BLINDLINKS

Randglossen eines späten Abkömmlings

von Franz Schandl

1968 war 1978. Zumindest für mich. Es war das Jahr, in dem ich maturierte. In Waidhofen an der Thaya erschien seit Herbst 1977 die Schülerzeitung Auseinandersetzung, und ich war einer ihrer eifrigsten Aktivisten gewesen. Das Blatt, in seinen Anfängen ein offenes und kritisches Forum für alles, was links von MKV und UHS stand, umfasste in seinen besten Tagen bis zu 30 Sympathisanten, nicht nur Schüler, sondern auch Studenten, Lehrlinge und Präsenzdiener. Auch die Themen waren ursprünglich breitgefächert, noch nicht stromlinienförmig auf die alte Arbeiterbewegung hin zugeschnitten. Mein allererster publizierter Artikel, eine Attacke gegen die lokale MKV-Verbindung Rugia, begann mit dem fulminanten Satz: „Während es in den letzten Jahren mit dieser Verbindung schon abwärts zu schlittern drohte, zeigt sich im letzten Jahr neuerlich ein Aufwärtstrend.“ So hat der Kampf begonnen, nicht nur der mit der Sprache.

Von Nummer zu Nummer wurde das Spektrum der Zeitung allerdings enger, die Terminologie rabiater, die Aussagen rigoroser. Die von anderen und mir forcierte Bolschewisierung der Schülerzeitung trieb uns alsbald in die Isolation. In der Phase des Niedergangs setzte ich gar ein Bekenntnis zu den ersten vier Weltkongressen der KOMINTERN durch. Die meisten (mich nicht ganz ausgeschlossen) wussten zwar kaum, was die III. Internationale gewesen war, noch welche Bedeutung die ersten Kongresse hatten. Darum ging’s auch nicht, wir glaubten dadurch aber das Flottieren der eigenen Mitarbeiter unterdrücken, ja sie durch diese rigiden Beschlüsse bei der Stange halten zu können. Mit Marx und Engels, Lenin und Trotzki im Gepäck (aber unausgepackt! ) meinten wir jedenfalls für unsere Vorhaben bestens gerüstet zu sein. Das war ein Trugschluss, aber er trug ein Stück des Weges.

Nicht konservative Repression – die hat es selbstverständlich auch gegeben, sie betraf stets mehr die Mitläufer als die zentralen Aktivisten – brachte uns zum Schweigen, sondern wir uns selbst. Was vielversprechend begann, wurde von uns selbst erledigt. In der allerletzten Nummer 10 sprach ich noch einmal eine dummdreiste Drohung aus. In dem Gedicht „Es kommunistet“ heißt es: „Und wer gegen uns ist / soll sich fürchten! “ So steht es da, schwarz auf weiß. Und ich wundere mich nicht, dies einstens geschrieben zu haben, ich wundere mich aber sehr, dass keiner meiner damaligen politischen Freunde den Mut gefunden hat, mir zu sagen, was davon zu halten ist.

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Was die von mir akzeptierten Autoritäten mir vorlegten, das akzeptierte ich, was ich jenen vorgab, die mich als Autorität akzeptiert hatten, das hatten auch jene zu akzeptieren. Die Welt war einfach, und die Revolution stand bevor. Wir waren ausgesprochen siegesgewiss. Woher wir diese Gewissheit genommen haben, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.

Wie die Achtundsechziger durchliefen auch wir die unterschiedlichen Phasen vom antiautoritären Aufbegehren hin zum autoritätsfixierten Kader. Es ging nur noch schneller, was freilich den Vorteil hatte, nicht ein Jahrzehnt in einer K-Gruppe verbringen zu müssen. Ich wurde Trotzkist und Mitglied in der Sozialistischen Aktion (SOAK), einer aus dem ehemaligen Verband Sozialistischer Mittelschüler (VSM) hervorgegangenen Studentengruppierung. Ich bin dort wahrscheinlich der jüngste und schlimmste Kader gewesen, doch da ich der allerletzte Neuzugang war, freute man sich dort meines Beitritts. Schon im Dezember 1980 löste man mir aber den Verein auf. Das hat mich getroffen, aber nicht aus der Bahn geworfen.

Fad ist mir jedenfalls nicht geworden. Ständig gab es etwas zu tun. Es waren Zeiten permanenter Betriebsamkeit. Da eine Resolution, dort eine Eingabe, heute eine Demo, morgen eine Podiumsdiskussion, übermorgen eine Sitzung, freitags ein Fraktionstreffen, am Wochenende Schulung. Stets waren wir unterwegs, immer waren wir beschäftigt. Die Reflexion hielt sich bei diesem Tempo in Grenzen.

Wurde man mit SPÖ und KPÖ nicht glücklich, begeisterten auch Trotzki und Mao nicht mehr, dann fand man in Lukacs oder Gramsci ein neues Leitbild. Zog der Klassenkampf nicht mehr so recht, dann hatte die Hegemonie herzuhalten. Immer musste man Fan sein. Irgendwo wusste man stets, wo es lang ging, obwohl schon lange nichts mehr ging. Es ist anzunehmen, dass nach dem Auftakt von 1968 in den siebziger und achtziger Jahren zigtausende Menschen durch die radikale, systemoppositionelle Linke geschleust wurden. Ihre Bedürfnisse und unmittelbaren Anliegen konnten dort jedoch nicht wirksam zusammengefasst werden.

Sensible oder gar kritische Einwände wurden nicht selten niedergebügelt, differenzierte Ansichten und Vorgangsweisen als Opportunismus gebrandmarkt. Die Linie, oft noch in der Steigerungsform der Klassenlinie, die durfte bei Strafe der Denunziation nicht verletzt werden. Und da jene immerfort irgendwie verletzt wurde, verletzten wir uns alle gleich mit. Spinnefeind standen wir uns oftmals gegenüber. Die ärgsten Feinde waren so nicht die Klassenfeinde, sondern jene, die uns eigentlich am nächsten gestanden sind. Das waren nämlich schon Abweichler. Andauernd wurde da jemand des Verrates überführt. Natürlich kamen einige Brüche in einer Geschwindigkeit, mit der niemand rechnete. Die Formel des Renegaten war aber trotz alledem immer eine beschränkte. Wer Verrat sagt, weiß meist keinen Rat mehr, begreift nicht, sondern attackiert blind. Blindlinks. An den Folgeerscheinungen dieser K2L (Kampf zweier Linien)-Mentalität leidet die österreichische Linke noch heute.

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Großmäuligkeit und Unbelesenheit korrespondierten in einem erschreckenden Maße. Je ignoranter, desto präpotenter. Die Goschertsten waren oft die Dümmsten. Der Horuck-Revolutionarismus feierte sich ab. Es war der lange Faschingsdienstag der Linken, der kein Ende finden wollte, obwohl er längst vorbei gewesen war. Schon damals, zu Beginn der Achtziger.

Erst im Zuge intensiverer Studien wurde mir klar, dass allzuoft über etwas gesprochen wurde, von dem man eigentlich wenig bis keine Ahnung hatte. Von den Klassikern war zwar immer die Rede, doch über die Paraphrasierung einiger Stehsätze ist man kaum hinausgekommen. Marx trat so im Gewand einiger kleiner politischen Schriften, meistens in Form des dünnen „Kommunistischen Manifests“ auf. Das „Kapital“ musste zwar als Zitatenschätzchen herhalten, ansonsten aber stand es kaum in Gebrauch. Das wäre zuviel der Mühe gewesen. Marx war der, „den man nicht liest, weil man ihn ja eigentlich immer schon gelesen haben müsste, “ hat Günther Anders einmal treffend bemerkt.

Die Abwendung hatte so oft den gleichen Grund wie die Hinwendung. Der Marxismus, das war eine Mode der Achtundsechziger, ein besonderes Erkennungszeichen, ein Jargon, an dem man Zusammengehörigkeit merken sollte. Er war austauschbar, auch wenn wir das dazumal nicht wahrhaben wollten, dazumal, als in den linken Seminaren auf der Uni selbst junge ÖVPler auf Marxismus machten. Im Nachhinein wird man das Gefühl nicht los, als hätten nicht allzu viele ihre damalige Existenz allzu ernst genommen. Für viel zu viele blieb so das Aufbegehren eine Episode, ein buntes Versatzstück ihres Lebens.

Die Geschichte vom Roten Willi, der vom Roten Börsenkrach zum Schwarzen Börsenhai umgestiegen ist, die braucht man nicht erfinden, die ist echt. Nicht wenige Biographien verliefen in ähnlich absonderlicher Weise. In keinem Roman wären jene zu bändigen, zu aufgesetzt und abstrus erschiene die Wahrheit. Jeder Autor würde sich einer schwülstigen Phantasie verdächtig machen.

Die meisten haben sich aber dann klammheimlich davongeschlichen – die noch sympathischere Variante, andere machten den Kotau vor der Macht. Nur ganz wenige wollten aufarbeiten und weiterentwickeln, was da als Emanzipation angesagt war. Zur letzten Gruppe zähle in aller Unbescheidenheit auch ich mich.

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Wenn du jemanden erkennen willst, dann schau dir seine Bücher an. Die linken Bücherwände glichen sich noch vor einem knappen Jahrzehnt in ihrer Zusammenstellung bis in kleine Details. Fast meint man, die seien nicht ausgesucht, sondern als Kiloware geliefert worden. Sie sind donaulandartig angelegt.

Die Programme auch der großen Verlagshäuser waren in den siebziger Jahren noch voll mit radikaler Literatur, die sich dazumal blendend verkaufte. Über die Qualität lässt sich wenig streiten, sie war in den allermeisten Fällen erbärmlich. Das Bedürfnis orientierte sich nicht an originellen Inhalten, sondern an der aktuellen Mode linker Platitüden. Die überzähligen Taschenbücher von Suhrkamp und Rowohlt, Fischer und (sogar) Ullstein sind heute um 19. – oder 29. – Schilling diversen Ramschkisten zu entnehmen. Inzwischen sind die Verlagsprogramme von solchen Anwandlungen weitgehend frei. Riecht etwas nach Marxismus, sind die Chancen erdenklich gering, dass es publiziert werden kann. Zumindest in den großen Verlagen.

An den Bücherwänden hat sich nun zwar die Füllung, nicht aber die Struktur geändert, sie sind nach wie vor standardisiert geblieben, wenngleich die Standards andere geworden sind. Gerade das sollte aber zur Vorsicht mahnen: „Was gestern selbstverständlich gewesen ist, ist heute völlig unverständlich geworden“, meint ja auch: Was heute selbstverständlich ist, wird morgen gänzlich unverständlich sein. Es ist nicht allzu schwer, Hans-Peter Martin oder Viviane Forrester schon jetzt die Verramschung, die Papiertonne oder das Vergessenwerden zu prophezeien. Was hiermit geschieht.

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Linke Geschäftigkeit erwies sich oftmals als Vorstufe bürgerlicher Geschäftstüchtigkeit. Vornehmlich in den K-Gruppen, aber auch in vielen Basisinitiativen wurden wirklich multiple Persönlichkeiten herangebildet. Mehr als der Schule verdanken viele der Schulung. Jahrelang lernten und lehrten die Genossinnen und Genossen schreiben und lesen, reden und blödeln, organisieren und agitieren, intrigieren und taktieren, plakatieren und kandidieren. So armselig der Inhalt auch gewesen sein mag, so reichhaltig gestalteten sie sich doch der Form nach. Hilflos das Kopfwerk, haltlos das Mundwerk, schrankenlos das Handwerk.

Kontakte, Kontakte, Kontakte. Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. Jahre bevor Flexibilisierung angesagt war, kreierte die Linke schon ihre Flexi-Individuen. Mit auch ein Grund, warum nicht wenige in diversen Berufen vorzüglich reüssieren konnten. Zumindest in den Zeiten, bevor die Jobs insgesamt rar geworden sind. Das Engagement hatte sich gelohnt – nur ganz anderes als ursprünglich vermutet. Viele taten den Sprung und landeten im ORF, den Zeitungen oder in der Grünpartei, ohne dass diese Institutionen auch nur im Entferntesten daran denken, einen Groschen Ausbildungsabgabe an die Hinterbliebenen abzuführen. Gar niemand propagiert hier die ansonsten so nützliche Marktwirtschaft.

Schließlich ging es aber auch ums Leben. Die Zeiten, wo die zweite Jean und das dritte Hemd schon als Luxus gegolten haben, waren vorbei. Fast könnte man meinen: spurlos vorbeigegangen. Wer einem bürgerlichen Beruf nachgeht, geht dem Beruf bürgerlich nach. Der Umstieg ist vielen nicht allzuschwer gefallen. Aber auch nicht alle haben alle Brücken abgebrochen. Einige zahlen immer noch größere Abstandshonorare an ihre Organisationen, denen sie einst verbunden gewesen sind, andere, so hörten wir, haben vergessen, ihren Dauerauftrag einzustellen.

Objektiv waren die linken Organisationen hervorragende Ausbildungsstätten für bürgerliche Berufe der verschiedensten Art – vom Börsenmakler bis zum Geschäftsführer, vom Universitätsprofessor bis zum Leitartikler. Die meisten wurden freilich Journalisten. Kein Blatt, keine Sendung ist frei von ihnen. Einige kennt man, noch mehr erkennt man, auch wenn sie einen nicht mehr kennen und nicht mehr zu erkennen sind.

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Ich landete schließlich bei den Grünen. Obwohl ich 1982 nur widerwillig von Freunden in die Alternative Liste gezwungen wurde, war ich ein Jahr darauf führender Funktionär der niederösterreichischen Landesorganisation, zwei Jahre später schon zum Mitglied im Bundeskoordinationsausschuss aufgestiegen, 1986 sogar zum Verhandlungsleiter der ALÖ in den grünen Einigungsgesprächen avanciert. Dort bin ich dann mit Günther Nenning und Wolfgang Pelikan tage- und nächtelang in einem kleinen Redaktionskomitee zusammengesessen, um irgendeinen Einigungsvertrag auszuhandeln. Die Grünen einigten sich dann auf dieser windschiefen Grundlage, wir, die Grundleger legten uns allerdings selbst und rutschen dort bei den nächsten Gelegenheiten raus.

Der mit allen Gewerkschaftswassern gewaschene und Dichandgeldern ausgestattete Nenning wusste, wie er mir ankonnte, wenngleich ich mich tapfer wehrte. Ich mach den Victor Adler und du den Otto Bauer, sagte er manchmal sinngemäß zu mir. Auch wenn ich mit den Sozialdemokraten wenig am Hut hatte, nicht einmal mit den alten Austromarxisten, es schmeichelte. Schon sah ich mich in der Rolle eines grünen Parteiführers.

In stimmungsvoller Bewusstlosigkeit hatte ich fast „Karriere“ gemacht, auch wenn diese außer Geltung in einem kleinen Geltungsbereich nichts einbrachte, schon gar nicht finanziell. Ich nahm jedenfalls meine Eminenz wahr und zelebrierte sie. Noch heute erschrecke ich manchmal vor meinen damaligen politischen Fähigkeiten, denke ich an die Geilheit des Sitzungskrieges, das Kribbeln des Abstimmungserfolges, die Lust an der Geschäftsordnung. Das Erschrecken kennt so zwei Seiten. Erschrecken wollte ich z. B. die Medien, indem ich sie mit Missachtung strafte, was dort aber überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurde. Motto: Ich bin sehr berühmt, nur die Journaille weiß nichts davon.

Am 4. Oktober 1986 erlaubten wir uns aber etwas, was man sich eigentlich nicht erlauben durfte. Die Wiener Sammlungsbewegung der Grünalternativen wählte nicht Freda Meissner-Blau, sondern – und das mit deutlichem Vorsprung – Andrea Komlosy zu ihrer Spitzenkandidatin. Daraufhin entlud sich über uns das ganze antikommunistische Gewitter der Journaille, kein Untergriff wurde ausgelassen, als es um die Eliminierung der „linken Fransen“ (Originalton Meissner-Blau) ging. Schließlich gelang es den neugrünen Machthabern um Meissner-Blau, Pilz und Strobl uns mithilfe medialer Unterstützung aus den Grünen rauszuboxen.

Mit Schaudern denke ich noch daran, als die Journalisten bei Andrea Komlosy einfielen und wir alle nicht wussten, was wir mit denen tun und wie wir uns verhalten sollten. So geschah mit uns, was wir nicht wollten. Obzwar wir die ganze Hilflosigkeit unseres Treibens merkten, wussten wir kein Mittel dagegen. Wir stellten uns so blöde an, dass es blöder gar nicht mehr ging. Innert kürzester Frist war der gesamte linke Flügel der Wahlbewegung in der Öffentlichkeit zu einer kleinen Facette im Kampf Kurier gegen Krone um die Grünen degradiert. Verdächtigten uns die einen, dass wir Strommasten sprengen, so schnupperte Jeannée, von Nenning einparfümiert, an unserer Spitzenkandidatin und befand, so rieche keine Kommunistin! Stimmen brachte das keine, die Stimmung ruinierte es nachhaltig. Die von uns betriebene Separatkandidatur in Wien endete mit einem Fiasko.

Damals war das eine Niederlage, heute betrachte ich es als Glück. Was mir da nicht alles erspart geblieben ist! So wurde ich gesäubert, um mit mir ins Reine zu kommen. Was folgte, war der konsequente Schritt Richtung Aufarbeitung und Reflexion. Das zeitigte eine umfangreiche Dissertation über die politische Theorie bei Wladimir Iljitsch Lenin und (gemeinsam mit Gerhard Schattauer) ein voluminöses Forschungs- und Buchprojekt über die Grünen.

Nebenbei war ich übrigens noch Gemeinderat der Alternativen Liste in Heidenreichstein geworden. So kam 1985 1968 auch in die Gemeindestube. Dort bin ich dann innerhalb von zehn Jahren langsam, aber beständig vom Exoten zum Honoratioren transformiert worden, man befleißigte sich, die „Rotzpippn“ ernst zu nehmen, ja berief sich des Öfteren sogar auf mich. Und wie oft wurde mir gesagt, dass ich eigentlich recht hätte, aber. Es statuierte sich an mir ein Exempel. Aber nicht bis zur bitteren Neige, sonst würde ich vielleicht gar als Stadtamtsdirektor im Waldviertel sitzen.

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Ja, die Grünen. Sie, das vermeintliche Projekt eines neuen Aufbruchs, sind nichts anderes als die Konkursmasse der Achtundsechziger. In den Anfängen lebte dort sogar der alte Konflikt zwischen Trotzkisten und Maoisten (ähnlich wie in Deutschland zwischen dem KB-Nord und dem KBW) wieder auf, auch wenn erstere nicht erstere und letztere nicht letztere geblieben waren. Bezichtigten die anderen die einen des Sozialdemokratismus, so die einen die anderen des Antikommunismus. Man kam, sah, und schon konnte man sich nicht leiden, wusste man doch genau, woher die anderen abstammten.

Achtundsechzig kam bei den Grünen aber nicht als Fortsetzung oder gar Potenzierung zu sich, sondern als regressive Reduktion. Es ist zu einem Abbruchunternehmen geworden, zweifellos. Die Grünen haben 1968 ausgewalzt, indem sie in aller Betroffenheit und Biederkeit alles platt gemacht haben. Sie haben die Motivation weitergeschleppt, gleichzeitig aber den radikalen Impetus amputiert. Dass die professorale Langeweile dort jetzt gar den Vorsitz erobert hat, verdeutlicht das einmal mehr. Die Gesellschaftskritik der Grünen verkam alsbald zur Affirmation bürgerlicher Werte. So gesehen sind die Grünen der allerletzte Abklatsch, nicht nur von 1968, sondern auch von 1848.

In den ersten Jahren der Amalgamierung war das für uns noch nicht sichtbar gewesen, wobei natürlich auch die Frage zu stellen ist, ob das nicht eine späte Ausrede darstellt. Möglich. Andererseits möchte ich diese Erfahrungen auch nicht missen, weder die Freundschaften, die dadurch entstanden sind, noch die notwendigen Enttäuschungen. Selbst wenn diese von Haus aus Täuschungen gewesen sind.

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So oft ich auch nachdenke, mir fällt keine einzige wirklich bedeutende theoretische Schrift eines österreichischen Achtundsechzigers ein. Geistig ist da nicht viel auszumachen – auch meine Bücherwand drängt mir nichts auf, einen österreichischen Krahl hat es nicht gegeben. Das allermeiste Schrift- und Gedankengut hat sich über die Aktualität kaum erheben können, allzuschnell ist es Makulatur geworden. Vor allem Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre landete das meiste davon im Papiercontainer. Nostalgische Sammler wie ich auch heute noch einer bin, können diese Reste oft billig erstehen. Zur Zeit suche ich gerade Stalins gesammelte Werke.

Wenn man bestimmte Produkte, eigene nicht ausgeschlossen, nach Jahren zur Hand nimmt, ist man ziemlich befremdet, manchmal sogar äußerst peinlich berührt. Es ärgern selten die Anliegen, wohl aber die propagandistischen Postulate. Die Sprache der martialischen Drohgebärden sollte Mut machen, wo doch Überlegung gefordert gewesen wäre.

Heute firmiert 1968 oftmals als kameradschaftsbundartige Erinnerung. Das Jahr ist so betrachtet zum Mythos geworden, zu einer falschen Wahrheit, in der alte und junge Kämpfer es sich bequem einrichten. Vieles erinnert an Veteranentreffen, wo man besseren Zeiten nachtrauert. Das mag man den Individuen individuell durchgehen lassen, die Retrospektive taugt als gesellschaftliche Perspektive aber nirgendwo, sie ist kontraproduktiv.

Die Achtundsechziger haben keinen Grund zur Selbsthuldigung. Sie sind vieles schuldig geblieben. Vor allem die systematische Reflexion des eigenen Handelns. Man sollte sie nicht leichtfertig mit der Kriegs- und Aufbaugeneration vergleichen, puncto Verdrängung des Geschehenen gibt es hier aber eine fatale Parallele, die nicht unerwähnt bleiben sollte. Auch die Achtundsechziger haben nach einem ähnlich gestrickten obligaten wie selektiven Muster ihre Geschichte zu weinseligen Gschichterln heruntergebracht.

Mehr als die Tollheiten der Bewegungszeiten ist den Achtundsechzigern und ihren Epigonen vorzuwerfen, dass sie sich zu keiner kollektiven Aufarbeitung durchringen konnten. So standen Abkehr und Anpassung auf der Tagesordnung, nicht Reflexion und Selbstkritik. So entzogen sich viele der Verantwortung, obwohl gerade die nötig gewesen wäre. In den oft wüsten Abrechnungen war man selbstredend nicht einmal zu dumm, das eigene Verhalten den geistigen Vätern oder irgendwelchen Rädelsführern anzukreiden. Die Frage, ob Lindner oder Mao, Hoffmann-Ostenhof oder Trotzki, Muhri oder Lenin gescheitert sind, die stellt sich nicht. Höchstens man behauptet gleich dem unsäglichen Lyotard in unerträglicher Koketterie, Marx habe einen verlassen.

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1968 kommt nicht wieder, ebensowenig wie 1917, 1848 oder 1789. Wenn ich auf Plakaten „Zurück zu Lenin! “ lese, dann ist das ungefähr so, wie wenn jemand in der Physik zurück zu Newton oder in der Architektur zurück zur Gotik möchte. Was aber nichts gegen Lenin, Newton oder die Gotik sagt. Im Gegenteil: Man kann bei Lenin einiges lernen, vor allem dessen Vermögen, sich in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich, also richtig zu verhalten, wenig Rücksicht auf gestrige Ansichten oder gar Voreingenommenheiten zu nehmen. Nicht jedoch kann man dessen Politik neu auflegen, ohne sich vollends zu blamieren.

Lächerlich hingegen erscheint überhaupt nicht – obwohl es noch um einiges lächerlicher ist – noch weiter zurückzuwollen, zurück in den Urschoß von Demokratie und Freiheit, Menschenrecht und Marktwirtschaft, zurück also nach 1848. Nachdem die Paradigmen von 1917 ausgedient haben – und sie haben zu Recht ausgedient! – stehen freilich nicht jene von 1848 auf der Tagesordnung, auch wenn alle Demokraten von rechts bis linksradikal die Demokratie als der Weisheit letzten Schluss bejubeln. Das ist wahrlich die Flucht von gestern nach vorgestern. Dieser neuerliche Kleiderwechsel ist noch absurder als der vorhergehende.

1968 war eben auch so eine „weltgeschichtliche Totenbeschwörung“ (Karl Marx), ein „historisches Kostümfest“ (Robert Kurz), wo die Verkleideten sich aufführten, als seien sie lebendige Reinkarnationen ihrer Vorbilder. Zu mehr als Gespenstern vergangener Zeiten sollten sie es allerdings nicht bringen.

Trotzdem, man soll nicht nur schimpfen, vor allem wenn man bedenkt, wie viele und welche Kretins heute über die Achtundsechziger herfallen, mit deren Niederlage auch gleich das Aufbegehren überhaupt zu entsorgen trachten. Nicht selten sind die größten Eiferer noch dazu ehemalige Mitkämpfer oder Mitläufer, oftmals sogar einstige Protagonisten. Widerwärtige Figuren gibt es zuhauf. Namen nennen wir diesmal keine, sie werden bei Bedarf nachgeholt. Der vorliegende Nachruf versteht sich bei aller herben Kritik jedenfalls nicht als üble Nachrede.

Umgekehrt habe ich vielmehr den Wunsch, Achtundsechzig gegen die allermeisten Angriffe zu verteidigen. Meine Kritik will darüber hinaus, nicht hinter es zurückfallen. Sie will sein Anregung, nicht Abgesang. Der gescheiterte Versuch ist kein Beweis, dass jeder Versuch eine falsche Versuchung ist, in die man sich am besten gar nicht begeben sollte. Auch dass die meisten Achtundsechziger windelweiche Demokraten geworden sind, die abschwören, sagt nur etwas über ihren Gemütszustand aus, nichts über die Notwendigkeit der Radikalität oder die eines neuen gesellschaftlichen Aufbruchs.

Der Abschied von den falschen Reminiszenzen steht noch aus, aber er steht an. Die Debatten von einst sind ja in keiner Weise erledigt, selbst wenn ihre Mentoren es sind. Jene müssen geführt werden, wenngleich auf einem anderen Niveau und mit anderen Schlussfolgerungen als dazumals. Kurzum: Let’s talk about revolution!

Aus: Bärbel Danneberg/Fritz Keller/Ali Machalicky/Julius Mende, die 68er. eine geschichte und ihr erbe, Döcker Verlag, Wien 1998, S. 104-115.

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