Die IdiotInnen des Kapitals

„Freie“ Softwareproduktion – Antizipation des Postkapitalismus?

Streifzüge 1/2001

von Christian Fuchs

„Freie“ Softwareentwicklung?

1985 wurde die Free Software Foundation (FSF) gegründet, die die Diffusion „freier“ Software propagiert. Darunter versteht sie Software, die von jedem verwendet, kopiert und weiterverbreitet werden darf, entweder im Original oder modifiziert. Wesentlich dabei ist, daß der Quelltext der Software offengelegt wird und bei jeder Weitervertreibung (auch nach Modifikationen) diese Bedingung erhalten bleiben muß.

Für die FSF bedeutet die Kategorie der Freiheit (freedom) nicht, daß „freie“ Software gratis vertrieben werden muß, sondern daß ihr Quellcode veröffentlicht werden muß. Die FSF propagiert die Weiterentwicklung des „freien“ Betriebssystems GNU/Linux. Dazu gibt es ein spezielles Lizenzabkommen, die GPL (General Public License), der alle WeiterentwicklerInnen zustimmen müssen und die auch für alle Weiterentwicklungen gelten muß. Mit dieser Lizenz wird festgehalten, daß es sich bei den entwickelten Programmen um „freie“ Software handelt. Dabei ist auch der Begriff des Copylefts von wesentlicher Bedeutung, denn die GPL legt fest, daß jede Kopie und jede Modifikation/Weiterentwicklung einer unter der GPL erstellten „freien“ Software dieselben Bedingungen erfüllen muß, also der Sourcecode frei zugänglich und modifizierbar gemacht werden muß.

Es gibt auch „freie“ Software, die keinem Copyleft unterliegt. D. h. dann, daß Kopien oder Modifikationen dieser Software unter Umständen auch für einen Verkauf ohne Veröffentlichung des Sourcecodes verwendet werden kann. Richard Stallman, der Oberguru der FSF, spricht z. B. in Bezug auf GNU Ada von einer „kommerziellen freien Software“. Ein Oxymoron, denn kapitalistische Verwertung und Freiheit sind nun mal nicht vereinbar. Nichts am Konsum und an der Ware ist freiheitlich, die einzige „Freiheit“ der Menschen in der Warengesellschaft ist die „freie“ Auswahl zwischen einem diversifizierten Produktspektrum. Und dies stellt den totalitären Aspekt des Marktes dar. Genauso verhält es sich, wenn Stallman einen Aufsatz mit „Selling Free Software“ betitelt.

„Freie“ Softwareentwicklung und GNU/ Linux werden im deutschen Sprachraum vor allem von einer Gruppe um den Betreiber der Homepage Kritische Informatik Stefan Meretz und den Administrator der Mailingliste Ökonux (steht für Ökonomie und Linux) Stefan Merten als Antizipation postkapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse begriffen. So spricht Meretz in „LINUX & CO. Freie Software – Ideen für eine andere Gesellschaft“ (2000) z. B. vom „antikapitalistischen Gehalt Freier Software“.

Inwiefern ist nun eine Software, die mit einer speziellen Lizenz, die auf Veröffentlichung und Nutzung des Quellcodes basiert, tatsächlich als antikapitalistisch zu betrachten?

New Economy = Old Capitalism

Wissen ist heute zu einer wesentlichen Produktivkraft geworden. Die Wissenschaft schafft wesentliche Bedingungen und Infrastrukturen der Kapitalakkumulation. Sie ist verantwortlich für die Entwicklung der geistigen Grundlagen des konstanten Kapitals und der immer effektiver werdenden Methoden der Produktivkraftentwicklung. Technischer Fortschritt ist für das Bestehen des kapitalistischen Weltsystems unerläßlich. Das weiß auch das Kapital, daher läßt es sich die techno-wissenschaftliche Arbeit immer mehr kosten. Die Beobachtung von Marx „Die Wissenschaft kostet dem Kapitalisten überhaupt ’nichts'“ (MEW 23, S. 407, Fußnote 108) ist heute nicht mehr zutreffend, da beispielsweise immer mehr Konzerne eigene Forschungsabteilungen betreiben. Die „allgemeine Arbeit des menschlichen Geistes“ (Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 114), also der von Marx so bezeichnete General Intellect, ist das Produkt der Wissenschaft. Diese ist zwar in die Verwertung integriert, schafft jedoch in ihrer alleinigen Tätigkeit meist keinen Wert, sondern entwickelt Basis und Infrastruktur der Kapitalakkumulation. Sie ist die „unmittelbare Produktivkraft“ (Marx, Grundrisse, S. 602), der General Intellect spiegelt sich im fixen konstanten Kapital wider.

Auch die Wissensarbeit wird im vielfach als „Informationsgesellschaft“ titulierten Kapitalismus immer bedeutender. Als Wissensarbeit können wir die Schaffung, Verarbeitung, Weiterverwendung und Instandhaltung von Wissen bezeichnen. Sie ist im Postfordismus zu einer wesentlichen Quelle des Profits und der Kapitalakkumulation geworden. Von großer Bedeutung ist dabei wiederum die Softwareproduktion, da sie eine wesentliche Antriebskraft der Verwertungsmaschine darstellt. Software kann als eine Form kodierten Wissens betrachtet werden, die nur einmal hergestellt werden muß, um als eine Basis für die Verwertung zu agieren, die einfach und billig reproduziert und über die digitalen Netze schnell verteilt werden kann. Mit Intellectual Property Rights (IPR, z. B. Patente, Urheberrechte) versuchen Softwarefirmen die exklusive Nutzung von geschaffenem Wissen für sich zu garantieren. IPR sind ein Mechanismus, der die Kapitalakkumulation mit Software vereinfachen soll.

Genau hier setzt die „freie“ Softwareentwicklung an. Deren ApologetInnen gehen davon aus, daß die Veröffentlichung des Sourcecodes diese Software zu wertloser Software macht („Freie Software ist wertlos – und das ist gut so! „, Stefan Meretz 2000, a. a. O. ), die aus Verwertungszusammenhängen entkoppelt werden kann.

Der Wunschtraum eines jeden Kapitalisten ist die Konvergenz des konstanten und variablen Kapitals gegen Null. Wird dem Kapital nun neues Wissen quasi gratis zur Verfügung gestellt, so ist ein Schritt weiter in diese Richtung getan. Die GPL verhindert zwar, daß das dort verfügbar gemachte Wissen von Softwarekonzernen mit IPR belegt und damit auf einfache Art und Weise vermarktet wird. Es verwundert aber nicht, daß das softwareindustrielle Kapital die „freie“ Softwareentwicklung immer häufiger als positiv erachtet. Denn als Quelle von marktfähigen Innovationen und neuen Ideen, die einfach auf anderen Plattformen oder in anderen Programmiersprachen als GNU/Linux in leicht veränderter Form nachprogrammiert werden können, taugt die „freie“ Software allenfalls. Über gratis zur Verfügung gestelltes Wissen, das wenn schon nicht direkt, dann wenigstens indirekt vermarktbar ist, müßte sich eigentlich jeder Kapitalist freuen. Die freien SoftwareentwicklerInnen werden damit zu den IdiotInnen der Ware und des Wertes, die davon träumen, sich beim Programmieren selbst zu bestimmen und sich der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie zu entziehen. Diese Träume sind aber eben nur Schein der Realität der Totalität des kapitalistischen Marktes, denn die kommerzielle Softwareproduktion träumt gerne mit – sie kann so Investitionskapital einsparen und hofft auf einen Anstieg des Profits durch gratis zur Verfügung gestelltes Wissen.

Es kann auch keine Rede davon sein, daß sie die „freie“ Softwareproduktion und ihr Umfeld aus den Bedingungen der Kapitalakkumulation entkoppeln könnten. Sie sind vielfach direkter Bestandteil davon.

Die GPL verunmöglicht nicht, daß sich „freie“ Software als Ware gegen Geld tauscht und Teil eines Akkumulationsprozesses wird. Natürlich: Wird eine „freie“ Software von jemandem verkauft, so muß er den Sourcecode freigeben, und die Anzahl der verkauften Exemplare wird daher eher beschränkt bleiben, da z. B. ein Käufer beliebig viele Kopien der Software verschenken kann. Die Basis der Kapitalakkumulation mit „freier“ Software stellen daher eher Archive dar, die viele „freie“ Programme bündeln und auf CD-ROM oder über das Internet vertrieben werden. Bei diesem Akkumulationsprozeß kann der konstante und variable Kapitalanteil äußerst gering gehalten werden, da das benötigte Wissen frei verfügbar und verwertbar ist. Die Produktion dieses Wissens ist keine produktive, d. h. mehrwertschaffende Arbeit im Marxschen Sinn, da sich hier keine Arbeitskraft gegen Geld tauscht. Das variable Kapital tendiert gegen Null, die „freien“ SoftwarentwicklerInnen arbeiten quasi gratis für das Kapital. Es fallen vorwiegend konstante Kapitalkosten an und Kosten für die Pressung der CD-ROMs bzw. für die Aufbereitung der Daten, um sie virtuell zu vertreiben. Das immaterielle, sich in der Software vergegenständlichende Wissen bekommt mit einem materiellen Träger eine Basis, mit der die Kapitalakkumulation einfacher möglich wird. Geld tauscht sich in dieser Phase gegen Waren, Investitionskapital ist nötig, kann aber sehr gering gehalten werden. Der Profit, der hier gemacht wird, entspringt daraus, daß die „freien“ SoftwareentwicklerInnen quasi gratis für das Kapital arbeiten. Nach der Phase der Produktion einer neuen Ware W‘ mit materiellem Träger, wird diese vertrieben. Sie tauscht sich gegen Geldkapital G‘, das größer ist als das Investitionskapital G. Bei erfolgreichem Verkauf einer gewissen Anzahl produzierter Waren kann der Produktionsprozeß von neuem beginnen. Das akkumulierte Kapital G‘ wird zu neuem Investitionskapital G. Der große Vorteil für das Kapital liegt bei diesem Reproduktionsprozeß darin, daß die doch in der Softwarebranche üblicherweise nicht geringen variablen Kapitalkosten minimiert werden können. Und auch konstantes Kapital kann eingespart werden, denn die „freien“ SoftwareentwicklerInnen produzieren dezentral in ihrer eigenen Entwicklungsumgebung. Die Open Source-Initiative (OSI) wirbt auf ihrer Homepage für die Vermarktung von Open Source-Software mit dem Argument, daß dies den Betrieben ein Outsourcing von Kosten ermögliche.

Es verwundert nicht, daß immer mehr Softwarekonzerne die „freie“ Software für sich entdecken. Denn diese Software ist nicht wertlos und kann nicht von der Kapitalakkumulation entkoppelt werden, ihre Verwertungsbasis besteht geradezu darin, daß sie durch Lizenzen wie der GPL dem Kapital kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Natürlich ist es so, daß der Quellcode der „freien“ Software, die in Archiven als Ware vertrieben und verkauft wird, zugänglich und weiterverwendbar gemacht werden muß. In der GPL ist dies so geregelt, daß der Sourcecode jener Software, die als „freie“ gilt und sich z. B. auf einem CD-ROM-Archiv befindet, verfüg- und verwendbar gemacht werden muß. Nicht jedoch jener der nicht der GPL unterstehenden und sich auf dem materiellen Träger befindlichen Software. All dies behindert die Kapitalakkumulation nicht, denn der spezifische Gebrauchswert eines solchen Archivs besteht darin, daß eine umfassende Anzahl von Anwenderprogrammen in kompakter Form verfügbar ist. Natürlich kann dann jedeR KäuferIn die Programme selbst weiterentwickeln oder an jemanden Kopien verschenken. Dies hindert aber tausende KäuferInnen nicht daran, für ein derartiges Archiv, das auf CD-ROM oder über das Internet vertrieben wird, Geld zu bezahlen. Durch spezielle Softwarebonbons, bei denen der Sourcecode auch „unfrei“ sein kann, kann der Kaufanreiz zusätzlich angeregt werden.

Ein Beispiel für ein derartiges Archivprodukt ist das „freie“ Betriebssystem FreeBSD. Man kann es sich entweder gratis über das Internet herunterladen oder eine CD-ROM-Version kaufen. Geld kostet beides, denn Verbindungsgebühren für einen stundenlangen Download fallen bei der ersten Variante an, 40 Dollar plus ca. 50 Dollar Porto und Verpackung (da nur Versendung mit DHL Worldwide Express) plus Zollgebühr bei der zweiten. Passend zur CD-ROM gibt es auch das Benutzerhandbuch um 40 Dollar und ein spezielles Paket (CD-ROM, Buch plus Spezialprogramme) um 130 Dollar (exklusive Porto, Verpackung, Zollgebühr). Ein Gegenargument wird lauten, daß dies immer noch billiger ist als eine Windows-Vollversion, bei der zusätzlich der Quellcode nicht verfügbar ist. Das Wesentliche ist jedoch, daß für beides bezahlt werden muß und daß für beides tausende Menschen tatsächlich bezahlen. Ganz schön frei diese kapitalistische Warengesellschaft!

Keimform des Postkapitalismus oder Verwertung „freier“ Software?

Die Warengesellschaft tendiert dazu, total zu werden. Alles und jedes ist unter das Kapital subsumierbar, auch in einer Zeit der ökonomischen Dauerkrise schreitet die Durchkapitalisierung der Gesellschaft rastlos voran. Das Kapital ist unersättlich in seiner Suche nach neuen Verwertungssphären. Der Bereich der „freien“ Software ist eine besonders interessante, da es hier Menschen gibt, die gratis arbeiten und dies als emanzipatorisch betrachten. „Freie“ Software ist keine Keimform einer postkapitalistischen Gesellschaft, denn in einer Gesellschaft der Totalität der Warenform kann es keine Produktion geben, die sich von den Kategorien des Tausches und des Werts befreit. Eine ökonomische Keimform einer postkapitalistischen Produktion dürfte nicht unter das Kapital subsumierbar sein. Auf „freie“ Software trifft dies nicht zu, daher ist sie genauso unfrei wie jede Ware und jedes ökonomische (auch „gegenökonomische“) Projekt.

Eine postkapitalistische Produktion müßte eine sein, bei der die kapitalistischen Kategorien der Ware, der Leistung, der Konkurrenz, der Lohnarbeit, des Tauschwertes, des Profits, des Kapitals und des Werts vollständig aufgehoben sind. Diese Produktion kann in der Gesellschaft der totalitären Waren- und Wertform jedoch nicht antizipiert werden. Entsprechende Versuche einer Gegenökonomie (seien es Tauschringe, selbstverwaltete Betriebe oder „freie“ Software) verharren immer in der bürgerlichen Zwangsgesetzlichkeit des Tausches. Es ginge zuerst um die Konstitution einer Bewegung, die die Warengesellschaft in ihrer Gesamtheit beseitigt. Erst danach könnten sinnvolle Versuche einer neuen Produktionsweise realisiert werden.

Die GPL bejaht den Tauschwert. Wenn in Kreisen von Ökonux von einer GPL-Gesellschaft gesprochen wird, so stellt sich die Frage, wie Produktion, Distribution und Konsumtion in so einer Gesellschaft aussehen würden. Daß es nicht um die unmittelbare Aufhebung aller kapitalistischen Kategorien geht, wird dabei immer wieder betont: „Ich denke, daß es nicht darum geht, sofort und zu 100% aus jeglicher Verwertung auszusteigen“ (Meretz 2000, a. a. O. ). Doch, darum ginge es einzig und allein, denn es gibt keine bessere Warengesellschaft, genausowenig wie es ein besseres Kapital gibt. Im Umkreis der „freien“ Software-Community wird genau dies aber immer wieder betont. Es sei besser, wenn kleinere Kapitalisten Marktanteile gewinnen und Microsoft & Co. geschwächt werden. Dies könne der Monopolisierung entgegenwirken und daher sei es vorzuziehen, jene Waren zu konsumieren, die von den „Guten“ produziert werden. Das Objekt der Kritik ist hier das Monopolkapital und nicht der Kapitalismus im allgemeinen. Es wird unterstellt, daß der Kapitalismus reformierbar sei und daß eine „gute“ Akkumulation möglich ist, wenn sie nur nicht monopolförmig ist. Früher war da das „gute“ schaffende und das „böse“ raffende Kapital. Und das „böse“ wurde als jüdisch identifiziert und die Konsequenzen kennen wir. In genau diese ideologische Schiene gehen derartige Versuche, die „gute“ und „schlechte“ Aspekte des Kapitalismus identifizieren und diese gegeneinander ausspielen. Diese Spaltungen in bessere und schlechtere Formen des Kapitalismus und des Kapitals stellen eine ideologische Nische zur Verfügung, die nur mehr entsprechend besetzt werden muß, um entsprechende Attributierungen (jüdisch, ausländisch, usw. ) vorzunehmen. In Zeiten des Neorassismus zeigen sich solche Argumentationsweisen wieder immer häufiger. Symptomatisch dafür sind die antisemitischen Ausfälle gegenüber George Soros. Generell gilt: Jede Spielart des Kapitalismus ist ausbeuterisch, herrschafts-, wert-, waren-, profitförmig, menschenverachtend, ausgrenzend, Ungleichheiten produzierend. Moralische Differenzierungen sind hier fehl am Platz.

Wenn in einer „GPL-Gesellschaft“ (schon der Begriff zeugt von einem technologischen Determinismus und Technikfetischismus, der technische Entwicklungen für die wesentlichen Kräfte gesellschaftlichen Wandels hält) die Kategorie des Tausches nicht vollständig aufgehoben ist – und genau dies legt die Lektüre der GPL und der Publikationen der FSF nahe -, so könnte sie auch keinen Fortschritt darstellen. Denn jede Waren- und Tauschgesellschaft basiert auf der Dichotomisierung der Gesellschaft, jeder Tausch ist immanent ungerecht und bringt Ausbeutung hervor. Eine moralische Differenzierung im Sinn der „besseren Tauschgesellschaft“ birgt die Gefahr des Antisemitismus in sich. Die GPL und ihre Proponenten wie Stallman halten Tausch, Kapital und Wettbewerb grundsätzlich für nichts Verwerfliches. Jede positive Bezugnahme auf GPL und die FSF in Bezug auf Theorie und Praxis der Emanzipation vom Kapitalismus bedeutet daher die Reproduktion des Bestehenden.

Durch die Veröffentlichung der sogenannten Halloween-Dokumente wurde bekannt, daß Microsoft die „freie“ Softwareentwicklung als Gefahr für die eigene Monopolstellung betrachtet und daher Gegenmaßnahmen setzen wollte. Die Rolle der „freien“ Software hier zu idealisieren, hieße aber wiederum eine nicht angebrachte und gefährliche Dichotomisierung durchzuführen. Ob Windows, Linux, BSD, Microsoft, IBM oder Apple – Kapitalakkumulation und Verwertung des Wertes liegt all diesen Waren zu Grunde.

Ein anderer Aspekt der Verwertung „freier“ Software sind Projekte wie Mozilla. Dabei wurde der Sourcecode des Internetbrowsers Netscape zur Weiterentwicklung veröffentlicht. Die Strategen von Netscape erhoffen sich dadurch, daß sie mit Hilfe der „freien“ SoftwareentwicklerInnen den Markt für Webbrowser monopolisieren können und dadurch einen weiteren Schub an Popularität und damit an Profit beim Verkauf von Webservern erfahren. Netscape verkauft nicht nur Webserver und Software, sondern betreibt auch eine eigene virtuelle Shopping-Mall. Die Fusion von Netscape mit dem weltweit größten Onlinedienst AOL bedeutete einen weiteren Schritt in Richtung der Konvergenz von Content- und Infrastruktur-Providern. Die Lizenz von Mozilla (Mozilla Public License, MPL) kann zwar im Sinn der GPL nicht als „freie“ Software betrachtet werden, da sich Netscape die Kommerzialisierung der Ergebnisse vorbehält, dies stellt jedoch nicht den wesentlichen Aspekt dar, da grundsätzlich jeder GPL-Software eine Verwertungsoption immanent ist. Dies wird schon daran ersichtlich, daß in dieser Lizenz davon gesprochen wird, daß es möglich ist, für „Kopien freier Software [… ] etwas [… ] zu berechnen“. Oder wenn es heißt: „Sie dürfen für den eigentlichen Kopiervorgang eine Gebühr verlangen“. Von Bedeutung ist vielmehr, daß Projekte wie Mozilla symptomatisch für die neue Strategie des softwareindustriellen Kapitals sind: Die Suche nach Leuten, die Spaß am Produktionsprozeß haben und möglichst gratis arbeiten, um den variablen Kapitalanteil zu senken und die Produktivität zu erhöhen. Tatsache ist, daß es diese Projekte gibt, daß sie für sich beanspruchen, daß es sich um „freie“ Softwareproduktion handelt und daß sich hier Teile der „Free“ Software-Community als IdiotInnen des Kapitals engagieren.

Wie bereits erwähnt, tritt die Open Source Initiative (OSI) für die Kommerzialisierung „freier“ Software ein. Sie nennt dies dann Open Source (OS)-Software und hat dafür eine eigene Open Source-Lizenz geschaffen. Auf der Homepage der OSI finden sich dann auch Tips für Unternehmen, wie sie Kapital mit Hilfe von Open Source-Software akkumulieren können. Als Vorteile werden die hohe Zuverlässigkeit der entstehenden Produkte, die hohe Entwicklungsgeschwindigkeit, die Reduktion von Overhead sowie die Möglichkeit des Outsourcings (was also nichts anderes als die Reduktion von konstantem und variablem Kapital und damit die Hoffnung auf einen Anstieg des Profits bedeutet) und die effizientere Nähe zum Kunden betont.

Es zeigt sich auch eine Diffusion neuer Unternehmen wie Red Hat oder Caldera, die OS-Software vermarkten. Immer wieder verdeutlichen VertreterInnen solcher Unternehmen die dahinterliegende Kapitalstrategie: Nämlich, daß es um die Expansion des Softwaremarktes geht. Die OS-Lizenz und die GPL unterscheiden sich nicht grundsätzlich, beiden ist es immanent, daß sie die Software, die diesen Lizenzen unterliegt, für Verwertungsoptionen frei geben. In der OS-Definition wird dies nur in einem noch höheren Ausmaß expliziert, da sie vorwiegend mit dem Ziel der Durchsetzung von Kapitalinteressen geschaffen wurde.

Digital Creations gab den Sourcecode von Zope, einem Tool zur Erstellung von Webseiten, frei, um den eigenen Marktwert zu erhöhen. In der Ära der Simulation und des fiktiven Kapitals wird Open Source-Software also auch dazu eingesetzt, um die Börsenkurse bestimmter Unternehmen in die Höhe zu treiben.

Zu den Strategien der Kapitalakkumulation mit „freier“ und OS-Software zählen nicht nur die Vermarktung bestimmter Softwareprodukte und die Erhöhung von Marktchancen und -anteilen, sondern auch die Unterstützung von „freier“ Software und OS durch Hardwareproduzenten, um billige Software für die zu verkaufende Hardware zur Verfügung gestellt zu bekommen, und der Verkauf von Accessoires und Gimmicks (Bücher, speziell kompatible Hardware, komplette OS-Systeme, T-Shirts, Kaffeetassen, Linux-Pinguine usw. ) sind dabei von Bedeutung. Firmen wie O’Reilly Associates, SSC und VA Research kurbeln in letztgenanntem Bereich die eigene Verwertungsmaschine kräftig und erfolgreich an.

Unfreie „Freiheit“

Als technische Daseinsformen innerhalb des Kapitalismus reproduzieren sich gesellschaftliche Dichotomien und Herrschaftsverhältnisse in den technischen Artefakten. Die bestehenden gesellschaftlichen Macht-, Herrschafts- und Besitzverhältnisse im Netz spiegeln sich in den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie in der Computertechnologie wider. Der Zugang zu diesen Technologien kostet Geld für Telefon, Modem, Computer, Provider usw. Geld, das im Zeitalter der globalen Massenarmut und der globalen Massenarbeitslosigkeit immer mehr Menschen in immer geringerem Ausmaß zur Verfügung steht und einer kleinen privilegierten Klasse in einem immer höheren Ausmaß. Nur ca. 1 % der Weltbevölkerung hat Zugang zum Internet, dies sind hauptsächlich weiße, männliche Amerikaner. Der Cyberspace sowie die Computertechnologie unterliegen virtuellen bzw. computerisierten Segmentierung nach Klasse, Geschlecht, Herkunft, Alter und Qualifikationsniveau. Nur 20 Prozent der Haushalte Deutschlands verfügten Mitte der 90er über einen Computer. Solche Geräte werden großteils von Jugendlichen und Uniabsolventen benutzt. Der Anteil der Männer unter den PC-NutzerInnen Deutschlands ist dreimal so hoch wie jener der Frauen. Eine Schätzung vom September 2000 beziffert die weltweite Anzahl der Internetanschlüsse auf 179 Millionen. Zahlen aus dem Jahr 1997 geben das Verhältnis von männlichen und weiblichen UserInnen mit 89,5% : 10,5% an. Afrika hat 12 Prozent der Weltbevölkerung, verfügt aber nur über 2 Prozent der Telefonanschlüsse. Auf 1000 EinwohnerInnen kommen nicht einmal zwei Telefonverbindungen. In ganz Afrika gibt es 14 Millionen Telefonanschlüsse, allein in Metropolen wie New York oder Tokio viel mehr (zur Segmentarisierung des Internets und zur Widerspiegelung von Klassenverhältnissen in technischen Artefakten siehe Fuchs 1999).

Angesichts dieser Realität der kapitalistischen Verhältnisse ist es zynisch, von einem „freien“ Zugang zu irgendeiner speziellen Form der Software zu sprechen. Einsatz, Verbreitung, Entwicklung, Nutzung, Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von technischen Artefakten oder Medien wie Software, Internet oder Computer können im Kapitalismus niemals frei sein. Denn diese Form der Gesellschaft basiert auf globaler Unfreiheit, Ausbeutung und Herrschaftsverhältnissen. Software und technische Vernetzung können unter diesen Bedingungen niemals ein Inbegriff von Freiheit sein, sondern sind Mittel zur Herrschaft sowie Medium und Resultat der ökonomischen Globalisierung des Kapitalismus.

Sicherlich ist in einer anderen Gesellschaft eine andere Technologie möglich, die dem Menschen die „Befriedigung der Lebensbedürfnisse bei einem Minimum an harter Arbeit, die Umwandlung der Freizeit in freie Zeit“ (Herbert Marcuse 1967, Der eindimensionale Mensch, S. 263) ermöglicht und dazu führt, daß „das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört“ (MEW 25, S. 828). Auch können moderne I&K-Systeme trotz der technischen und virtuellen Widerspiegelung von Herrschaftsverhältnissen als Medium einer Globalisierung des Widerstands und einer sozialen Vernetzung emanzipatorischer Bewegungen dienlich sein. Die angeblich „freie“ Software taugt hingegen nicht als ein Entwicklungsmodell für eine andere Gesellschaft. Die Linux-Community ist ein kleiner elitärer Kreis von vorwiegend weißen Männern aus Europa und den USA. Sie wird daher nicht als Vorbild emanzipatorischer Kämpfe agieren, denn die tatsächlichen Kämpfe finden nicht im virtuellen, sondern in der realen Welt statt und sind vielfach und immer häufiger nicht Widerstandsbewegungen gegen die kapitalistische Form der Vergesellschaftung, sondern blanke Kämpfe ums Überleben in einer Welt, die Mangel und Not künstlich produziert. Wenn Meretz von „freier“ Software als einem Entwicklungsmodell spricht, so zeugt dies schon von einem äußerst ungebremsten Technikoptimismus, der in Technikdeterminismus umschlägt. Allzuviel Hoffnung wird in die technische Produktivkraftentwicklung gelegt. Wenn sie eine Keimform oder ein Entwicklungsmodell darstellen würde, dann hieße dies, daß ein grundlegender gesellschaftlicher Formwandel seinen wesentlichen Ansatzpunkt im technischen Bereich fände. Eben dies reduziert das wechselseitige Verhältnis von Technik und Gesellschaft auf die Technik selbst.

Spaß für das Kapital

Meretz und Co. sprechen von der „freien“ Softwareproduktion als Keimform einer anderen Gesellschaft. Vor allem auch aus dem Grund, da sie in der Art und Weise, wie hier produziert wird, eine Antizipation zukünftiger Verhältnisse des Postkapitalismus sehen. Es handle sich um eine globale, dezentralisierte, vernetzte, kollektive Form der Selbstbestimmung, bei der die ProsumentInnen (gleichzeitig ProduzentInen und KonsumentInnen) auch noch Spaß an ihrer Tätigkeit haben. In der Tat ginge es in einer anderen, postkapitalistischen Gesellschaft um selbstbestimmte Tätigkeiten und eine Form der Produktivkraftentwicklung, die dem Menschen ein Maximum an freier Zeit garantiert. Diese Formen sind jedoch nicht antizipierbar, da dies hieße, daß der technische Fortschritt und die entwickelten Produktivkräfte nach einem grundlegenden Formwandel der Gesellschaft ungehindert fortgesetzt werden könnten und das Alte als Neues einfach übernommen werden könnte. Tatsächlich ist jedoch die Aufhebung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse nur die Basis der Entwicklung einer „neuen Richtung des technischen Fortschritts [… ] [und] einer neuen theoretischen und praktischen Idee der Vernunft“ (Marcuse 1967, Der eindimensionale Mensch). Die gesellschaftliche Basis des Postkapitalismus, die sich aus einem historischen Bifurkationspunkt durch die politische Selbstorganisation emanzipatorischer Subjekte als realisierte Alternative der gesellschaftlichen Entwicklung ergibt, ist eben nur Basis und nicht fertige Form. Technik und Wissenschaft könnten nicht einfach in ihrer bestehenden Form übernommen werden, sondern würden einer qualitativen Veränderung bedürfen.

Meretz und Co. unterschätzen die tatsächliche Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems. Es zeigt sich nämlich heute, daß die „neuen“ Formen der Produktion nicht einen Zwang in Richtung einer selbstbestimmten Gesellschaft mit sich bringen, sondern daß das Kapital diese Entwicklungen als neue Form der ideologischen Einbindung der Arbeitenden geradezu begrüßt. Von denen wird im Zuge der Diffusion der neuen Organisations- und Managementtheorien immer häufiger verlangt, daß sie sich in ihrer Lohnarbeit selbst bestimmen sollen (selbstbestimmte Lohnarbeit – ein Widerspruch in sich), und daß sie Spaß an der Arbeit haben; gewisse Entscheidungen werden delegiert, Verantwortungsbereiche ausgeweitet, Betriebshierarchien verflacht, teilautonome Arbeitsgruppen installiert. Arbeitende sollen sich mit dem Betrieb und dadurch mit ihrer eigenen Ausbeutung identifizieren, sie werden zum automatischen Teilsubjekt ihrer eigenen Ausbeutung. Das partizipative Management und die neuen Arbeitsformen können als Versuche der ideologischen Einbindung der Arbeitenden und der Manipulation ihres Bewußtseins interpretiert werden. Dies bedeutet einen Schritt in Richtung einer „Kontrollgesellschaft“ (Deleuze 1993), in der die Arbeitenden ihrer eigenen Ausbeutung durch die Internalisierung fremder Ziele zustimmen sollen.

Die Kritik an diesen positiven Bewertungen der neuen Formen der Unternehmensorganisation und des partizipativen Managements (siehe z. B. Ribolits 1995, Fuchs 2000a, 2000b, 2001; Parker/Slaughter 1988, Rifkin 1995) geht von der Analyse des Kapitalismus als Klassengesellschaft und der Fragestellung nach den Möglichkeiten der realen Verbesserung und Humanisierung der Situation der Arbeitenden aus. Eine solche Argumentation meint, daß die neuen Arbeitsformen nicht eine Ausweitung der Macht, sondern der Ohnmacht der Arbeitenden bedeuten. Es läßt sich argumentieren, daß vor allem hochqualifizierte und hochbezahlte Arbeitende (wie z. B. IT-EntwicklerInnen) als Reaktion auf das partizipative Management und die Etablierung neuer Formen der Unternehmensorganisation eine Identifikation mit dem Betrieb, Motivation, Selbstdisziplinierung, Mehrleistung durch Internalisierung der Corporate Identity usw. tatsächlich umsetzen. Die neuen Arbeitsformen bedeuten also nur eine individuelle Besserstellung für Teile der Arbeitenden.

Gleichzeitig kommt es aber zu einer permanenten Ausweitung der prekären Arbeitsverhältnisse. Daher kann nicht von einer Erhöhung des Machtpotentials der Arbeitenden gesprochen werden, da es nur zur Besserstellung einiger atomisierter Hochqualifizierter kommt. Von einer Humanisierung der Arbeit und einer Erhöhung der Macht der Arbeitenden könnten wir nur dann ausgehen, wenn es eine globale Verbesserung der Lebensverhältnisse der Arbeitenden gäbe. Im Kapitalismus bedeutet jedoch die Verbesserung der Situation der einen die Zunahme des Leids der anderen. Da jene Arbeitenden, die auf das partizipative Management positiv reagieren, herrschende Interessen und Ziele internalisieren, kommt es zu einer Spaltung der gemeinsamen Interessen der Arbeiterklasse nach Besserstellung für alle Unterdrückten und zu einer Verdeckung und Leugnung der Klassenwidersprüche. Die höher Qualifizierten hätten durchwegs ein Potential zu ihrer eigenen individuellen Besserstellung. Das steht jedoch im Widerspruch zur Besserstellung der gesamten Arbeiterklasse.

Die neuen Arbeitsformen bedeuten heute vor allem ein Management by Stress (vgl. z. B. Steinkühler o. J. ) und eine „Totalverzweckung des Menschen“ (Ribolits 1995) im Dienste des Kapitals, bei der die Arbeitenden total (also inklusive ihres Bewußtseins) in den Verwertungsprozeß des Kapitals integriert werden sollen. Diesen kontrollgesellschaftlichen Aspekt lassen Meretz und Co. zwar nicht vollständig außer acht, sie unterschätzen jedoch die tatsächliche Wirkung der neuen Formen von Arbeit und Produktion. Die Organisationsweisen der Arbeit sind auch ein Aspekt der Produktivkraftentwicklung. Und genauso wenig wie die Technik können sie einfach in eine neue Gesellschaft übernommen werden. Es entsteht jedoch der Eindruck, daß Meretz und Co. genau davon ausgehen, wenn es beispielsweise in einer Arbeit von Annette Schlemm heißt: „Die sog. ‚Virtuellen Unternehmen‘ sind geradezu Keimformen für zukünftige ‚Assoziationen‘ in einer neuen Gesellschaftsordnung. [… ] Entfremdende Arbeitsteilung wird zu einem großen Teil aufgehoben, das Durchschauen der Komplexität wird von den Arbeitenden jetzt direkt gefordert“ (Schlemm 1999, S. 114f).

Den freien SoftwareentwicklerInnen geht es um den Spaß an der eigenen Tätigkeit. Dies betont auch Richard Stallman in seinen Publikationen immer wieder („Programming is Fun“). Um Spaß geht es auch den sektiererischen New Work-AktivistInnen rund um deren Guru Frithjof Bergmann; Spaß verlangt auch das Kapital immer häufiger von den Arbeitenden (zur Kritik an New Work siehe z. B. Hildebrandt 1999). Der Spätkapitalismus ist eine Spaßgesellschaft. In ihrem Verlangen nach Antizipation einer emanzipierten, selbstbestimmten Ökonomie lassen sich die „freien“ SoftwareentwicklerInnen durch die bestehenden Verhältnisse verblenden, sie frickeln spaßhabend an ihren „selbstbestimmten“ Projekten und merken nicht, wie sich das Kapital über die grundsätzliche Möglichkeit der Subsumtion freut.

Spezifisch für die postmodernistischen Lifestyle-Linken scheint zu sein, daß sie die Hoffnung auf emanzipatorische Umgestaltung durch eine politisch selbstorganisierte Bewegung weitgehend begraben zu haben scheinen. An Stelle dessen reduzieren sie ihr politisches Engagement auf virtuelle Diskussionen, symbolische Repräsentationspolitik und die Idealisierung des angeblich emanzipatorischen Charakters des Konsums bestimmter Waren. In diese Richtung marschiert auch die Linux-Linke. Teile dieser Linuxlinken wollen zwar auch eine Gesellschaft, in der sämtliche kapitalistische Formkategorien aufgehoben sind, ihr vorgeschlagener Weg dorthin erscheint jedoch zweifelhaft.

Ein alternativer Gesellschaftsentwurf ist dann wahr, wenn er mit den realen Möglichkeiten übereinstimmt, die die bestehende Gesellschaft als Basis bietet und wenn er die bestehende Totalität als falsch erweisen kann, indem er die Aussicht bietet, die Errungenschaften der Zivilisation zu erhalten und zu verbessern, das Wesen der bestehenden Gesellschaft erfaßt und der Verwirklichung einer Befriedung des Daseins größere Chancen bietet (vgl. Marcuse 1967, S. 232). Faschismus und Kapitalismus bleiben daher immer falsch. Der Kapitalismus ist als ganzes falsch, da er nicht allen Menschen ein glückliches, befriedetes Dasein auf der Basis einer Aufhebung der Entfremdung bietet, sondern auf dichotomisierenden Klassenverhältnissen basiert und sich durch die Existenz dieser reproduziert. Die Suche nach Richtigem im Falschen ist eine vergebliche. Was heute einzig möglich ist, ist das Nachdenken und der Diskurs über Alternativen und Formen einer anderen Gesellschaft auf Basis der Kritik des Bestehenden, um dem vielfach postulierten „Ende der Geschichte“, das einen historischen Sieg des Kapitalismus feststellt und mögliche Alternativen diskreditieren will, entgegenzuwirken und um das Prinzip Hoffnung im Sinn Ernst Blochs (1959) aufrechtzuerhalten. Wir können und sollen eine andere Gesellschaft heute gar nicht planen, da es gilt, eine neue Elitenbildung im Emanzipationsprozeß zu verhindern. Eine andere Gesellschaft kann nur eine sein, die durch emanzipatorische, soziale Selbstorganisation (vgl. Fuchs 2000, 2001) auf Basis eines kritischen Bewußtseins entsteht, sonst wird sie nicht anders sein, sondern nur eine neue Form des Alten. Der Diskurs über Alternativen macht heute nichtsdestotrotz Sinn, um zu zeigen, daß der Kapitalismus nicht die einzige historische Alternative darstellt. Eine andere Technik können wir erst a posteriori in einer anderen Gesellschaft entwickeln, nicht a priori in einem falschen Ganzen als unterstellte Entwicklung der Produktivkräfte, die ihre Fesseln sprengen oder deren Fesseln gesprengt werden und so unverändert in eine andere Gesellschaft übernommen werden können. Eben diesen positiven Bezug auf das falsche Ganze legen Diskurse über kommunistische Keimformen aber in technikdeterministischer und -reduktionistischer Weise nahe. Eine befreiende und humanistisch wirkende Technologie kann es im Kapitalismus nicht geben. Erst in einer anderen Gesellschaft ist es möglich, daß Technologie zur Humanisierung des Daseins beiträgt, in dem sie in dem Sinn befreiend wirkt, daß sie „völlig auf die menschlichen Bedürfnisse hin orientiert ist, und [indem ihr] [… ] alles Denken in Profit und Verlust fremd ist“ (Bookchin 1974, S. 82). Erst dann bietet sich die „Möglichkeit eines materiell bis zum Überfluß abgesicherten, fast arbeitsfreien Zeitalters [… ], in dem die meisten lebensnotwendigen Güter maschinell hergestellt werden können“ (ebd. , S. 69). Bewußtsein und eine darauf basierende Praxis können in der kapitalistischen Gesellschaftungsformation kritisch und antikapitalistisch sein, falls sie über diese hinausweisen – auch wenn im heutigen postfordistischen Entwicklungsmodell die neoliberale Durchkapitalisierung auf das Bewußtsein in neuen Qualitäten durchzuschlagen scheint -, die Ökonomie kann dies heute jedoch grundsätzlich nicht.

„Wenn Wahrheit Freiheit von harter Arbeit voraussetzt und wenn diese Freiheit in der gesellschaftlichen Realität das Vorrecht einer Minderheit ist, dann gestattet die Realität eine solche Wahrheit nur annähernd und nur einer privilegierten Gruppe“ (Marcuse 1967, S. 145). Freiheit ist unteilbar und umfaßt die Freiheit aller. Individuelle und kollektive Freiheit sind dialektisch vermittelt: Ohne allgemeine Freiheit keine Freiheit des/der Einzelnen, ohne maximale Freiheit des Individuums keine kollektive Dimension der Freiheit. Eine andere Gesellschaft wird wahr sein, der Kapitalismus bleibt falsch.


Literatur:

Berggren, Christian (1991) Von Ford zu Volvo. Berlin u. a. Springer

Bloch, Ernst (1959) Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt/Main. Suhrkamp. Neuauflage 1985

Bookchin, Murray (1974) Für eine befreiende Technologie. In: Unter dem Pflaster liegt der Strand. Band 2. Berlin. Karin Kramer Verlag. 2. Auflage 1980. S. 59-115

Deleuze, Gilles (1993) Postskriptum über die Kontrollgesellschaften. In: Deleuze, Gilles: Unterhandlungen. 1972-1990. Frankfurt/Main. Suhrkamp. 1993

Free Software Foundation/Stallman, Richard:

Categories of Free and Non-Free Software. Internet

GNU General Public License. Deutsche Übersetzung. Internet

Selling Free Software. Internet

The Microsoft Antitrust Trial and Free Software. Internet

What is Copyleft? Internet

What is Free Software? Internet

Why Software Should Be Free Internet

Fuchs, Christian (1999) Partizipationschancen im Internet? Internet:

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