Neue Medien, alte Scheiße

BAUSTEINE ZUR THEORIE DER VERSCHALTETEN WELT

Streifzüge 1/2002

von Christoph Hesse

„Hier ist alles klar. Nein, es ist nicht alles klar. Aber der Diskurs muss weitergehen. Also ersinnt man Obskuritäten.“ (Beckett, Der Namenlose)

I.

Seit man Marshall McLuhan einen Zukunftsforscher genannt hat, ist der Weg frei für allerlei Medientheorien, die ihre Lagebeobachtungen in kunterbunte Science Fiction hinein verlängern. 1 Die These, dass wir vom alphabetischen in ein visuelles Zeitalter übergetreten seien (was übrigens Filmtheoretiker wie Béla Balázs seit den zwanziger Jahren geäußert haben), ist noch die geringste und deshalb selber hoffnungslos veraltet. Die Schlagworte nehmen bis heute kein Ende. Ihren Sirenen zu entfliehen, tut man als steckengebliebener Aufklärer gut daran, sich Wachs in die Ohren zu stopfen, in diesem Fall: die Position des naiven Weltgängers einzunehmen, dem das Medienuniversum so überhaupt nichts sagen will. Das führt zu Beobachtungen, die immerhin die Medientheorie selber nicht machen kann, da sie alles in der Welt, Geschichte und Zukunft einbegriffen, aus der Zentralperspektive der digitalen Hypermedien durchmustert, dergegenüber jedes Außerhalb als entweder schon darauf bezogen oder imaginär abgetan wird.

Wer sich trotzdem in die Außenwelt begibt und für einen Augenblick den ihm nächstliegenden Medien der Sinneswahrnehmung traut, stellt fest: weder hat sich die Welt, in der wir es aushalten müssen, zum globalen Dorf verdichtet – wer die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten heute mit dörflicher Intimität zusammenbringen möchte, hätte zumindest zu berücksichtigen, dass der große Teil der Menschheit aus diesem Dorf ausgesperrt bleibt -, noch bewegen sich Sein und Schein derart aufeinander zu, dass die Erfahrung der Beteiligten keine Vorstellung von Wirklichkeit mehr zuließe, die nicht bloß medial produzierter Schein wäre. Der gröbste Materialismus, dass nämlich die Menschen, damit sie irgendwie sind, essen und trinken müssen, behält Recht gegen die mittlerweile selber ausgelaugten Thesen von Schein und Simulation. Der sogenannte E-Commerce liefert die bestellten Waren weiterhin mit der Postkutsche, und eine Datenautobahn für handgreifliche Dinge ist lange nicht in Sicht.

Man findet mühelos Gründe, der Medientheorie so etwas wie mangelnde Bodenhaftung vorzuhalten. Allein das wäre noch kein Grund, ihr deshalb zu misstrauen. Nicht immer die dümmsten Gedanken sind dadurch zustande gekommen, dass einer von der Welt die Nase voll und sich darum eine andere gesucht hat. Der Mangel solcher Medientheorie scheint umgekehrt vielmehr der zu sein, dass sie, wo es darauf ankäme, gar nicht genug übertreibt; wo Utopie gefragt wäre, sie bloß im Tonfall eines Kanzlerkandidaten , Visionen‘ an die Wand malt. Dass das vor uns liegende Jahrhundert die Menschen endgültig an Bildschirme und Datenhelme fesseln soll, ist als Perspektive nicht radikal, sondern im altherkömmlichen Sinne kulturpessimistisch. Mit seinem historischen Vorgänger teilt dieser Kulturpessimismus die auf den ersten Blick paradoxe Mischung aus Schicksalsglaube und praktischer Affirmation, einer wider Willen geschichtsteleologischen Mystik und Pragmatismus im Alltag. Wer hier und heute sein Verschwinden in Schaltkreisen ankündigt, ohne etwas dagegen unternehmen zu wollen, macht sich erst als Schwarzmaler verdächtig, der die Eskalation der Medien als unausweichlich behauptet; man brauche sich bloß noch ins Schicksal einfinden, um bestmöglich darauf vorbereitet zu sein. Im gleichen Atemzug aber wird die Welt der Maschinen als nie dagewesene Chance angedreht. Der Ohnmacht des Menschen, der sich in Bits und Bytes aufzulösen beginnt, steht ungebrochen dessen Allmachtsphantasie von der unterworfenen Natur zur Seite. Mag er auch über die Medien allmählich jede Kontrolle verloren haben, kann er doch, wenn er sich nur dem Amoklauf der Automaten überlässt, Erfahrungen jenseits des Menschenmöglichen machen: Raum und Zeit überspringen, Leib und Seele wechseln, am Ende womöglich von Maschinen überholt werden, die sich selbst reproduzieren und, wenn schon keine menschliche mehr sein soll, ihre eigene Gesellschaft aufmachen. 2

Dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus sei – was einmal aufklärerisch gemeint war und mit Marx und Freud etwa so zu verstehen, dass, wo Es und Kapital ihr Unwesen treiben, das Ich einer selbstbewussten Menschheit werden muss -, wird medientheoretisch zum Schicksalsspruch: machines make their own mess. Wenn zu den unbewussten Mächten, denen sich Aufklärung bisher gegenübersah, die Macht der Maschinen hinzutritt, wird Aufklärung selber hinfällig. Sobald das bestimmende Gewaltver- hältnis gar nicht mehr als Verhältnis gedacht wird, das auf Menschen verweist und diesen damit zumindest die Möglichkeit zuerkennt, jenes mit Willen und Bewusstsein zu verändern, sondern als naturwüchsiger Prozeß, der nichts und niemand Rechenschaft schuldet, macht es auch umgekehrt keinen Sinn, sich darauf kritisch zu beziehen. In dieser Konstruktion, blinde Schicksalsgeworfenheit auf der einen und weltgewandter Frohsinn im praktischen Umgang mit den Maschinen auf der anderen Seite, hat die Medientheorie eine ihrer Pointen, die sie gegen jede Art kritische Theorie auszuspielen weiß. Dazu genügt ihr ein einfacher theoriepolitischer Trick: so wenig ein Mensch willentlich aus der sich abspielenden Medienentwicklung herausspringen könne, eben weil er selber nur eine Funktion darin besetze, so wenig soll er einen Beobachtungsstandpunkt einnehmen können, der es ihm erlaubt, das Geschehen objektiv zu kritisieren. Die Absurdität der Behauptung springt ins Auge. Oft und laut genug wiederholt, wird sie angesichts der in der Tat gegen kritische Einsicht verhärteten Gesellschaft in den Stand der Weisheit gesetzt. Den Umschlag von Aufklärung in Mythos, so hat man den Eindruck, vollzieht die Medientheorie noch einmal in Gedanken. Die Mimikry an die zur medialen Technik hochgefahrenen Naturgewalten reicht so weit, dass schließlich das , Ich denke‘, das dem Subjekt als Beweis seiner Existenz und zugleich seiner Differenz von der es umgebenden Natur noch als uneinnehmbar galt, in diese zurückfällt. Von den einstmals transzendentalen Verstandeskategorien übrig bleibt die „Pattern recognition“. 3

Dass technische Medien dahin treiben, die Menschen, denen sie als Mittel zugedacht waren, umgekehrt als ihre eigenen Mittel in Dienst zu nehmen, ist als Tendenz zunächst plausibel. Der Gedanke ist nicht einmal genuin medientheoretisch. Von Marx schon weiß man, „dass nicht der Arbeiter die Arbeitsbedingung, sondern umgekehrt die Arbeitsbedingung den Arbeiter anwendet“, und dass „mit der Maschinerie (… ) diese Verkehrung technisch handgreifliche Wirklichkeit“ erhält. 4Von Marx weiß man aber auch, dass dieses Naturschauspiel soviel Wirklichkeit wie Schein ist. Der Automat wird zum Herrscher über die ihn im doppelten Wortsinn bedienenden Menschen unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen, die man bündig als Kapitalismus bezeichnet. Dass dieser heute so unausweichlich scheint wie den Medientheoretikern ihre Medien, falsifiziert noch keineswegs die von Marx nachgewiesene Möglichkeit, dass es anders sein könnte: zum Beispiel die technischen Medien jenseits ihrer uns bekannten gesellschaftlichen Form zu ihrer Bestimmung, Mittel zu sein, zurückkehren könnten, statt sich wie wild fortzuentwickeln. Erst Vernunft, die sich nicht mehr als konkurrierende Rationalität in einem irrationalen Ganzen behaupten müsste, könnte darüber gebieten, welche Medien und Techniken den menschlichen Zwecken entsprechen. Kaum vorstellbar ist dagegen, dass auch nur ein Rechner, wenn Menschen ihn abschalten oder kaputtmachen, weiter vor sich hin , emergiert‘. Vor der philosophisch ausgebreiteten Frage, was die Medien mit sich und der Welt tun, könnte die stehen, was sie alles nicht mehr und stattdessen tun würden, wenn sie nicht selber als wesentlich soziale Techniken dazu gezwungen wären. 5

Für solcherart Zukunftsforschung hat die Medientheorie wenig Sinn. Indem sie den vorhandenen Maschinenpark spekulativ ins Maßlose potenziert, kommt sie auf die erschreckend phantasielose Fiktion von Futurama, nicht aber auf Menschen, die glücklich auf dem Wasser liegen, während ihre technischen Medien das übrige tun. Die Utopie der selbstbewegten Werkzeuge, die Marx bei Aristoteles rühmt, ist als Möglichkeit näher an der Gegenwart als solche Medientheorien an einer Zukunft, die es wert wäre.

II.

Medien theoretisch zu begreifen, war einmal der Versuch, allen naiven Vorstellungen von bloßen Transportmitteln irgendwelcher Botschaften zu begegnen. Die instrumentalistische Auffassung, die vor allem danach fragt, wer zu wem spricht, ist an sich so alt wie die Idee bürgerlicher Öffentlichkeit und hat sich, wie so vieles, schnell auch unter Kritikern der bürgerlichen Gesellschaft beliebt gemacht. Ähnlich wie der Staat sollten die monopolistischen Medien als Werkzeuge, mit deren Hilfe die herrschende Klasse das Volk nach Strich und Faden belügt, entlarvt werden. (Wie einfache Beobachtung der Medienwirtschaft lehrt, haben die Leninisten damit bis heute vielleicht sogar mehr Recht behalten als postmodern weitergedachte Gramscianer, die überall, wo es funkt, ihre hegemoniale Chance wittern. ) Dass allerdings nicht mit den Medien gelogen werden muss, sondern die Medien selber immer schon , lügen‘, indem sie Schein und Wirklichkeit zusammenwerfen, war eine Einsicht, wie sie erst Medientheorien mühsam gewinnen mussten. Die seitherige Entwicklung ist bekannt. Kaum wurde die Eigengeltung der Medien gegen die zu kurz gegriffenen Manipulationstheorien ins Visier genommen, galt schon bald nur noch das Medium und was es mit sich und der Welt anstellt; dem einen Fundamentalismus folgte gleichsam der andere. Glich noch die von Guy Debord entworfene Gesellschaft des Spektakels einem hegelmarxistischen Traktat, wurden spätestens mit Baudrillard und Konsorten die Weichen neu gestellt. Schnell wurde klar, dass nicht eine Theorie der Medien die der Gesellschaft auf Höhe der Zeit vervollkommnen sollte, sondern diese von jener abgeschnitten (übrigens ohne Angabe von Gründen). Nach dem Tod des Menschen war bald vom Ende des Sozialen die Rede und der Übergang von Theorie in sogenannte Popliteratur unvermeidlich. Als solche hat sie sich bis heute selber überlebt oder ist nach eigenen Maßstäben langweilig geworden. Was es aber noch gibt, ist Medientheorie, die meint, dass, was manche leichtfertig Gesellschaft nennen, eine gigantische Kommunikationsmaschine darstellt, deren erste, wenn nicht einzige Bestimmung – Kommunikation ist.

Medien sind gemeinhin Presse, Film, Radio und Fernsehen, seit neuerem auch das Internet. Medientheorie dagegen befasst sich nicht mit Medien im geläufigen Verstande, sondern ist so etwas wie eine eigene Philosophie. Als solche hängt sie nicht an diesem oder jenem Medium – obzwar sie nicht zufällig um den digitalen Rechner als , Leitmedium‘ zentriert ist -, als vielmehr an der Vorstellung, dass überhaupt Medien es sind, die Bewusstsein und Gesellschaft konstituieren. Als technische Medientheorien bezeichnet man zu Recht diejenigen, die McLuhans Anspruch, die Welt des Sozialen als das Ineinandergreifen distinkter medialer Techniken zu beschreiben, mit Bezug auf die jüngere Geschichte der digitalen Medien radikalisieren und die Entdeckung von Sprache und Kommunikation in Philosophie und Sozialwissenschaften mit der einer sprachlosen Kommunikation der Technik überbieten. Neben McLuhan und den französischen Medienphilosophen hat man damit zuletzt vor allem an die funktionalistische Systemtheorie Anschluß gefunden. Deren ohnehin schon technologische Konstruktion von Gesellschaft wird auf nicht mehr bloß metaphorische Maschinentätigkeit zusammengezogen. Die Kommunikationen und Koppelungsprozesse, die im soziologischen Bauplan noch unheimlich aussehen, werden zu handfesten Erscheinungen, indem sie materiellen Trägern in Gestalt technischer Medien zugewiesen werden.

Dass nach der Diskursanalyse – und in lockerer Verbindung damit – Medientheorie über weite Strecken den Platz materialistischer Gesellschaftkritik eingenommen hat, ist nicht nur hierzulande evident. Die Folgen dieses , Paradigmenwechsels‘, der, so scheint es, endlich die Postmoderne mit dem Technologismus der Moderne versöhnt, sind noch nicht absehbar; überdeutlich dagegen zeigt sich, dass Kritikerinnen und Kritiker dieser Gesellschaft, so sie über Medien mitsprechen wollen, in der Diskussion als so etwas wie Überlebende von Atlantis bestaunt werden.

Nun ist bekanntlich die Beschäftigung mit Medien für Linke nicht neu. Neben den traditionellen Vorstellungen von Medienmacht und Manipulation hat es in der BRD bereits seit den späten sechziger Jahren Versuche gegeben, die dahingehenden Ansätze der Kritischen Theorie gegen die schon damals weithin funktionali- stisch ausgerichtete Kommunikationsforschung zu mobilisieren. 6 Soweit indes die theoretischen Bemühungen reichten, verschwanden sie bald unter Rhizomen, Telerelationen und Benutzeroberflächen. Die neue Welt aus bunten Lämpchen war im alten Vokabular einfach nicht mehr zu fassen. Spätestens die digitalen Medien haben das kritische Denkvermögen in seine Ja-Nein- Bestandteile zerlegt. Entsprechend gilt Kritik seitdem als überholte Verhaltensweise, die vielleicht noch den analogen Zuständen der Wahrnehmung angemessen war, aber gegen das sich selbst setzende Universum der neuen Medien nichts mehr ausrichten kann. Der kritische Unterton, der selbst noch in früheren medientheoretischen Texten mitschwang – zu einer Zeit, da man sie als subversive Mode des Denkens für die Lehrstühle empfehlen musste -, ist verflogen zugunsten einer selbstreferentiellen Textproduktion, die weniger an Theorie denn einen stets sich wiederholenden Werbetrick der Telekommunikationsindustrie erinnert.

Eine systematische Kritik dieser neuen Medientheorie liegt bislang nicht vor. 7 Die notorische Frage daher, ob es eine kritische Medientheorie braucht und ob eine solche als Medientheorie sans façon überhaupt möglich ist (und nicht etwa nur als besondere Beschäftigung mit Medien wie Sprache, Film usw. ), wird sich an den vorhandenen nicht ohne weiteres entscheiden lassen. Das Dilemma einer Medientheorie, die sich gegen jedweden Begriff von Gesellschaft sperrt, wird man auf den ersten Blick an der unreflektierten Verfilzung von Technik und Gesellschaft festmachen können. Bei näherer Betrachtung zeigen sich sogleich die kuriosesten Dinge: eine als Mediengeschichte verkleidete Produktivkraftmetaphysik; ein elektronischer Materialismus, der das Geschehen der Welt, ähnlich wie der mechanische Materialismus des 17. und 18. Jahrhunderts alles in Druck und Stoß, in Eins und Null auflösen will; eine etwas holprige Ideologiekritik wider Willen, die den Maschinen , unter die Deckelhaube‘ schaut; zu guter Letzt ein Kurzschluß von Geldmedium und elektronischer Datenverarbeitung, dessen Kritik allein ein Buch füllen könnte. Darin könnte vielleicht auch gezeigt werden, dass die Beobachtungen und Visionen der Medientheorie, gleich ob sie im einzelnen zutreffend und aufschlußreich sein mögen, in gewisser Hinsicht , nur‘ die Akkumulationsbewegung des Kapitals als die Eskalation seiner Techniken nacherzählen, denen all das nachgesagt und nachgesehen wird, was das Kapital – als Inbegriff moderner Gesellschaft – mit und zwischen Menschen angestellt hat. Ein bißchen Zeit und Geduld, wie gesagt, müsste der Kritiker hier schon mitbringen.

III.

Was, wenn nicht , die Medien‘, die uns täglich in Augen und Ohren liegen, ist ein Medium? Die Antwort, wie man sie seit McLuhan zu hören bekommt, ist erstaunlich einfach: Medien sind im Grunde alles. Als Ausweitungen der menschlichen Sinne hat jener sie bezeichnet, und es ist klar, dass Ziel einer so ausgerichteten Medientheorie nur sein kann, auch das, was nicht Medium ist, etwa die Pole der Kommunikation, sukzessive in den Begriff einzuholen. Warum sollte man aus dieser Perspektive nicht auch den Verstandesapparat, seine Kategorien, zuletzt das Ich medial auflösen, um der sonst nur über die Kultur erschlichenen Dekonstruktion des Subjekts eine handfeste wissenschaftliche Grundlage zu geben?

Die Definition zunächst, Medien als Ausweitungen der Sinne, ist plausibel. Schon in der Dialektik der Aufklärung ist von der „Menschengattung einschließlich ihrer Maschinen, Chemikalien und Organisationskräfte“ die Rede: „und warum sollte man diese nicht zu ihr zählen wie die Zähne zum Bären, da sie doch dem gleichen Zweck dienen und nur besser funktionieren“. 8 Bei McLuhan findet man Medien vom gesprochenen Wort über Kleidung, Straßen, Uhr, Geld bis zu Waffen und Fernsehen. Die auf den ersten Blick merkwürdige, weil willkürliche Aufstellung verrät, welchen Anspruch eine solche Theorie der Medien gegenüber herkömmlichen Philosophien und Gesellschaftstheorien anmeldet: das Ganze aus den Begriffen Medium und Kommunikation zu entwickeln. Dass dabei die Medien nicht mehr nur Mittel zu irgendetwas, sondern sich selber Zweck sind, liegt im Ansatz schon beschlossen. , The medium is the message‘ heisst nicht nur, dass das Medium selber schon Bedeutung hat, sondern auch, dass Botschaft oder Inhalt eines Mediums selbst wiederum nur ein anderes Medium sein kann. Im Medium Schrift beispielsweise steckt das Medium Sprache, den Medien Fernsehen, Computer und schließlich Elektrizität können eine Vielzahl medialer Systeme aufsitzen. Während allerdings Schrift und Sprache noch in einer konventionalen Beziehung zueinander stehen, worin das eine Symbolsystem mit dem anderen vermittelt ist, verhält sich die digitale Informationsverarbeitung, mit dem Schaltkreis als letztgültigem Medium, vollkommen gleichgültig dagegen, ob grafische Darstellungen, Texte oder selbst taktile Signale in beliebigem Format übermittelt werden. Auf diesen universellen Code hin, der es unterschiedslos mit allem aufnehmen kann, werden Logik und Geschichte der Medien ausgerichtet.

Was digitale Medien beinhalten, geht jegliche Analogie zu weit. Beim Film noch hatte man es mit einem photographischen Analogon zur optischen Wirklichkeit zu tun, bei der phonetischen Schrift, einem selber arbiträren Symbolsystem, noch immer mit einer durch Konvention vermittelten Analogie zur Sprache – beim Rechner spätestens mit einer gegen jeden Inhalt gleichgültigen digitalen Ordnung. Die Trennung von Signifikant und Signifikat, die der Poststrukturalismus noch gewissermaßen metaphorisch und zugunsten der jeweiligen Bedeutungsproduzenten vollzogen hat, ist hier technisch festgelegt. Für Zeichensysteme, die elektronisch generiert und allesamt durch einen gemeinsamen Code geschleust werden können, gilt in der Tat, dass die Welt des Symbolischen die der Maschine ist. Jeder konkreten Nachricht, die sich am einen Ende analog entziffern lässt, entspricht am anderen Ende eine abstrakte Ja/Nein-Information, die durch komplexe algorithmische Verknüpfung und allerlei technische Prozeduren zur menschlichen Welt der Symbole Kontakt hält. Was auf dem Bildschirm an Grafiken und Texten erscheint, ist lesbar, was der Prozessor macht, für die Mehrheit der Anwender sprichwörtlich Kraut und Rüben.

Über die Vermittlungsinstanzen und qualitativen Sprünge, die wie in einer Blackbox am Werk sind zwischen einem einfachen Stromkreis, der nur Spannung und Nichtspannung als Information zulässt, und dem, was als wesentlich komplexere, aber verständliche Botschaft für den Menschen hinten rauskommt, mögen sich Leute Gedanken machen, die für die Konstruktion des Ganzen bezahlt werden. Bemerkenswert sind allerdings die , philosophischen‘ Konsequenzen, die Medientheorie daraus zieht. Wie aus der Verallgemeinerung der Warenwirtschaft am Beginn der Moderne erwächst hier, am erklärten Beginn der Postmoderne, aus der abstrakten Allgemeinheit, in welche nun auch die digitalen Medien alles in der Welt überführen, ein eigentümlicher Liberalismus, der seinen bürgerlichen Vorgänger, ohne ihn zu widerlegen, doch ein wenig in Schieflage bringt. So wie der klassische Liberalismus seine Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit aus der Allgemeinheit des Marktes bezogen hat, liegt der Medientheorie die Universalform des digitalen Codes als Anlaß neuer Freiheit zugrunde. (Die Vergesellschaftung durch das Kapital bleibt hier wie dort unangetastet. ) Etwas verquer wirkt dieser Neo-Liberalismus jedoch dadurch, dass er die behaupteten Freiheiten und Möglichkeiten des Individuums in die Naturgewalt der Medien zurückverlegt und damit selber ad absurdum führt. Nietzsches Bild vom in Fesseln Tanzen hat vielleicht dieses Szenario treffend vorweggenommen: der Mensch ist frei in Unfreiheit. Unverblümt wird dafür geworben, ihn darum endlich als „Geschlechtsteil der Maschinenwelt“9 anzuerkennen. Der stählerne Käfig, der einmal die rationalisierte Gesellschaft war, tritt auf als Deckelhaube.

Zu den überlieferten Ordnungssystemen, die zu jeder Zeit als Naturverhältnisse gerechtfertigt wurden, gesellen sich die Medien als scheinbare Naturgewalten. Nicht dass sie selber technischer Natur sind und damit der Verfügung durch menschliches Bewusstsein tatsächlich ein Stückweit enthoben, macht das Besondere aus. Erstaunlich ist vielmehr, dass die technischen Medien ihrerseits die zweite gesellschaftliche Natur bestätigen sollen. Anhand von Kriterien wie Abstraktion und Rationalisierung stellt die Medientheorie eine seltsame Verwandtschaft her zwischen Markt und Medien, Gesellschaft und Technik. Die Prinzipien des Marktes, könnte man sagen, sind ihrerseits zu technischen Steuerungsfunktionen geronnen. Im digitalen Medium schließlich soll zusammenschießen, was sonst das Geld zwischen Menschen anstellt. Über jeden unterscheidbaren Inhalt erhaben, fliesst Information sans phrase. So wie sich im Geld alle Waren unterschiedslos darstellen, findet jede Information im digitalen Code ihre Bewegungsform.

Die Warenhüter, die sich früher zu Ideologen fortbilden konnten, soll es in der automatischen Welt nicht mehr geben. Wer hier ideologisiert, so darf weiter vermutet werden, muss sich auf die gehobene Sprache der Maschinen verstehen: auf Medientheorie beispielsweise, die deshalb mehr als eine im herkömmlichen Sinne postmoderne Veranstaltung sein will. Nicht mehr nur die tradierten Systeme von Wahrnehmung und Erkenntnis sowie Kontemplation und Reflexion als dazugehörige Verhaltensweisen sollen verabschiedet, sondern – über die Diskurszentriertheit des klassischen Postmodernismus hinaus – auch Sprache und Schrift selber vom Standpunkt der fortgeschrittenen Medientechnik neu definiert werden. Im Strukturalismus wurde das Subjekt veräußert an ein symbolisches System, worin es sich seiner selbst soweit sicher sein konnte, als es einer Sprache mächtig war, die dem sonstwie fragmentierten Bewusstsein Gestalt verlieh. Dem elektrisierten Subjekt der neuen Medien bleibt nicht einmal das als Ausrede seiner Existenz. Der Pantextualismus der Postmodernen, die sich nicht scheuten, noch aus Warentausch und Triebnatur ein Zeugnis von Sprache zu machen, ließ immerhin, da alles diskursiv konstruiert und konstruierbar sein sollte, auch Raum für emanzipatorische Ansprüche. Die neuere Medientheorie hat die Fronten verhärtet und an die Stelle elastischer Diskurse Schaltkreise und Steuerbausteine gesetzt. Was vormals eine Diskurspolizei war, deren Ausschließungen und Verbote man in der als Panoptikum vorgestellten Gesellschaft wenn nicht kritisieren, so doch lokalisieren konnte, ist ins Gesetz der Technik selbst übergegangen. Der Rechner ist zur Keimzelle der Mediengesellschaft geworden, die darin ihr Modell und zugleich ewige Rechtfertigung hat.

IV.

Glaubt man Norbert Bolz, sind, „um das Funktionieren unserer sozialen Systeme zu verstehen, Software-Kenntnisse dienlicher als die Lektüre der Klassiker politischer Ökonomie. „10 Nun wüsste Bolz vielleicht, wenn er nicht Marx unterschiedslos dazu rechnete, dass ja eine Kritik jener Klassiker schon im Jahr 1867 vorlag. Merkwürdig muss dennoch vorkommen, dass ausgerechnet das Denken in Algorithmen, also nicht einmal Denken im emphatischen Sinne, sondern das Hantieren mit mathematischen Schleifen, die kein Mensch so gut wie eben ein Rechner vollführt, einen Beitrag leisten soll zum Verständnis moderner Gesellschaften. Demnach hätte das Null und Eins der digitalen Information die Ware als Elementarform abgelöst. Dass allerdings nicht ein Rechner weltweit produziert wird, der nicht Ware ist, und nebenbei kaum ein Schaltkreis außerhalb der Warenproduktion in Spannung versetzt, müsste den Medientheoretiker stutzig machen – wenn er nicht auf die Frage, warum überhaupt all der Unfug produziert und um den Globus geschifft wird, selbst wieder das Funktionieren der medialen Systeme anführen würde. Medientheorie, so verstanden, lässt sich allein tautologisch betreiben: etwas muss sein, weil etwas anderes daran angeschlossen ist. Und wenn ein Computer verkauft wird, so rechtfertigt der Tauschakt noch einmal, was auch der Rechner in actu kann – kommunizieren.

Mit Geld und Digitaltechnik wächst zusammen, was zusammengehört. Nach medientheoretischer Auffassung soll sogar das Geld schon in , analogen‘ Gesellschaften etwas von der Rationalität der digitalen vorwegnehmen. „Geld ist der Prototyp moderner Rationalität“, erklärt Bolz im Brustton der instrumentellen Vernunft. 11 Obgleich selber nicht technisch, sondern institutionell, ist Geld das Steuerungsmedium schlechthin: strikt quantifizierbar und ohne kommunikatives Risiko, weil Verständigung vorweg im Preis festgelegt ist. (Das , Rauschen‘, das entsteht, wenn ökonomische Krisen gelegentlich solcher Kommunikation in die Parade fahren, wird hier mit gutem Grund überhört. ) Steuerungsmedien, worunter man neben dem Geld vor allem die elektronische Datenverarbeitung zählt, vollführen abstrakte Koppelungsprozesse ohne das Zutun menschlichen Bewusstseins. Die Parallele, die zwischen dem durch und durch gesellschaftlichen Geld und den im Vergleich dazu asozialen Maschinen aufgemacht wird, offenbart den eigentümlichen Fetischismus der Medientheorie, die nicht Technik durch Gesellschaft, sondern umgekehrt Gesellschaft durch Technik begreifen will.

Auf den ersten Blick ist der Vergleich sogar schlagend. Im so verstandenen Geldmedium immerhin sind alle Eigenschaften der modernen technischen Medien bereits angelegt: es ist sprachlos, verfügt über einen binären Code (Zahlen/Nichtzahlen), und die Kommunikation ist stets anschlußfähig, weil das Geld fortwährend zirkuliert. Ähnlich die digitale Informationsverarbeitung: Auch sie ist sprachlos, insoweit sich das Medium zunächst an keinem unterscheidbaren Inhalt festmachen lässt, verfügt über Spannung und Nichtspannung als Binärcode und kommuniziert vor sich hin, solange Elektronen in Bewegung sind. Dass allerdings im Unterschied zur , Sprachlosigkeit‘ der digitalen Medien – die einfach darin besteht, dass sich der Stromfluß jeder Sprache bemächtigen kann – die , sprachlose‘ Wertgeltung des Geldes auf ein gesellschaftliches Verhältnis verwiesen ist, das jene garantiert und das nicht seinerseits medial verrechnet werden kann wie die Voltspannung, muss die Medientheorie dabei ins Hinterweltliche verdrängen. Mag es noch dem Schaltkreis gleichgültig sein, ob er Pornos oder Baupläne für den Benutzer aufbereitet, hängt das als Währung ausgewiesene Geld, seien es Goldmünzen oder Bildschirmbewegungen, an gesellschaftlich nützlicher und darum geldwerter Arbeit, mit der es steht und fällt. Dass die , Substanz‘ des Digitalverkehrs das physikalisch nachweisbare und zu allem zu gebrauchende Elektron, die des Geldverkehrs aber die abstrakte gesellschaftliche Arbeit, die weder naturgegeben ist noch störungsfrei gehandhabt werden kann, fällt außerhalb der medientheoretischen Betrachtung.

Ihr strikter Anti-Essentialismus, alles in Kommunikation aufzulösen, führt auch hier zu den abgeschmacktesten Resultaten. Neben aufgebauschter Metaphysikkritik, die als neues Denken verkündet, was seit Nietzsche immer nur in schlechterem Deutsch (oder Französisch) wiederholt worden ist, wird selbst an der unangenehmsten Sorte Metaphysik gearbeitet: einer Ontologie der Medien, die aus sich selbst und über den bloß daseienden Menschen sein sollen. Auf der ökonomischen Ebene gelangt man damit zu den bekannten Argumenten der relativistischen Wertlehre, der die Geldfunktion ursprünglich gegenüber deren Wertsubstanz ist. Dass die Zahl auf dem Geldschein nicht nur gesellschaftlich etwas gilt, sondern auch etwas zählt – abstrakte Arbeit nämlich -, ist medientheoretisch denkunmöglich. Die Konstruktion bräche in sich zusammen. Die Frage, was Geld ist und vor allem: warum es das überhaupt (noch) gibt, muss in den metaphysischen Giftschrank gesperrt werden. Zur Radikalität, wenn es darum geht, alle Erzählungen vom Menschen als Zahlenkombinationen zu entzaubern, gesellt sich ein nicht minder radikaler Konformismus, der die rationalisierte Welt noch einmal rationalisiert. Wer mit der Wirklichkeit nicht mitzieht, bleibt hoffnungslos als Romantiker, schließlich als Psychotiker zurück.

McLuhan noch hat sich bemüht, den Geldverkehr zumindest historisch aus den Handelswaren analphabetischer Kulturen zu begreifen. 12 Darüber ist die neuere Medientheorie souverän hinweg. Vom , Standpunkt der fertigen Phänomene‘ (Marx) aus besehen, den sie treuher- zig bezieht, ist das Geld einfach da. Es bedarf nicht nur keiner Theorie, sondern auch keiner Geschichte, da die verkürzte Vorstellung vom Tauschmittel mit einigen Verrenkungen auch in vorkapitalistischen Gesellschaften so gut wie heute gilt. Befragt werden kann es demnach nur nach seinen berüchtigten kommunikativen Funktionen, gesellschaftliche Komplexität zu reduzieren oder Überfluß künstlich zu verknappen. Indem sie sich jener , ungeheuren Warensammlung‘, von der Marx sich habe blenden lassen, enthoben glaubt und selber naiv auf die magische Tauschfunktion des Geldes verlässt, errichtet die Medientheorie auch gedanklich ein autopoietisches Wahnsystem, das sich beim Zustandekommen der allgemeinen Äquivalentform nicht aufhalten muss. Von der tückischen Verdoppelung der Ware in Ware und Geld lässt sie – vielleicht um selbst Komplexität zu reduzieren – bloß das Geld über. Da sie nur noch das Geldzeichen als seinem Begriff nach geschichtsloses Kommunikationsmittel kennt, entledigt sie sich im Vorbeigehen auch der Schwierigkeiten, die widersprüchliche gesellschaftliche Natur des Geldes in der kapitalistischen Gesellschaft oder die mit der geldvermittelten Kommunikation zusammenhängenden Produktionsverhältnisse zur Sprache bringen zu müssen. An der im Grunde altbackenen Vorstellung des Geldmediums, die dieses bloß als Tauschmittel gelten lassen will und dabei das Entscheidende – Geld als Geld, d. h. als Kapital – nicht fassen kann, wird Medientheorie, wie der Liberalismus vor ihr, vom Schein der Zirkulation eingeholt und vom Geldfetisch nicht mehr des funkelnden Goldes, sondern der elektronischen Buchung geblendet.

V.

Zu Beginn der fünfziger Jahre, noch bevor McLuhan dafür berühmt wurde, bemerkte Horkheimer: „Wir werden wieder zu Analphabeten. Unsere Gewandtheit ist von vorgestern. Die Versuche der Künstler vom automatischen Dichten der Surrealisten bis hin zur neusten Musik werden nichts helfen. Wir fallen hoffnungslos zurück. Die Gedanken müssen sich dem Medium anpassen, das sie vermittelt… „13

Fünfzig Jahre später kann man, ohne dass das ein Trost wäre, feststellen: nicht nur das Alphabet, auch die Menschen, die sich seiner bedienen, sind noch da. Die Medientheorie, die seither mit dem Ende der Gutenberg-Galaxis das des Menschen verkündete, hat also übertrieben. In anderer Hinsicht hat sie allerdings nicht weniger untertrieben. Aus dem elektronischen Zeitalter, das McLuhan im Anbruch sah, hat er selber wohl noch unzureichende Schlüsse gezogen: „Wenn das Zeitalter der Information von uns den Einsatz aller Fähigkeiten gleichzeitig verlangt, entdecken wir, dass wir am stärksten das Gefühl empfinden, frei zu sein, wenn wir am intensivsten , dabei‘, also mit einbezogen sind, ähnlich wie es Künstler aller Zeiten waren. „14 Mit dem allseitigen Dabeisein, dem taktilen involvement, wie es im neueren Jargon heisst, schliesst McLuhan an Benjamin an. Die utopische Perspektive indessen, die dieser noch ganz im Geist der Avantgarde an die mediale Technik angelegt hat, verblasst hier zum Werbeslogan. Was mit den Medien im Kommunismus, wie er Benjamin vor Augen stand, geworden wäre, kann heute niemand sagen. Urteilen lässt sich aber über die Mediengesellschaft, wie sie geht und steht, und das durchweg schlecht. Das Dabeisein, das jedem, der nicht zurückbleiben will, freundlich zur Wahl steht, ist vor allem stummer Zwang; nicht unbegrenzte Möglichkeit, sondern die Verpflichtung, bei Strafe des Untergangs nichts versäumen zu dürfen. Nicht alle Welt wird Künstlerin oder Bildungsbürger, dafür Bildung und Kultur, mit deren elektrisch beschleunigter Wiederkehr McLuhan rechnet, in der Tendenz abgeschafft.

Wer hier dabeisein will, muss vor allem „richtig auf die Knöpfe drücken und die Apparaturen verstehen“. 15 Vielleicht müsste die Medientheorie aus ihren mitunter triftigen Prognosen nur die kritischen Konsequenzen ziehen; etwa zu begreifen suchen, dass Medien eben auch gesellschaftlicher, nicht allein technischer Natur sind. Die Gutenberg-Galaxis wäre insofern am Ende, als in der Tat Sprache und Schrift allmählich verkümmern. Die kommunikative Synthesis, wenn man so will, besorgen zwar neben den maschinellen Codes noch immer auch gesprochene und geschriebene Worte, nur nähert sich das menschliche Ausdrucksvermögen, das der Sprache zu ihrem Gehalt verhilft, dem Informationsfluss der Steuerungsmedien an. Sprache selber, das den Menschen scheinbar unmittelbarste Ausdrucksmedium, verstummt zum Signal, worin sich Subjektivität verleugnet. Die mediale Entalphabetisierung, wie man sie ohne Übertreibung nennen kann, lässt die Menschen zwar virtuell am Geschehen, sogar an gesellschaftlicher Herrschaft teilhaben, verschlägt ihnen aber zum Preis dafür die Sprache. Das den Menschen nächste Medium nähert sich den scheinbar entfernten technischen an; eine Einsicht, die Adornos , substantialistische‘ Auffassung der Sprache den neueren Kommunikationstheorien noch durchaus voraus hat.

Was diese sich als Vorzug anschreiben, nämlich nicht mehr mit kommunizierenden Subjekten rechnen zu müssen, dafür mit Codes, Koppelungen und Anschlüssen, erweist sich schließlich selber als das leere Gerede, als welches sie die von Menschen losgelöste Kommunikation beschreiben. Dass alle Medien zusammen glänzend funktionieren, will heute niemand bestreiten. Wer nichts weiter als das behauptet, gibt lediglich zu verstehen, dass er selber nicht mehr zu sagen hat, als die Apparate ihm zu denken zulassen. Die Konsequenz aus dem Niedergang der Schriftkultur, wie er bis heute tatsächlich zu beobachten ist, kann weder der , bürgerliche‘ McLuhan noch die postmoderne Medientheorie nach ihm ziehen. Indem nur von Kommunikationstechniken, nicht von den ausgesäuberten Referenten die Rede ist, wird jede Perspektive auf Gesellschaftliches, das sich nicht in operational terms zerlegen lässt, verbaut. Die Erweiterungen der Kommunikationstechnik, die nach allen Regeln der Kunst theoretisch nachbearbeitet werden, bleiben an sich hohl und zynisch, solange nicht die Frage mit aufgeworfen wird, was sich unter den Polen der Kommunikation, den mehr als nur medial vergesellschafteten Menschen, abspielt.

Wo Kommunikation ist, muss nach den einfachsten Spielregeln der Logik etwas kommunizieren und kommunziert werden. Adornos Argument gegen die Fundamentalontologie – dass kein Sein ohne Seiendes ist – behält auch gegen jegliche Ontologie der Kommunikation Recht. Dass die Menschen nicht mehr die unbedingten Befehlshaber ihrer Medien sind, wie in der Medientheorie argumentiert wird, lässt sich gegen deren eigene Absicht nur als Kritik der (vergesellschafteten) Medien denken. Dazu reicht es nicht hin, deren Funktionszusammenhang zu beschreiben und Kommunikation als gleichsam wesenloses Wesen des Ganzen zu unterschieben. Dass es noch immer Menschen sind, die an den Schnittstellen der Kommunikation hängen, bestreitet ja selbst keine Medientheorie. Zu fragen wäre daher weiter, was mit ihnen passiert, wenn sie sich nicht mehr untereinander verständigen können, sondern von ihren Apparaten kommuniziert werden, und warum das, weil es einmal so gekommen ist, sein unabwendbares Recht haben soll. Die Auskunft, dass all das die Medien aus sich heraus und ohne Einhalt tun, mag im Auftreten ihrer Verkünder souverän und publikumswirksam erscheinen, ist aber im Grunde ein Stück Offenbarungstheologie. Die Alternative, die etwa Bolz der Theorie als ihr , Friß oder stirb! ‚ anbefiehlt: „Medientheoretiker oder Metaphysiker – no medium“16, ist keine. Wenn Metaphysik von alters her auch das bezeichnet, was über das bloß Seiende hinausweist, stünde sie der sonst um Futurismus nicht verlegenen Medientheorie übrigens gut zu Gesicht; besser allemal als die gottlose Theodizee, die sie hartnäckig betreibt.

VI.

Eine auf digitale Medien fixierte Theorie muss sich die Frage gefallen lassen, wie sie dazu kommt, in einem alten Medium über neue zu sprechen; in Worten über Maschinen, die doch alle Worte überflüssig machen. Das berührt die schon klassische ideologiekritische Frage, wie man sich urteilend über einen Gegenstand erheben kann, dessen Teil man selber ist. Ohne dialektische Beweiskunst, die von Medientheore- tikern für ungültig erklärt wird, muss man sich den gedanklichen Abstand zum Geschehen ermogeln und schließlich darauf hinausreden, dass Medientheorie überhaupt eine paradoxe Veranstaltung sei. Benjamins Vermutung, dass sich angesichts der modernen Verkehrstechnik „eine neue Wirklichkeit“ vorbereite, „der gegenüber niemand die Verantwortung persönlicher Stellungnahme eingehen kann“17, wird hier allzu wörtlich missverstanden und die Unmöglichkeit der Aussage, die trotzdem Gültigkeit beansprucht, zur performativen Pointe. Über eine Distanz zur Welt, die außerhalb der vollautomatisierten Wahrnehmung nicht zu haben ist, verfügt man selbstredend nicht. Die Theorie erweckt selber nur den Schein, auf Sichtweite eines deshalb bloß imaginären Außen gehen zu können. Medientheorie behält sich das , neukantische‘ Privileg vor, diese Beschränkung der Möglichkeit von Erkenntnis im Unterschied zu allen angeblich metaphysischen Theorien zu Bewusstsein zu bringen. Dass die Zeit der freien Kontemplation vorbei sei, wie Benjamin gesagt hat, spinnt sie zum absurden Erkenntnisverbot weiter, keinen von der Medienwirklichkeit zu unterscheidenden Reflexionspunkt mehr einnehmen zu dürfen, der überhaupt so etwas wie Weltbezüglichkeit – und damit vielleicht die Möglichkeit der Kritik (beispielsweise der politischen Ökonomie) – für sich in Anspruch nimmt.

Das Credo quia absurdum, worin sich Medientheorie geflüchtet hat, darf man insofern auch als das Ergebnis missglückter Selbstreflexion ansehen. Schon beim frühen Derrida heisst es, „das Ende der linearen Schrift ist das Ende des Buches, selbst wenn es bis heute noch das Buch ist, das für neue literarische oder theoretische Schriften nolens volens formbestimmend ist. „18 Die neuere Medientheorie, die Sprache und Schrift als Medien zwischenmenschlicher Verständigung für gleichermaßen obsolet erklärt, ist darüber weit hinaus. Derridas Programm, „endlich das zu lesen, was in den vorhandenen Bänden schon immer zwischen den Zeilen geschrieben stand“19 – was ja bekanntlich nicht den Computerfreaks, sondern den Sprach- und Diskurstheoretikern Auftrieb gegeben hat -, ist mediengeschichtlich hinterher. Das unentwirrbare Signifikantenspiel der Schrift, das anstelle der die Präsenz und Selbstgewißheit des Subjekts bezeugenden Sprache treten sollte, ist selber auf dem Abstellgleis. Neue, das heisst: digitaltechnische Medien sind zwar weiterhin , Aufschreibesysteme‘ (F. Kittler). Nur ist ihre Schrift von einer anderen Welt, in deren Intermundien bloß noch solche Zeichen umhergeistern, die den Kontakt zu unter Menschen gültigen Kommunikationssystemen abgebrochen haben. Wenn man daraus, wie Medientheorien es tun, eine Geschichtsphilosophie konstruiert, die dem einen System perpektivisch Vorrang vor dem anderen gibt, kommt man als Theorie in die Bredouille. Die Textproduktion auch der Medienheorie selber treibt auf einem untergehenden Kanal. Ihr bescheidener Vorzug soll sein, das zur Kenntnis zu nehmen.

In diesem Tenor knüpft Bolz an Derridas Meditationen an: „Auch ein Buch über das Ende der Buchkultur ist natürlich ein Buch. Es hat einen Autor, der Autorschaft in Schaltkreisen verschwinden sieht. Der aufmerksame Leser – auch eine aussterbende Spezies – wird Paradoxien dieser Art vielfach bemerken. Sie sind nicht zu vermeiden, allenfalls in eine operative Form zu bringen. Die theoretische Reflexion kann sich aufs Medium Buch nicht mehr verlassen – doch ein neues ist nicht in Sicht. Darstellung muss einstweilen als Entparadoxierung verfahren. Die einzige Alternative wäre, die Theorie zu eliminieren und rein mit Fakten zu konstruieren – eine Art Konkretion ohne Denken. Unsere Gesellschaft scheint auf diesem Weg zu sein. Ihre Theorie kann das nur beobachten. „20Was all das in Ausführung bedeuten soll, bleibt freilich schon am Ende dieses einen Buches ebenso unklar wie die , Entparadoxierung‘ als Darstellungsverfahren. Der Widerspruchsgeist, den sich solche Medientheorie zugute hält, reduziert sich auf die im Vorwort eingeholte Erlaubnis, stubborn facts und baren Unsinn aneinanderreihen zu dürfen. 21

Wäre Medientheorie, was sie am wenigsten sein will – Ideologiekritik -, könnte sie vielleicht die , Entparadoxierung‘ nach dialektischem Brauch so weit treiben, dass das unmögliche Bewusstsein der Medien, von dem sie ausgeht, gleichsam als technische Verlängerung der ebenso unmöglichen Gesellschaft erscheint. Der Verdacht ist zumindest nicht aus der Luft gegriffen, dass der Fetischismus der Ware – so wie sich nach Marx der Kapitalfetisch der leiblichen Gestalt der Maschinerie bemächtigt – auch mit den Medien seine spitzfindigen Spielchen treibt. Womöglich verstärkt die mediale Automation der Wahrnehmung bloß, was die Warenform dem Bewusstsein längst aufgenötigt hat. Wie weit man den auch sonst mit Vorsicht zu behauptenden Zusammenhang von Warenform und Denkform medientheoretisch ausbauen könnte, sei dahingestellt. Gewißheit besteht jedoch vorweg darüber, dass der Versuch, ein medientechnisches Apriori der Erkenntnis und des Handelns zu begründen, ohne das gesellschaftliche Apriori zur Kenntnis zu nehmen, das seinerseits die Beziehungen zwischen Menschen und Medien dirigiert, noch weit an der überholten Moderne vorbei in die Vergangenheit zurückführt.

Dass die Medientheorie in Amt und Würden sich Kurskorrekturen dieser Art heute gefallen ließe, ist unwahrscheinlich. Dafür sind ihre Protagonisten selber zu sehr der kritischen Theorie entwachsen. Was man noch hier und da aufschnappen kann, sind Fetzen wie aus einem Traum, an den sich der Erwachte zu erinnern sucht. So äußerte unlängst Bolz in einem Gespräch, er „finde das Kapitel über , Warenfetischismus‘ immer noch aktuell“. Dass er mit seinem Deutungsversuch allerdings ein Stück weit vom Wege ab lag, gab er gleich darauf zu Protokoll. Er würde natürlich „daraus keinen , Verblendungszusammenhang‘ mehr ableiten. Verführung ist heute eine Dienstleistung des Marktes.“ 22 Schon Jahre zuvor hatte er in seiner Kurzen Geschichte des Scheins den Verblendungszusammenhang, der sich auch in seinem Kopf reproduziert, erst beiläufig bemerkt und sodann medienästhetisch entschärfen wollen. 23 Dass dies bis heute jeder Plausibilität entbehrt, ist wohl nicht auf eine Schwäche der Theorie allein zurückzuführen, sondern auf die ganz praktische Verblendung, die sich, wie es scheint, eben nicht als eine weitere Stufe medialen Scheins abfertigen lässt.

Als verwaltete Welt haben Horkheimer und Adorno den Spätkapitalismus bezeichnet; als verschaltete Welt ließe sich im Anschluß daran vielleicht die Mediengesellschaft unserer Tage apostrophieren. Je später der Kapitalismus, desto ironischer die Begriffe, die man für ihn finden muss. Ernst nehmen lässt er sich längst nicht mehr. Hoffen darf man allerdings fürs Erste, dass „die Welt der Materialität (… ), die durchs digitale Raster der virtuellen Realitäten fällt“24, dem ein oder anderen bald den Spaß an der Multimediagesellschaft verderben wird.


1 Auf eine Übersicht der medientheoretischen Literatur wird hier verzichtet. Die Koryphäen – neben dem genannten McLuhan u. a. Baudrillard, Flusser, Virilio, im Hintergrund aber auch so disparate Autoren wie Nietzsche, Benjamin oder Luhmann – sind bekannt. Aufgegriffen werden in erster Linie ohnehin solche Gedanken, die in der neueren Medientheorie als Gemeinplätze bezeichnet werden dürfen. Die bis heute wichtigsten, zumindest prominentesten Medientheoretiker im deutschsprachigen Raum sind Friedrich Kittler und Norbert Bolz. Auf deren Thesen vor allem, worin sich, ungeachtet ihres jeweils originellen Beitrags, auch die jüngere Medientheoriegeschichte in geraffter Form wiederfinden lässt, wird sich exemplarisch und ohne weitere Systematik bezogen.

2 Vgl. z. B. Friedrich Kittler, Geschichte der Kommunikationsmedien, in: Raum und Verfahren, hg. v. J. Huber und A. M. Müller, Basel/ Zürich/Ffm. 1993, S. 188: „Ohne Referenz auf den oder die Menschen haben Kommunikationstechniken einander überholt, bis schließlich eine künstliche Intelligenz zur Interzeption möglicher Intelligenzen im Weltraum schreitet. “

3 Vgl. Kittler, Die Welt des Symbolischen – eine Welt der Maschine, in: ders. , Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig 1993, S. 61: „Kants , Ich denke‘ (… ) war im Wahren, solange ihm keine Maschine die Pattern recognition abnahm. “

4 Karl Marx, Das Kapital I, MEW 23, S. 446.

5 Von Jean-Louis Comolli, früher Redakteur der berühmten Cahiers du Cinéma, stammt der Satz: „the machine is always social before it is technical.“ (Machines of the Visible, in: The Cinematic Apparatus, hg. v. Teresa de Lauretis und Stephen Heath, London 1980, S. 122) Medientheorien, die dieses Verhältnis umkehren, neigen dazu, die Maschine zu einer Art ens realissimum zu verklären. Warum überhaupt Medien-Maschinen so sehr die Phantasie kulturbeflissener Intellektueller beschäftigen, wäre vielleicht mal eine interessante psychoanalytische Frage.

6 U. a. erschien damals der Sammelband: Kritische Kommunikationsforschung. Aufsätze aus der Zeitschrift für Sozialforschung, hg. v. D. Prokop (eingeleitet v. O. Negt), München 1973; vgl. dazu auch: Massenkommunikationsforschung, 2 Bde. , hg. v. D. Prokop, Ffm. 1972. – Nicht nur was die ausdrücklich kritische Absicht angeht, auch hinsichtlich des , soziologischen‘ Medienbegriffs, der sich an Funktionsweise und Wirkung der Massenmedien im landläufigen Sinne hält, haben diese Texte mit heutiger Medientheorie kaum noch etwas gemein.

7 Zu den wenigen – selbst noch vergleichsweise freundlichen – Versuchen, den digitalen Medien samt ihrer Theorie durch immanente Kritik auf die Spur zu kommen, gehören z. B. : Hartmut Winkler, Docuverse. Zur Medientheorie der Computer, München 1997; Dierk Spreen, Tausch, Technik, Krieg. Die Geburt der Gesellschaft im technisch-medialen Apriori, Hamburg 1998.

8 Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, zit. n. Horkheimer, Gesammelte Schriften Bd. 5, Ffm. 1987, S. 253.

9 Marshall McLuhan, Die magischen Kanäle. Understanding Media, Düsseldorf 1992, S. 63.

10 Norbert Bolz, Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse, München 1993, S. 7.

11 Ebd. , S. 93.

12 Vgl. McLuhan, a. a. O. , S. 155ff.

13 Horkheimer, Notizen 1949-1969, Gesammelte Schriften Bd. 6, Ffm. 1991, S. 238f.

14 McLuhan, a. a. O. , S. 393; vgl. auch: McLuhan, Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Düsseldorf /Wien 1968.

15 Horkheimer, a. a. O.

16 Bolz, Theorie der neuen Medien, München 1990, S. 56.

17 Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften Bd. V, Ffm. 1982, S. 833.

18 Jacques Derrida, Grammatologie, Ffm. 1974, S. 154f.

19 Ebd. , S. 155.

20 Bolz, a. a. O. , S. 8f.

21 Ein aus dieser Warte , bürgerliches‘ Verhältnis zum Buch als Medium der Wahrheit hatte noch Adorno, der aus ganz anderer Richtung die technischen Medien als ärgsten Feind der geduldigen Erkenntnis ausmachte: „Bücher, die sich weigern, nach den Regeln der Massenkommunikation mitzuspielen, trifft der Fluch des Kunstgewerbes. Was geschieht, beängstigt wegen seiner unausweichlichen Logik; tausend Argumente können dem Widerstrebenden beweisen, dass es so und nicht anders sein müsse und dass er hoffnungslos reaktionär sei. Ist es schon die Idee des Buches selber? Dennoch ist keine andere sprachliche Darstellung des Geistes sichtbar, die möglich wäre ohne Verrat an der Wahrheit.“ (Adorno, Bibliographische Grillen, Gesammelte Schriften Bd. 11, Ffm. 1974, S. 348f. )

22 „Die Weltgesellschaft – eine gigantische Benutzeroberfläche“ (Gespräch mit N. Bolz, 1999), einzusehen unter: www.heise.de/tp/deutsch/ inhalt/co/5153/1.html.

23 Vgl. Bolz, Eine kurze Geschichte des Scheins, München 1991, S. 107f.

24 Bolz, Design des Immateriellen, in: Sehsucht. Über die Veränderung der visuellen Wahrnehmung, hg. v. U. Brandes, Göttingen 1995, S. 160.

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