunde der Nullen. Die mit allen Grausigkeiten vollgestopften Elemente verkauften sich als unbeschriebene Blätter. So entleerten sie sich und wurden zu Frischlingen. Vor ihrem Scherbenhaufen stehend, gingen sie zur Tagesordnung, also zur Arbeit über. Eins stürzte sich in die Arbeit, und keins sollte sich davor drücken.

Die bewusste Entleerung der Subjekte war ein staatspolitisches Anliegen. Stunde Null meint wider Willen, dass die Reflexionsleistung, die sowieso gegen Null tendierte, auch subjektiv gegen Null gedrängt wurde. Auch viele, die erleichtert aufatmeten, als das Dritte Reich vorbei war, wollten gar nicht so recht wissen, was es war bzw. was da genau vorgefallen war. Im Gegenteil, man gab den Nazis, und die gab’s in allen Familien zuhauf, Deckung. Geben wir doch eine Ruh. Unsere Nazis sind unsere Nazis, und selbst wenn man die Nazis nicht wollte, unsere bleiben unsere.

Es lag ein Nebel der Vergasung über dem Vergangenen, und das war zu spüren, selbst für die Kinder in den Sechziger- und Siebzigerjahren war überdeutlich, dass da was vorgefallen war – nur was? – auf jeden Fall etwas Ungeheuerliches. Verdrängt und unausgesprochen blieb das vor allem in den Familien der Nichtnazis, wo man überhaupt nicht wusste, was tun und was sagen. Nicht abgeschüttelt hatte man es, es schüttelte einen nach wie vor. Ich war pikiert, wenn Nazikinder in grausiger Präpotenz Nazistisches von sich gaben. So richtig traute man sich aber nichts dagegen zu sagen, man wusste auch nichts, man hatte bloß mitbekommen, dass da etwas nicht stimmte. Und der erste Affekt, als man dann Näheres erfahren hatte, war meist ein „Das darf doch nicht wahr sein…“ Für viele war es auch der letzte.

Die angesprochenen Nichtnazis, und ich denke, es gab deren gar nicht so wenige, sind keine Nazis, aber auch keine Antinazis. Im Gegensatz zu Faschisten und Antifaschisten hatten sie nie ein authentisches Selbstbild von sich. Indifferenz prägt sie. Idealtypisch könnte man sie so charakterisieren: Sie unterstützten die Nazis nicht, aber sie taten auch nichts gegen sie. Sie schauten weg, als die Nachbarn abgeholt wurden, sie schauten aber auch weg, als die Nachbarn die Nachbarn versteckten. Sie jubelten nicht, sie denunzierten niemanden, aber sie setzten keinen subversiven Akt. Was sie kennzeichnet, ist Unterlassung. Diese Leute fühlten sich weder schuldig noch schuldlos, auch wenn sie letzteres behaupteten. Sie waren keine Täter im engeren Sinn, aber sie waren Unterlasserin großem Maßstab. „Was hätten wir denn tun sollen? „, war ihr Satz, nicht der der Nazis. Die taten schon, was sie wollten.

12.

Wenn es etwas kaum in diesem Land gegeben hat, dann die Ehemaligen. Ich habe lange überlegt, ob ich mich einer solchen Person in meinem Bekanntenkreis erinnern kann, und mir ist niemand eingefallen. Ich habe Nazis getroffen, Mitläufer, Verdränger, Verleugner, Indifferente, Widerstandskämpfer, Antifaschisten, KZ-Häftlinge. Aber der Typus des Ehemaligen ist mir nicht begegnet. Dass jemand sinngemäß gesagt hätte: Ich war einer davon, wir haben Furchtbares angestellt, so etwas darf nie wieder passieren, dafür stehe ich nun ein – mir ist solches nicht gegenwärtig. Natürlich wird es auch wirkliche Ehemalige gegeben haben, aber groß kann die Zahl nicht sein. Man hatte selbst bei jenen Kriegsteilnehmern, die auf Distanz zur soldatischen Herrlichkeit gegangen sind, immer das Gefühl, dass die Kameraderie trotzalledem einen höheren Wert darstellte als die Selbstkritik.

Der Begriff des Ehemaligen ist ein Konstrukt österreichischer Verdrängung. Auch hier schloss man von der Form auf den Inhalt: Keine NSDAP, keine Nazis! Denn ehemalig war nur die Mitgliedschaft in der NSDAP, geblieben ist jedoch die nazistische Gesinnung, so sehr sie auch demokratisch aufgeweicht worden sein mag. Das Problem war nicht, dass man ehemalige Nazis integrierte, sondern, dass man Nazis und den Nazismus integrierte. Läuterung und Bekehrung haben nicht stattgefunden, von einer Schuldanerkennung ganz zu schweigen. Die Entnazifizierung war ein Schauspiel für die Alliierten. Fast jeder sechste Wahlberechtigte war hierzulande Mitglied der NSDAP gewesen. Im demokratischen Wettbewerb obsiegten dann die, die es am billigsten machten. Nicht nur das Personal hat man übernommen, nein, man übernahm auch gleich deren ideologische Raster, ließ sie nicht bloß ungeschoren, sondern ungestört. Diese staatspolitische Aufgabe konnte nur gewährleistet werden um den Preis einer kollektiven Relativierung der Naziverbrechen. Die Fassade war voll von Lügensprüchen.

Ansonsten herrschte Schweigen: „Reden wir nicht mehr darüber! „, war nicht nur Zusage, sondern Zuspruch, gestern doch nicht so falsch gehandelt zu haben. Das konnte nur als Toleranz des Unsäglichen interpretiert werden. So pflanzte sich das Ehemalige mit tatkräftiger Hilfe der Demokraten in die Institutionen, in die Schulen, in die Parteien. Da gab es keinen Bruch. Da ging es weiter. Die Bagage konnte sich ungestört wieder betätigen. Aus eigener Erfahrung – wir sind in den Siebzigern – weiß ich von Lehrern, die ihre Landser-Romane erzählten, von führenden Unternehmern, die Lehrlinge nicht nur grün und blau geschlagen haben, sondern diese auch noch robben, exerzieren und „Deutschland, Deutschland über alles“ singen ließen, von Stammtischbrüdern, die erzählten, dass man die oder jene „zum Vergasen“ vergessen hätte. Eine Entnazifizierung, die hat es gar nicht gegeben.

Das heißt nun nicht, dass der Nazismus sich als unterirdischer Block konserviert hat, der nur auf eine günstige Gelegenheit wartet. Dass der Nazismus nicht wieder aufgestiegen ist, lag zwar in den ersten Nachkriegsjahren an der alliierten Besatzung, später an der trotz Neutralität vollzogenen Westanbindung. „Westwärts“, war die Parole. Das war nicht nur Schein. In der Blockkonfrontation fanden Nazis und Großkoalitionäre im Antikommunismus ein neues Betätigungsfeld vor. Später dann freilich regredierte die faschistische Aufstiegsideologie zu einer Verfallsideologie und verlor in der Kreisky-Zeit sukzessive ihre informelle Vorherrschaft. Deutlich ersichtlich etwa am Abstieg revanchistischer Kräfte an den Universitäten, einst die deutschnationalen Bastionen schlechthin. Das Nazistische löste sich in Bestandteile und Versatzstücke auf, manche verschwanden, viele jedoch wurden problemlos in die kulturindustriellen Komplexe integriert, wo sie immer schon zu Hause gewesen sind. Aber das wäre bereits ein eigenes Thema.

13.

Die postfaschistische Nachkriegsdemokratie machte es sich jedenfalls auf den Resultaten des Nationalsozialismus bequem. Vor allem was zusammengeraubt wurde, sollte behalten werden. Der Antisemitismus war keineswegs überwunden, er wurde in Evidenz gehalten. Nicht einmal die Jahre in den Konzentrationslagern konnten so manchem Politiker des neuen Österreichs das Ressentiment austreiben. Leopold Figl, Bundeskanzler und später Außenminister, ein Mann, der das KZ Dachau überlebte, meinte, angesprochen auf die Rückkehr der Vertriebenen: „Wir heißen alle Österreicher wieder bei uns willkommen (… ) – aber als Österreicher, nicht als Juden. „1

Ausgerechnet den emigrierten Juden warf Landwirtschaftsminister Kraus (ÖVP) vor, das Land verlassen zu haben: „Ich weiß aber nicht, wie gerade jetzt eine Rasse (sic! , F. S. ) besondere Privilegien bekommen soll. Andere, die nicht weggingen, bekommen keine Unterstützung, die Juden aber sollen eine solche erhalten. „2 Aus diesen Worten spricht nicht nur Unverständnis, sondern gnadenlose Verachtung, wenn gar die Flucht vor dem Tod Gegenstand nationalen Tadels wird. „Die Juden möchten halt rasch reiche Leute werden“, 3 sagte Figl in der Ministerratssitzung vom 14. Januar 1947. Um gleich anzufügen: „Richtig sei jedoch, dass nirgends so wenig Antisemitismus festzustellen sei wie in Österreich und in keinem Land das Volk von einer solchen Duldsamkeit wie bei uns.“ Und auch das andere Lager, das rote Wien assistierte, „denn der Wiener ist Weltbürger und daher von vornherein kein Antisemit. Antisemitische Tendenzen sind ihm auch jetzt (sic! , F. S. ) vollkommen fremd“, schreibt Theodor Körner, dazumals Bürgermeister der Bundeshauptstadt, in einem bezeichnenderweise „Das Märchen vom Antisemitismus“4 lautenden Beitrag, in dem es von Stereotypen nur so wimmelt („Brunnenvergiftung“, „Rufmord an der Heimat“, „Schauergeschichten“, „gewisse Kreise“ etc. -).

Karl Renner sagte zur Entlastung der vielzitierten kleinen Nazis: „Die Sache ist nach meinem Gefühl doch so, dass all diese kleinen Beamten, diese kleinen Bürger und Geschäftsleute bei dem seinerzeitigen Anschluss an die Nazi gar nicht weittragende Absichten gehabt haben – höchstens, dass man den Juden etwas tut (sic! , F. S. ) – vor allem aber nicht daran gedacht haben, einen Weltkrieg zu provozieren. Wenn nun diese Leute schwer bestraft werden und ihre Stellung verlieren, so appellieren sie an das Mitleid und das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen und es kann sein, dass dann die Stimmung umschlägt; und dies umso mehr, als es fast keine Familie, auch keine sozialistische Arbeiterfamilie gibt – ich gebrauche dieses Wort für sozialdemokratisch und kommunistisch – die nicht in der näheren oder ferneren Verwandtschaft Leute hat, die mit den Nationalsozialisten mitgegangen sind. „5

An das Mitleid können die Nazis aber nur erfolgreich appellieren, wenn die Bemitleider die Taten und Anschauungen der primären Leiderzeuger und Leidzufüger als tolerierbar einstufen. Unsere Nazis sind unsere. Die verschworene Gemeinschaft der Verschwiegenen, das ist die dunkle Seite der sich abfeiernden Wiederaufbaugeneration. Ging es um die Anerkennung bestimmter nationalsozialistischer Ergebnisse, dann agierte Österreich wie ein organischer Volkskörper, wo jedes Glied wusste, wie es sich zu verhalten hatte.

Sich aus der Verantwortung zu stehlen, aus der privaten wie aus der staatlichen, hat Tradition. Nicht Rechenschaft will man sich ablegen, sondern einen Schlussstrich ziehen. Man will erlöst werden. Man zahlt ja eh Ablösen, satte 1500 Euro hat man im Jahr 2000 etwa für Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft beschlossen. Reagiert hat man stets nur dann, wenn man ziemlich schroff gegen diese postfaschistische Unverfrorenheit vorgegangen ist. Der Kalte Krieg wiegte das offizielle Österreich und alle von ihm Gedeckten lange in Sicherheit. So lange Entschädigungen aufgeschoben werden konnten, wurde aufgeschoben. Man zahlt auch nicht aus Sympathie für die Opfer. So liegt die konservative Die Presse, goldrichtig, wenn sie schlagzeilt: „, Restitution‘ wichtig für Beziehungen zu USA“. 6 Daher gibt es eine. Man will es sich also weder diplomatisch mit den Vereinigten Staaten verscherzen noch will man der österreichischen Wirtschaft Geschäfte vermiesen. Das sind handfeste Gründe, die aber mit den Opfern nichts zu tun haben.

Die werden sofort samt ihren Unterstützern gewarnt. „Ohne Rechtsfrieden kein Geld! „, 7 schreibt die Kronen Zeitung am 4. Juni 2000: „Dafür müsste die US-Regierung bürgen.“ Und Gerd Leitgeb bringt es in Täglich Alles auf den Punkt: „, Versöhnungsgeld‘ – und dann muss Schluss sein. „8 Denn die Schuld ist getilgt. Endgültig. Niemand soll mehr Forderungen stellen dürfen. Jetzt muss doch endlich Ruhe sein, hört man an den Stammtischen. Wie viel wollen die denn noch? Ja können die denn nie genug kriegen? Aus! Schluss! Basta!

14.

Über den Ortsgruppenleiter der NSDAP in einer niederösterreichischen Kleinstadt lesen wir heute: „Seine Chronikberichte geben Zeugnis von Hysterie und Euphorie in den ersten Kriegsjahren. Seine Verehrung des Führers und seine Wortwahl in der Darstellung sind heute schwer verständlich. „9 Besser wäre das Gegenteil. Womit natürlich nicht Verständnis gemeint ist, wohl aber der Versuch, zu verstehen, warum so etwas möglich gewesen ist. Ansonsten bleibt der Nazi ein Alien, der er nie gewesen ist und die Parteigänger erscheinen als Verführte, die sie ebenfalls nie gewesen sind. Es geht um eine Zerschlagung des Banns. „Barbarei besteht fort, solange Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern, „10 schreibt Theodor W. Adorno „Man muss die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, dass sie solcher Taten fähig werden, muss ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, dass sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewusstsein jener Mechanismen weckt. „11

Auffallend ist, dass das Faszinosum des Nationalsozialismus als solches kaum diskutiert wird, sondern der Tendenz nach ein antifaschistisches Tabu darstellt. Man wird das Gefühl nicht los, dass der Nationalsozialismus nur bestaunt und abgelehnt werden soll. Dem Darauf-Schwören folgt ein Abschwören, aber kein Erkennen, das auch ein Erfühlen zulässt. Verdrängung kennt auch den Aspekt des Nicht-wahrhaben-Wollens der umfassenden Hegemonie von Autoritarismus, Antisemitismus, Rassismus und Frauenverachtung, die die nationalsozialistische Herrschaft erst ermöglichten.

Das „Nie wieder! “ bezeichnet nur die Resultante des Faschismus, aber nicht dessen Konstituante, das Kapitalverhältnis. So ist das „Nie wieder! “ ein beschränktes, lediglich moralisches Postulat, aber keine wie immer geartete Realität oder gar Sicherheit. Analytische Kenntnis ist zwar nicht notwendig, um gegen jenen zu sein, wohl aber um zu begreifen, in welchem Zusammenhang er steht, wie es zu ihm kommen konnte und was nach seinem Ende weiterlebt. Viel mehr als Beschreibung wird heute nicht geboten. Die dafür aber exzessiv. Was er angestellt hat, sollen alle wissen, was er ist, jedoch nicht.

Zu fragen ist, was die faschistischen Gemüter antrieb, zu reden ist über diese Motorisierung der Gefühle. Der Faszinosum kann und darf nicht geleugnet werden, Wir müssen festhalten, dass keine Bewegung des 20. Jahrhunderts eine ähnliche Entschlossenheit und Anspannung aufzubauen imstande gewesen war wie die Nazis. So viel Begeisterung war noch nie. Was passierte in diesen Tagen? Und kann ähnliches wieder passieren? Der Nationalsozialismus muss angegriffen werden, um angegriffen werden zu können. Sonst bleibt der Zauber bestehen, ein Zauber, der weit über den Untergang hinausreicht. Das manifestiert sich in dem Gerede vom „kleinen Hitler“, der hergehöre, das man (nicht nur, aber) auch in seiner direkten Wortwahl ernster nehmen sollte als es getan wird. Es gibt tatsächlich nicht wenige Leute, die sich bestimmte Aspekte der Hitlerei wünschen ohne den Nationalsozialismus zu wollen. Nicht der Nazismus samt Genozid und Krieg wird herbeigesehnt, wohl aber eine radikale Bewegung, die ordentlich aufräumt. Darin besteht die Verwandtschaft und auch der Reiz des Populismus.

Nationalsozialismus, das ist die zu Gaskammern und Vernichtungskrieg gewordene Sehnsucht. Seine Anhänger spüren sich in ihm, indem sie spuren. Bedingungslos. Total. Sie befreien nicht ihre Gefühle, sondern sie entfesseln ihr Leiden, indem sie es aggressiv in die Welt tragen. Es wird negativ, was nicht positiv werden kann. Das ist freilich auch eine schreckliche Erkenntnis. Die kalte bürgerliche Geschäftswelt, das Diktat der Verwertung, schreit nach der Befriedigung der emotionalen Bedürfnisse. Der Faschismus und insbesondere der Nationalsozialismus sind dann die glänzendsten wie irrsten Varianten einer Fehlemotionalisierung. Die Entfaltung negativer Potenzen ist aber auch darauf zurückzuführen, dass die positive Energie, die in der Linken zumindest vorhanden gewesen war, nicht werden konnte. Es gelang schlicht und einfach nicht, eine Perspektive zu entwickeln, zu desolat und deformiert war die Linke selbst.

Ernst Bloch schrieb bereits 1930: „Nicht die , Theorie‘ der Nationalsozialisten, wohl aber ihre Energie ist ernst, der fanatisch-religiöse Einschlag, der nicht nur aus Verzweiflung und Dummheit stammt, die seltsam aufgewühlte Glaubenskraft. Dies Wesen eben hätte, wie jede Erinnerung an , Primitives‘, auch anders ausschlagen können, hätte man es, auf der , aufgeklärten‘ Seite, militärisch besetzt und dialektisch verwandelt, statt es bloß abstrakt auszukreisen. Indem der marxistischen Propaganda aber jedes Gegenland zum Mythos fehlt, jede Verwandlung mythischer Anfänge in wirkliche, dionysischer Träume in revolutionäre: wird am Effekt des Nationalsozialismus auch ein Stück Schuld sichtbar, eine nämlich des allzu üblichen Vulgärmarxismus. Große Massen Deutschlands, vor allem die Jugend (als stark organisierter und mythisch verflochtener Zustand), konnten schon deshalb nationalsozialistisch werden, weil sie der Marxismus, der sie deutet, nicht zugleich auch , bedeutet‘.“ „Man hat die Hölle wie den Himmel, die Berserker wie die Theologie kampflos der Reaktion überlassen. „12

Es mag hier nicht nur an der Terminologie einiges fragwürdig sein, trotzdem hat Bloch zentrale Momente in den Mittelpunkt seiner Analyse gestellt, die sonst kaum Eingang gefunden haben. Das nicht nur aus Verzweiflung und Dummheit Stammende, aber auf sie Hinauslaufende muss problematisiert werden. Die Deutung des Faschismus wie des Kapitalismus ist notwendig, es muss aber auch unbedingt gelingen, der Alternative selbst eine Bedeutung in den Menschen zu verschaffen. Das ist es wohl, was Bloch Gegenland nennt. Das Gegenland darf kein „Nowhere-Land“ sein, wie in dem bekannten Song von den Beatles (Nowhereman, Rubber soul, 1965). Aber als solches erscheint es. Die analytische Hinrichtung des Nazismus war absolut hilflos gewesen gegen die wirkliche Abschlachtung von Millionen von Menschen. Erst das Auftreten einer imperialistischen Gegenmacht und des Stalinismus brachten den Nationalsozialismus zum Einsturz. Es ist auch von einer ungeheuren Tragik, dass die Nazis (anders als etwa andere faschistische Bewegungen) nur von außen niedergerungen werden konnten, noch dazu von Kräften, die selbst der Regression und Aggression verpflichtet gewesen sind bzw. noch immer sind.

Der Nationalsozialismus war die rasende Bewegung, die gegen das ungeheuerliche Leben das Leben der Ungeheuer setzte. Wenn schon Konkurrenz, dann bis zur Liquidierung, wenn schon Verwertung, dann bis zur Vernichtung. Wenn es schon so sein muss, dann aber unbedingt und rücksichtslos und… Die schreiende Fratze des Führers offenbarte den Charakter eines geschlossenen Volkes. Die Nazis wurden nicht verführt, sie wurden geführt und sie lechzten danach. Nichts versetzte die Leute so in Erregung wie die Peitsche der Propaganda. Die meisten gehorchten nicht, weil sie getreten wurden, sie gehorchten, weil sie sich eins spürten mit der Herrschaft.

Natürlich ist es richtig, zu betonen, dass nicht gehorcht werden darf, doch wie soll das vonstatten gehen. Wenn Anpassung und Unterwerfung die obligaten bürgerlichen Realtugenden sind, warum soll dann ausgerechnet der absolute Gehorsam nicht als ultimative Konsequenz erscheinen. Ist nicht gerade die totale Unterwerfung das perfekte Surrogat gegen Drangsalierung und Zwang. Menschen, denen man permanent ihre Entscheidungen aufzwingt, beizubringen, sich keine Entscheidungen abnehmen zu lassen, ist ein heilloses Unterfangen. Nationalsozialismus ist Zuspitzung bürgerlicher Herrschaft, nicht Gegensatz. Ein definitiver Schlussstrich kann erst gezogen werden, wenn das, was den Nationalsozialismus hervorbrachte, ebenfalls Geschichte ist: Markt und Kapital, Geld und Konkurrenz, Staat und Nation.

* Aus: „Physiognomie der Zweiten Republik“ hg. von Gerbert Frodl, Paul Kruntorad, Manfried Rauchensteiner, Czernin-Verlag, Wien, Herbst 2005


Anmerkungen

1 Zit. nach: Robert Knight (Hg. ), „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“. Die Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung von 1945 bis 1952 über die Entschädigung der Juden (1988), Wien-Köln-Weimar 2000, S. 49.

2 Protokoll der 132. Ministerratssitzung vom 9. November 1948; zit. nach: Robert Knight (Hg. ), „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“, S. 145.

3 Protokoll der 52. Ministerratssitzung vom 14. Januar 1947; zit. nach: Robert Knight (Hg. ), „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“, S. 121.

4 Theodor Körner, Das Märchen vom Antisemitismus, Wiener Zeitung, 9. Februar 1947; zit. nach: Robert Knight (Hg. ), „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“, S. 121f.

5 Protokoll der 28. Kabinettsratssitzung vom 29. August 1945, zit. nach: Robert Knight (Hg. ), „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“, S. 85.

6 Die Presse, 18. Mai 2000, S. 9.

7 Kronen Zeitung, 4. Juni 2000, S. 2

8 Gerd Leitgeb, „Versöhnungsgeld“ – und dann muss Schluss sein, Täglich Alles, 9. Juli 2000, S. 3.

9 Erich Geppert/Karl Pichler, 800 Jahre Heidenreichstein, Heidenreichstein o. J. (2004), S. 222.

10 Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz (1966), Gesammelte Schriften 10.2, Frankfurt am Main 1997, S. 674.

11 Ebenda, S. 677.

12 Ernst Bloch, Amusement Co. , Grauen, Drittes Reich (1930); in: Ernst Bloch, Viele Kammern im Welthaus. Eine Auswahl aus dem Werk. Hg. Von Friedrich Dieckmann und Jürgen Teller, Frankfurt am Main 1994, S. 351-352.

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