Versuchungen (1996)

Skizzen über die Liebe und das Vögeln

von Franz Schandl

Eros, unbezwungen im Kampf,
Eros, dein ist, was du anfällst!
Auf zarten Wangen
Des Mädchens nächtigest du,
Über die Meere schweifst du,
Über Gehöfte der Flur.
Keiner der Götter entrinnt dir
Noch Eintagsmenschen,
Wen es erfaßt,
die rasen.

(Sophokles, Antigone)1

 
Was bei der neueren Literatur über Erotik auffällt, ist, daß sie dort, wo sie Trivialität und Voyeurismus verläßt, gleich anderer Wissenschaft, trocken, ja saft- und kraftlos wird. Derweil ist jene doch eine feuchte und kräftige Angelegenheit, zumindest dann, wenn sie nicht nur Schein ist, sondern zum Wesentlichen vordringt. Um letzteres will sich dieser Beitrag bemühen.

Gleich vorweg: Unser Liebes- und Sexualitätsbegriff beschränkt sich hier ausschließlich auf die heterosexuelle Beziehung. Kindesliebe, Freundschaftsliebe oder sonstige „Liebschaften“, vom Auto bis zum Vaterland, vom Hobby bis zur Heimat, sind nicht Gegenstand unserer Überlegungen. Liebe wird verstanden als typisch neuzeitliche Form geschlechtlicher Kommunikation; Sexualität als typisch menschliche Überformung und Transformation des natürlich angelegten Sexuellen. Liebe und Sexualität gelten als kulturelle Eigenschaften.

Commercium sexuale

Beginnen wir mit Immanuel Kant. Für ihn ist die Liebe identisch mit der Ehe, sie ist ganz einfach und profan Sache, hat Gebrauchswert, den es auszutauschen gilt: „Geschlechtsgemeinschaft (commercium sexuale) ist der wechselseitige Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht (usus membrorum et facultatum sexualium alterius).“2 „Denn der natürliche Gebrauch, den ein Geschlecht von den Geschlechtsorganen des anderen macht, ist ein Genuß, zu dem sich ein Teil dem anderen hingibt. In diesem Akt macht sich ein Mensch selbst zur Sache, welches dem Rechte der Menschheit an seiner eigenen Person widerstreitet. Nur unter der einzigen Bedingung ist dieses möglich, daß, indem die eine Person von der anderen, gleich als Sache, erworben wird, diese gegenseitig wiederum jene erwerbe; denn so gewinnt sie wiederum sich selbst und stellt ihre Persönlichkeit wieder her. Es ist aber der Erwerb eines Gliedmaßes am Menschen zugleich Erwerbung der ganzen Person – weil diese eine absolute Einheit ist –; folglich ist die Hingebung und Annehmung eines Geschlechts zum Genuß des andern nicht allein unter der Bedingung der Ehe zulässig, sondern auch allein unter derselben möglich. Daß aber dieses persönliche Recht es doch zugleich auf dringliche Art sei, gründet sich darauf, weil, wenn eines der Eheleute sich verlaufen, oder sich in eines andern Besitz gegeben hat, das andere es jederzeit und unweigerlich, gleich als eine Sache, in seine Gewalt zurückzubringen berechtigt ist.“3

Ehe ist die verbindliche Organisation der Geschlechtsorgane. Sie ist die Auslieferung an den anderen, das Sich-selbst-zur-Sache-machen. Es gehört sich, jemandem zu gehören, alles hat auf Grundlage der gottgegebenen Ordnung, das heißt auf Basis der in Eigentumsverhältnisse übersetzten Warenbeziehungen zu funktionieren: „Der Mann erwirbt ein Weib, das Paar erwirbt Kinder und die Familie Gesinde.“4 Diese Sprache ist in ihrer trockenen Sachlichkeit ernüchternd, aber doch furchtbar erhellend. Sie verkleidet nichts in das nachher und auch heute noch trügerische Bild der romantischen Liebe. Sie spricht damit wichtige sexualökonomische Wahrheiten aus. Das Gleichsetzen von Ware und Geschlechtsteil klingt zwar erschreckend in seiner kalten Vernunft, ist aber doch richtungsweisend für die bürgerliche Gesellschaft geworden.

Die Übersetzung der Marktkriterien in die private Sphäre war für Kant konstitutiv: „Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis, oder eine Würde“5, schreibt er. „Was sich auf die allgemeinen menschlichen Neigungen und Bedürfnisse bezieht, hat einen Marktpreis; das, was, auch ohne ein Bedürfnis vorauszusetzen, einem gewissen Geschmacke, d. i. einem Wohlgefallen am bloßen zwecklosen Spiel unserer Gemütskräfte, gemäß ist, einen Affektionspreis; das aber, was die Bedingung ausmacht, unter der allein etwas Zweck an sich selbst sein kann, hat nicht bloß einen relativen Wert, d. i. einen Preis, sondern einen innern Wert, d. i. Würde.“6 Die menschliche Würde ist somit nicht als Widerspruch zu Ware und Markt aufzufassen, sondern als deren Entsprechung.

Geben – Nehmen – Tauschen

Hingebung und Annehmung sind in dieser Betrachtung nicht für sich nehmbar, sondern nur im Korsett und zum Zweck der bürgerlichen Ehe, des bürgerlichen Erwerbs, der bürgerlichen Inbesitznahme, des bürgerlichen Eigentums zu verstehen. Sexualität wird zu einem Formprinzip der kapitalistischen Moderne, eingespannt und ihrem blinden Willen untergeordnet. Alles andere wird in der Kantschen Betrachtung nicht nur ausgeblendet, sondern schlichtweg zur Unmöglichkeit erklärt.

Doch ist damit nicht alles gesagt. Schon Hegel kritisierte dieses Verständnis als ein reduktionistisches, das nur spezifische Momente erkennen will: „Ebenso roh ist es aber, die Ehe bloß als einen bürgerlichen Kontrakt zu begreifen, eine Vorstellung, die auch noch bei Kant vorkommt, wo denn die gegenseitige Willkür über die Individuen sich verträgt und die Ehe zur Form eines gegenseitigen vertragsmäßigen Gebrauchs herabgewürdigt wird.“7 Hegel propagiert hier noch nicht offen die Liebesheirat, auch wenn er deren Voranschreiten konstatiert,8 läßt aber Momente dieser in den bürgerlichen Vertrag einfließen: „Die Ehe ist daher näher so zu bestimmen, daß sie rechtlich sittliche Liebe ist, wodurch das Vergängliche, Launenhafte und bloß Subjektive derselben aus ihr verschwindet.“9 Ehe ist aber auch in dieser Sicht noch die objektive und beständige Form des Geschlechtsverhältnisses.

Daß Geben und Nehmen in der bürgerlichen Form als Tauschen wahrgenommen werden, ist nicht so selbstverständlich, wie es gemeinhin erscheint. Die Geschlechtsgemeinschaft – vergegenwärtigen wir uns noch einmal das allererste Kant-Zitat – beherbergt auch positive Vergesellschaftung, da der gemeinsame Gebrauch von Gütern innerhalb jener nicht nach den Kriterien des Marktes verläuft, sondern nach den (ungleichen und oft hierarchisch abgestuften Bedürfnissen) ihrer Mitglieder erfolgt. Im Regelfall wird innerhalb von Ehe und Familie nicht gekauft und verkauft, auch nicht getauscht, sondern gegeben und genommen. Sie sind Orte, wo man sich dem bürgerlichen Tausch entziehen kann. Diese Institutionen sind daher nicht nur als Entsprechung von Produktions- und Zirkulationsweise entzifferbar, sondern dienen auch zum Schutz vor deren obligaten Übergriffen.

Ware Liebe?

Die doppelte Beschlagnahme der Liebe ist so zu deuten: allgemein als menschliche Höherentwicklung erotischer Kommunikation, und in ihrer Besonderung als Analogon kapitalistischer Warenkonfiguration. Wobei diese Gegenüberstellung nicht als gegenseitige Ausschließlichkeit zu verstehen ist. Liebes- und Warenbeziehung stehen in einem ambivalenten Verhältnis. Sie sind weder trennbar, noch identifizierbar. Die Potenz der Liebe tätigt stets Ablösungserscheinungen von der Warenform, auch wenn sie vom Alltag dauernd eingeholt wird. Analogon bedeutet aber auch, daß Sexualität per se keine Ware ist, da sie eben nicht aus der produktiven Wertschaffung hervorgegangen ist.10

Die Verlaufsform der Liebe ist nicht deckungsgleich mit jener der Ware, auch wenn die Warenbeziehung sie immer wieder infiziert. Liebe durchbricht die Verwertung, um doch stets in sie hineinzufallen. Der gegenwärtige Geschlechtsverkehr ist so nicht primär aus dem Warenverkehr gesellschaftlich zu typisieren. Liebe ist in den Warenbeziehungen verankert und verheddert, aber sie reicht darüber hinaus, sie „erlaubt die Angliederung eines weiten Bereiches geistiger und seelischer Interessen ohne Verrechnung ihres Tauschwertes“.11 Ihre Größe besteht gerade darin, daß sie sich durch die Geschlechter- und Gütergemeinschaft davon abzuheben versteht.

Liebe, die ausschließlich produziert, zirkuliert und konsumiert, wird wie die Ware, ist nicht mehr als solche kategorisierbar. Auch wenn die Grenzenlosigkeit der Liebe stets nur unterstellt wird, ohne daß diese sich verwirklichen kann, ist das desillusionierte Eingeständnis, das heißt das grundsätzliche Bekennen der Begrenzung, gleich der Destruktion des Ideals. Liebe muß immer so tun, als könnte sie ewig dauern. Und es ist ja auch gerade dieser Funken der Ewigkeit, der sie, trotz aller Kläglichkeiten, so groß erscheinen läßt. Cum tempore fugit.

Imperativ und Verbindlichkeit

Trotz aller Kritik an Ehe und Familie findet sich bei den sozialistischen Klassikern meist ein explizites (Engels12) oder implizites Bekenntnis (Reich13) zur Monogamie. Sie gilt als positive Alternative und konkretes Ziel zu den diversen polygamen Verhältnissen. Unser Standpunkt dazu: Der Mensch ist essentiell monogam und tendenziell polygam. Monogamie wird angestrebt, ist aber unmöglich. Polygamie ist – legen wir als Zeitraum ein menschliches Leben zugrunde – unausweichlich.

Zeitliche Fristen monogamen und polygamen Gelingens sollten daher nicht mißdeutet werden. Das Prekäre des jeweiligen Zustands ist nicht zu entsorgen. Handlungen wie Nichthandlungen zeitigen Abschneidungen. Jede Realisierung zusätzlicher Möglichkeiten verringert das Gewicht der Ausgangsbasis. Jede Erweiterung beherbergt die Verschmälerung. Gewinn kann Verzicht, Verzicht Gewinn bedeuten. Das war auch mit ein Grund, warum die christlich-abendländisch-bürgerliche Sexualmoral Sexualität einsperren wollte, ja mußte. Zelle benennt sie dieses selbstverräterische Wort. Diese hatte die Verhältnisse abzusichern oder abzufedern.

Der kategorische Imperativ hilft da ein wenig weiter. Aber nicht sehr weit. Er ist die notwendige Fassade. Er will gleich allen bürgerlichen Geboten Schein und Anstand wahren. „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte“,14 interessiert so weniger die Realität als die dafür vorgesehene Form: die Verbindlichkeit in Ehe und (Klein)Familie. „Verbindlichkeit ist die Notwendigkeit einer freien Handlung unter einem kategorischen Imperativ der Vernunft. Der Imperativ ist eine praktische Regel, wodurch die an sich zufällige Handlung notwendig gemacht wird“,15 sagt Kant.

Doch sittlicher Anspruch und konkretes Sexualverhalten dekorrespondieren. So wird der kategorische Imperativ unter der Tuchent doch wieder bloß zu einem hypothetischen. „Der hypothetische Imperativ sagt also nur, daß die Handlung zu irgend einer möglichen oder wirklichen Absicht gut sei.“16 Er verliert im Konkreten seine Bedeutung, ohne aber gänzlich zu verschwinden. Er ist sozusagen im Hinterkopf. Dort hat er auch zu verbleiben.

Freie Liebe?

Auf der anderen Seite ist aber auch fraglich, ob die sogenannte freie Liebe wirklich ein Ziel sein soll. Sie riecht verdammt nach freier Arbeit, erinnert fatal daran, daß die Liebesverhältnisse zirkulieren sollen wie die Waren. Denn Liebe ist niemals frei, sondern gebunden. Eines ihrer Kennzeichen ist der verläßliche Dienst am anderen. „Nichts Gutes ist bei einer Liebe, die man teilen muß“,17 heißt es in „Tausend und eine Nacht“.
Es gilt also, die Liebe weder in die Ehe oder in Eheähnlichem einzusperren, noch sie hin zum Markt zu befreien. Solche Freiheit nennt sich Losigkeit.

Weder Zelle noch Losigkeit soll aber die Losung, geschweige denn die Lösung sein. Das Flottieren der Artikel am Sexualmarkt ist keine positive Alternative, auch wenn sie gegenwärtig ansteht, die sich durchsetzende Realität ist. Die alten Sicherheiten sind nicht mehr herstellbar, aber auch gar nicht anstrebbar. Ihr Zerfall ist nicht als Verfall dechiffrierbar, obgleich die heute sich vollziehenden Formen aktuell mehr Angst machen als Hoffnung geben.

Der latente Konflikt läßt sich so beschreiben: Der Mensch bedarf so wenig und so viel der freien wie der verbindlichen Beziehung. Er lebt dazwischen, braucht Auslauf, aber auch Leine. Der Kantsche Imperativ ist nicht machbar, wenngleich er nicht abgeschafft sein sollte. Aber er ist Hypothese, nicht Kategorie. Diese Doppelmoral ist nach wie vor notwendig und konstitutiv, kann nicht einseitig behoben werden. Treue und Fremdgang sind die Kehrseiten ein und desselben Dilemmas. Es ist heute unvorstellbar, daß es hier etwas geben kann wie eine Lösung, die zufriedenstellt und hält. Viel eher ist davon auszugehen, daß, wenn die Problemfelder Soziales, Ökologie und Frieden endgültig ausgeräumt werden könnten, die direkten zwischenmenschlichen Beziehungen zur eigentlichen Hauptform der Konflikte aufsteigen müssen.

Typologisierung der Liebe

Über Liebe zu philosophieren, ist außerordentlich schwierig. So wenig Ontologisierungen nach hinten sinnvoll sind, so wenig sind solche nach vorne auszuschließen. Liebe wird dahingehend interpretiert als Element der Entkoppelung von gesellschaftlichen Auflagen der zweiten Natur. Daß dies immer wieder zum Scheitern verurteilt ist, sagt nichts über die Zukunft der Liebe. Liebe ist keine Seinsbestimmung, sehr wohl aber eine Werdensbestimmung. Somit glauben wir auch, daß trotz aller individuellen Lieben Gemeinsamkeiten ausgemacht werden können. Es gilt das Unbegreifbare begreifbar machen. Dies soll in weiterer Folge Gegenstand unserer Versuchungen sein.

Erst die Romantik traktierte die Liebe ins Übersinnliche. Darin ist ein falsches und ein richtiges Moment auszunehmen. Irreführend war die schwülstige Verdunkelung des Erotischen in herzzerreißendem Kitsch, richtungsweisend aber die erstmals breit antizipierte und propagierte, idealistisch gefaßte Emanzipation von Liebe und Sexualität aus deren konventionellen Zwängen. Ganze Erzählungen und Dramen sind voll mit unstandesgemäßen Liebschaften, deren Verstrickungen und Schwierigkeiten. Das Entfliehen und Nicht-Entfliehen-Können war zentraler Gegenstand der Romantik. Die Weltabgewandtheit war Folge eines dumpfen anderen Wollens, das freilich mehr über ein Zurück sinnierte, als an ein Vorwärts dachte.

„Die romantische Liebe verwandelte die amour passion in ein besonderes Geflecht von Glaubenssätzen und Idealen im Streben nach Transzendenz; romantische Liebe mag in der Tragödie enden und auf das Überschreiten von Schranken hinauslaufen, aber sie hat zugleich auch etwas Triumphales, indem sie sich über irdische Vorschriften und Kompromisse hinwegsetzt.“18 Die Liebe erscheint als der Himmel auf Erden. Doch die Erde ist irdisch, nicht himmlisch. Die Liebe ist der notwendige metaphysische Illusionismus des Lebens. Sie hält nicht, was sie verspricht, aber sie verspricht zu halten. Nichts ist so vielversprechend wie die Liebe. Würde sie nur versprechen, was sie halten könnte, wäre sie nicht Liebe.

Liebe als Dienst

In der Liebe sind (anders als in der bloß praktizierten Lust) innen und außen nicht auseinanderzuhalten, auch wenn wir in realen Momenten der Tatsächlichkeit, Scheidungen und Dominanzen festmachen können. Die Lust ist eine Bedingung der Liebe, aber die Liebe ist keine Bedingung der Lust. Liebe beackert also ein weiteres Feld als die Sexualität. Diese ist ihr immanenter Bestandteil, aber Liebe beinhaltet mehr, sie durchdringt den gesamten Alltag mit ihrer subversiven Besonderheit.

Liebe ist der höchste Dienst an einem anderen Menschen für sich selbst. Ein Dienst,19 der freiwillig erfolgt: selbstlos, bedingungslos und allumfassend. Liebe ist die tendenzielle Aufhebung primärer Selbstbezüglichkeit. Leidenschaft ist ihr Kennzeichen. Liebe ist nur dann möglich, wenn diese aus sich heraus wirklich Leiden schaffen kann.

Gefühle kennen keine Freiheit. Sie können nicht ausgewählt werden. Sie bemächtigen sich unser, ohne daß wir ihnen jemals wirklich mächtig werden können. Wir vermögen nach ihren Gründen zu fragen, doch ihren Wirkungen stehen wir vorerst einmal ohnmächtig und ausgeliefert gegenüber. Gefühle sind in ihrem konkreten Dasein nicht konservierbar. Soll die Liebe zumindest substantiell erhalten werden, bedarf es stets der transformatorischen Anstrengung. In ihr kann man nicht ausruhen, sie verlangt Redynamisierung und Reaktualisierung.

Geben und Nehmen verschmelzen im Schenken der Liebe, sind aber nicht als Tausch von Äquivalenten zu verstehen. Dieses Spüren der Liebe ist nicht meßbar, sondern un(ab)schätzbar. Sobald hier das Messen eindringt – und in der bürgerlichen Gesellschaft geschieht dies unweigerlich – verliert die Liebe ihren hehren Charakter, wird zu einer Zweckgemeinschaft zweier Vertrauter, sinkt zur Partnerschaft ab.

Beim Lieben fallen Weg und Ziel, Mittel und Zweck ineinander. Das Machen und das Gemachte sind eins. Liebe meint das Im-Produzieren-Konsumieren. Es gibt somit keine Fertigstellung der Liebe. Ist sie fertig, ist sie aus.

Wahr und wirklich

Wahr kann die Liebe schnell sein. Doch ist sie wirklich, dann ist sie dialektisch. Wahre Liebe kann einseitig sein, wirkliche Liebe nicht. Diese muß Verwirklichungen im dialektischen Handeln finden. Wirkliche Liebe ist erlebte Liebe, wirkungsvolles Tun. Sie bedarf zweier aktiver Menschen. Das Ich ist ein Dich und das Dich ist ein Ich. Dich meint ja nichts anderes als das Du-Ich. Ich liebe dich ist eins in seiner Umkehrung.

Wirkliche Liebe ist praktisch. Sie verwirklicht sich im bewußtlosen und doch bewußten Zusammentun. In ihrer konkreten Setzung mag man sie ein gegenseitiges Behandeln nennen, bei dem die Früchte der Zuneigung verkostet werden. „Wahre Vereinigung, eigentliche Liebe findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind. (…) In der Liebe ist das Getrennte noch, aber nicht mehr als Getrenntes, [sondern] als Einiges, und das Lebendige fühlt das Lebendige.“20

Das Subjekt wird zum Objekt, obwohl es Subjekt bleibt; das Objekt wird zum Subjekt, obwohl es Objekt bleibt. Es ist eine Doppelung im Akt, man ist in und außer sich. Lieben meint auch das Sich-lieben-außer-sich. Man verwirklicht sich im anderen. Das Subjekt hebt sich im Objekt auf, das Objekt ist im Subjekt gut aufgehoben. Nicht nur sinnbildlich, sondern sinnwirklich. Dies ist nicht nur auf der reinen Gefühlsebene erfahrbar, es zeigt sich auch und vor allem an der fleischlichen Lust, an der Vereinigung der Körper. Fühlen steigert sich ins Spüren. Was sich liebt, das fickt sich!

Nichts ist lustvoller als der auf Liebe basierende menschliche Koitus. Wer auf ihn – aus welchen Gründen auch immer – verzichtet oder verzichten muß, verliert Leben im Leben, enthält sich des größten menschlichen Genusses. Jeder Augenblick eines solchen Glücks ist ein Stück gewonnenes Lebens. Leben ist Lieben.

Ineinander über

Reingehen ist gleich Reinholen. Die geschlechtliche Vereinigung als aktives Eindringen und aktives Aufnehmen, ist die höchste Verwirklichung zweier Menschen aneinander, weil ineinander. Die Geschlossenheit des metaphysischen Ichs wird im Geschlechtsakt durchbrochen. Die Liebenden demonstrieren ihr intimstes Wesen, legen sich gegenseitig offen, machen sich auf. Es ist Erkennen, wie es das Alte Testament richtig benennt.21 Das Erkennen seiner und ihrer selbst am anderen und des anderen an einem und einer. Nur in dieser identischen Gegenseitigkeit ist Weite und Tiefe der Liebe möglich.

Auf der sexuellen Ebene heißt sich erkennen, nicht nur sich (zu) begreifen, sondern zu sich vor- und in sich einzudringen. Sexualität hebt die Diskretion der Körper auf. Die leibliche Offenbarung des Erkennens in ihrer höchsten Form ist der Koitus. Koitus meint zentriertestes Leben. Er ist das kleine Erleben, Aufleben, Ausleben, Ableben, kurzum der kleine Tod, der das Leben bereichert.

Über den gelingenden Koitus läßt sich folgendes sagen: In ihm hebt sich sogar die Trennung der Individuen im Moment der Vereinigung auf. Im Vögeln gehen die Menschen über sich hinweg und hinaus, sie finden in einem anderen zu sich, sie gehen ineinander über. Was sie suchen, ist sich selbst im anderen, was sie finden ist dasselbe. Vögeln meint gegenseitiges Aufladen und Entladen, ist ein gegenseitiges Schenken in Lust ohne Verlust. Der gemeinsame Orgasmus ist die vollendete Dialektik der Körper.

Vögeln heißt, sich an einem anderen Körper zu verwirklichen. In ihm werden und vergehen. In ihm sich suchen und versuchen. In ihm sich erfinden und finden. Eins spürt sich, weil eins völlig außer sich zu zweien zusammen ist. In Hegels Sprache: „Aber die Gattung ist ebenso wesentlich affirmative Beziehung der Einzelheit auf sich in ihr, so daß sie, indem sie, ausschließend, ein Individuum gegen ein anderes Individuum ist, in dieses andere sich kontinuiert und sich selbst in diesem anderen empfindet.“22

Vögeln ist voll untrennbarer Momente seiner Extreme: Freiheit und Gefangenheit, Fesselung und Entfesselung, Unterwerfung und Unterworfensein. Vögeln ist ein Akt permanenter Sichselbstaufhebung im anderen, das Gleiten von einem in das andere und das Zurückfluten, das Raus und Rein, das Umfangen und Auslassen.

Gedeihliche Sexualität ist die Aufhebung von Esoterik und Exoterik in ihren jeweiligen Gegensätzen. Sexualität wird verstanden als verinnerlichte Entäußerung oder entäußerte Verinnerlichung. Sie ist Dialektik auf höchster Stufe: Zu sich kommen, weil außer sich sein. Du und Ich, alles kommt durcheinander, aber alles kommt durch und zu sich.

Macht und Ohnmacht

Spüren verbirgt auch ein Spuren, ist ohne es nicht wirklich. Die Sprache verrät es: Passion erfordert den Passiv, Leidenschaft die Leideform. Nicht ausschließlich oder vorrangig, aber auch. Jeder Mensch will doch von jemandem gefesselt sein, umschlungen und gehalten, besessen und erobert, umgeworfen werden und somit unterworfen sein. Diese sinnlich notwendigen Handlungen sind räumlich und zeitlich zu begrenzen, dürfen nicht schrankenlos sein. Wobei die jeweiligen Kriterien individuell unterschiedlich zu setzen sind. Ob jemand zusammenpaßt, hängt also auch von der gegenseitigen Assimilation sexueller Vorstellungen und Ermöglichungen ab. Ob also ein Brauch ein Gebrauch oder schon ein Mißbrauch ist, ist nicht immer a priori zu entscheiden. Wohltat und Attentat sind näher, als man meint.

Wo Freiheit ist, muß Autorität sein. Nur Autorität erlaubt die Verfügung über Objekte. Freiheit schließt somit Autorität nicht aus, sondern setzt diese ein. Jene kann sich nur durch diese verwirklichen. Unterwerfung darf nicht nur in ihren repressiven Momenten begriffen werden, sondern auch in ihren selbstbestimmten Komponenten. Sie ist fixer Bestandteil der Sexualität. Das grundsätzliche Problem besteht darin, daß Aktivität und Passivität geschlechtsspezifisch vorpositioniert sind. Sie folgen meist nicht der konkreten Unmittelbarkeit, sondern gesellschaftlichen Normen.
Jedes Subjekt braucht ein Objekt. Kritisierbar ist die Programmierung der Frau als primäres Lustobjekt, nicht jedoch die Kreation des Lustobjekts an sich. Dieses ist durchaus, wenn auch nicht durchgehend, positiv besetzbar.

Jedes Subjekt hat auch ein Objekt zu sein, aufzuheben ist nicht die Subjekt-Objekt-Dichotomie, sondern ihre Zuordnung nach geschlechtlichen Eigenschaften. Die Konstruktion eines Widerspruchs zwischen Person und Objekt23 greift völlig daneben. Es ist daher Unsinn, wie Andrea Dworkin zu behaupten, „daß echte Objektivierung etwas Männliches sei“.24 Jede Person ist Objekt und soll den Wunsch haben dürfen, es auch sein zu wollen. Wobei das Objekt hier keineswegs verdinglicht wird, sondern ganz personenbezogen als konkrete Außenbezüglichkeit zu verstehen ist.

Gleichheit der Geschlechter ist lediglich eine zu bejahende abstrakte Größe, kein konkretes Ziel. Gleichheit ist eine fiktive Richtschnur, prinzipiell soll einem und einer überhaupt nichts gleich sein. Sexuelle Emanzipation wird von uns verstanden als die gelingende Gestaltung von Ungleichheiten in spielerischer Form, ohne einer vorhergehenden und prinzipiellen Festlegung irgendwelcher Dominanzen das Wort zu reden. In der jeweiligen Konkretion eines Augenblicks kann der Geschlechtsverkehr nicht gleich sein, noch die Geschlechter gleichgültig. Der Weg ist Unterwerfung ohne Unterdrückung.

Macht macht glücklich, wird sie nicht monopolisiert. Sexuelle Selbstbestimmung der Frau ist ohne Unterwerfungen des Mannes unmöglich. Detto natürlich umgekehrt. Gibt es keine Verfügungsmöglichkeiten über menschliche Objekte, dann ist der Begriff der Selbstbestimmung sinnlos.

Dominanz und Subdominanz müssen jedoch harmonieren, dürfen sich nicht in Ausschließlichkeit gestalten, sondern in beiderseitiger Dienstbarkeit.
Wohlgemerkt, Liebe ist ein Dienst, aber keine Dienstleistung. Wird jener prinzipiell in Frage gestellt, dann steht das Verhältnis auf äußerst schwachen Beinen. Bricht die gemeinsame Intimität, dann bricht auch die Beziehung. Die sexuelle Dienstleistung in Ehe, Markt und Prostitution ist anderen Charakters, wenngleich – und das spricht in der bürgerlichen Gesellschaft auch immer mehr für sie – leichter herstellbar, weil eben mit den Warenbeziehungen synchron.

Sexualisierung als Entsexualisierung

„Leute, deren Lustbedürfnis zu schwach ist und die weniger genußfreudig sind als sie sein dürften, kommen schwerlich vor. Denn eine solche Stumpfheit der Sinne ist nicht menschlich.“25 Was Aristoteles noch vor 2500 Jahren ausschloß, ist heute zu einem allgemeinen Problem geworden. So groß die Geilheit auch sein mag, die Lust ermattet. Als historische Humoreske tritt dieses Paradoxon auch zutage, vergleicht man die Koitusfrequenz in Ost- und Westdeutschland. Der prüde Osten schneidet da (auch heute noch) um vieles besser ab als der entwickeltere Westen.26 „Die pluralistisch sozialisierten Menschen sind viel weniger ,sinnlich‘ als selbst die kaputtesten Opfer der autoritären Zeiten“,27 schreibt Ernest Borneman. Die sexualisierte Gesellschaft entsexualisiert die Sexualität.

Was für die Sexualität gilt, gilt ebenfalls für die Familien. Die Zellen sind aufgebrochen. Engels Aussage, „die moderne Gesellschaft ist eine Masse, die aus lauter Einzelfamilien als ihren Molekülen sich zusammensetzt,“28 ist heute schon nicht mehr wahr. Diese sind inzwischen selbst in den Prozeß ihrer Auflösung getreten. Singles und Wohngemeinschaften, bzw. die sinkende durchschnittliche Haltbarkeit von Ehen, Partner- und Liebschaften verdeutlichen dies.

Die alte Form ist prekär geworden, eine neue aber nicht in Sicht. Das moderne, gehetzte und rastlose Individuum flaniert so zwischen verschiedenen Bezügen, es flüchtet aus der Familie, um meist doch wieder in einer zu landen. Daß die Alternativen keine Alternativen sind, sondern bloß familiale Zerfallsprodukte, liegt auf der Hand. Wahrscheinlich sind die Zeiten von festen Modellen sowieso vorbei, die sichtbaren Entformierungserscheinungen Künder vom Verfall der bürgerlichen Epoche. Sämtliche bürgerliche Kommunikationsstrukturen – wie Geld, Recht, Politik, Demokratie etc. – stehen zur Disposition, davon sollten ideologische Beteuerungen und regressive Entwicklungen nicht ablenken.

Der kapitalistische Alltag ist auf Erledigung, nicht auf Vorhaben ausgerichtet. Die Beschäftigungstherapie der Warenmonade setzt Erledigung auf Erledigung. Und es gilt, alles möglichst schnell zu erledigen. Selbst ausgezeichnete Liebesverhältnisse können nie frei sein von diesem Druck, den die kapitalistische Zeit- und Kostenrechnung ausübt. Wenn man etwas hinter sich bringen will, anstatt es auskosten zu können, weil die innere Uhr zu anderweitigem ruft, erledigt sich der Geschlechtsverkehr freilich ganz anders als intendiert.

Vögeln erfordert jedenfalls Zeit, die niemand mehr hat. Gelingende Sexualität ist so hochgradig abhängig von der Möglichkeit, sich abzuschotten und abzugrenzen, zu entfernen und zu entschleunigen.

Der Geschlechtsakt ist zu langsam für die immer schneller werdende Gesellschaft. Das Tempo, das vorgegeben wird, ist objektiv auf die Zerstörung der Sexualität angelegt. Fast sex ist noch schlimmer als fast food. Essentielles Vögeln und kapitalistische Verwertung entkoppeln sich. Gerade hier gilt es aber auch, dessen antikapitalistische Potenz zu erkennen, aufzuzeigen und zu mobilisieren.

Affektiv statt effektiv

Die bürgerliche Befreiung der Sexualität gerät zur Befreiung von der Sexualität. Je alltäglicher und selbstverständlicher sie uns auch entgegenzutreten versteht, desto weniger findet sie als gemeinsames sinnliches Ereignis statt. Sexualität überfordert die Menschen. Es ist einfacher, es sich einfach zu machen, sich nicht mit den eigentlichen Ansprüchen und Wünschen auseinanderzusetzen, sondern die Surrogate des Sexuellen zu konsumieren. Wie anstrengend ist doch auch so ein Geschlechtsakt gegen das Klicken der Maus, das Starren auf das Video, das Blättern im Heftchen. Ja, und safer sowieso.

Sexualität gestaltet sich so zusehends affektiv, nicht effektiv, sie wird überbordend wahrgenommen, ohne sich verwirklichen zu können. Sie bleibt stecken, wird nicht real, gefällt sich in fiktionalen Obszönitäten, inszeniert sich in billigen Imitationen. Mangelnde Erotik ersäuft in zeitgeistiger Neurotik. Man blättere nur in den dementsprechenden Magazinen. Die jeweiligen Moden („Ekstase durch Askese“, „Kosmische Höhepunkte“ etc.) sind nur das dünne Make-up auf fahlem Antlitz. Jene füllen, besser: schütten zu die gähnende Leere, die sich des bürgerlichen Individuums bemächtigt hat. Stets wird es zu neuen Nichterfüllungen getrieben. Es kann nicht mehr innehalten, weil es nichts mehr hält. Es kann sich nicht mehr erfüllt denken, ohne aber an etwas anderes denken zu können.

Bezüglich des Hollywood-Films notierten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: „Gerade weil er nie passieren darf, dreht sich alles um den Koitus.“29 Aber dort, wo er dann doch bildlich vorgezeigt wird, gerät er zur Pornographie. Die Schönheit der Körper löst sich auf in zur Schau gestellter Nacktheit, die Zärtlichkeit der Liebe verschwindet in der Bloßstellung der Geschlechtsmerkmale, die Wildheit des Beischlafs verkommt zur Erniedrigung der Frau. Lust reduziert sich auf Gier, Sexualität hat nur noch ein Ziel: die Penetration. Die Gefühle der menschlichen Liebe sind filmisch nicht nachvollziehbar. Bild und Ereignis, Ton und Geschehen, können nicht in Einklang gebracht werden. Was man sieht, ist etwas anderes, als was man tut. Fühlen und Spüren finden im Bestaunen und Begeilen keinen adäquaten Ausdruck.

Der wirkliche Inhalt der sexuellen Kommunikation ist nicht aufführbar und präsentierbar. In der Nachformung wird er unweigerlich deformiert, verwandelt sich sein einmaliges Ganzes in ein selektives Mosaik. Sexualität wird dekontextualisiert, eben weil ihre Essenzen ungleiche Übertragungsfähigkeiten aufweisen. Nur wenige Momente erscheinen auf dem Schirm (oder im Pornoheft). Man probiere es selbst im Spiegel-Test: der sinnliche Akt des Vögelns und der voyeuristische Akt des Sich-Zuschauens werden als zwei verschiedene Akte „erlebt“. Zwischen Gesehen und Geschehen ist die Differenz enorm. Das Pornographische überwuchert das Sexuelle. Da findet anderes statt. Das Gleiche ist nicht mehr das Gleiche.

Defekte Korrekturen

Aber auch die subjektive Seite will dem objektiven Trend nicht nachstehen. Wie verkehrt man richtig? – eine der verkehrtesten Fragen überhaupt – wird immer öfter gestellt. Der Verkehr der Geschlechter folgt jedoch keiner Straßenverkehrsordnung, auch wenn die sexual correctness ihn auf dieses Niveau erniedrigen will. Die bürgerliche Moral kommt noch einmal als linksliberale Verirrung zu sich. Sie will nicht Mut machen, sondern Angst erzeugen. Lust ist ihr Last. Verfehlungen sind nach ihrem Kodex zu sanktionieren. Der Wildbach der Sexualität wird reguliert zu einer stinkenden Kloake, einbetoniert und einsehbar, fad und öd.

Das Korrekte beinhaltet schon die Korrektur in sich. Es will die konkreten Äußerungen des Daseins partout nicht zulassen, sondern drangsalieren, indem es korrigierend eingreift. Jede Abweichung gilt als verdächtig und unzulässig. Indes: Wenn Liebe und Sexualität, Sinnlichkeit und Lust als Grenzgängerinnen menschlicher Kommunikationsmöglichkeiten aufgefaßt werden, dann ist jedwede korrekte Vorgabe kontraproduktiv. Das Korrekte ist das Verrückte, man kann es nicht anders sagen, ein sozialer Defekt. Das Korrekte ist ein Korsett des Zwanges. Es will sein die Zensur und Selbstzensur der Lust, nicht Erweiterung, sondern Einengung, es will Verhalten und Verhältnis auf Benimmregeln zurechtstutzen.

Sexual correctness ist wie ein hölzernes Eisen. Sexualität und Korrektheit gehen nicht zusammen. Wer letzteres will, soll ersteres lassen. Sexualität, Emotionalität und Sinnlichkeit können immer nur konkret entsprechend sein. Gleichartige Blicke können ärgern oder freuen, gleichunartige Berührungen abstoßend oder anziehend sein. Damit ist keineswegs einer Gedanken- und Schrankenlosigkeit das Wort geredet. Was es zu propagieren gilt, ist eine kommunikative Adäquanz, das heißt ein Verhalten, das Situation und Möglichkeit richtig einschätzt, entsprechend handelt oder eben nicht handelt. Ein Zuviel an Tugend ist ebenso ein Laster wie auch ein Zuwenig.

„Laster und Tugenden liegen den Menschen
In der Brust beieinander.
Kein Mensch ist so gut, daß nichts ihm mangle,
Noch so böse, daß er zu nichts nütze“,30
wußten schon die alten Germanen.

Natur frißt Kultur dämmt Natur

Abschließend möchten wir noch anhand Camille Paglias „Die Masken der Sexualität“31 auf den Komplex Sexualität und Natur näher eingehen. Über hunderte von Seiten illustriert Paglia die dunkle chthonische (= der Erde angehörige, unterirdische) Macht der Natur gegen die apollinischen, gesellschaftlichen Setzungen. Konflikte, Krieg, Mord und Vergewaltigung finden keine gesellschaftliche Erklärung, sondern kennen natürliche Ursachen. Natur wird in ihrer Negativität geradezu beschworen. Paglia ist fasziniert vom Grausigen.

Die chthonische Anbetung der letztendlich bestimmenden Determinante Natur ist gekoppelt mit der apollinischen Abscheu vor ebendieser. Camille Paglia inszeniert sich sodann als Hohepriesterin der bisherigen Vergesellschaftung, erklärt diese für gut und notwendig. Kapitalismus und Patriarchat können nur mehr affirmiert werden. Sie werden zum ontologischen Prinzip des Menschseins, gefeiert als Durchsetzung allgemeiner apollinischer Regeln seit dem Alten Ägypten: „Das kapitalistische Verteilungssystem, eine komplizierte Kette von Fabrik, Transport, Großhandel und Einzelhandelsgeschäft, ist eine der größten männlichen Errungenschaften in der Kulturgeschichte. Es ist ein blitzschneller appolinischer Stromkreis männerbündischen Charakters. Zu den ärgerlichsten Erscheinungen des Feminismus gehört die Abscheu gegen die ,patriarchalische Gesellschaft‘, an der kein gutes Haar gelassen wird. Aber es ist eben diese patriarchale Gesellschaft, die mich als Frau frei gemacht hat. Dem Kapitalismus verdanke ich die Muße, an diesem Schreibtisch zu sitzen und ein Buch zu schreiben. Lassen wir die kleinkarierte Kritik an den Männern und erkennen wir den Reichtum an, mit denen ihre fixe Idee unsere Kultur erschüttert hat. (…) Wäre die Zivilisation den Frauen überlassen geblieben, wir lebten noch immer in Schilfhütten.“32 Den Abstieg des Weiblichen sieht Paglia eingebettet in der Zurückdrängung der Natur, im Vorherrschen des apollinischen über das chthonische Prinzip. Das setzt sie positiv. Uneingeschränkt.

In diesem fatalen Spiel zwischen Chthonischem und Apollinischem ist für Emanzipation wenig Platz. Ersteres meint wilde Unterwerfung, letzteres rationale Unterdrückung. Schlußendlich führt dies in einen reaktionären Katzenjammer: „Glücklich die Zeiten, in denen Ehe und Religion festgegründete Institutionen sind. System und Ordnung bieten uns Schutz gegen Sexualität und Natur. Leider leben wir in einer Zeit, in der das Chaos der Sexualität offen ausgebrochen ist.“33

Die Gesellschaft wird zur Begrenzungsmacht des urgewaltigen Bösen, kann jedoch diesem niemals obsiegen. Die Forderung „nach einem Leben in Liebe und Frieden ist (…) ein unmögliches und widernatürliches Ideal“.34 – Was soll’s? Widernatürlich ist der Mensch sowieso. Die Natur holt ihn ein, aber er läuft ihr immer davon. Widernatürlichkeit meint also noch lange nicht Unmöglichkeit. Abgesehen davon, daß es hier bereits partielle Verwirklichungen gibt, der Frieden gerade eine der großen Errungenschaften gegen den status naturalis darstellt, wenn auch noch eine beschränkte, immer wieder durchbrochene. Die gesellschaftliche Möglichkeit ist nichts anderes als die zentrale kulturelle Metakategorie gegen die natürliche Notwendigkeit.

Lust als Verlust?

Die Methode der Camille Paglia ist relativ einfach. Sie bläst Aspekte, die in der feministischen Theorie weitgehend unterschlagen wurden, bis zur Unkenntlichkeit auf. Sie erkennt treffsicher wunde Punkte, um hemmungslos ihre Einwände zu einer allumfassenden Theorie zu verdichten. Ein Reduktionismus wird durch einen anderen abgelöst. An drei Beispielen sei das verdeutlicht:

Erstens: „Metaphorisch gesprochen hat jede Vagina verborgene Zähne, denn das Männliche kommt mit weniger aus ihr heraus, als es beim Eintritt hatte. Der Grundmechanismus der Empfängnis verlangt vom männlichen Geschlecht Aktivität, vom weiblichen hingegen nichts weiter als aufnahmebereite Passivität. Als ein eher natürlicher und nicht gesellschaftlicher Austausch ist Sexualität deshalb tatsächlich eine Art von Aufsaugung männlicher Energie durch weibliche Fülle. Physische und geistige Kastration ist die Gefahr, der sich jeder Mann beim Geschlechtsverkehr mit einer Frau aussetzt.“35

Aber wer sagt, daß weniger ist gleich schlechter? Das Verlieren des Samens ist doch kaum als Verlust, sondern als Lust, somit als Erleichterung und Gewinn auffaßbar. Jetzt ist ihm leichter, nicht: Jetzt ist er leichter, ist die richtige Interpretation. Der Mann ist entlastet, weil entladen. Sein Wollen ist darauf ausgerichtet. Die Entladung männlicher Energie ist als männliches Ausschenken und weibliches Aufnehmen, nicht als weibliches Bestehlen oder männliches Bestohlenwerden dechiffrierbar.

Zweitens: „Jeder Penis wird in der Vagina kleingemacht“,36 ist ebenso eine halbe Wahrheit. Die Vagina kriegt den Penis nur klein, weil sie ihn groß kriegt. Denn vorher, wer soll das abstreiten, hat er sich ja für sie großgemacht. Wirklich ist: Der Mann macht ihn groß und klein, sowie: Die Frau macht ihn groß und klein. Sie können nicht das eine ohne das andere wollen, wollen sie etwas davon haben. Kleinmachen und Großmachen sind also notwendige partielle Dimensionierungen des Geschlechtsverkehrs. Ohne letzteres würde es nie anfangen, ohne ersteres nie aufhören.

Klein- und Großmachen sollten nicht teleologisch verklärt werden, sie sind a priori keiner geschlechtlichen Übermacht zuordbar. Gesellschaftliche Ohnmacht der Geschlechter rührt heute nicht aus dem Geschlechtlichen, sondern aus dem Gesellschaftlichen. Die Dominanz des Mannes äußert sich ebensowenig im steifen Schwanz, wie die Dominanz der Frau Ausdruck davon ist, daß sie den Schwanz durch Entleerung zum Abschlaffen bringt. Hier werden biologische Detailmuster in banaler Manier gesellschaftlich reinterpretiert.

Drittens: „Der Geist ist Gefangener des Körpers.“37 Stimmt ja. Aber ebenso stimmt, und noch wichtiger ist: Nichts ist so wenig gefangen im Körper wie der Geist. Er ist die Bedingung und Voraussetzung jedweder relativen Autonomie, verantwortlich für die Herausbildung aus dem Tierreich. Befreiung gibt es nur durch ihn und seine Folgen. Der Mensch ist nicht die Marionette des Daseins. Die letztliche Befangenheit ist anders als im Tierreich keine absolute Gefangenheit, sie existiert nicht unter hermetischem Verschluß. So wird wiederum aus einer richtigen Behauptung durch ihre Kontextlosigkeit eine falsche These.

Sex und Sexualität

Schon Paglias Grundaussagen wie: „Sexualität ist Teil der Natur, das Naturhafte am Menschen“,38 oder: „Sexualität kann man nicht verstehen, denn Natur kann man nicht verstehen“,39 müssen entschieden zurückgewiesen werden. Umgekehrt gilt: In der Natur gibt es keine Sexualität, Sexualität ist die transzendierte gesellschaftliche Kommunikationsform des Geschlechtlichen (Sex).

„Im Gegensatz zur organisierten Sexualität ist das Sexuelle die Triebhaftigkeit, die jedem Erleben ganz allgemein etwas Dranghaftes verleiht. Diese Triebhaftigkeit ist zunächst ungerichtet, ziellos, zeitlos, unkonditioniert und vor allem unbewußt.“40 Der Trieb ist indifferent. Erst im menschlichen Sozialwesen differenziert sich die Sexualität aus jenem heraus, verfeinert, ja transformiert dessen Grobschlächtigkeit. Aus Trieb wird Begierde, das heißt „Trieb mit dem Bewußtsein des Triebes“,41 wie Spinoza es nannte. Ähnliches gilt übrigens auch für andere Grundbedürfnisse: aus Fressen wird Essen, aus (sich) Tränken Trinken. Sex ist eine biologische Größe, Sexualität eine historische Kategorie.42 Sexualität ist das jeweilige auf natürlichem Sex aufbauende, aber soziale Verhältnis.

Menschen sind anders als Tiere. Sie tun es auch anders, selbst wenn es leibhaftig nicht so ausschauen sollte. Nur die Menschen kennen Sexualität. Sie vögeln um des Vögelns Willen. Ihr Trieb ist natürlich angelegt, aber als Lust kulturell ausgelegt. Das den Menschen Besondere ist die Künstlichkeit ihrer sexuellen Ausgestaltung, ohne daß deswegen die Natürlichkeit des Sexes gänzlich verschwindet. Obwohl als Sex fest in der Natur verankert, ist die menschliche Sexualität kulturell erhöht und überhöht. Nur der Mensch ist drüber, im wahrsten Sinne des Wortes. Die sexuelle Bestimmung des Menschen ist nicht aus seiner anatomischen Beschaffenheit zu rekonstruieren.

Der Streit, ob die menschliche Sexualität natürlichen oder gesellschaftlichen Ursprungs wäre, ist längst entschieden. Sie ist beides, wobei jedoch nur letzteres spezifisch menschlich ist, somit nur dieses Element auch ihren besonderen substantiellen Charakter formt. Aber das ist es, was Menschsein vor allem auszeichnet: Ursprung und Bestimmung fallen auseinander.

 
Anmerkungen

1 Sophokles, Antigone, Vers 781-790, Stuttgart 1955, S. 37.
2 Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten (1797), Werkausgabe Band VIII, Frankfurt am Main 1977, S. 389.
3 Ebenda, S. 390-391.
4 Ebenda, S. 389.
5 Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), Werkausgabe Band VII, Frankfurt am Main 1974, S. 68.
6 Ebenda.
7 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821), Werke 7, Frankfurt am Main 1986, S. 310.
8 Ebenda, S. 313.
9 Ebenda, S. 310.
10 Vgl. Volkmar Sigusch, Die Mystifikation des Sexuellen, Frankfurt am Main-New York 1984, S. 113f.
11 Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung der Intimität, Frankfurt am Main 1982, S. 33.
12 Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates (1884), MEW, Bd. 21, S. 77.
13 Wilhelm Reich, Die sexuelle Revolution. Zur charakterlichen Selbststeuerung des Menschen (1936), Frankfurt am Main 1971, S. 31.
14 Immanuel Kant, Grundlegung der Metaphysik der Sitten, S. 51.
15 Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, S. 327-328.
16 Immanuel Kant, Grundlegung der Metaphysik der Sitten, S. 43.
17 Tausend und eine Nacht. Arabische Erzählungen, Geschichte des zweiten Mädchens; Erster Band, Erlangen 1984, S. 110.
18 Anthony Giddens, Wandel der Intimität. Sexualität, Liebe und Erotik in modernen Gesellschaften, Frankfurt am Main 1993, S. 56.
19 Der Begriff Dienst mag in diesem Zusammenhang befremdend anmuten; interessant nur, daß er bei ganz unterschiedlichen Autoren Eingang gefunden hat. Vgl. Ernest Borneman, Sexuelle Marktwirtschaft, S. 180; bzw.: Niklas Luhmann, Liebe als Passion, S. 75.
20 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Entwürfe über Religion und Liebe (1797/1798), Werke 1, Frankfurt am Main 1986, S. 245-246.
21 Gen 4, 1; 4,17; 4,25.
22 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophi schen Wissenschaften II (1830), Werke 9, Frankfurt am Main 1986, S. 516.
23 Andrea Dworkin, Pornographie. Männer beherrschen Frauen, Frankfurt am Main 1990, S. 145.
24 Ebenda, S. 148.
25 Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch III, Stuttgart 1983, S. 84 [1119a 1-20].
26 Vgl. Ernest Borneman, Sexuelle Marktwirtschaft. Vom Waren- und Geschlechtsverkehr in der bürgerlichen Gesellschaft, S. 201-206. Sowie: Martin Koch, Der Ostmann – zu Unrecht gedemütigt, »Neues Deutschland« 17./18. Februar 1996, S. 16.
27 Ernest Borneman, Sexuelle Marktwirtschaft, Wien 1992, S. 41.
28 Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates (1884), MEW, Bd. 21, S. 75.
29 Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung (1947), Frankfurt am Main 1971, S. 127.
30 Die Edda. Göttersagen, Heldensagen und Spruchweisheiten der Germanen, Havamal, Vers 134, Berlin (West) 1987, S. 60.
31 Camille Paglia, Die Masken der Sexualität, München 1995.
32 Ebenda, S. 56-57.
33 Ebenda, S. 41.
34 Ebenda, S. 33.
35 Ebenda, S. 27.
36 Ebenda, S. 69.
37 Ebenda, S. 32.
38 Ebenda, S. 11.
39 Ebenda, S. 16.
40 Wolfgang Ertler, Das Sexuelle und die Sexualität. Zum 10. Todestag von Fritz Morgenthaler, »Weg und Ziel« Nr. 5/1994, S. 56.
41 Baruch de Spinoza, Die Ethik nach geometrischer Methode dargestellt (1677), Hamburg 1989, S. 167.
42 Vgl. dazu Volkmar Sigusch, Vom Trieb und von der Liebe, Frankfurt am Main-New York, 2. durchg. Aufl. 1984, S. 70-73.

aus: Weg und Ziel 2/1996

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