Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau, nicht schlecht, nicht anspruchslos, nicht gut genug

Streifzüge 1/2003

von Lorenz Glatz

Für ein Leben in dieser Gesellschaft ist die Spezies Mensch sehr schlecht gerüstet. Aus der Evolution sind wir über bloß biologische Maßstäbe zu gesellschaftlichen Lebenwesen hinausgewachsen, die sich in vielerlei Art bewusst aufeinander beziehen und kooperieren müssen, um lebensfähig zu sein. Das moderne gesellschaftliche Leben jedoch bringt uns in Widerspruch dazu: es setzt isolierte Individuen voraus, die grundsätzlich miteinander konkurrieren und auch ihre Kooperation diesem „Krieg aller gegen alle“ unterordnen. Um uns in einer so wenig lebensfreundlichen Umgebung überhaupt lebensfähig zu erhalten, braucht es – wie im Krieg üblich – eine Etappe, ein Hinterland mit Lazaretten, wo wir unsere Wunden versorgen und uns wieder fit machen sollen für den mannhaften „Kampf ums Dasein“, einen eigenen, von der offiziellen Gesellschaft abgespaltenen, ins Familiäre und „Private“ abgedrängten, „weiblichen“ Bereich, ohne den der gesellschaftliche Burnout binnen kürzestem unabwendbar wäre.

Es ist nur logisch, dass diese „Lebens“ weise nur in der Form jahrhundertelanger kriegerischer und polizeilicher Gewalt über die widerstrebende Menschheit kommen konnte, bis es gelang, diese Zustände nicht nur gewaltsam aufzuzwingen, sondern sie auch zu stabilisieren. Von da an präsentierten und präsentieren die Schönredner des Systems dieses den Nachgeborenen als naturgegeben wie die Schwerkraft. Heutzutage beginnt sich diese Stabilität jedoch wieder in das aufzulösen, aus dem sie gekommen ist – in blanke Gewalt. Sie sickert überall auf der Welt auf jeder Ebene der Gesellschaft hervor oder bricht offen aus, zwischen Individuen, zwischen verschiedenartigsten Banden und zwischen Staaten. 1

Das ursprünglich in den frühneuzeitlichen Militärdespotien für den Bau und die Finanzierung von Kanonen und Festungen umfassend forcierte Kapitalverhältnis brauchte zu seiner Entwicklung bekanntlich die Abpressung und den Raub großer Geldmengen sowie die massenhafte Verwandlung von ihrem Land vertriebener Bauern in „Arbeiter“. Damit verbunden war eine soziale und psychische Verstümmelung der Menschen: Ihre überkommenen sozialen Beziehungen, Anrechte, Sicherheiten und Gestaltungsmöglichkeiten wurden von den sich formierenden modernen Staaten mit Bürokratie, Polizei und Militär kassiert bzw. wurden sie auf den sich entwickelnden Märkten Zug um Zug gegenstandslos. Die Arbeitshäuser, in denen die zu Landstreichern gemachten Bauern zur „Arbeit“ – zur fremdbestimmten Tätigkeit ohne Bezug aufs eigene Leben – gezwungen wurden, die Landsknechtarmeen der frühmodernen Fürsten, die seit dem 15. Jhdt. für Sold Europa verheerten, und der Opfergang überhaupt aller der Kriegsmaschine Unterworfenen – das waren die Schulen, in denen der moderne Mensch in blutigen Lektionen gebildet wurde, in denen sein Eigenwille gebrochen und ihm neue Imperative eingepflanzt wurden und in denen er schließlich lernte, Arbeit als Tugend, Morden als patriotische Pflicht und der Staatsgewalt weitestgehend schutzlos ausgesetzt zu sein als eine Naturgegebenheit des Lebens zu begreifen.

Die Auslieferung der Gesellschaft an die Zwänge der Geldvermehrung auf der einen Seite und der neuen souveränen Staatsmacht, die sich Zugriff auf alles und jeden verschaffte, auf der anderen Seite sind der Geburtsprozess der modernen Ökonomie und Politik. Diese historische Herkunft prägt ihren Charakter als den Menschen absolut beherrschende, sein Leben durchdringende Zwillingsmächte. Für jene Auslieferung war eine Art Entgesellschaftung des Menschen unabdingbar, sie setzte die gewaltsame Reduktion des animal sociale voraus, eine Reduktion des Einzelnen auf isoliertes, aller weiteren Bestimmungen entkleidetes, unterworfenes, nacktes Leben. Ein Leben, das nicht mehr einfach durch sein Dasein in der Gesellschaft als Gottesgabe schon unbestreitbar war, sondern nunmehr erst einen Wert und eine Be- Rechtigung erhielt durch seine Brauchbarkeit (und Bewährung) für Dinge, die mit ihm nichts zu tun haben, also abstrakt sind, nämlich für den Dienst an der Kapitalverwertung und am souveränen Staat.

Erzwingen ließ sich das nur mit der Fuchtel des Söldlings eines Fürsten und mit dem Stock des Arbeitshaus-Aufsehers. Mit der Niederlage und Resignation des Widerstands verfestigte sich die „flüssige“ Gewalt zu Gesetz und Ordnung, der disziplinierte Arbeitshäusler wurde zum Untertan des Rechts und des Gewaltmonopols des Staates sowie zum Verkäufer seiner selbst am Markt. Doch auch mitten in dieser „Befriedung“ stehen die Stätten für die Einübung in den „Ernst des Lebens“ im Arbeitslager der Verwertung, ins Ausgeliefertsein der auf sich selbst Gestellten: die Schule, die Armee, das Arbeitsamt und das Gefängnis für die Renitenten.

Nach fünfhundert Jahren Durchsetzungsgeschichte dieser Preisgabe von Menschenleben an abstrakte, nichts desto weniger ungemein wirksame Prinzipien beziehen auch Machthaber in Politik und Wirtschaft ihr Selbstbewusstsein und Wohlgefühl nicht mehr von ihrem Lebensgenuss, sondern vom (Geld-)Wert ihrer „Arbeit“. Sechzig und mehr Stunden Einsatz in der Woche gelten als Qualitätsmerkmal, und die Frage nach Sinn oder Unsinn, nach Nutzen oder Schaden dieser Tätigkeit für die Gesellschaft, für ein „Gutes Leben“ der Menschen löst leicht Unverständnis oder Aggression aus. 2 Eine eingehende Beschäftigung damit wäre der (Arbeits)Moral des Nachdenkenden auch sicherlich abträglich. Seit zwei Jahrhunderten wird der Kampf um soziale Fragen fast nur noch in den nicht mehr hinterfragten siegreichen Formen von Ökonomie und Staat, von Lohnarbeit und Kapital auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Begriffe geführt. Die durchschlagskräftigste Bürgerbewegung war dabei die der Arbeiter. In ihrem Kampf um soziale und politische Anerkennung setzten sie die Gleichheit vor dem Gesetz und die Freiheit auf dem Markt durch. Sie überwanden nicht die bürgerliche Gesellschaft, sondern vollendeten sie, indem sie die Institution ihrer Unterwerfung unter Wert und Geld, die Arbeit, zum höchsten Gut machten und eine Welt von „Mitarbeitern“ schufen. Zum Souverän und Wächter dieses Zustands der Entmündigung wurden schließlich die Betroffenen selbst, die sich als Volk nunmehr in Selbstbeherrschung üben. Für die heutigen eingefleischten Demokraten ist daher schon jeder Gedanke an Befreiung aus diesem Zustand fast eine Zumutung, ja sie fürchten sich davor wie die zeitlebens in der Legebatterie sitzenden Hennen vor dem offenen Land. Dass Depression in den Ländern mit Statistik unter den verbreitetsten Krankheiten ausgewiesen wird und hunderte Millionen ohne Drogen den Alltag nicht mehr schaffen, ist da wohl nur konsequent.

Dabei wären Gedanken über eine grundlegende Änderung unseres Lebens höchst an der Zeit. Die „schöne Maschine“ des Kapitalismus hat den Takt verloren. Staat, Nation, Klasse, Markt, Arbeit, Geld und Kapital sind nicht mehr abgestimmt, sie funktionieren nicht mehr recht, die Widersprüche sind nicht mehr lebbar, die festen Regeln schmelzen zu dem, woraus sie entstanden sind – zur offenen Gewalt. Das siamesische Zwillingspaar mit dem einen Herzen steht vor dem Infarkt. Die erlahmende Verwertung kränkt das Kapital und lässt den Staat (ver)hungern. Die Ökonomie, das ohnehin stets krisenhafte Fundament des Staats, bricht unter diesem weg und wächst zugleich über ihn hinaus. Die einen Staaten gehen bankrott, weil ihre Wirtschaft in der Konkurrenz erliegt, andere geraten finanziell ins Trudeln, weil ihre weltmarktgängigen Konzerne die nationalen Schranken gesprengt haben und Steuergeld kassieren statt zu zahlen3, Bedingungen stellen und keine mehr sich stellen lassen. Dass der Staat damit als Regulator ohnmächtig wird, ist ebenso ein Schlag gegen seine Souveränität wie die Sinnentleerung seiner Aufgabe, Herstellung, Kauf, Verkauf und gute Führung der Ware Arbeitskraft zu kontrollieren in einer Zeit, wo diese Warensorte auf Dauer Brauchbarkeit und Wert verliert. Wozu auch sollte Expansion qua Eroberung noch gut sein, wenn doch, was irgendwo verwertbar ist, schon offen steht und Herrschaft über Mensch und Land wie diese selbst nicht lohnt.

Dass als Mensch immer nur gedacht war, wer zum Gesellschaftszweck der Geld- und Kapitalvermehrung was beizutragen hatte, wird nunmehr grell deutlich, wo Milliardenmassen unverwertbar werden. Wertlos heißt auch rechtlos: Asylanten werden Schüblinge, Freiwild, abgefackelt, gegen Wirtschaftsflüchtlinge steht das Heer jetzt an der Grenze, Arbeitslose sind Sozialschmarotzer, und sind kranke Rentner noch jede ärztliche Behandlung wert? Krieg und Besetzung werden auch zum Mittel der Ausgrenzung in der Konkurrenz: die mit Arbeit noch irgendwie Versorgten versuchen sich die Überflüssigen vom Leib zu halten, äußerer Krieg als Fortsetzung der Verdrängungskonkurrenz daheim.

Die Militärmaschinen, mit denen die Herrschaft von Souveränität und Arbeit über die Gesellschaft errichtet wurde, bestehen auch im Verfall der Prinzipien noch weiter, wenn auch weithin nur noch als Marodeure. Wenn Unterwerfung nicht mehr rentabel oder jenseits aller Möglichkeiten ist, bleibt vom Geschäft noch mindestens Mord, Plünderung und Zerstörung. Die Unnützen werden zum Neutrum: Unnützes muss nicht geschont werden, ist zur Vernichtung freigegeben. Welche Ausmaße das anzunehmen droht, ist im Bewusstsein der meisten Menschen (noch) nicht präsent. Ohne dass es Massenproteste ausgelöst hätte, ist die Drohung der atomaren Selbstvernichtung der Menschheit aktueller da denn je. Die angelsächsische Weltpolizei bedroht heute „Schurkenstaaten“ unverblümt und offen mit atomarer Vernichtung, und auch beim Gegenbild des Kriegs, beim Terror, steht der nuklearen Eskalation seit dem 11. September nicht mehr viel im Wege. 4 Es ist kein Gleichgewicht des Schreckens mehr, dem Verhältnis fehlt die Symmetrie, das jeweilige Gegenüber ist ziemlich wehrlos, die Ebenen sind verschieden, sie treffen erst in der Gewalt und ihren Folgen zusammen. Daher schreckt der Plan des einen Angriffs den anderen nicht länger ab, auch ist es müßig, Selbstmördern mit dem Tod zu drohen. 5 Dass sie solche sind, scheinen allerdings nur die des Terrors schon zu wissen. Das Ende dieses Weg wäre das Ende unserer Schwierigkeiten mit „diesem Leben“ in der globalen Selbstvernichtung. Zu ihrer Vermeidung und zur Suche nach einem Ausweg soll die Einsicht in die Gefahr beitragen, und ein ganz klein wenig vielleicht auch noch eine Überlegung am Schluss dieser Zeilen.

Über die Schwierigkeit, gegen das eigene Dasein zu denken und zu handeln

Wer sich mit der Gesellschaft theoretisch beschäftigt, tut das überlicherweise im Sold einer Universität oder eines vergleichbaren Instituts, im finanziell natürlich weit ungünstigeren Fall nur als Redakteurin oder Beiträger einer Zeitschrift wie der vorliegenden. Was er/sie denkt, vorträgt und schreibt, ist für zahlende oder subventionierte Zuhörer und Leserinnen bestimmt.

Dabei ist keineswegs bloß Begründung und Verteidigung des Vorherrschenden nachgefragt, auch Gesellschaftskritik, selbst radikale, ist unverzichtbar und hat ihren Markt und Gebrauchswert – als Grundlage von Änderung, als Korrektiv des Status quo oder als Selbstvergewisserung der Affirmation. Die Verhältnisse sind einigermaßen klar: Die Denkerinnen, Vortragenden und Schreiber müssen dem Institutserhalter, der Hörerin und den Käufern Geld wert sein, und diese erwarten vom Produkt jener einen Beitrag für ihre Zwecke – ob sie sich nun orientieren wollen, um besser voranzukommen „in dieser Welt“, ob es um die Ausgestaltung, Reparatur und Reform, um die Umwälzung oder Stabilisierung der Gesellschaft geht. Der Vorgang ist eingespielt, es gibt Lehrbetrieb, Vortrags-, Veranstaltungs-, Verlags-, Redaktions- und Abonnenmentwesen, Einbindung in weltanschauliche Richtungen und/oder gesellschaftliche Machtstrukturen.

Für eventuelle praktische Konsequenzen allfälliger Erkenntnisse ist nach herrschendem Verständnis die Politik zuständig mit allen ihren oft gegensätzlichen Verfahren, Spielarten, Richtungen und Organisationsformen, den legalen wie den illegalen, den Verteidigern der Macht im Staat und denen, die an sie wollen, den Reaktionären, den Reformisten und den Revolutionären. Doch was immer sie anstellen, sie entkommen der grundlegenden Verfassung der Dinge nicht: Wer sich als homo politicus versteht, hat sich als homo oeconomicus schon mit verstanden, als die beiden unzertrennlichen Ausprägungen des Kämpfers im mehr oder weniger regulierten bellum omnium contra omnes (Krieg aller gegen alle) in der Gesellschaft der Neuzeit. Und dies noch dazu in einer Phase, wo all dies aus dem Ruder läuft und in der Politik das kleinere Übel dem großen, mit dem es sich prügelt, schon sehr ähnlich sieht.

Der notwendige Bruch mit diesen Verhältnissen kann vermutlich selbst im Denken nicht über die ersten Anfänge hinauskommen, wenn die Denkenden nicht auch das eigene Waren- und Konkurrenzsubjekt ins Auge fassen und zum Gegenstand der Diskussion und zu einem praktischen Problem machen. Nicht nur ganz allgemein in der Lebenspraxis, sondern auch schon im theoretischen Bemühen gehört es zu den Bedingungen unseres Erfolgs, dass mit der Kampfhundmentalität dieser Gesellschaft im Denken und Handeln bewusst gebrochen wird, wenn wir hinauskommen wollen über den Terror der Ökonomie und das Fiasko der Politik.

Anmerkungen

1 Für natürlich weitaus eingehendere Überlegungen nicht nur zu diesem Detailthema verweise ich auf das neu erschienene Buch von Robert Kurz: „Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung“. Die Schrift ist so unruhig, beunruhigend und uneinheitlich wie die behandelte Thematik. Es enthält neben theoretischen – im einzelnen durchaus diskussionsbedürftigen – Teilen auch stark deskriptive, es geht umfangreich auf die zeitgenössische Debatte ein und scheut auch vor scharfer Polemik nicht zurück.

2 Ein „beruflich erfolgreicher“ junger Mann, der durchaus für kritisch gelten will, formulierte mir gegenüber die im Grunde schon autoaggressive Anspruchslosigkeit des Arbeitsmenschen so: „Meine Arbeit ernährt ihren Mann und bringt niemanden um, zumindest nicht direkt.“ Und ich nehme an, dass das ein weitaus höherer Anspruch ist, als viele ihn stellen (dürfen).

3 Das ist auch im Mainstream längst nicht mehr unbekannt. So sagte US-Wirtschaftswissenschafter Lester C. Thurow, einer der Star-Ökonomen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Interview in Der Standard, 28.1.2000: „Da keine politische Macht fähig ist, die Menschheit ideologisch zu führen, regieren künftig globale Konzerne und ungezügelter technologischer Fortschritt die Welt. Heute erteilen Firmen den Ländern Befehle. (… ) Diese Firmen entrichten nicht Steuern an Staaten, sondern die Einwohner dieser Staaten zahlen Steuern an die Unternehmen. Die mächtigen Konzerne sind zu Steuerkollektoren geworden. Wenn man eine globale Wirtschaft ohne eine globale Regierung hat, erhöht sich die Verhandlungsmacht der Unternehmen. Firmen sind mobil, Länder nicht. Der politische Prozess – bis hin zur Gesetzgebung – wird heute von Firmen beherrscht. “

4 So der britische Verteidigungsminister Hoon vor dem Verteidigungsausschuss des Londoner Unterhauses (Der Standard, 22.3.2002). Zu den Plänen der USA siehe den Bericht von Markus Bernath in Der Standard, 12.12.2002. Das Archiv der Zeitung ist zurück bis 1996 nach Anmeldung unentgeltlich im www zugänglich: http://derstandard.at

5 Für diesen postmodernen Krieg gilt jedenfalls, was Martin von Crefeld allgemein vom Krieg behauptet: „In gewisser Weise ergibt der Krieg (… ) nur dann einen Sinn, wenn er nicht als ein Mittel, sondern als ein Zweck empfunden wird (… ) der wahre Kern des Krieges besteht nicht darin, dass die eine Gruppe einfach eine andere tötet, sondern in der Bereitschaft der Mitglieder, wenn nötig selbst getötet zu werden.“ (Die Zukunft des Krieges, New York 1991, dt. München 1998, S. 322)

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