Jenseits von Arbeit, Ware und Wert

von André Gorz

An der Ausrichtung und Aktivität eures Kreises begeistert mich ganz besonders, dass es keinen Unterschied gibt zwischen eurem Ziel und eurer Praxis. Die gesellschaftlichen Beziehungen, die ihr miteinander pflegt, scheinen frei zu sein von den vorherrschenden Formen von Machtwillen, Besserwisserei, Eitelkeit. Mit einigen von euch habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Freude und Lust zum Geben und Annehmen ansteckend und befreiend wirken. Ihr seid die Gruppierung, der zuzugehören ich wirklich Lust hätte. Leider bin ich ein alter klapperiger Mann, der sich nur aus der Ferne für euer Unterfangen begeistern kann.

Dieses Unterfangen hat in meinen Augen folgende Bedeutung: Leute, deren Kompetenzen das Kapital absolut braucht, erbringen auf höchstem technischen Niveau den Beweis, dass die für die Produktion von Wissen adäquateste und effektivste Produktionsweise den kapitalistischen Produktionsverhältnissen in allen Punkten widerspricht. Sie zeigt die praktischen Vorteile gesellschaftlicher Verhältnisse jenseits von Arbeit, Ware und Wert; die praktisch erfahrbare Möglichkeit derartiger Verhältnisse; die unerträgliche Beschränkung, die der Verwertungszwang der Entfaltung des menschlichen Potentials aufzwingt; und schliesslich die Möglichkeit, die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse auf einem für den Kapitalismus strategisch wichtigen Gebiet zu stören und zu destabilisieren.

Die Frage stellt sich hier ganz konkret: Wie lassen sich die Prinzipien einer freien Produktionsweise praktisch auf andere oder gar sämtliche gesellschaftlichen Tätigkeitsbereiche ausdehnen? In einer Zeit grösster Krisenanfälligkeit ist die Frage von besonderer Bedeutung. Die Keime einer Antwort könnten in „argentinischen“ Umständen in relativ kurzer Zeit Wurzeln schlagen.

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