Von der Industrie zur Fantasy

Abseitige Anmerkungen zur Entwicklung einer abseitigen Region: das Waldviertel

von Franz Schandl

Das Waldviertel bildet neben dem Weinviertel den nördlichsten Teil Österreichs, örtlich grenzt es an das dichter besiedelte Südböhmen, geologisch ist es der Böhmischen Masse zugehörig. Die sanft-hügelige Landschaft ist gekennzeichnet durch Schlösser, Burgen, Klöster, Teiche, und vor allem natürlich Wälder. Der ursprüngliche Laub- und Mischwald (hauptsächlich Buchen) ist inzwischen weitgehend von einer Nadelwaldmonokultur (Fichten und Föhren) verdrängt worden.

An historischen Großereignissen hat das Waldviertel hingegen kaum etwas zu bieten, sieht man von dem fragwürdigen Umstand ab, dass des Führers Vorfahren aus der Gegend des später von den Nazis errichteten Truppenübungsplatz Döllersheim stammen. Auch dessen bewundertes Vorbild, Ritter Georg von Schönerer, großdeutscher Abgeordneter des österreichischen Reichstags und Ziehvater eines aggressiven und militanten Antisemitismus, residierte bis zu seinem Tod 1921 auf Schloss Rosenau.

Den Großteil der Bevölkerung bildeten einst Bauern, kleine Handwerker und Kleinhäusler („Keuschler“). Im 19. Jahrhundert wurde die textilverarbeitende Industrie zu einem wichtigen ökonomischen Faktor. Später kam auch die Metallindustrie dazu. Insbesondere im Nordwesten des Viertels, in den Grenzbezirken Gmünd und Waidhofen an der Thaya bildeten sich Gemeinden heraus, in denen bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Arbeiter und ihre Familien die Mehrheit stellten. Eine davon ist Heidenreichstein, wo ich aufgewachsen bin.

Als Arbeiterkind war die Frage nach der Beschäftigung der Eltern leicht zu beantworten: Vater Metall, Mutter Textil. In meiner Schulzeit herrschte Aufbruchsstimmung. Kreisky war gerade an die Regierung gekommen, und selbst die Proletensprößlinge gingen auf einmal nicht nur ins, sonders „aufs“ Gymnasium, weil Schulfahrt und Schulbuch gratis geworden waren. Das Leben pulsierte, zum Schichtwechsel um 14 Uhr war die Stadt regelrecht überlaufen.

Wirtschaftlicher Niedergang

Heute herrscht gähnende Leere, nimmt man den Sommer aus. Wer des Abends an einem herbstlichen Wochentag über den Stadtplatz schlendert, empfindet die Kleinstadt (aktuell 4500 Einwohner) völlig ausgestorben, selbst die Wirtshäuser haben oft schon geschlossen, weil es keine Gäste gibt. Von den Fabriken, in denen meine Eltern in den siebziger Jahren tätig gewesen sind, ist nichts mehr übrig geblieben. Industrieorte wie Heidenreichstein hatten unter der beginnenden Rezension schwer zu leiden. Tausende Arbeitsplätze lösten sich binnen eines Jahrzehnts ins Nichts auf. Die Krise war schon zu einem Zeitpunkt da, wo sie andere nur vom Hörensagen kannten.

„Das Waldviertel wies mit Billiglohn, hohem Frauenanteil, niedriger Qualifikation, mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten und geringer Arbeitsplatzstabilität sämtliche typischen Charakteristika eines sekundären Arbeitsmarktes auf“, schreibt die Wirtschaftshistorikerin Andrea Komlosy. „Um diesbezügliche Investitionen in ihrem Ort anzuregen, warben die Gemeinden mit Steuererleichterungen und der Aufschließung von Industriezonen. Viele der damals als regionalpolitische Durchbrüche bejubelten Gründungen haben ihre Tore im Waldviertel aufgrund des Trends zur Auslagerung arbeitsintensiver Fertigung in Billiglohnländer indes längst wieder geschlossen“. Letztlich war die Waldviertler Industrie über den Status einer verlängerten Werkbank nie hinausgekommen. Die Zentralen der Firmen lagen anderswo, so groß die Ableger im Waldviertel auch sein mochten. Die Phase des Aufstiegs dauerte nur wenige Jahre, so von 1960 bis 1975. Dem Niedergang konnte auch eine forcierte Regionalpolitik wenig entgegensetzen, sämtliche „Waldviertelpläne“ blieben unter ihren Zielsetzungen. Einzelne Fabriksteile werden seitdem museal verpackt und zur Sehenswürdigkeit hergerichtet.

Jahrelang hat man den Waldviertlern eingeredet, es sei die geographische Randlage entlang der sogenannten „toten Grenze“, die blühende Wirtschaftsstandorte verhindert. Diesbezüglich hat sich aber nichts geändert. Einzig das Ressentiment gegenüber den Tschechen dürfte – trotz Temelin – im Schwinden begriffen sein, zumindest hört man Stehsätze wie, dass der Böhm ein falscher Hund sei, seltener. Dass bedeutet aber keineswegs, dass die Vorurteile reflektiert oder gar aufgearbeitet wurden, sondern dass die „alten Geschichten“ an Bedeutung verlieren. Bedrohlich erscheint weniger der Revisionismus als die Indifferenz und das Desinteresse, was historische Zusammenhänge betrifft. Alles ist irgendwie ambivalent: Die gleichen Leute, die sich über die tschechische Konkurrenz aufregten, kauften jahrelang „drüben“ die billigen Lebensmittel ein, tankten billigen Sprit, gingen billig essen oder ließen sich billiges Heizmaterial zustellen. In der Zwischenzeit ist die Preisdifferenz aber um vieles geringer geworden, so dass es sich kaum auszahlt.

Was die ökonomische Seite betrifft, wird die Ostöffnung sowohl im Positiven wie im Negativen überschätzt. Allerdings hat man es als herben Schlag empfunden, als Mitte der Neunzigerjahre der einzige Direktzug („Vindobonna“) von Wien über Gmünd nach Prag und Berlin, eingestellt wurde und nunmehr über das Weinviertel und Mähren fährt. Auch wenn jemand mit dem Auto oder Lastwagen von Wien nach Berlin will, nimmt man die längeren Strecken über Brünn oder gar Nürnberg in Kauf. Das Waldviertel liegt zwar mittendrin, aber doch abseits – abseits bedeutender Städte, abseits wichtiger Verkehrsströme, abseits des großen Geldes.

In den meisten Dörfern gibt es heute weder Geschäfte noch Gasstätten. Von zwanzig Landwirten sind gerade mal zwei übriggeblieben. Und auch die existieren nur ob der Fördergelder der EU. Es rechnet sich nicht mehr. Die Rasanz der Entwicklung ist schneller als das Denken, zumindest wenn man darunter mehr versteht als die Flexibilität genannte Unterwerfung unter den Markt. Aber selbst zu dieser sind immer weniger imstande, zu rasch ändern sich die Anforderungsprofile. Vierzigjährige Textilarbeiterinnen werden umgeschult und lernen brav für den Computerführerschein, um nachher ebenso arbeitslos zu sein wie vorher. Weg können sie ja nicht. Meistens sind Kinder zu versorgen, Alte zu betreuen und ein mühsam errichtetes Eigenheim abzuzahlen.

Andere freilich flüchten in Scharen. Gut ausgebildete Arbeitskräfte und junge Menschen ziehen in die Ballungsräume. Der Bevölkerungsschwund ist drastisch. Heidenreichstein verlor zwischen 1971 und 2001 mehr als ein Fünftel der Bevölkerung. Umgekehrt zieht das Waldviertel betuchte Schickis und Großstadtaussteiger an. Und es ist auch nicht allzu teuer. Nirgendwo sonst sind die Grundstückpreise so niedrig, nirgendwo sonst können Schlösser, Höfe oder aufgelassene Schulen so günstig erworben werden wie hier. In manchen Gemeinden kostet der Baugrund pro m² nicht einmal 10 Euro.

Regionale Euphorisierung

Wo die Industrieproduktion fallend ist, ist die Ideologieproduktion steigend. Je schlechter die soziale Situation, desto mehr Feste steigen. Die Stimmung ist besser als die Lage, zumindest wenn man dem positiven Denken der Werbung vertraut. Was die Reklame betrifft, haben sich durchaus ungeahnte Kapazitäten entfaltet, man setzt heute auf Tourismus und Veranstaltungen. PR-mäßig war das Waldviertel deshalb ein Vorreiter, weil hier die Krise schon sehr frühzeitig mit ganzer Wucht zugeschlagen hat.

Jeder Waldviertler sein eigenes Prospekt, das ungefähr dürfte der intuitive Imperativ sein, der die Leute vor sich hertreibt. Gratiszeitungen, die jeden Haushalt beglücken, und wo Anzeigen und redaktioneller Teil nicht mehr zu unterscheiden sind, boomen. Regionale Euphorisierung ersetzt reales Bewusstsein. Das offizielle Waldviertel gebärdet sich als sei es ein Laboratorium Guy Debords: „Die Gesellschaft, die das Spektakel trägt, beherrscht die unterentwickelten Gebiete nicht allein durch ihre wirtschaftliche Hegemonie. Sie beherrscht sie auch als Gesellschaft des Spektakels. Dort, wo die materielle Grundlage noch fehlt, hat die moderne Gesellschaft bereits spektakulär auf die gesellschaftliche Oberfläche (… ) übergegriffen“.

„Ein Waldviertler sind drei Leut'“, heißt einer dieser flotten Sprüche, die das mangelnde Selbstbewusstsein ersetzen wollen. Ein Standort ist im Standortfieber. Permanent schlägt einem ein unsägliches „Wir“ entgegen, dass alles und jeden miteingemeindet, prähistorische Granitblöcke ebenso wie mittelalterlicher Klöster oder postmoderne Künstler. Das Waldviertel ist nicht bloß eine Region, es ist eine Religion, an die man nur fest glauben muss. Es tut sich was. Das Waldviertel ist in.

Kein Stein, dem man nicht eine mystische Deutung zuerkennt oder besser: aufdrängt. Manche neue Namensgebungen sind direkt vom Marketing erfunden. Unter Teufeln und Hexen, Druiden und Blutopfern tut man es nicht. Vor allem keltische Magie, oder das, was man dafür hält, spielt eine große Rolle. Die kommerzielle Umwegrentabilität der Steine schreit geradezu danach, diese zu Kult- und Opferstätten zu erheben. Bei den beworbenen Schalensteinen handelt es sich um Granit-Restlinge der Böhmischen Masse. Dass deren Schalen (Einbuchtungen) Folge natürlicher Verwitterungserscheinungen in großen Zeiträumen sind, ist uninteressant, weil nicht vermarktungstauglich. Da kommt kein Wiener, geschweige denn ein Deutscher ins Waldviertel. Daher weiß die Legende anderes zu berichten, ist die Mystifizierung der Welt der Schlüssel zum Geld.

Die Produktion von Märchen hat Hochsaison. Die Erzählungen sind nicht mehr die Geschichten der Leute, der mündlich oder schriftlich tradierte Sagenschatz, sondern die zugerichteten Stories der Kulturindustrie. Das Waldviertel ist zu einer Fantasy-Hölle esoterischer Spekulation geworden. Keine Geschichte, die man ihm nicht andichten kann. Was früher die Kirche besorgte, betreibt heute die Fremdenverkehrsindustrie.

Im krisengeschüttelten Heidenreichstein baute man mit großzügiger Unterstützung öffentlicher Fördergelder einen Erlebnispark, die „Anderswelt“. Dabei handelt es sich um eine Art Geisterbahn für Erwachsene, erzählt wird die Geschichte zweier Forscher, die im „Nordwald“ verschwunden sind; aufgemascherlt ist das Ganze mit einer Moorleiche, einem fliegenden Geländewagen und sonstigen Wilden Jagden. „Ist die Wirklichkeit wirklich wirklich? „, wird da gefragt. Ja doch, ja leider, sollte man meinen, aber nix da. Propagiert wird die Flucht aus der Realität. Was philosophisch garniert daherkommt, ist eine Verdrängungsleistung sondergleichen. Es geht um die Fiktionalisierung des Daseins durch die Erbauung kulturindustrieller Projektionen, die als Surrogate der Befriedigung dienen sollen.

Das Geschäft will freilich nicht so recht in Gang kommen, wohl weniger aufgrund des gebotenen Programms (das würden die Leute schon schlucken), sondern weil die Stadt ganz einfach zu weit weg von den Zentren liegt. Die Pensionistenbusse machen das Kraut nicht fett. Insider geben der Anderswelt gerade noch zwei Jahre. Gefordert wird daher, wie könnte es anders sein, eine Autobahn, und die örtliche Haider-Partei ist ganz böse, weil sie diesen Wunsch schon viel früher als die Sozialdemokraten in ihrem Programmkatalog hatte.

Der spezifische Reiz des Waldviertels läge eigentlich in einer ereignislosen Fadesse. Die jedoch darf absolut nicht geduldet werden, daher wird die Gegend von Events regelrecht überschwemmt. Was da zerstört wird ist, ist eines der letzten mitteleuropäischen Reservate der Langeweile. Das ist nämlich mit der Vermarktung eines Standorts unvereinbar. Was ist schon die Ruhe gegen ein Symposium über die Stille? Was schlichtes Wohl-Fühlen gegen ein teures Wellness-Seminar? Und man schwafle nichts von Unberührtheit. Unberührt ist hier gar nichts mehr, im Gegenteil die künstliche Befruchtung durch den Markt ist oberstes Naturgesetz.

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